Dokumentation
Frankfurt/Main, 12. November 2025
Immer wieder werden Fälle bekannt, in denen deutsche Priester während ihrer Tätigkeit im Ausland sexualisierte Gewalt verübt haben. Dies wirft drängende Fragen auf – zum Umgang mit Betroffenen und Tätern, zur Verantwortung der entsendenden Diözesen sowie zur Rolle unterstützender Hilfswerke.
Das Kindermissionswerk ‚Die Sternsinger‘ e.V., die bischöfliche Aktion Adveniat und missio Aachen haben dazu eingeladen, fachliche Perspektiven und Erfahrungen auszutauschen und den Dialog zu stärken. Die Fachtagung verfolgte das Ziel, Verantwortlichkeiten zu klären, bestehende Herausforderungen zu benennen und erste Lösungsansätze zu entwickeln.
Nach der Eröffnung der Fachtagung durch Pfarrer Dirk Bingener (Präsident von missio Aachen und dem Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ e.V.) und Tanja Himer (Geschäftsführerin des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat) zeigen Dahlia Flores (Referentin Gewaltprävention bei Adveniat) und Susanne Brenner-Büker (Stabstelle Kinderschutz im Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ e.V.) die Entwicklungen im Bereich Umgang mit Fällen sexualisierter Gewalt durch Kleriker in der katholischen Kirche und den Hilfswerken sowie die Zielsetzung der Tagung auf.
Obwohl bereits 2010 eine große Zahl von sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche öffentlich wurde, sind auch heute noch – 15 Jahre später – viele Fragen und Herausforderungen im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt durch Kleriker in der Kirche offen. Um sich diesen Fragen zu stellen und einen Raum für gegenseitiges Lernen sowie das Sichtbarmachen bestehender Defizite zu schaffen, wurde die Fachtagung als Auftakt für den weiteren Diskurs konzipiert.
Somit ermöglichte die Fachtagung „Verbunden. Verstrickt. Verantwortlich. Sexueller Missbrauch durch deutsche Priester im Ausland und die Verantwortung von Kirche und Hilfswerken“ insbesondere einen Raum zur Reflexion, zum Austausch und der Auseinandersetzung mit den eigenen Rollen und Verantwortungen. Frau Brenner-Büker schließt die Hinführung mit drei zentralen Fragen, die im Laufe des Tages immer wieder relevant sein werden: Was hilft den Betroffenen? Was stärkt uns? Wo müssen wir Aporien und auch Ohnmacht aushalten?
Im Jahr 2010 wurde in Deutschland eine große Zahl von sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche öffentlich. Es ist bedauerlich, dass 15 Jahre später immer noch viele Fragen und Herausforderungen im Zusammenhang mit sexueller Gewalt durch Kleriker in der Kirche öffentlich diskutiert und aufgearbeitet werden müssen. Bei einigen Themen scheint man sogar noch am Anfang zu stehen, da sie bisher kaum öffentlich wahrnehmbar behandelt wurden. Insbesondere für das heutige Schwerpunktthema fehlt es bei den Verantwortlichen und den Betroffenen im Berufsalltag oft noch an der nötigen Sensibilisierung.
Jeder Anwesende trägt in diesem Kontext eine eigene Rolle und Verantwortung. Wie der Titel unserer Veranstaltung andeutet, ist „alles mit allem verbunden“, im Guten wie im Schlechten. Als kirchliche Hilfswerke sind wir Teil dieser schmerzhaften Geschichte und müssen uns unserer Verantwortung stellen.
Unser Ziel ist es ein Tag der Reflexion, des Austauschs und der Auseinandersetzung mit unseren Rollen. Es ist ein Tag, an dem wir über unsere Verantwortung sprechen, voneinander lernen und gemeinsam überlegen, wie wir die Arbeit in unseren Diözesen und Hilfswerken verbessern können.
Dieser Tag soll ein Beitrag zur Wahrnehmung, Anerkennung und zum Umgang von Leid Betroffener und zudem einen Beitrag zur Prävention jeder Form von sexualisierter Gewalt gegenüber Minderjährigen und vulnerablen Personen leisten. Wir wollen nicht über Betroffene sprechen, sondern mit Betroffenen sprechen. Ihre Stimme und Expertise werden den heutigen Tag maßgeblich mitgestalten.
Wir wollen Wissen und Transparenz fördern und weitere Schritte hin zu besseren Verfahren ermöglichen. Als Hilfswerke verstehen wir unsere Rolle traditionell an der Seite der Menschen in Armut, die Marginalisiert sind und vulnerablen Kontext sich befinden.
Dennoch waren und sind wir Teil des Kirchensystems – in unserem Fall als Global Player. Die kirchliche Entwicklungszusammenarbeit hat viele positive Aspekte, ist aber auch in Fälle von Missbrauch Minderjähriger und deren Vertuschung, auch im internationalen Kontext, involviert.
Ich möchte Ihnen als Beispiel unsere Fälle nennen:
Alle erwähnten Priester waren in deutschen Diözesen inkardiniert. Sie wurden zu Tätern – in Deutschland und teilweise im Ausland. Im Rahmen des Fallmanagements sind alle drei Werke auch auf andere Priester gestoßen, die in Deutschland inkardiniert waren, ihre Taten jedoch (auch) im Ausland begingen. Unsere Vergangenheit verpflichtet uns, genau hinzuschauen und Verantwortung zu übernehmen. Das bedeutet konsequentes Handeln.
Im Laufe der Zeit haben wir Werke uns Expertise angeeignet. Wir beobachten, dass auch andere Stakeholder wie Diözesen begonnen haben, noch mehr ihre Verantwortung wahrzunehmen. Auch das Kirchenrecht wurde in den letzten Jahren geändert. Auch diese positiven Entwicklungen werden heute thematisiert.
Die Werke der kirchlichen Entwicklungszusammenarbeit stehen vor der grundlegenden Frage nach ihrer Rolle und Verantwortung im Kontext von Fällen von sexualisierter Gewalt durch Kleriker. Es ist essenziell zu verstehen: Wir sind nicht die Eigner der Projekte, die wir finanziell fördern. Die Ownership – also die Verantwortung und Inhaberschaft – liegt bei unseren Partnerorganisationen vor Ort: Diözesen, religiöse Gemeinschaften und Nichtregierungsorganisationen.
Unsere Aufgabe ist es unsere Partner zu unterstützen, nicht zu bestimmen. Wir dürfen weder die Rolle von Polizei noch von Justiz übernehmen. Und wir müssen vermeiden, durch unsere Vorgaben in neokoloniale Muster zurückzufallen. Dazu braucht es mehr Dialog mit den Partnerorganisationen.
