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Zwei Hautfarben, zwei Generationen, eine Heimat

Vor 25 Jahren wurde in Südafrika die Apartheid und damit das diskriminierende System der Rassentrennung zwischen der weißen und schwarzen Bevölkerung abgeschafft. Bei missio Aachen arbeitet die in Südafrika geborene Schwarze Samantha Nqoko (34). Sie wohnt wie auch ihre Freundin Maureen Fröhlich (54), eine weiße Südafrikanerin, in Aachen. Beide stammen aus der Nähe von Durban, in der Provinz KwaZulu-Natal. Für den missio-Blog haben sich Marta Wajer und Marlen Helms mit den beiden Freundinnen über ihre persönlichen Erfahrungen mit der Apartheid und der Entwicklung Südafrikas nach deren Abschaffung unterhalten.

Samantha und Maureen stammen beide aus Südafrika, haben sich jedoch erst in Deutschland kennengelernt. Foto: Marta Wajer / missio
Samantha und Maureen stammen beide aus Südafrika, haben sich jedoch erst in Deutschland kennengelernt.

Wie habt ihr persönlich die Zeit der Apartheid mitbekommen?

Samantha: Ich war noch relativ klein, acht Jahre alt, als die Apartheid endete. Ich habe die Rassentrennung daher nicht so richtig miterlebt. Meine Eltern hingegen schon. In Südafrika war das Land geographisch aufgeteilt in Gebiete, wo nur Schwarzafrikaner gelebt haben und in Gebiete, wo nur Weiße lebten. Man hat damals nur das mitbekommen, was in der unmittelbaren Umgebung passiert ist – und das waren nun mal Menschen mit derselben Hautfarbe. Die Regionen, wo die Schwarzafrikaner lebten, waren nicht so schön. Ich habe damals schon gemerkt, dass es Unterschiede gab, aber eben nicht so stark, wie es bei meinen Eltern der Fall war. In der Schule war ich zusammen mit schwarzen und weißen Kindern. Das war während der Apartheid nicht so.

Maureen: Genau, zur Zeit der Apartheid waren die Schulen noch nach verschiedenen ethnischen Gruppen, entsprechend ihrer getrennten Wohngebiete klassifiziert: Schwarze, weiße Afrikaans-Sprechende, weiße Englisch-Sprechende, Farbige, Inder, Asiaten. Ich bin in eine englischsprachige Schule gegangen. Denn auch bei weißen Südafrikanern wurde getrennt in Afrikaans-Weiße und Englisch-Weiße, welche eine Minderheit und auch nicht gleichgestellt mit den Afrikaans-Weißen waren. 

Samantha: Erst als Mandela zum Präsidenten gewählt wurde, durften Kinder unterschiedlicher Hautfarbe und Klassifizierung die gleiche Schule besuchen. Meine Schwester ist ein wenig älter als ich und als die Möglichkeit bestand, dass schwarze Kinder zusammen mit weißen Kindern auf die gleiche Schule gehen durften, hat mein Vater meine Schwester sofort angemeldet und sie war tatsächlich für eine Weile das einzige schwarze Kind auf ihrer Schule. Die Kinder waren freundlich und sie hat damals auch direkt Freunde gefunden. Als ich eingeschult wurde, war es vollkommen normal, dass Schwarze und Weiße gemeinsam zur Schule gingen. Meine beste Freundin war weiß. Unsere Generation ist einfach anders aufgewachsen, als die unserer Eltern. Ich war die neue Generation.

Während meiner Zeit an der Uni war es ein wenig anders. Ich bin damals auf eine Uni in Kapstadt gegangen. Zum Glück konnte mein Vater sich das leisten, denn in Südafrika kostet das Studium. Die weißen Jugendlichen kamen aus wohlhabenden Familien, hatten Geld, eigene Autos und die schwarzen Studenten hatten meistens Stipendien. Sie kamen aus Gebieten, die arm waren. Das Studium bedeutete Hoffnung für die ganze Familie. Die schwarzen Studenten standen unter großem Druck, ihr Studium zu beenden und danach einen guten Job zu finden und die Familie zu unterstützen. Du hast den Unterschied gemerkt. Die weißen Kinder waren freier in ihren Entscheidungen. Auf dem Gymnasium hatte ich weiße und schwarze Freunde. Aber an der Uni haben sich dann doch Gruppen gebildet. In Kapstadt nicht so sehr, weil es international war. Ich hatte aber schon mehr schwarze als weiße Freunde. Meine Schwester hat in Johannesburg studiert und sie sagte, dass es da doch schon sehr in schwarze und weiße Gruppen aufgeteilt war.

