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Togo: Der Kampf ist noch lange nicht ausgefochten

Immer wieder erhebt Papst Franziskus seine Stimme und ruft zu einer Globalisierung der Solidarität und Nächstenliebe auf. In Zeiten von Corona bekommt dieser Appell eine neue Bedeutung. missio steht auch in diesen Zeiten der weltweiten Pandemie in engem Kontakt mit seinen Projektpartnern in Afrika, Asien und Ozeanien, die besonders von der Pandemie betroffen sind. Dr. Marco Moerschbacher interviewt Fr. Emmanuel Degbe aus Lomé, Togo.

Wie hat die Covid-19-Pandemie das Leben der Menschen in Ihrem direkten Umfeld (in Ihrer Nachbarschaft) verändert?

Wer Togo kennt und seine Einwohner in Zeiten dieser Plage beobachtet, die unseren Planeten erfasst hat und deren Ende nicht abzusehen ist, kommt zu dem Schluss, dass die Togolesen weniger Opfer der Pandemie von Covid-19 als Opfer der Konsequenzen sind, die diese nach sich zieht. Covid-19 bringt auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Bereichen Veränderungen mit sich:

Im sozio-kulturellen und familiären Umfeld

Diese Pandemie hat die Togolesen zu einem veränderten Bewusstsein vom hiesigen Leben, das jeden Augenblick zu Ende sein kann – wie dies für die Todesopfer des Coronavirus der Fall war – und zu einer neuen Suche nach dem Sinn geführt. Die Familienväter und -mütter, die sonst häufig für Stunden oder gar Tage von Zuhause fernbleiben – aus verschiedenen Gründen wie Untreue, Klatsch u. ä. – mussten zu Hause bleiben und dort ihren Platz einnehmen. Die Ausgangsbeschränkungen haben so die Verbindungen zwischen den Familienmitgliedern gefestigt – wie auch zwischen Nachbarn in einem Viertel, die sich sonst wegen beruflicher oder schulischer Aktivitäten auch nur noch selten sehen.

Einige haben frustriert den Lebensmut verloren, während andere so viel wie möglich vom Leben profitieren wollen, solange der Tod sie nicht erreicht. Auch haben sich einige Menschen den Drogen, dem Alkohol oder der Prostitution zugewendet – was zudem die Kriminalitätsrate erhöht und die Spirale der Gewalt weiter genährt hat.

Im Gesundheitsbereich

Die Angst vor Covid19 hat die Afrikaner und die Togolesen zum Nachdenken gebracht. Aufgrund des Scheiterns des Abendlandes, das viele seiner Kinder sterben sieht und trotz all seiner Medizintechnik diesem Drama machtlos gegenübersteht, haben die Menschen verstanden, dass sie, um sich gegen Covid19 zu schützen, nicht auf die Hilfe des Abendlandes bauen dürfen, dessen Gesundheitssystem selbst an seine Grenzen gekommen ist. Dies hat viele Afrikaner und besonders viele Togolesen zu einer massiven Rückkehr zur traditionellen Medizin gebracht, obwohl auch diese ihre Grenzen hat. Vielen nennen sich inzwischen Praktizierende und Medizinmänner der traditionellen Medizin, wozu wohl auch eine gewisse Zahl Scharlatane zählt. Diese Scharlatane, die nur auf Geldmacherei aus sind, mischen sich unter die wahren Experten der traditionellen Medizin und bieten oft eine Art Zaubertrank gegen allerart Übel, auch ohne Indikation, an.

Im Bereich Straßenverkehr

Der Corona-Virus verpflichtet alle dazu, eine Maske zu tragen, die normalerweise sowohl den Mund als auch die Nase bedecken sollte. Angesichts der großen Hitze, die im subsaharischen Afrika vorherrscht, ziehen die Leute es meist vor, nur ihr Kinn und ihren Mund zu bedecken, nicht aber die Nase, damit sie besser atmen können. Selbst Polizisten, die widrigenfalls ein Bußgeld über 3500 FCFA (ca. 5 Euro) verhängen müssten und die Disziplin überwachen, fällt es ihrerseits schwer, die Maske korrekt zu tragen. Kurz gesagt, die Maskenverpflichtung trägt nicht zum Schutz der togolesischen Bevölkerung gegen die Krankheit bei, denn die Masken werden nicht aus Überzeugung, sondern allein zur Vermeidung von Bußgeldern oder unnötigen Diskussionen mit der Polizei getragen.