In den vergangenen Jahren haben die Werke erhebliche Schritte unternommen, um Prävention, Fallmanagement und Aufarbeitung wirksamer zu gestalten. Wir sind uns bewusst, dass dies ein kontinuierlicher Lernprozess ist, in dem wir uns jedoch weiterentwickelt haben:
Ein konkretes Beispiel von Adveniat verdeutlicht unseren Ansatz:
Wir möchten uns an dieser Stelle nicht für das Erreichte selbst beweihräuchern. Die heutige Tagung ist ein weiterer, notwendiger und kritischer Beitrag zu diesem Prozess.
Bisher wurde den Gegebenheiten, die sexualisierte Gewalt durch Kleriker und deren Vertuschung begünstigt haben, zu wenig Bedeutung geschenkt – insbesondere ungeklärte Zuständigkeiten, systemische Schwächen, Klerikalismus und die mangelnde Bereitschaft von Ortskirchen, sich diesem unbequemen Thema zu stellen.
Kein Fall gleicht dem anderen. In den ersten Jahren stießen wir bei deutschen Diözesen, die wir um Mithilfe baten, häufig auf Ratlosigkeit oder mangelnde Kooperationsbereitschaft. Einige Male wurden wir mit dem Warten auf eine gemeinsame Regelung auf Ebene der Deutschen Bischofskonferenz vertröstet – eine Regelung, die es bis heute noch nicht gibt. Eine Anfrage bei einer offiziellen Stelle der Deutschen Bischofskonferenz wurde vor Jahren mit der Antwort beschieden: „Das ist ein sehr komplexes Problem.“
Die zu klärenden Fragen berühren juristische, kirchenrechtliche, systemische und ethische Dimensionen:
Die vier Perspektiven unserer heutigen Keynote-Speaker helfen uns, einen Schritt weiterzukommen, die komplexen Sachverhalte zu strukturieren und das vielschichtige Gesamtbild zu ordnen.
Wir werden diese Tagung möglicherweise mit mehr Fragen beenden, als wir mitgebracht haben. Wir treffen auf komplexe Problemstellungen, für die es keine einfachen Sofortlösungen Beitrag zur Fachtagung „Verbunden. Verstrickt. Verantwortlich. Sexueller Missbrauch durch deutsche Priester im Ausland und die Verantwortung von Kirche und Hilfswerken.“ gibt. Die entscheidenden Fragen bleiben: Was hilft den Betroffenen? Was stärkt uns? Wo müssen wir Aporien und auch Ohnmacht aushalten?
Wir hoffen, dass diese Fachtagung die Gelegenheit bietet, Bewusstsein zu schärfen, Verbindungen zu knüpfen und Reflexion zu ermöglichen. Jede und jeder ist in der eigenen Rolle und Verantwortung gefordert – nicht nur in rechtlicher, institutioneller, sondern auch in moralischer Hinsicht.
Frankfurt, 12.November 2025
Hier finden Sie die ausführliche Version der Hinführung zum Download:
Die Referentin Frau Dr. Bettina Janssen eröffnet die Impulsvorträge mit einem Einblick in die Lehren aus der Aufarbeitung. Ihre Erkenntnisse beruhen auf den Aktenuntersuchungen zu i) der Koordinationsstelle Fidei Donum der Deutschen Bischofskonferenz bei Adveniat – insbesondere zu Bischof Emil Stehle, ii) den Aachener Priestern Winfried Pilz und Dieter Wintz im Auftrag des Kindermissionswerks sowie iii) den Untersuchungen zu Leonhard Meurer im Auftrag von missio Aachen. Aus den genannten Untersuchungen ergeben sich für Sie drei zentrale Befunde:
Aus diesen Befunden leitet Frau Dr. Janssen fünf Lehren aus der Aufarbeitung ab:
1. Die Verantwortung endet nicht an der Landesgrenze
2. Strukturelle Ursachen müssen sichtbar werden
3. Aufarbeitung ist professionelle Steuerung und Compliance
4. Gegenseitigkeit statt Dominanz
5. Transparenz ist Voraussetzung institutioneller Glaubwürdigkeit
Frau Dr. Janssen führt zudem an, dass sich in der Aufarbeitung gezeigt hat, wie komplex sich die grenzüberschreitende Rekonstruktion der Täterbiografien gestaltet – besonders erschwert durch unterschiedliche Formen von Verantwortungsabwehr, fehlende Kooperationsbereitschaft, Widerständen und Barrieren. Zum Ende ihres Vortrages fasst sie zusammen: „Aufarbeitung ähnelt dem Zusammensetzen eines Puzzles: Jede Institution, jedes Land, jedes Hilfswerk trägt Teile bei. Fehlt etwas – Akten, Auskünfte, Beteiligung – bleibt das Bild unvollständig.“
Hier finden Sie die ausführliche Version des Inputs zum Download:
Matthias Katsch teilt in seinem Input die Erfahrungen von Betroffenen und weitet den Blick auf die Situation von Betroffenen in Lateinamerika. Er weist darauf hin, dass sexuelle Gewalt und Tätertourismus innerhalb der katholischen Kirche keine Einzelfälle sind, sondern „das Verschieben des Problems“ ein Muster des katholischen Missbrauchsskandals war und ist.
Aufgedeckt wurden viele dieser Missbrauchsfälle erst, als Betroffene ihr Schweigen brachen und Menschen bereit waren, ihnen zuzuhören – etwas, das besonders in Ländern schwierig bleibt, in denen Medien und Gesellschaft noch nicht bereit sind, den Betroffenen zuzuhören. Zur Stärkung müssen sich Betroffene verbinden und vernetzen können, auch weltweit: Erfahrungen aus Ländern wie Deutschland geben Betroffenen in anderen Regionen Mut, ebenfalls zu sprechen.
Herr Katsch betont, dass die Aufarbeitung in erster Linie den Betroffenen dient. Sie haben ein Recht darauf, die Wahrheit zu erfahren und Gerechtigkeit zu erleben – auch wenn dies ein langer Prozess ist. Gleichzeitig ist Aufarbeitung auch für die Institution Kirche selbst förderlich, weil sie Voraussetzung für echte Prävention ist und dafür, dass solche Verbrechen sich nicht wiederholen.
„Wer Hilfe und Reparation […] stärken will, der hilft der Selbstorganisation der Betroffenen und entwickelt mit ihnen Formate der Unterstützung“, so Katsch. „Handeln, nicht behandelt werden“ steht dabei im Zentrum. Da psychologische Versorgung in vielen Teilen der Welt kaum vorhanden ist, wird die Hoffnung formuliert, dass insbesondere Kirchen im globalen Norden helfen, ein weltweites Unterstützungs- und Genesungsnetzwerk für Opfer aufzubauen.
