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„Als die Kamera zur Zeugin des Hexenwahns wurde“

Eine Frau betrachtet aufmerksam Fotografien an einer Ausstellungstafel. Die Bilder zeigen emotionale Szenen zwischen Menschen, während sie einen intimen Moment teilen. Die Tafel ist in einem hellen Raum mit farbigen Wänden platziert.
Die Fotografin Bettina Flitner betrachtet Aufnahmen ihrer Reise nach Papua-Neuguinea im Jahr 2019. Eines der Bilder zeigt Schwester Lorena mit Teno, einer Frau, die nach Folter infolge von Hexereivorwürfen gerettet wurde. Wenige Stunden später starb sie an ihren Verletzungen.

Die Fotografin Bettina Flitner über die Macht der Bilder

Bettina Flitners Kamera hat vieles gesehen: Angela Merkel und Alice Schwarzer, die sexuelle Ausbeutung von Kindern durch europäische Sextouristen in Thailand und die rassistischen Ausschreitungen der Nachwendezeit in Ostdeutschland. 

Doch eine Reise mit missio Aachen nach Papua-Neuguinea im Jahr 2019 lässt die Kölner renommierte Fotografin bis heute nicht los.

In einem tief im Dschungel verborgenen Dorf, mehr als 13.000 Kilometer von Deutschland entfernt, wurde sie Zeugin einer Szene, die an die dunkelsten Kapitel europäischer Geschichte erinnert – Hexenverfolgung. Eine Frau namens Teno war der Hexerei beschuldigt worden. Männer folterten sie mit glühenden Eisenstangen und Macheten. Noch in derselben Nacht starb sie an ihren Verletzungen. 

„Das war schockierend und das habe ich noch nicht erlebt“, sagt die 64-jährige Bettina Flitner, die seit fast drei Jahrzehnten Projekte des katholischen Hilfswerks missio Aachen mit ihren Bildern dokumentiert. „Das hat mich sehr mitgenommen“.

Seitdem wurden Fotos dieser Reise zu Schlüsselbildern der missio-Kampagne gegen Hexenwahn. Oft, sagt Bettina Flitner, erzählen Bilder eben „mehr als tausend Worte“. 

„Man kann viel schreiben, aber glaubwürdig wird es oft erst, wenn ein Foto dazu kommt“, sagt sie.

In diesem Jahr kehrte die Fotografin nach Papua-Neuguinea zurück. Dort besuchte und fotografierte sie die Schweizer Ordensschwester Lorena Jenal. Die 76-Jährige lebt seit fast fünf Jahrzehnten im Hochland des Inselstaates und kämpft gegen ein archaisches Phänomen, das jedes Jahr Frauen das Leben kostet. In diesem Land stirbt alle zwei Tage eine Frau infolge von Hexereivorwürfen. In den vergangenen 20 Jahren wurden rund 3.000 Frauen Opfer solcher Anschuldigungen.

Flitners Fotografien aus Papua-Neuguinea, die 2019 für missio entstanden, lösten eine Welle der Solidarität aus. Mit den Spenden konnte Schwester Lorena Jenal 2021 das Schutzzentrum „Haus der Hoffnung“ eröffnen. Mehr als 420 Frauen hat sie bereits vor Gewalt, Hexenverfolgung und dem Tod bewahrt.

Als Bettina Flitner im Januar nach Papua-Neuguinea zurückkehrte, erwartete sie ein bewegender Moment: „Das war für mich jetzt so besonders schön, die Früchte unserer Arbeit zu sehen.“ 

Mutige Schwester

Schwester Lorena trägt ihr Handy stets bei sich. Sie kennt die Bedeutung eines solchen Anrufs. Am anderen Ende der Leitung berichtet jemand, dass eine Frau der Hexerei beschuldigt wurde. Dann beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Oft liegen zwischen der ersten Warnung und tödlicher Gewalt nur wenige Stunden.

In Papua-Neuguinea genügt manchmal eine Krankheit, eine Missernte oder ein unerwarteter Todesfall, um eine Dorfgemeinschaft in Angst und Misstrauen zu versetzen. Aus der Suche nach einer Erklärung wird die Suche nach einer Schuldigen. Fast immer trifft der Verdacht eine Frau. Für Schwester Lorena zählt dann jede Minute. Ob der Notruf sie am Tag oder mitten in der Nacht erreicht, ob das betroffene Dorf nur wenige Kilometer oder mehrere Stunden entfernt liegt – sie macht sich auf den Weg. Für ihren Einsatz zur Rettung verfolgter Frauen wurde die Ordensfrau selbst mehrfach bedroht. Männer hielten ihr Messer an den Hals, andere nannten sie die „Oberhexe“. Aufgehalten hat sie das nie.