Aber Covid-19 hat wohl zu einer lang erwarteten Lösung für die überfüllten öffentlichen Verkehrsmittel und die Taxis beigetragen. Im Straßenverkehr dürfen nun nur noch Autos mit höchstens 5 Insassen fahren. Die Taxis, die früher bis zu 9 Personen aufnahmen, dürfen nun nur noch mit drei Personen plus Fahrer unterwegs sein.

 

Welche Auswirkungen wird die Pandemie in den nächsten Monaten auf Ihr Land haben?

Die längerfristigen Auswirkungen erstrecken sich ebenfalls auf mehrere Bereiche:

Die Wirtschaft

Die im Kampf gegen die Pandemie erlassenen Beschränkungen haben unser Land, was die Wirtschaft betrifft, auf bisher unbekanntes Terrain geführt. Die Schließungen der Grenzen zwischen den Provinzen sowie zu den Nachbarländern waren nicht geeignet, die wirtschaftlichen Aktivitäten zu fördern oder auch nur zu gewährleisten. Bei einigen Lebensmitteln ist es zu einem rekordverdächtigen Preisanstieg gekommen. Einige Tätigkeiten laufen nur sehr verlangsamt wie etwa Reisen. Viele verzichten auf Reisen nicht aus Angst vor der Krankheit, sondern aus ökonomischen Gründen, denn die Geschäfte laufen nicht wie gewohnt. Händler, deren Bewegungen den Markt sowohl auf nationaler wie auf internationaler Ebene am Leben halten, reisen weniger.

Besonders durcheinander gebracht wurden die Lebensgewohnheiten durch erneut verhängte und von der Bevölkerung nur schwer akzeptierte Einschränkungen in bestimmten Städten des Landes, etwa in Sokodé, einer wichtigen Handelsstadt, in Tchmaba und in Ajengré. Letzeres wurde seit dem 25. August erneut abgesperrt – wegen der erhöhten Zahl an Infektionen durch Covid-19. Für andere Sperrungen lagen vor allem politische Gründe vor, zumal Tikpi Atchadam, Oppositionsführer und vom Regime gefürchteter Gegenspieler der jetzigen Regierung, aus dieser Region stammt. Ein weiterer Ort ist Aneho im Süden Togos, das vom 3. September an für zwei Wochen abgesperrt wurde – wegen der öffentlichen Veranstaltungen, die dort anlässlich des Festes „Ekpessosso“ – Inbesitznahme des Landes – für den 10. September vorgesehen waren. Die Bevölkerung glaubt nicht, dass diese staatlich verordneten Maßnahmen ihrem Wohl und ihrem Schutz gegen Covid-19 dienen, sondern hält sich für rein politische Entscheidungen. Die Bevölkerung fürchtet, dass in Zukunft weiterhin solche politisch motivierten Maßnahmen verhängt werden.

Das Bildungswesen

Hier sind die langfristigen Auswirkungen der Pandemie noch nicht abzusehen. Niemand weiß, wie das kommende akademische Jahr ablaufen soll. Aus der Sicht sowohl der Lehrerinnen und Lehrer wie auch der Eltern ist das Bildungssystem völlig überlastet und die Probleme, über die sich alle den Kopf zerbrechen, sind weit von einer Lösung entfernt.

Der Sicherheitssektor

Die Gefängnisse sind wegen der Freilassung einer großen Zahl von Gefangenen aufgrund der Pandemie entlastet. Weit von Reue und einem neuen Leben unter der Gnade Gottes entfernt, haben sich viele ehemalige Sträflinge in der Gesellschaft wieder in ihre kriminellen Machenschaften gestürzt, die wiederum zu einer Spirale der Gewalt führen und die Bevölkerung verunsichern.

Einige tun sich zusammen, um gemeinsam eine bessere Zukunft gestalten zu können, aber die meisten versuchen allein zu überleben. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit, die Schwierigkeiten des Verkehrs, um Handelsprodukte und besonders Lebensmittel zu transportieren, führen zu Angst, zur Suche nach Sicherheiten und schließlich zu gegenseitigem Misstrauen.