Maureen: Ich hingegen habe die Zeit der Apartheid sehr wohl mitgekriegt. Ich bin ja genau in der Apartheidzeit groß geworden. Die schwarze Bevölkerung durfte sich damals nicht frei bewegen. Es gab eine Sperrstunde und man brauchte einen Arbeitspass. Ab 22 Uhr durfte man als Schwarzer nicht mehr auf der Straße sein, eine unterdrückende Macht- und Kontrollmaßnahme. Wenn jemand nach 22 Uhr auf der Straße war, wurde er auf die Polizeistation gebracht und schlimmstenfalls schikaniert, misshandelt oder verhaftet. Es war verboten sich mit jemandem zu verabreden, der eine andere Hautfarbe hatte. Auch die Wohnsituation von Schwarzen, die als Hausbedienstete von Weißen in den weißen Vororten arbeiteten, wurde streng geregelt. Sie haben getrennt im Garten, in sogenannten "Khayas" gewohnt, die heute als "Granny flat" oder "Garden flat" zumeist von Weißen bewohnt werden.

Hausangestellte waren damals auch der einzige Kontakt mit Afrikanern, den wir hatten. Wir hatten zum Beispiel eine sehr nette Frau, die uns im Haushalt half. Für Schwarze war es aber auch notwendig, solche Jobs anzunehmen, um Geld zu verdienen. Ich war damals circa neun und meine Schwester zwölf Jahre alt, als die Dame zu uns kam. Meine Mutter sagte damals ausdrücklich zu uns, dass diese Frau uns im Haushalt hilft und nicht unser Dienstmädchen für alles ist. Wir mussten im Haushalt auch mithelfen. Wir mussten bügeln und und unsere eigene Handwäsche machen. Manchmal kam es aber vor, dass sie auch unsere Sachen schnell gewaschen oder gebügelt hat, wenn meine Mutter mal nicht hingeschaut hat. Sie hatte nicht verstanden, dass wir Kinder das machen sollten, um selbständig zu sein und um es zu lernen. Wir als Kinder haben halt gesehen, dass da jemand ist, der im Haushalt mithilft. Meine Mutter war zwar ihre Chefin, aber es war kein hierarchisches Verhältnis.

Die Rassentrennung ist mir im Laufe meiner Kindheit an anderen Stellen viel stärker aufgefallen. Meine Mutter schickte unsere Haushaltshilfe oft zu einem Tante Emma Laden, der ungefähr zehn Minuten von unserem Haus aus zu erreichen war. Irgendwann sagte dann meine Mutter, dass sie bestimmt trödeln würde und mit den anderen Haushaltshilfen spricht. Also beschloss meine Mutter, mich zum Einkaufen zu schicken. Der Ladenbesitzer war ein Weißer. Ich gehe also zu dem Tante Emma Laden und der Besitzer fragt, wer als nächstes dran wäre. Ich antwortete, dass dieser Mann, ein schwarzer Mann, der vor mir da war, dran sein müsste. Und plötzlich guckten mich alle an. Auch der Afrikaner war ein bisschen beleidigt, dass ein Kind ihn verteidigt. Es gab diese klare Hierarchie: weiße Männer, weiße Frauen, weiße Kinder. Dann schwarze Männer, schwarze Frauen, schwarze Kinder. Ich hab dann meinen Mund aufgemacht und habe gesagt, dass der Mann schon lange warten würde. Der Besitzer sagte, dass mich das nicht zu interessieren hat. Ich sagte, dass das sehr wohl so sei, dass meine Mutter mich geschickt hat, weil es immer so lange dauern würde, wenn unsere Haushaltshilfe losgeschickt wurde. Und dass ich jetzt wüsste, warum das so ist. Ich habe Hausverbot bekommen (lacht). Die ganze Nachbarschaft hat mich als freches Kind bezeichnet.