Erfahrungen von Betroffenen
Ich beginne mit einer persönlichen Erfahrung:
Beide Serientäter vom Berliner Canisius Kolleg wurden innerhalb Deutschlands eins ums andere Mal versetzt, wenn Vorwürfe laut wurden und „Skandal“ drohte.
Beide tauchten später in Lateinamerika auf. Sie machten einen Teil ihrer Ausbildung im Jesuitenorden in einer Dependance in Mexiko. Einer ließ sich nach Chile versetzen, wo er heute noch lebt.
Der andere hat ihn dort häufig besucht. Beide haben sich gegenseitig durch Jugendliche aus dem jeweils anderen Land besuchen lassen.
Ich hatte also schon 2010 einen sehr persönlichen Bezug zu unserem heutigen Thema.
Sexuelle Gewalt und Tätertourismus innerhalb der Kirche ist keine Einbahnstraße.
Der chilenische Bischof und Mehrfachtäter Francisco Cox wurde nach seinem plötzlichen Verschwinden aus Chile, wo ihm Ermittlungen, wenn nicht Verhaftung drohten, in Koblenz wieder auf.
In mehreren Fällen sind Priester aus Osteuropa oder auch Indien oder Afrika, die hier in Gemeinden eingesetzt waren, auffällig geworden.
Heute aber soll es vorrangig um den von deutschen Institutionen der katholischen Kirche organisierten Tätertourismus nach Lateinamerika gehen.
Heute wissen wir, dass dies ein Muster, kein Kennzeichen des katholischen Missbrauchsskandals war und ist: das Verschieben des Problems.
Die Praxis reicht bis in die 60er Jahre zurück. Intensiviert wurde dies mit dem Aufkommen des grenzenlosen Tourismus in den 70er Jahren, der die Welt in Zeiten der Globalisierung immer kleiner werden ließ.
Es ist häufig gesagt worden und es ist richtig: der Prozess der Aufdeckung dieser Verbrechen erfolgte als Betroffene Menschen aufhörten zu schweigen und anfingen zu sprechen – und – jemand ihnen zuhörte. Das ist nämlich nicht selbstverständlich.
Wie schwierig dies ist, haben insbesondere Betroffene Personen in Ländern gemacht, in denen die mediale Öffentlichkeit ebenso wie die Gesellschaft nicht bereit ist, Opfern von Missbrauch zu zuhören. Dies war in vielen Ländern Lateinamerikas der Fall, teilweise ist es dies heute noch.
2010 schwappte der Missbrauchsskandal auch nach Chile. Das Verdecken funktionierte noch, wie der Fall Wolfgang Statt zeigte. Aber die Berichterstattung ermutigte Betroffene in Chile erstmals über ihr Leid zu sprechen und war der Start eines bis dato einmaligen Aufdeckungsprozesses in einem Land Lateinamerikas.
2018 in Papstreise nach Chile, dann nach Peru. In Chile hatten wir Demos am Rande der Strecke des Papamobils, in Peru absolutes Schweigen.
In Argentinien haben Anwälte, die Menschenrechtsprozesse gewonnen hatten, den Fall Provolo verfolgt: Verona, Mendoza und La Plata.
Es gibt inzwischen Gruppen von betroffenen in Bolivien, dort auch angestoßen über den Fall der aus Katalonien nach Cochabamba verschobenen Missbrauchstäter des Jesuitenordens. In Ekuador, in Kolumbien.
Mexiko ist ein besonders schwieriges Pflaster, weil dort die Mafia in das Geschäft mit Missbrauchsdarstellungen und Kindesmissbrauch eingestiegen ist.
Auch in Brasilien, dort fürchten sich Betroffene vor Todesschwadronen und dem Einfluss ihrer Täter und deren Verbündeten.
In Afrika noch ganz am Anfang.
Die Philippinen sind wach geworden.
Das Internet hat uns verbunden, und die Erfahrungen, die wir in Deutschland machen, werden wahrgenommen und ermutigen von Gewalt betroffene Menschen auch in Ländern, in denen die Gesellschaften bislang keinerlei Bereitschaft zum Zuhören zeigen.
Wer die Aufarbeitung voranbringen will, muss die Betroffenen stärken!
Und zwar selbstlos, nicht interessengeleitet. Die Betroffenen haben ein Recht auf Wahrheit und Gerechtigkeit – auch wenn das große Worte sind. Wissen was war und spüren, dass die Verantwortlichen die Folgen ihres Tuns oder Nicht-Tuns spüren, darum geht es. Gerechtigkeit ist ein langer Weg, ein Prozess - mehr als ein Endpunkt.
Die Aufarbeitung dient den Betroffenen zuallererst – und dann erfüllt es eine Funktion für die Institution. Sie hat auch eine wichtige Funktion für die Institution. Und sie ist die beste Voraussetzung für die Prävention, für das nie wieder. Es darf sich nicht wiederholen. Es muss aufhören.
Wer Hilfe und Reparation, ich übersetze es mit Ausgleich nicht Wiedergutmachung, stärken will, der hilft der Selbstorganisation der Betroffene und entwickelt mit ihnen Formate der Unterstützung: Handeln nicht behandelt werden, war unser Motto.
Wir brauchen ein globales Opfergenesungswerk. In weiten Teilen der Welt ist psychologische Unterstützung kein Teil der Regelversorgung im Gesundheitswesen – wenn es denn ein öffentliches Gesundheitswesen gibt.
Und hier setze ich meine Hoffnung tatsächlich auf die Kirchen des globalen Nordens, bei denen der Prozess der Aufarbeitung schon länger begonnen hat. Und ich setze auch auf die Leitungen dieser Kirchen, namentlich der katholischen Kirche. Und das habe ich auch dem Papst kürzlich gesagt. Wir haben ein gemeinsames Interesse, wenn wir Wahrheit und Gerechtigkeit, Hilfe und Ausgleich für die Opfer organisieren helfen wollen – und so dazu beitragen, dass es weniger wird … dass es aufhört.
Hier finden Sie die ausführliche Version des Inputs zum Download:
„Gemeinsame Mission, gebrochenes Vertrauen: Ein Aufruf zu Verantwortlichkeit und authentischer Partnerschaft“ – so benennt Bischof Koroma seinen Input zur Fachtagung „Verbunden. Verstrickt. Verantwortlich“.