So wie sich die Lage entwickelt, ist es nicht übertrieben zu sagen, dass die Menschen in Togo nicht an Covid-19 sterben, sondern an der Angst vor dieser Krankheit.

 

Welche Bedeutung hat der Glaube für die Menschen in den Zeiten der Pandemie?

Der Glaube spielt eine entscheidende Rolle im Umgang mit der Pandemie. Auch wenn diese bei einige Menschen zu Panik und Mutlosigkeit geführt hat, haben andere die Situation zum Anlass genommen, ihre kirchliche Grundeinheit Familie in vielen Punkten wieder zu beleben, etwa durch regelmäßiges gemeinsames Beten, die gemeinsame Lektüre der Bibel oder durch Messen in Fernsehen und Radio (sofern sie es sich leisten können). Die Christen haben einmal mehr die Bedeutung und die Rolle des christlichen, katholischen Radiosenders „Radio Maria Togo“ zu schätzen gelernt.

Dennoch haben die verschiedenen Maßnahmen nach dem Auftreten des Corona-Virus die Kirchen und besonders die katholische Kirche stark eingeschränkt. Der Staat hat die Schließung der Kirchen und Gebetsstätten für einen langen Zeitraum verordnet, und ein Ende der Maßnahme ist trotz des Unwillens der Gläubigen, die zu Hause beten müssen, auch nach sechs Monaten (März bis September) noch nicht abzusehen. Was dem Unmut der Gläubigen Nahrung gibt, ist die Tatsache, dass die Märkte, die Schulen, Universitäten und Restaurants wieder öffnen durften und dass der öffentliche Nahverkehr wieder lanciert wurde, dass aber die Kirchen und Gebetsstätten nach wie vor geschlossen bleiben müssen. Das erscheint vielen absurd, da es doch dieselben Menschen sind, die sich an diesen Stätten begegnen. Nur in einigen Diözesen können einzelne Kirchen etappenweise öffnen, nachdem die katholische Bischofskonferenz dies bei den politischen Autoritäten eingefordert hat. Hinzu kommt, dass einige Leute auf dem Lande in ihrer Naivität nun glauben, dass der Virus speziell in den Kirchen und Gebetsstätten auftritt und deshalb schon von der „Krankheit der Kirchen und Gebetsstätten“ sprechen. Wie ein Missionar in Kaya im Norden Togos bemerkte: „Einige sahen im rigorosen Verhalten der Kirche den Beweis, dass der Virus sich besonders in den Gotteshäusern und weniger auf dem Markt und auch weniger bei den Nichtchristen verbreitet.“ Diese lange Zeit der Kirchenschließungen löscht bei einigen den Glauben aus und schwächt bei anderen ihre religiöse Praxis. Davon versuchen die falschen Propheten und Betrüger, die sich als Prediger und Pastöre ausgeben, zu profitieren. Einige von ihnen überzeugten anfangs ihre Zuhörerinnen und Zuhörer, dass der Konsum von Alkohol, speziell von dem lokalen Palmwein Sodabi – mit Zitrone oder Ingwer genossen – Covid-19 heilen könne.

Die Entwicklung dieser Plage hat klar gezeigt, dass es in Afrika und insbesondere in Togo zwar wenige Covid-Opfer gibt, dass der Kampf aber noch lange nicht ausgefochten ist. Alle Mittel müssen genutzt werden, um dieses Übel zu überwinden, darunter das minutiöse Einhalten der nötigen und nützlichen Beschränkungen, und natürlich das Gebet zu Gott – sein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Foto: missio

Pfarrer Emmanuel ist Priester der Diözese und unterrichtet am Priesterseminar St. Augustin in Lomé, Togo, Kirchengeschichte und Patristik. Mit missio ist er durch verschiedene Publikationsprojekte verbunden.

Solidaritätsfond

Hilfe für Corona-Opfer

missio hat einen Solidaritätsfonds angelegt, um den von Corona am stärksten betroffenen Partnerinnen und Partnern in Asien, Afrika und Ozeanien schnell und unbürokratisch helfen zu können. Das Ziel: Sie sollen gerade in dieser schwierigen Zeit den leidenden Menschen zur Seite stehen und helfen können.

Vielen Dank für Ihre Hilfe!


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