Afrikatag 2012

Inhalt

Internationaler Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung

3. Februar 2012

Legt die Messer weg!

Am 6. Februar findet jährlich der Internationale Tag gegen Genitalverstümmelung statt. Die weibliche Genitalverstümmelung (FGM*) ist im Senegal per Gesetz verboten. Trotzdem wird sie in manchen Landesteilen weiter praktiziert. Mit Sensibilisierungskampagnen und unterstützt vom Internationalen Katholischen Hilfswerk missio Aachen versucht Schwester Marie-Christine Ngom gegen diese Menschenrechtsverletzung anzukämpfen – mit Erfolg.
Eine missio-Studie vom Oktober 2011 zeigt, wo es zukünftig noch Handlungsbedarf gibt.

Die junge Ordensfrau Marie-Christine Ngom arbeitet unermüdlich im Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung. Die 38-Jährige nimmt kein Blatt vor den Mund, scheut keinen Konflikt und keinen Dorfältesten. In ihrer Krankenstation in Ndoffane bei Kaolack hat sie mit den vielfältigen Problemen zu tun, mit denen Frauen bei der Entbindung aufgrund von FGM zu kämpfen haben. „Meist stellen die Menschen keinen Zusammenhang her zwischen dem oft jahrelang zurückliegenden Eingriff und den später auftretenden körperlichen aber auch psychischen Problemen.“ Aufklärung tut Not, denn „dass die weibliche Genitalverstümmelung im Senegal seit 1999 per Gesetz verboten ist, reicht allein für ihre Verbannung nicht aus“, weiß die Schwester. „Zu stark ist dieser Brauch in der Tradition verwurzelt. Wir müssen Aufklärungsarbeit leisten.“ Und so ruft sie ganze Dörfer zu Informationsveranstaltungen zusammen.

© Harald Oppitz / missio

Schwester Marie-Christine Ngom trommelt die Bewohner eines Dorfes zusammen und klärt sie über die schweren Folgen von Genitalverstümmelung für die betroffenen Mädchen auf.

Ortsbesuch Koupéthie: Das Dorf hat sich unter einem Baum versammelt, und hört zu, während Schwester Christine spricht: von den kurz- und langfristigen Folgen, die möglich sind, wenn einem Mädchen zum Beispiel bei vollem Bewusstsein auf dem Boden hinter einem Busch der äußerlich sichtbare Teil der Klitoris und die inneren Schamlippen mit einer Klinge weg geschnitten werden. Sie erklärt, warum es bei der Geburt eines Kindes oder beim Geschlechtsverkehr zu unerträglichen Schmerzen kommen kann, wenn zuvor die mit Einschnitten versehenen äußeren Schamlippen zusammengenäht wurden, so dass nur noch eine winzige Öffnung übrig bleibt. Betroffene Frauen bestätigen dies, indem sie über ihre Erfahrungen sprechen, wie Absa Dia (32): „Meine Hochzeitsnacht war schrecklich. Es war kein Geschlechtsverkehr möglich. Meine Vagina musste später operativ geöffnet werden. Das übernahm eine Beschneiderin in meinem Heimatdorf. Ein extrem schmerzhafter Eingriff. Ebenso die Geburt meiner Tochter. Ich hätte gerne mehr Kinder bekommen, aber es ging nicht. Man könnte mir Millionen anbieten, niemals würde ich meine Tochter zur Beschneidung bringen!“

© Harald Oppitz / missio

Zunehmend mehr Mädchen wehren sich gegen den blutigen Brauch und lassen sich nicht mehr beschneiden.