Bischof Koroma thematisiert das durch sexualisierte Gewalt gebrochene Vertrauen, welches nicht nur ein Verbrechen darstellt, sondern eine Glaubenskrise auslösen kann, die sich über Familien, auf Dörfer und ganze Diözesen ausweiten lässt. Wenn ein Priester aus Europa, angesehen als „der Wohltäter“, in einer afrikanischen Diözese zum Täter wird, spricht Bischof Koroma von einem doppelten Verrat – zum einen den spirituellen Verrat des heiligen Amtes, zum anderen aber auch den kulturellen Verrat eines tiefgreifenden Machtungleichgewichts. Er benennt fünf Bereiche, in denen die Nachfolgen des Missbrauches im alltäglichen Leben der gesamten Gemeinschaft auf konkrete Weise zu spüren sind:
1. Es gibt einen Vertrauensverlust in die geistliche Autorität, das Fundament des sozialen Vertrauens zerbricht. Die Menschen beginnen, nicht nur ihren Glauben, sondern alle Formen von Autorität in Frage zu stellen.
2. Das mit sexuellem Missbrauch verbundene kulturelle Stigma ist ein mächtiges Mittel, um Betroffene zum Schweigen zu bringen. Wenn das Bedürfnis, die Beziehung zur mächtigen „Spenderkirche“ aufrechtzuerhalten, dem Streben nach Gerechtigkeit für das einzelne Kind überwiegt, zwingt es die Überlebenden zu einem Leben in Schweigen, in dem das Trauma nicht bearbeitet werden kann.
3. Die Bemühungen der Kirche im Bereich des öffentlichen Gesundheitssystems sind gefährdet. Wenn ein Priester zum Missbrauchstäter wird, diskreditiert dies die Botschaft der öffentlichen Gesundheit. Wenn die kirchlichen Lehren als reine Heuchelei wahrgenommen werden, führt dies zu Impfskepsis, einer Missachtung der HIV-Prävention und einem allgemeinen Misstrauen gegenüber kirchlich geführten medizinischen Einrichtungen.
4. Der Missbrauch führt zu generationenübergreifenden Traumata und zum Zerbrechen von Familien.
5. Darüber hinaus stellt sexualisierte Gewalt durch einen Kleriker ein Hindernis für eine authentische Evangelisierung. Durch Priester, die zu Missbrauchstätern werden, wird die gemeinsame Mission des Evangeliums Christi um ein Vielfaches schwieriger. Jede Predigt über Reinheit, jeder Aufruf, auf Gottes Diener zu vertrauen, stößt nach einem Vorfall von Missbrauch auf eine stille, gemeinschaftliche Erinnerung an den Verrat.
Neben den Tätern selbst, macht Bischof Koroma auch auf das fehlerhafte System aufmerksam, aus dem Machtdynamiken resultieren, die Täter schützen und Betroffene zum Schweigen bringen. Er nennt die folgenden Ursachen als wirksame Mittel, die Missbrauch begünstigen:
Bischof Koroma betont, dass neben der Tat des einzelnen Priesters auch das System, in dem der Missbrauch geschieht, hinterfragt werden muss: "[…] das Verbrechen des einzelnen Priesters [ist] der Funke […]. Aber es waren der Zündstoff des Klerikalismus, der Wind der juristischen Nachlässigkeit und das trockene Feld einer paternalistischen Geschichte, die diesen Funken zu einem Lauffeuer des Missbrauchs entfachten, welches das Vertrauen und die Unschuld der verwundeten Gemeinschaften verzehrte“. Bischof Koroma beendet seinen Vortrag mit einem Aufruf zu Wiedergutmachung und zu voller Transparenz und Synodalität und der Bitte, in Partnerschaft und mit gemeinsamem Mut, die hinterlassenen Wunden des Missbrauchs zu sehen, zu reinigen und eine Heilung voranzutreiben.
Gemeinsame Mission, gebrochenes Vertrauen: Ein Aufruf zu Verantwortlichkeit und authentischer Partnerschaft
Liebe Brüder und Schwestern in Christus, verehrte Vertreter der Kirche in Deutschland, Partner in der Mission,
zunächst möchte ich den Organisatoren dieser Online-Begegnung meinen aufrichtigen Dank aussprechen. Dank der Errungenschaften menschlicher Genialität und Technologie können wir nun eine neue Art der Nähe erleben, die ein Zusammentreffen der Geister über die Leere hinweg ermöglicht und unsere Welt zu einem wahrhaft globalen Dorf macht.
Allen, die dazu beigetragen haben, diesen Online-Austausch von Ideen und Erfahrungen zu ermöglichen, und allen, die heute mit uns verbunden sind und die Diskussionen verfolgen, überbringe ich herzliche Grüße aus Sierra Leone, einem Land, dessen Ortskirche die unauslöschlichen Spuren unserer gemeinsamen Zusammenarbeit trägt. Seit Jahrzehnten sind Sie durch Ihre Diözesen und durch Hilfsorganisationen wie Missio Aachen unsere treuen Partner. Sie haben uns geholfen, Schulen zu bauen, in denen die Kinder ihren Geist entfalten können, Gesundheitseinrichtungen, in denen Kranke Heilung finden, und Pfarreien, in denen der Glaube gedeihen kann. Sie waren eine verlässliche Stütze in Zeiten der Verzweiflung unseres Landes und haben mit uns das ewige Licht des Evangeliums geteilt. Dieses Erbe der Güte ist real und heilig. Dafür danke ich Ihnen von ganzem Herzen und im Namen meiner Mitbrüder im Bischofsamt in diesem Land aufrichtig.
Gerade weil diese Partnerschaft so wertvoll ist, müssen wir heute über eine schmerzhafte Wahrheit sprechen. Ein Schatten ist über dieses Erbe des Lichts gefallen. Wir sind hier versammelt, um uns mit einem schweren Verrat auseinanderzusetzen: dem sexuellen Missbrauch unserer Kinder und schutzbedürftigen Erwachsenen durch Priester, die aus Europa nach Afrika entsandt wurden, und der Kette der Verantwortung, der wir uns in Wahrheit und Liebe gemeinsam stellen müssen.
Auch wenn dieses Diskussionsthema nicht direkt mit der katholischen Kirche in Sierra Leone und insbesondere meiner Diözese zusammenhängt, möchte ich in meinem Vortrag dennoch einige aufschlussreiche Mechanismen zum Schutz von Minderjährigen und schutzbedürftigen Personen vorstellen, wie z. B. Präventionsstrategien und, falls es zu Missbrauch gekommen ist, Mechanismen zur Bewältigung und Bewältigung der Krise.