Bei der Post gab es auch einen schwarzen und einen weißen Bereich. Und als dann die Trennung, das "Whites only" aufgehoben wurde, bei der Post war das schon Ende der siebziger Jahre und auch viele andere Behörden haben im Laufe der Achtziger entsprechende Maßnahmen ergriffen, stand einmal ein Mann neben mir und sagte: „Ich wünsche wir wären wieder getrennt. Ich muss hier die ganze Zeit stehen, weil vor mir eine Oma ist, die Briefmarken für die Sammlung ihres Neffen kauft. Seit Stunden steht sie dort." Es gab also verschiedene Sichtweisen und Bereiche, die das Leben der Menschen beeinflussten.

Einer der Höhepunkte der Apartheid war aber der Soweto-Aufstand 1976.

Was ist da genau passiert?

Maureen: Der Aufstand in Soweto war ein Schüleraufstand am 16. Juni 1976. Ich lernte später jemanden kennen, der dabei war. Er hatte zu der Zeit gerade sein Abi in der Tasche. In Südafrika wird man mit fünf Jahren eingeschult. Man war so 16 oder 17 Jahre alt, als man mit der Schule fertig war. Es gab damals eine Wehrpflicht für Weiße und er war damals direkt eingezogen worden. Er erzählte, dass bei den Protesten solche unerfahrenen jungen Leute direkt an der Front aufgestellt wurden und entsprechend nervös waren. Er selbst stand neben einem Freund direkt in der ersten Reihe bei den Protesten. Es gab keinen Schießbefehl, aber als die Protestierenden begannen sich zügig in ihre Richtung zu bewegen, schoss sein Freund vor lauter Panik einfach los. Dann fingen alle anderen auch an zu schießen. Schrecklich.

Samantha: Die Schüler haben damals protestiert, weil es ein Gesetz gab, das vorgab, dass alle Fächer zukünftig auf Afrikaans - die Sprache der niederländisch abstammenden Buren, die übrigens aus Südlimburg kamen - unterrichtet werden sollten. Nicht mehr auf Englisch oder in unseren Muttersprachen.

Maureen: Aber je nachdem, wo man groß geworden ist, war Afrikaans auch die Hauptsprache oder sogar Muttersprache der verschiedenen lokalen ethnischen Gruppen.

Samantha: Das mag ich so gerne an Südafrika. Es gibt so viele verschiedene Sprachen und zu jeder Sprache gehört ein Volk. Ich spreche Zulu und bin Zulu, aber wenn man nach Johannesburg oder Kapstadt geht, gibt es dort wieder andere Sprachen. Als ich in der Schule war, wurde Zulu als Zusatzfach angeboten. Ich hatte aber zum Beispiel Afrikaans als Fremdsprache bis zum Abi. Ich bin nicht gegen Afrikaans, aber es war auch meine eigene, freiwillige Entscheidung, es in der Schule zu lernen.

Gibt es noch immer Probleme in Südafrika, die die Rassenfrage betreffen?

Samantha: Natürlich. In Amerika gibt es ja auch immer noch Probleme und die Schwarzen in Amerika sind schon viel länger frei, als wir es sind. Ich glaube, dass das so eine psychologische Sache ist. Rassismus wird erlernt, man wird nicht damit geboren. Irgendwann waren die Menschen „gleichberechtigt“, aber die Grenze zwischen schwarz und weiß hat in den Köpfen der Menschen immer noch existiert. Die junge Generation hat das nicht so stark verinnerlicht. Aber ich werde nie vergessen, wie ich mit meiner Mutter auf der Straße ging und uns eine weiße Frau entgegenkam und meine Mutter ihr aus dem Weg gegangen ist. Für meine Mutter war das normal, in ihrem Kopf hatten die Weißen die Privilegien und die Rechte und ich habe mir gedacht: „Boah, was macht die da?“ Ich bin einfach anders groß geworden. Ich war mit Weißen in der Schule, ich wurde von Weißen zum Übernachten eingeladen, ich war in einer ganz anderen Welt. Und auch während dieses Gesprächs hier, merke ich gerade, dass ich so ein unglaubliches Glück habe, in einer anderen Zeit aufgewachsen zu sein, als Maureen.

