Ich bin in der Ukraine geboren und aufgewachsen. Mein Leben lang habe ich Nachrichten vor allem aus meinem Heimatland konsumiert. Afrika? Selten erregte es meine Aufmerksamkeit und wenn doch, dann nur als Schlagzeilen: DĂĽrre, Hunger, Konflikte. Diese Meldungen flogen in mein Ohr und gleich wieder hinaus. Die Welt dort schien weit weg, fremd, nicht mein Problem.
Alles änderte sich, als der Krieg Russlands gegen die Ukraine mein Leben auf den Kopf stellte. Auf der Suche nach Sicherheit zog ich mit meiner Familie nach Deutschland und begann schließlich meine Arbeit bei missio Aachen, die sich mit hunderten Projekten und Initiativen in Afrika engagiert. Plötzlich war Afrika kein fernes, abstraktes Land mehr. Es war Teil meines Alltags. Ein Bischof aus dem Kongo, ein weiterer aus Nigeria, eine Ordensschwester aus Ghana, ein Abt aus Burkina Faso – sie gehen durch die Flure, führen Gespräche. Oder eine Delegationsgruppe, die in der Kantine ihre Mittagspause macht.
Der Tag beginnt jetzt oft mit Nachrichten von afrikanischen Ländern, und wie missio-Projekte in fast 30 afrikanischen Ländern den Menschen vor Ort helfen.
Manchmal trifft einen die Realität wie ein Schlag: Kinder in Nigeria, die aus katholischen Schulen entführt werden; ein Vater, der an einem Herzinfarkt stirbt, verzweifelt um seine Kinder; Mädchen und Frauen im Südsudan, die unter dem internen bewaffneten politischen Konflikt und Gewalt leiden, oder Kinder und Babys aus Benin, die wegen Hexereivorwürfen getötet wurden.
Moderne Sklaverei und Vertreibung, unzählige hoffnungslose Augen von Menschen, die dort ums Überleben kämpfen – all das scheint ein unlösbares, von Menschen verursachtes Inferno zu sein.
Doch selbst in dieser Dunkelheit gibt es Hoffnung: Menschen, die sich weigern, Ungerechtigkeit hinzunehmen.
Im ersten Jahr meiner Arbeit traf ich beeindruckende Frauen, unsere Partnerinnen aus Afrika. Schwester Mercy Benson aus Ghana und ich reisten nach Brüssel ins Europäische Parlament. Im Europäischen Parlament präsentierte sie dem Abgeordneten Peter Liese ein missio-Recyclingkreuz aus Agbogbloshie, der größten Elektroschrottdeponie der Welt. Schwester Mercy sprach über den illegalen Export europäischer Elektroschrotts nach Ghana – ein Geschäft, das Tausende Menschen krank macht. Kinder dort wachsen zwischen alten Kabeln, giftigen Geräten und Hunger. Tausende leben in wirtschaftlicher Knechtschaft.
Die andere Schwester war Tseghereda Yohannes Ghebremedhin aus Eritrea, Generalsekretärin der Bischofskonferenz und gleichzeitig promovierte Molekularbiologin. Unter anderem setzt sie sich für die Rechte der Frauen in der Kirche ein, die historisch patriarchalisch geprägt ist. „Die katholische Kirche lebt dank der Ordensschwestern, ihrem Mut und ihrem Einsatz. In Afrika tragen sie drei Viertel aller pastoralen Aufgaben“, sagte sie. „Wären mehr Frauen in Führungspositionen, könnten manche Kriege vermieden werden. Die Zeit zum Wandel ist gekommen“.
Das Leben hat mir eine Lektion erteilt: Wir sind alle miteinander verbunden. Wenn es an einem Ende der Welt Leid gibt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis wir mit den Folgen unserer GleichgĂĽltigkeit konfrontiert werden.
Der Afrikatag , der jedes Jahr am 6. Januar begangen wird – initiiert vor über 130 Jahren von Papst Leo XIII., um den Kampf gegen die Sklaverei in Afrika zu unterstützen –, bedeutet für mich heute mehr als ein Datum im Kalender: Er ist ein Schritt näher an einer Welt, in der wir nicht wegsehen, sondern Mitgefühl, Solidarität und Gerechtigkeit leben.
Afrika ist nicht mehr fern. Zumindest nicht für mich. Es ist hier – und es liegt in unserer Verantwortung wie in unserer Chance, Menschlichkeit zu üben.
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