Eine grundlegende Lehre der Kirche besagt, dass ein Priester nicht nur ein Mann mit einem Kragen ist. Er ist alter Christus – ein anderer Christus. Durch das Sakrament der Weihe wird er Christus, dem Haupt und Hirten, gleichgestellt und handelt nicht nur als Vertreter der Gemeinschaft, sondern mit der Autorität Christi selbst, insbesondere in den Sakramenten (vgl. Lumen Gentium 10, 28). Kraft seiner Berufung hält der Priester die Sakramente in seinen Händen und das Vertrauen der Menschen in seinem Herzen. Wenn dieses Vertrauen durch Missbrauch verletzt wird, ist das nicht nur ein Verbrechen, sondern ein Sakrileg. Es löst eine Glaubenskrise aus, die sich auf Familien, Dörfer und ganze Diözesen auswirkt.
Stellen Sie sich einen kleinen Jungen vor, der stolz darauf ist, am Altar zu dienen, und dessen Unschuld von genau der Person geraubt wird, die ihn zu Gott führen soll. Stellen Sie sich seine Familie vor, hin- und hergerissen zwischen ihrer Wut und ihrer Angst, die mächtige Institution aus Europa zu verärgern, die ihnen so viel gibt. Das ist der doppelte Verrat, mit dem wir konfrontiert sind: der spirituelle Verrat des heiligen Amtes und der kulturelle Verrat eines tiefgreifenden Machtungleichgewichts. Der Wohltäter wurde zum Missbraucher. In unserem Kontext, in dem die Gemeinschaft alles ist, zerbricht diese Sünde den gesamten Leib Christi. Die Narben sind tief, sie sind generationsübergreifend und sie schreien zum Himmel um Heilung.
Aber lassen Sie uns konkret werden, was die Verwüstung angeht. Die Auswirkungen dieses Missbrauchs sind kein abstraktes theologisches Konzept, sondern sie sind im täglichen Leben der betroffenen Gemeinschaften auf konkrete und zerstörerische Weise zu spüren. Im Folgenden sind einige Beispiele aufgeführt, wie sich dieses Phänomen in
diesen Gemeinschaften negativ ausgewirkt hat.
Erstens gibt es einen Vertrauensverlust in die geistliche Autorität. Der Priester ist oft die gebildetste und angesehenste Persönlichkeit in einem Dorf, nicht nur im geistlichen Bereich. Er ist Vermittler in Streitfällen, Berater in Krisenzeiten und Torwächter zu Bildung und Gesundheitsversorgung durch kirchliche Netzwerke. Wenn diese Persönlichkeit als Täter entlarvt wird, zerbricht das Fundament des sozialen Vertrauens. Die Menschen beginnen, nicht nur ihren Glauben, sondern alle Formen von Autorität – traditionelle Führer, Eltern und Lehrer – in Frage zu stellen, was zu einem tiefsitzenden Zynismus führt, der den Zusammenhalt und die Entwicklung der Gemeinschaft behindert.
Zweitens beobachten wir das Schweigen der Überlebenden und die Instrumentalisierung von Stigmatisierung. In unseren Kulturen, in denen die Ehre der Familie an erster Stelle steht, ist das mit sexuellem Missbrauch verbundene Stigma ein mächtiges Mittel zum Schweigenbringen. Ein Überlebender, insbesondere ein Junge, kann als „befleckt“ oder mitschuldig angesehen werden, was seine Heiratschancen erschwert und Schande über die ganze Familie bringt. Dieses kulturelle Stigma wird oft, absichtlich oder unabsichtlich, als Waffe eingesetzt, um den Täter und die Institution zu schützen. Das Bedürfnis der Gemeinschaft, die Beziehung zur mächtigen „Spenderkirche“ aufrechtzuerhalten, überwiegt das Streben nach Gerechtigkeit für ein einzelnes Kind und zwingt die Überlebenden zu einem Leben in traumatischem Schweigen.
Darüber hinaus führt dies zu einer Untergrabung der Bemühungen im Bereich der öffentlichen Gesundheit. Die katholische Kirche ist ein wichtiger Anbieter von Gesundheitsversorgung und Bildung in ganz Afrika. Wenn ein Priester, der Moral predigt, selbst missbräuchliches und risikoreiches Verhalten an den Tag legt, diskreditiert dies die Botschaft der öffentlichen Gesundheit vollständig. Dies fördert eine gefährliche Wahrnehmung der Lehren der Kirche als reine Heuchelei, was zu Impfskepsis, einer Missachtung der HIV-Prävention und einem allgemeinen Misstrauen
gegenüber kirchlichen medizinischen Einrichtungen führt.
Darüber hinaus führt der Missbrauch zu generationenübergreifenden Traumata und zum Zerbrechen von Familien. Der Schaden endet nicht mit dem Überlebenden. Die Eltern sind von Schuldgefühlen geplagt, weil sie dem Priester vertraut haben. Geschwister geben möglicherweise dem Überlebenden die Schuld für die Turbulenzen in der Familie und die soziale Entfremdung. Dies zerbricht die Familie über Generationen hinweg. Der Überlebende, der das Trauma in einem unterstützenden Umfeld nicht verarbeiten kann, greift möglicherweise zu Drogen, hat Schwierigkeiten, gesunde Beziehungen aufzubauen, oder wiederholt den Kreislauf der Gewalt, wodurch der Schaden weiterbesteht.
Schließlich und vor allem ist dieser Skandal ein Hindernis für eine authentische Evangelisierung. Wie können wir als afrikanische Bischöfe das Evangelium Christi glaubwürdig und authentisch verkünden, wenn die Handlungen derer, die in seinem Namen gesandt sind, das Gegenteil verkünden? Das macht unsere Mission um ein Vielfaches schwieriger. Jede Predigt über Reinheit, jeder Aufruf, auf Gottes Diener zu vertrauen, stößt auf eine stille, gemeinschaftliche Erinnerung an Verrat. Das ist ein Mühlstein um den Hals der Evangelisierungsmission der Ortskirche.
Wenn wir also von dieser Krise sprechen, sprechen wir nicht nur von zerstörten individuellen Leben. Wir sprechen von einem Gift, das das soziale Gefüge, die öffentliche Gesundheit, die kulturelle Stabilität und die Mission der Kirche auf unserem Kontinent schädigt. Die Wunde ist nicht nur spiritueller Natur; sie ist eine eiternde Wunde am Leib Christi in Afrika und erfordert nicht nur Gebete, sondern dringende, konkrete Maßnahmen zur Heilung.