Schwester Christine hat Mitstreiter gefunden: Etwa Dorflehrer Musa Sajo, der sich für die körperliche Unversehrtheit seiner Schülerinnen stark macht. Er hat ein Gedicht geschrieben, in dem er die Dinge so klar beim Namen nennt, dass es wirklich jeder versteht. Und ganz im Sinne der mündlichen Tradition Afrikas – in einem Land mit 60 Prozent Analphabeten, in dem Informationsbroschüren Mangelware sind – tragen seine Schülerinnen vor der Dorfgemeinschaft das Gedicht vor. Beim Besuch in Koupéthie im Juli 2011 gibt es auch prominente Unterstützung aus Deutschland: Die Fernsehjournalistin und Schirmherrin von missio Aachen Gundula Gause schlägt zu dem ernsten Thema einen besonderen Ton an, der bei Jung und Alt, Frauen und Männern gut ankommt: „Ich versichere ihnen“, wendet sie sich gegen Ende ihrer Ansprache den Männern zu, „dass vor allem sie ganz erheblich davon profitieren, wenn ihre Frauen nicht beschnitten sind.“ Schmunzeln in der Ecke. „Und ich bitte sie alle, sich mit voller Kraft dafür einzusetzen, dass das Ziel von Schwester Christine, Ende 2013 Null Fälle von weiblicher Genitalverstümmelung in ihrem Dorf zu erreichen, Wirklichkeit wird.“

© Harald Oppitz / missio

Auf einer Veranstaltung spricht Gundula Gause zu den Männern des Dorfes und appelliert daran, ihre Frauen und Töchter vor Genitalverstümmelung zu bewahren.

Trotz all der Aufklärungsarbeit, des gesetzlichen Verbotes der FGM, den damit verbundenen drohenden hohen Haftstrafen sowie der Tatsache, dass die Generation der jungen Männer „mehrheitlich diese Praxis ablehnt“, wie Lehrer Sajo versichert, wird sie stellenweise weiter praktiziert: vor allem in den Regionen Kolda und Matam, Tambacounda, Ziguinchor sowie Saint-Louis, wie die aktuelle missio-Studie zeigt. Warum nur? Die Studie gibt Antworten: Egal, welche Rechtfertigungsgründe genannt werden, ob die Bewahrung der Jungfräulichkeit, soziale Anerkennung oder religiöses Gebot – letztlich zeigt sich, dass es vor allem der gesellschaftliche Druck ist und die Angst davor, aus dem Dorf oder der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden, der die Menschen dazu treibt, die traditionelle Praxis fortzuführen. Erst die Einsicht, dass die Praxis der Genitalverstümmelung das physische und psychische Leben der betroffenen Mädchen und Frauen stark beeinträchtig, für viele Probleme in der Beziehung verantwortlich ist und mitnichten von der Religion empfohlen oder gar verlangt wird ist im Zusammenspiel mit der gesetzlichen Ächtung dieser Praxis erfolgversprechend.

Und, letztlich wollen Beschneiderinnen ganz banal aus wirtschaftlichen Gründen nicht aufhören. Khady Diop, die pro Eingriff 5000 Franc CFA (umgerechnet etwa 7,50 Euro), ein Huhn und ein Stück Seife erhält, lebt schlicht und einfach von ihrer Arbeit als „Beschneiderin“. „Wenn ich aufhören würde, hätte ich kein Einkommen mehr“, sagt sie. Aber genau hier liegt auch eine Chance, wie Lehrer Sajo weiß: „Wenn wir diesen Frauen andere Einkommensperspektiven bieten, sind sie relativ leicht bereit, das Messer aus der Hand zu legen.“

© Harald Oppitz / missio

Zu dem kirchlichen Aufklärungsprogramm gehört für Schwester Marie-Christine auch das intensive Gespräch mit „Beschneiderinnen“, in dem sie nach Einkommensalternativen für die Frauen suchen.

Zahlen und Fakten:

  • Aktuell sind im Senegal 28% der weiblichen Bevölkerung beschnitten.
  • 35% der Frauen, die auf dem Land leben, sind beschnitten, in den Städten sind es 22%;.
  • 29% der muslimischen Frauen sind beschnitten, unter den Christen sind es 11% und bei Animisten bzw. Angehörigen sonstiger Religionsgruppen 16%.
  • Frauen, die eine FGM vornehmen, müssen mit einer Freiheitsstrafe zwischen sechs Monaten bis zu fünf Jahren rechnen; wenn der Eingriff zum Tod des Opfers führt, droht ein lebenslanger Aufenthalt im Arbeitslager.
  • Historische Wende in 2007: von den 5.000 Dörfern, die 1997 Schätzungen zufolge die FGM praktizierten, erklärten 3.300 öffentlich, die Praxis abschaffen zu wollen.

