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Mumbai: Zeit der Angst und Ungewissheit

Immer wieder erhebt Papst Franziskus seine Stimme und ruft zu einer Globalisierung der Solidarität und Nächstenliebe auf. In Zeiten von Corona bekommt dieser Appell eine neue Bedeutung. missio steht auch in diesen Zeiten der weltweiten Pandemie in engem Kontakt mit seinen Projektpartnern in Afrika, Asien und Ozeanien, die besonders von der Pandemie betroffen sind. Klaus Vellguth befragte Tony Menezes SVD zur aktuellen Situation in Mumbai.

Wie hat die Covid-19-Pandemie das Leben der Menschen in Ihrem direkten Umfeld (in Ihrer Nachbarschaft) verändert?

Am 24. März 2020 wurde in Indien von der Bundesregierung eine landesweite Totalsperre verhängt. Diese Abriegelung wird in veränderter Form auch heute noch fortgesetzt. In den ersten beiden Monaten akzeptierten die meisten Inder den Lockdown, aber schon im Laufe des Monats Mai setzten Unruhen ein. Dies war besonders bei uns in Mumbai (früher Bombay) der Fall. Mumbai ist eine Stadt, in der die Menschen inmitten von Verkehrschaos, Lärm und chaotischer Hektik leben. Die Beschränkung auf Wohnungen und kleine Behausungen forderte im Laufe der Wochen ihren Tribut. Dabei haben die Menschen hier in Mumbai die Zeit des Lockdowns durchaus sowohl als Belastung als auch als Segen erlebt. Positiv zu vermerken ist, dass es sich um eine Familienzeit handelte, in der Familien kreative Wege fanden, um das Zusammenleben angenehm zu gestalten. Die Kehrseite der Medaille war, dass viele ihre Arbeit verloren und kein Geld für diejenigen zur Verfügung stand, die in kleinen Unternehmen tätig waren. Angst und Panik machten sich breit, als Mitte Mai die Zahl der Infektionen kontinuierlich stieg. Was als eine schöne Zeit zu Hause begann, verwandelte sich schließlich für viele in eine Zeit der Angst und Ungewissheit. Heute, vier Monate nach Beginn der Pandemie, haben die meisten Menschen gelernt, für sich selbst zu sorgen. Dahinter steckt die ernüchternde Erfahrung, dass die Behörden, das Gesundheitssystem und die wirtschaftlichen Restriktionen in einer solchen Krise keine große Hilfe sind.

 

Welche Auswirkungen wird die Pandemie in den nächsten Monaten für Ihr Land haben?

Seit März 2020 ist der Lockdown in Indien nie mehr ganz aufgehoben worden. Dies hat eruptive Infektionsschübe und eine Explosion der Sterblichkeitsrate zwar verhindert, aber die Zahl der Infektionen ist dennoch kontinuierlich gestiegen. Deshalb blickt Indien heute in eine ungewisse Zukunft. Die größte Sorge ist, dass wir den Höhepunkt der Pandemie noch nicht erreicht haben. Die zurückliegende viermonatige Abriegelung hat dramatische Auswirkungen auf die Wirtschaft. Viele Menschen haben ihren Arbeitsplatz verloren. Diejenigen, die einen Arbeitsplatz haben, müssen Lohnkürzungen akzeptieren. Der informelle Sektor, von dem in Indien viele Familien wirtschaftlich abhängen, ist extrem schwer von der Pandenmie betroffen. Sowohl mit Blick auf die Entwicklung der Pandemie selbst als auch mit Blick auf die wirtschaftlichen Konsequenzen der Corona-Krise ist die Zukunft Indiens ungewiss.

 

Welche Bedeutung hat der Glaube für die Menschen in den Zeiten der Pandemie?

Die Kirche hat weitgehend positiv auf die Pandemie reagiert. Sie hat einen überzeugenden „Glauben an die Tat“ vorgelebt. Wo immer in Indien die Kirche präsent ist, haben Laien, Priester und Ordensleute Hilfsmaßnahmen organisiert. Die Berichterstattung über das Wirken der Christen hat das Ansehen der Kirche in Indien als Glaubensgemeinschaft gestärkt, die bei Hilfs- und Aufbauarbeiten eine führende Rolle spielt. Was in Indien (wo Religion und Kastenzugehörigkeit eine große Rolle im sozialen und politischen Leben spielen) von Bedeutung ist, ist die Tatsache, dass die Kirche Wert darauf legt, mit ihren Hilfsmaßnahmen alle Menschen unabhängig von ihrer religiösen oder sonstigen Zugehörigkeit zu erreichen. Ich würde sagen, dass – obwohl die Kirchen in den letzten vier Monaten geschlossen waren – der Glaube der Menschen auf neuen Wegen gestärkt werden konnte. Die Pandemie hat insbesondere die diakonische Dynamik der Christen gefördert.

Foto: missio

Tony Menezes SVD lebt in Indien und ist Mitglied des von missio initiierten Netzwerk Pastoral Asien. Das Netzwerk ist ein Zusammenschluss der Direktorinnen und Direktoren zahlreicher asiatischer Pastoralinstitute. Nähere Informationen zum Netzwerk Pastoral Asien finden sie hier ».

Solidaritätsfond

Hilfe für Corona-Opfer

missio hat einen Solidaritätsfonds angelegt, um den von Corona am stärksten betroffenen Partnerinnen und Partnern in Asien, Afrika und Ozeanien schnell und unbürokratisch helfen zu können. Das Ziel: Sie sollen gerade in dieser schwierigen Zeit den leidenden Menschen zur Seite stehen und helfen können.

Vielen Dank für Ihre Hilfe!


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