Maureen: Ab 1994 hatte ich wirklich das Gefühl, dass ein Umdenken stattgefunden hat, bei den Weißen und bei den Schwarzen, dass beide Seiten wieder aufeinander zugingen. Es ging um die Zukunft und es ging um die Botschaft von Nelson Mandela, dass alle Menschen gleich sind.

Wir hatten in meiner Kindheit in der Nähe eine Familie wohnen, die fünf Kinder hatte und eines der Mädchen war bei meiner Schwester in der Klasse, ganz hellblond mit blauen Augen. Und das dritte Kind war von der Hautfarbe her sehr dunkel. Und das erste, was passierte, war natürlich, dass die Gerüchteküche brodelte, und dass erzählt wurde, dass die Mutter etwas mit dem Gärtner hatte. Diese Familie ist dann auch weggezogen, weil sie es nicht ausgehalten hat. Dabei war es gar nicht so unüblich, dass die Vorfahren sich Andersfarbige als Partner suchten und das genetisch durchaus ein paar Generationen weiter sichtbar werden konnte.

Samantha: Es gehen einem heute immer verschiedene Situationen durch den Kopf, wenn man sich an bestimmten Orten befindet und sich fragt, ob man willkommen ist oder sich unwohl fühlen müsste, aber bisher ist keine solcher Situationen eingetreten. Ich fühle mich hier in Deutschland wohl.  

Welche Art von Widerstand gab es damals gegen die Apartheid?

Maureen: Mein ganzer Studiengang, ich habe Sozialwissenschaften studiert, war absolut dagegen. Wir haben protestiert und Märsche gehabt. Auf dem Campus gab es oft Versammlungen, aber auch Treffen in der Stadt. Damals gab es sehr lange karnevalsähnlichen Umzüge durch die Stadt Durban. Das hieß bei uns Rag. Dabei gab es in Wort und Bild witzige politische Statements gegen Apartheid, aber im Gegensatz zu Deutschland, wo man Bonbons wirft, haben wir damals Geld gesammelt. Für die arme Bevölkerung haben wir dadurch sehr viel Geld sammeln können. Viel Geld ist damals auch von weißen Firmen und Mitarbeitern für den Rag geflossen, um gegen die Apartheid zu agieren. Es war also nicht so, dass alle Weißen für die Apartheid waren. Besonders die Menschen aus der Mittelschicht und diejenigen, die nicht viel hatten, haben sich für die leidende Bevölkerung eingesetzt.  

Hattest du damals mit Vorurteilen zu kämpfen, als du in den 1980er Jahren nach Deutschland kamst, Maureen?

Maureen: Vorurteile gab es ganz klar. Oft hieß es: "Weiße Südafrikanerin – du bist eine weiße Rassistin." Ich wollte immer erzählen, wer ich war und dass ich auch gegen die Apartheid war, aber niemand wollte mir so richtig zuhören. Sie dachten, sie wüssten schon alles über mich durch die Medien.

Wie war es für dich, Samantha, als du nach Deutschland gekommen bist?

Samantha: Damals war es auch sehr schwer für mich. Als ich nach Deutschland kam, hat die Familie meines Partners nicht verstanden, warum er sich nicht eine deutsche Frau ausgesucht hat. Es gab Kommunikationsschwierigkeiten, ich konnte ja kein Deutsch. Es war so eine Veränderung für mich, diese ganze Bürokratie und der Papierkram. Das hat mich manchmal verrückt gemacht. Für mich und meine afrikanische Pünktlichkeit war es nicht gerade einfach, als ich nach Deutschland kam…(lacht)

Offiziell endete die Zeit der Apartheid 1994, doch noch immer haben die Menschen mit den sozialen und gesellschaftlichen Konsequenzen zu kämpfen. Auf der einen Seite befindet sich das Land in einem wirtschaftlichen Aufschwung, andererseits steigen nach wie vor die Armut und Korruption im Land.

 


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