Die direkte Ursache für dieses Grauen ist natürlich der einzelne Priester und seine sündhaften, kriminellen Handlungen. Aber wir müssen tiefer blicken, auf das System, das dies zugelassen hat.
Im globalen Süden herrscht die weit verbreitete Auffassung – die oft durch die tragische Realität bestätigt wird –, dass Diözesen in Europa, wenn sie die problematischen Neigungen eines Priesters entdecken, manchmal eine Mission im Ausland als bequeme Lösung betrachten. Dies ist vielleicht der bedauerlichste Aspekt dieses ganzen Phänomens: die Gemeinschaften anderer Menschen als Abladeplatz für Probleme zu betrachten, die die zuständigen Behörden zu Hause entweder nicht lösen wollen oder können. Das ist keine Partnerschaft, sondern eine Form des spirituellen Kolonialismus, ein Begriff, den das in Deutschland ansässige Netzwerk Ecclesia-von-Weltkirche in seinem Bericht zu diesem Thema aus dem Jahr 2022 eindringlich verwendet hat.
Meiner Meinung nach wurde dies durch ein katastrophales Versagen der Aufsicht ermöglicht. Geografische Entfernung darf keine moralische Entfernung bedeuten. Bischöfe und Ordensoberen in Deutschland und anderswo im Westen haben die von Gott gegebene Pflicht, ihre Priester zu kennen und die gesamte Herde zu schützen, nicht nur den Teil, der ihrer Obhut anvertraut ist. Diese Pflicht wurde, wie die überwiegende Mehrheit der Beweise nun nahelegt, aufgegeben.
Darüber hinaus schuf das auf einer Geber-Empfänger-Dynamik basierende Hilfsmodell eine Kultur des Schweigens. Wie kann eine lokale Gemeinschaft, die für ihre Schulen und Kliniken auf Ihre finanzielle Unterstützung angewiesen ist, sich gegen den Vertreter dieser Großzügigkeit aussprechen? Das System selbst, so gut es auch gemeint war, schuf eine Machtdynamik, die Täter schützte und Opfer zum Schweigen brachte. Um dies vollständig zu verstehen, müssen wir uns mit anderen, subtileren Ursachen auseinandersetzen, die in diesem fehlerhaften System gären.
Erstens: eine fehlerhafte und veraltete Theologie des Klerikalismus. Ein allgegenwärtiger Klerikalismus, der den Klerus auf ein Podest stellt und ihn von der Rechenschaftspflicht befreit, wurde oft zusammen mit dem Glauben exportiert. Im afrikanischen Kontext, wo der Respekt vor Ältesten und Autoritätspersonen tief verwurzelt ist, wurde dieser importierte Klerikalismus zu einem wirkungsvollen Instrument für Missbrauch. Der Priester war nicht Perspektive der Kirche im Globalen Süden – eine Einordnung. Bischof Bob John H. Koroma, Bischof der Diözese Makeni in Sierra Leone. Inputvortrag zur Fachtagung „Verbunden. Verstrickt. Verantwortlich. Sexueller Missbrauch durch deutsche Priester im Ausland und die Verantwortung von Kirche und Hilfswerken.“ nur ein Führer, sondern ein unantastbarer „Mann Gottes”, dessen Handlungen von den Laien nicht in Frage gestellt werden durften. Dies schuf eine Kultur der Straflosigkeit, in der Anschuldigungen als Respektlosigkeit und Angriff auf die Kirche selbst abgetan wurden, was es für die lokalen Gemeinschaften fast unmöglich machte, einen Täter in ihrer Mitte anzufechten.
Zweitens: ein strukturelles Vakuum der Rechenschaftspflicht. In der Kirchenverwaltung gab es eine verheerende Lücke, die an einigen Orten bis heute besteht. Ein Priester, der von einer europäischen Diözese oder einem europäischen Orden entsandt wurde, geriet oft in eine rechtliche Grauzone. Der entsendende Bischof, der Tausende von Kilometern entfernt war, fühlte sich in seiner direkten Verantwortung eingeschränkt. Der lokale afrikanische Bischof, der in Bezug auf Personal und Finanzen von der entsendenden Institution abhängig war, hatte das Gefühl, dass ihm die Autorität fehlte, einen ausländischen Priester zu disziplinieren. Dies schuf eine perfekte Atmosphäre, in der ein Priester praktisch niemandem Rechenschaft schuldig war und sich in einem gefährlichen Raum zwischen zwei Strukturen bewegte, die keine Aufsicht beanspruchten.
Hinzu kam das historische Erbe von „Mission” und Paternalismus. Wir respektieren zwar die heldenhafte Arbeit der frühen Missionare, doch das Missionsmodell basierte oft auf einer paternalistischen Grundlage: Die Europäer brachten Licht ins „dunkelste Afrika”. Diese unbewusste koloniale Voreingenommenheit trug zu der Wahrnehmung bei, dass das Leben und die Würde der Gläubigen im globalen Süden weniger wert seien. Sie förderte ein Umfeld, in dem der Schutz der Institution und ihres europäischen Personals Vorrang vor der Sicherheit der lokalen Gläubigen hatte.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Verbrechen des einzelnen Priesters der Funke ist. Aber es waren der Zündstoff des Klerikalismus, der Wind der juristischen Nachlässigkeit und das trockene Feld einer paternalistischen Geschichte, die diesen Funken zu einem Lauffeuer des Missbrauchs entfachten, das das Vertrauen und die Unschuld der verwundeten Gemeinschaften verzehrte.
Wo liegt also die Verantwortung? Sie liegt in erster Linie bei den Tätern. Aber sie erstreckt sich auch auf die Strukturen, die sie entsandt und nicht überwacht haben.
Ihre Verantwortung ist nicht nur eine rechtliche, sondern auch eine tiefgreifende moralische und kirchliche. Wir sind eine Kirche, ein Leib. Wenn ein Glied leidet, leiden alle mit.
Daher fordere ich Sie im Namen der Opfer und der verwundeten Kirche in Afrika und im gesamten Globalen Süden auf, diese konkreten Maßnahmen im Einklang mit den Richtlinien der Weltkirche in Betracht zu ziehen:
Liebe Freunde, ich bin nicht hier, um unsere Bande zu zerreißen, sondern um sie zu heiligen. Dieser schmerzhafte Moment ist ein Kairos – ein Moment der Gnade und der Entscheidung. Er ist eine Gelegenheit, eine neue Partnerschaft aufzubauen, nicht zwischen Gebern und Bettlern, sondern zwischen brüderlichen Bischöfen und gleichberechtigten Jüngern in einer einzigen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche.