Quelle: missio-Studie „Weibliche Genitalverstümmelung im Senegal“ (s.u.)

Informationen zur missio-Studie:

Die im Oktober 2011 erschienene Studie „Weibliche Genitalverstümmelung im Senegal“ von missio in Aachen beschreibt die unterschiedlichen Arten der FGM im Senegal, ihre Verbreitung nach Region, nach Alter, Religion, Volks- und sozialer Zughörigkeit. Sie weist auf die gesundheitlichen Folgen hin, benennt Rechtfertigungsgründe für ihre Praxis, zeigt aber auch vom Staat, von Nichtregierungsorganisationen und der Kirche ergriffene Maßnahmen gegen diese menschenverachtende Praktik auf. Am Ende steht das Fazit: „Die zur Verhinderung und Abschaffung der Exzision im Senegal ergriffenen Maßnahmen sind umfassend und vielfältig. Die bisher erzielten Ergebnisse sind ermutigend, und die Abschaffung der Praxis wird Schritt für Schritt Realität.“ Zur endgültigen und umfassenden Abschaffung benötigten die senegalesischen (Dorf-) Gemeinschaften aber nach wie vor Unterstützung seitens des Gesetzgebers, der Politik, von Organisationen der Zivilgesellschaft sowie von traditionellen Führungspersönlichkeiten und religiösen Oberhäuptern.

Warum ist es für missio wichtig, Studien zu Menschenrechtsthemen in Auftrag zu geben? Wer arbeitet mit den Ergebnissen der Studie in welcher Form weiter?

missio unterstützt seit Jahren in zahlreichen Ländern Afrikas kirchliche Akteure – vor allem Schwestern – die im Kampf gegen FGM, eine der widerlichsten systematischen Verletzungen von Menschenrechten der Frauen, aktiv sind. Die aktuelle FGM-Studie dient, wie » alle Studien der Reihe missio-Menschenrechte, der Information des politischen und kirchlichen Establishments über entsprechende menschenrechtliche Herausforderungen und Lösungsansätze in Ländern Afrikas, Asiens und Ozeaniens. In der Vergangenheit sind FGM-Studien u. a. auch von der Organisation Terre des femmes eingesetzt worden. Da die Studien in mehreren Sprachen zur Verfügung stehen, sind sie auch in den Ländern Afrikas verfügbar. Wie stark ihre konkrete Verbreitung dort ist wissen wir allerdings nicht.

* Wir bezeichnen die Weibliche Genitalverstümmelung mit der eingeführten englischen Abkürzung FGM (für 'Female Genital Mutilation'). Die im deutschen übliche Bezeichnung „Beschneidung“ gilt als verharmlosend, und ist dem Phänomen nicht angemessen.

Für Sie zum Download:

Vier Fotos (300 dpi) (ZIP, 18.38 MB)
Icon: ZIP
Studie "Weibliche Genitalverstümmelung (FGM) im Senegal" (de, en, fr) (PDF, 0.66 MB)
Icon: PDF

Linktipps:

Diese Seite erreichen Sie auch über die Kurzadresse
www.missio-hilft.de/presse-fgm


Zusatzinformationen

Ansprechpartner

Jobst Rüthers

Jobst Rüthers ,
Leiter Abteilung Kommunikation und Presse / Pressesprecher


Goethestr. 43 , 52064 Aachen

Tel.:
+49 (0)241 / 75 07-285
Fax:
+49 (0)241 / 75 07-61-285
Kontaktformular:
» zum Kontaktformular
» Unterschreiben! » Spenden! » Aktion Schutzengel - Für Familien in Not. Weltweit. » Spende Dein Foto!

Subnavigation und Schnelleinstieg

Schnellsuche
*

Aktuelles

Projektauswahl

Filterkriterien
missio im Web 2.0: Facebook, Twitter, Google+, YouTube, Flickr » Flickr » Facebook » Twitter » Google+ » Youtube