Die Ordensfrau fährt auch von Dorf zu Dorf, spricht mit Familien, Dorfältesten und Beschuldigten, vermittelt, widerspricht Gerüchten und versucht, Gewalt zu verhindern.

„Schwester Lorena ist eine besondere Frau – klug, tatkräftig, irgendwo auch gerissen, damit sie das alles hinkriegt“, sagt Bettina Flitner.

Was die Fotografin besonders beeindruckt, ist die Nähe, die Schwester Lorena zu den Menschen aufbaut. Sie berührt ihre Hände, umarmt sie, hört zu. „Es ist jemand, der sofort ein Band zwischen ihr und den anderen Menschen spinnen kann. Und das Band hält auch über Kontinente hinweg“, sagt die Fotografin.

Inzwischen genießt Schwester Lorena für ihre Arbeit in vielen Regionen des Landes hohes Ansehen. Kinder werden nach ihr benannt. 

„Es gibt mittlerweile dort schon 80 kleine Lorenas“, lächelt Bettina Flitner.

Eine Person steht neben einem Plakat mit dem Text "Gemeinsam gegen Aberglaube und Gewalt" und zeigt auf eine Darstellung einer weiteren Person. Hintergrund ist eine schwarz-weiß-Fotomontage.

Hinter der Linse

Wie fühlt man sich, wenn man fotografiert in einem Moment, in dem ein Mensch leidet? Ist es schwierig, sich davon abzuhalten, impulsiv einzugreifen, um jemanden zu schützen, der vor den Augen anderer gefoltert oder getötet wird?

Flitner beschreibt die Kamera als etwas, das zugleich Schild, aber auch Verantwortung schafft.

„Die Kamera ist noch zwischen mir und dem Geschehen. Das gibt ein bisschen Sicherheit und Abstand,“ erklärt die Fotografin.

Sie versteht ihre Arbeit nicht als Kunst um der Kunst willen, sondern als Zeugenschaft. Und das, sagt sie, ist wichtiger: „Wenn ich solche Momente fotografiere, lege ich Zeugnis über das ab, was geschieht. Andere Menschen erfahren, was dort wirklich passiert. Und vielleicht bewegt es sie, zu helfen.“ 

Eine Frau betrachtet aufmerksam eine Ausstellung mit historischen Fotografien und Texten über ein Dorf. Im Hintergrund sind alle Bilder von ländlichen Szenen und historischen Stätten umgeben. Der Fokus liegt auf der Frau, die den Informationen interessiert lauscht.
Das für Bettina Flitner persönlich bedeutendste Bild zeigt weder Täter noch Opfer. Zu sehen sind lediglich der Ort der Folter und die zurückgebliebene Asche. Gerade diese mache das Ausmaß der Gewalt sichtbar.

Warum Wandel Zeit braucht

Der Wandel kam nicht über Nacht. Frauen mussten über Generationen hinweg für ihre Rechte kämpfen, Missstände benennen und gegen Strukturen aufbegehren, die lange als unveränderlich galten. In Papua-Neuguinea steht ein ähnlicher Prozess noch am Anfang. In einem Land, in dem Hexereivorwürfe noch immer Menschenleben kosten, sind dies die ersten Spuren einer Bewegung, die langsam sichtbar wird.

Bettina Flitner erinnert an die Feministinnen in Europa der 1970er Jahre, die häusliche Gewalt, sexuellen Missbrauch und patriarchale Strukturen erstmals öffentlich machten. „Das waren damals alles Tabuthemen.“ Und die Veränderungen seien nicht von selbst gekommen.„Die Frauen haben angefangen zu kämpfen. Sie haben Missstände benannt,“ sagt sie.

Auch die Arbeit von Schwester Lorena erkennt die Fotografin als Teil einer ähnlichen Entwicklung: Traumatherapie, Gesprächskreise, gegenseitige Unterstützung und öffentliche Proteste gegen Gewalt von Papua-Frauen.

„Im Grunde tut Schwester Lorena heute etwas, das an die frühen Frauenbewegungen in Europa erinnert.“ Der Weg sei lang: „Wir haben viele Jahre Patriarchat hinter uns. Veränderungen passieren nur in kleinen Schritten.“

In manchen Dörfern ziehen heute Frauen mit selbst gemalten Schildern durch die Straßen. Darauf stehen Sätze wie: „Keine Gewalt gegen Frauen und Kinder“ oder „Es gibt keine Hexen“. 

„Das ist die Frucht dieses Selbststärkung Prozesses, dass die Frauen sich überhaupt trauen, in so ein Dorf zu gehen, wo die Männer mit den verspiegelten Sonnenbrillen und den Buschmessern stehen und denen die Schilder ins Gesicht halten”, sagt Bettina Flitner. „Das ist ein unglaublicher Mut.”


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