In dieser neuen Partnerschaft muss der Fluss der Gnade gegenseitig sein. Ihr habt Ressourcen und theologische Tiefe. Aber wir im Globalen Süden haben eine Vitalität, eine Widerstandsfähigkeit und einen gemeinschaftlichen Glauben, der aus Widrigkeiten entstanden ist und der einer Kirche in Europa, die sich oft müde fühlt, ein kraftvolles Zeugnis geben kann. Wir können viel voneinander lernen, aber nur, wenn wir uns in Wahrheit und Gleichheit begegnen, wie es die derzeitige Synode über Synodalität fordert.
Ich schließe daher mit einer Bitte, die von Herzen kommt. Verstehen Sie meine Worte nicht als Angriff von außen. Verstehen Sie sie als einen Schrei aus dem Inneren desselben Leibes. Wir sind Ihre Brüder und Schwestern. Die Wunden, die ein Sohn Deutschlands einem Kind Afrikas zugefügt hat, sind Wunden am Leib Christi selbst.
Lasst uns gemeinsam den Mut haben, diese Wunden zu reinigen, die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen und eine Kirche wiederaufzubauen, in der Mission wirklich selbstloser Dienst bedeutet und in der Partnerschaft wirklich auf wahrer Liebe gründet.
Lasst uns beten.
Himmlischer Vater, dein Sohn Jesus hat gesagt: „Lasst die Kinder zu mir kommen”. Er umarmt alle, die von deinen Dienern betrogen und missbraucht worden sind. Er heilt ihre tiefen Wunden. Gewähre den Tätern und denen, die sie begünstigt haben, die Gnade wahrer Reue. Und führe deine Kirche, unsere Mutter, dazu, ein Ort der Gerechtigkeit, der Sicherheit und der authentischen Liebe für alle zu sein. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen.
Vielen Dank!!!
Hier finden Sie die ausführliche Version des Inputs zum Download:
Zum Abschluss der Inputvorträge blickt Prof. Dr. Peter Platen auf die aktuellen kirchenrechtlichen Grundlagen zum Thema.
Prof. Dr. Platen beginnt seinen Vortrag mit einem Blick auf die MHG-Studie von 2018, welche gezeigt hat, dass viele beschuldigte Geistliche innerhalb ihrer Diözese, in andere Diözesen oder sogar ins Ausland versetzt wurden, obwohl ihnen sexueller Missbrauch vorgeworfen wurde. Oft wurden die neuen Gemeinden oder Verantwortlichen nicht darüber informiert. So wussten viele nicht, dass von den Versetzten eine Gefahr für weitere Taten ausging.
Hinsichtlich der kirchenrechtlichen Grundlagen verdeutlicht Prof. Dr. Platen, dass das kirchliche Straf- und Disziplinarrecht als eine zusätzliche Dimension zum staatlichen Strafrecht anzusehen ist. Bei allen kirchlichen Verfahren müssen die staatlichen Gesetze des jeweiligen Landes beachtet werden.
Prof. Dr. Platen bezieht sich zunächst auf die Ebene der Weltkirche: Seit 2001 hat die Glaubenskongregation bestimmte schwere Straftaten aufgenommen, darunter sexueller Missbrauch von Minderjährigen durch Kleriker. Papst Franziskus hat diese Regeln später weiter verschärft. Mit dem Schreiben „Vos estis lux mundi“ (2019, überarbeitet 2023) hat er festgelegt, dass kirchliche Stellen Verdachtsfälle melden müssen und wie mit Betroffenen umzugehen ist. Mit „Come una madre amorevole“ (2016) wurde präzisiert, unter welchen Bedingungen Bischöfe ihr Amt verlieren können, wenn sie bei aufkommenden Fällen nicht richtig handeln.
In Deutschland gibt es zusätzlich eigene Regeln der Diözesen. Die „Interventions-ordnung“ von 2019 – angepasst 2022 – legt fest, wie mit Fällen sexualisierter Gewalt durch Kleriker oder andere kirchliche Mitarbeitende umgegangen werden muss. Dazu gehören Bestimmungen zu Zuständigkeiten, Regeln zur Information, Konsequenzen für Täter und Beschuldigte und Vorgaben für Personalwechsel. Seit 2021 können auch Ordensangehörige ohne Weihe und Laien mit kirchlichen Aufgaben als Täter kirchenrechtlich bestraft werden. Auch wenn der Pflicht, einen Verdacht zu melden, nicht nachgekommen wird, ist dies selbst eine kirchliche Straftat.
Prof. Dr. Platen beendet seinen Vortrag mit einem erneuten Blick auf die MHG-Studie: Da die Studie große Mängel in der Aktenführung festgestellt hat, wurde 2022 eine neue Personalaktenordnung eingeführt. Dazu gehören genaue Vorgaben für die Dokumentation und die Weitergabe von Akten, zum Beispiel wenn Geistliche aus dem Ausland in Deutschland arbeiten oder umgekehrt.
Versetzung von Beschuldigten aufgrund sexuellen Missbrauchs:
„Die Diözesen selbst gaben an, dass bei 18,3 Prozent der Beschuldigten innerdiözesane und bei 25,6 Prozent der Beschuldigten interdiözesane Versetzungen im Zusammenhang mit einem sexuellem Missbrauchsvorwurf standen. Bei Beschuldigten, die ins Ausland wechselten, betrug der entsprechende Anteil 19 Prozent. Es fanden sich Hinweise darauf, dass die Mehrzahl dieser Versetzungen oder Wechsel nicht mit einer entsprechenden Information der aufnehmenden Gemeinde oder Diözese über die jeweilige Beschuldigung oder über die mit dem Wechsel verbundenen möglichen Risiken für Wiederholungstaten einherging“.
Aus: Projektbericht „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ (= MHG-Studie) 2018, S. 9.
Das kirchliche Disziplinar- bzw. Strafrecht tritt als eine zusätzliche Dimension zu dem kirchlicherseits nicht in Frage gestellten staatlichen Strafrecht hinzu.
Alle kirchenrechtlichen Schritte sind unter Beachtung der staatlichen Gesetze des jeweiligen Landes vorzunehmen. Dies gilt ausdrücklich auch hinsichtlich der Beachtung etwaiger Anzeigepflichten gegenüber staatlichen Stellen.
Papst Johannes Paul II. hat durch das Motu Proprio „Sacramentorum sanctitatis tutela“ vom 30. April 2001 neue Normen für die Kongregation für die Glaubenslehre erlassen, durch die der Gesetzgeber eine Zahl von Straftaten der Glaubenskongregation zur Behandlung und Entscheidung vorbehalten, also reserviert hat. Mit der Reservation ging eine Mitteilungspflicht an die Glaubenskongregation einher.
Materiell geht es bei dieser Reservation um:
Diese Normen wurden seit 2001 mehrfach verschärft (u. a. Schutzalter, erfasste Tatbestände, Verjährungsregelungen)
MP Vos estis lux mundi (2019/2023)
Mit dem MP Vos estis lux mundi („Ihr seid das Licht der Welt“), das die Meldepflicht bestimmter Taten sexueller Vergehen durch Kleriker und Ordensleute regelt, greift Papst Franziskus ein Anliegen des Treffens der Vorsitzenden der Bischofskonferenzen mit ihm im Februar 2019 auf. Denn immer wieder wurde und wird gegen die katholische Kirche der Vorwurf erhoben, solche Vergehen zu „vertuschen“. Dieses Motuproprio ist von Papst Franziskus am 07. Mai 2019 erlassen und durch Veröffentlichung im L’Osservatore Romano promulgiert worden. Eine Neufassung erfolgte im Jahr 2023.
Das MP regelt sowohl für den Bereich der lateinischen (römischen) Kirche als auch für die mit dem Hl. Stuhl unierten katholischen Ostkirchen Melde- bzw. Anzeigepflichten, Zuständigkeiten und enthält eine Verfahrensordnung. Relevante Handlungen und Unterlassungen von Vorsitzenden internationaler Vereine von Gläubigen, die dem Ap. Stuhl unterstehen, sind durch dieses MP ebenso erfasst (vgl. Art. 6 Buchst. f MP VELM 2023).
Außerdem legt das MP fest, wie die kirchlichen Autoritäten den Betroffenen zu helfen haben (Art. 5 VELM 2023: Sorge für die Personen)
MP Come una madre amorevole (2016)
Papst Franziskus hat am 4. Juni 2016 aufgrund eigenen Antriebs – Motu proprio - das Apostolische Schreiben „Come una madre amorevole“ – „Wie eine liebende Mutter“ erlassen und dessen Inkrafttreten zum 5. September 2016 angeordnet.
Diese Verfügung baut auf dem von Papst Johannes Paul II. 2001 erlassenen und von Papst Benedikt XVI. 2010 geänderten Motu proprio „Sacramentorum sanctitatis tutela“ und regelt die Amtsenthebung von Bischöfen, Eparchen und den ihnen gleichgestellten Amtsträgern.
Es geht hierbei um eine Präzisierung der Ermessensklausel „aus schwerwiegenden Gründen“ im Rahmen des Verfahrens der Amtsenthebung.
Buch VI des Codex Iuris Canonici – „ Die Strafbestimmungen in der Kirche“ wurde mit Wirkung zum 8. Dezember 2021 neu gefasst. Unter anderem:
Neu seit 2021: Ordenschristen ohne hl. Weihe und Laien mit Amt oder Funktion in der Kirche werden werden als mögliche Täter von Sexualstraftaten aufgeführt.
„Ordnung für den Umgang mit sexuellem Missbrauch Minderjähriger und schutz- oder hilfebedürftiger Erwachsener durch Kleriker und sonstige Beschäftigte im kirchlichen Dienst (Interventionsordnung)“
u. a. Bestimmungen zu Zuständigkeiten und zur Informationsweitergabe, zu Konsequenzen für Beschuldigte und Täter und bei dem Wechsel des Dienstvorgesetzten
Ordnung über die Führung von Personalakten und Verarbeitung von Personalaktendaten von Klerikern und Kirchenbeamten (Personalaktenordnung)
In diesem Kontext zu beachten: Standardisierte Personalbögen / Unbedenklichkeitsbescheinigungen, etwa bei der Indienstnahme von Geistlichen und Ordensleuten aus dem Ausland – und auch umgekehrt.
Codex Iuris Canonici: Codex des Kanonischen Rechtes - Inhalt
MP Sacramentorum sanctitatis tutela (Fassung 2021): Normen über die Straftaten, die der Kongregation für die Glaubenslehre reserviert sind (11. Oktober 2021)
MP Vos estis lux mundi (Fassung 2023): Apostolisches Schreiben in Form eines «Motu proprio» von Papst Franziskus „Vos estis lux mundi“ (Aktualisierte Fassung) (25. März 2023)
MP Come una madre amorevole (2016, englische Fassung): Apostolic Letter issued 'Motu Proprio' As a Loving Mother (4 June 2016)
Vademecum des Dikasteriums für die Glaubenslehre (praktische Hinweise für das Vorgehen in Fällen sexuellen Missbrauchs; Fassung 2022): Vademecum zu einigen Fragen in den Verfahren zur Behandlung von Fällen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Kleriker, Ver. 2.0 (5. Juni 2020)
Interventionsordnung (aus 2019, in der Fassung Januar 2022): 2022-01-24-Ordnung-fuer-den-Umgang-mit-sex.-Missbrauch-Minderjaehriger-Interventionsordnung.pdf
Personalaktenordnung (Rahmenordnung, 2021): 2021-09-23_Personalaktenordnung.pdf
Hier finden Sie die ausführliche Version des Inputs zum Download:
Tobit Loevenich / Veronika Mohr
Was waren die wesentlichen Diskussionspunkte?
An welchem Thema soll weitergearbeitet werden?
Johanna Streit / Werner Huffer-Kilian
Was waren die wesentlichen Diskussionspunkte?
An welchem Thema soll weitergearbeitet werden?
Katharina Koller / Dr. Bettina Janssen
Was waren die wesentlichen Diskussionspunkte?
An welchem Thema soll weitergearbeitet werden?
Christiana Hägele
Was waren die wesentlichen Diskussionspunkte?
An welchem Thema soll weitergearbeitet werden?
Zum Ende der Tagung stehen – wie erwartet – immer noch viele offene Fragen im Raum. Doch der erste Anstoß zur Vernetzung und Weiterarbeit wurde gegeben. Die Teilnehmenden nennen zum Abschluss konkrete Handlungsoptionen, die sie aus den Inhalten der Tagung für ihre eigene berufliche Position mitnehmen.
Frau Himer und Pfarrer Bingener bedanken sich bei den Teilnehmenden für die aktiven Beiträge und die Bereitschaft zur vertieften Kommunikation und Vernetzung. Sie betonen, dass es weiterer ähnlicher Veranstaltungen bedarf, um Prävention zu stärken und den Betroffenen durch Klärung der Verantwortlichkeiten und bessere Verfahren zu ihrem Recht zu verhelfen.
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