Als ich zum ersten Mal nach Afrika reiste
Mein Abreisetermin rückte immer näher. Körperlich war ich noch in Aachen, doch in Gedanken befand ich mich schon über 5.000 Kilometer entfernt an der Atlantikküste Ghanas in Westafrika.
Ich war noch nie in Afrika gewesen. Und nun sollte ich dorthin reisen, zu einer von missio unterstützten Konferenz in Kumasi. Dort würden mehr als 200 Ordensfrauen, Brüder, Priester und Bischöfe aus 15 Ländern zusammenkommen.
Nachts hatte ich vor der Reise einige Mal Träume von diesem Ort, von etwas, das ich nie gesehen hatte. Ordensschwestern sprachen zu mir und ich spürte Hitze. Sah Palmen im Gegenlicht. Doch ob ich tatsächlich reisen könnte, da hatte ich noch Zweifel. Als Ukrainerin, die in Deutschland lebt und für missio arbeitet, wusste ich nicht, ob mein Visum rechtzeitig kommen würde. Und die Zeit lief ab.
„Wenn du jetzt schon davon träumst, wird es passieren“, sagte eine Kollegin einmal ganz ernsthaft beim Mittagessen.
Eine Woche später saß ich glücklich im Flugzeug mit einem schief in den Reisepass geklebtem Visum. Mein Impfpass, Moskitonetz, „Anti Brumm“-Spray, Tabletten zur Malariaprophylaxe, sieben-Tage-eSIM-Karte waren bereit: Ich ging im Kopf die Liste der Dinge durch, die ich unbedingt in Ghana dabei haben musste.
Start in Brüssel. Die Metropole verschwand unter Wolken und Regen. Spanien, Mittelmeer. Dann kam die Sahara-Wüste. Stundenlang, rund 1.300 Kilometer, änderte sich nichts. Nur Sand und Schatten von kleinen Wolken.
Als wir mit dem Sinkflug begannen, war es bereits dunkel. Unter uns erschien Accra, die Hauptstadt Ghanas, wie ein Sternenmeer – riesig und leuchtend. Als ich aus dem Flugzeug stieg, schlug mir die Hitze des Abends ins Gesicht und erfüllte meine Lungen. In Europa waren es fünf Grad gewesen, hier waren es dreißig.
„Yeah, girl, that's Africa“, sagte die Frau hinter mir lächelnd.
Weg nach Kumasi
Am nächsten Tag verließen meine Kollegin und ich Accra nach Kumasi, unserem Zielort, das als kulturelles Herz Ghanas und historische Hauptstadt des Ashanti-Reiches gilt. Die sechsstündige Fahrt ins Landesinnere verbrachten wir in einem Bus voller Ordensschwestern aus verschiedenen Ländern – ein lebhaftes Durcheinander aus Sprachen, Lachen, Geschichten und Witzen.
So wie wir von der Hitze überrascht waren, ging es auch manchen afrikanischen Schwestern, da es zugleich sehr heiß und feucht war. Die Regenzeit stand kurz bevor.
Ich saß mitten unter ihnen und konnte kaum glauben, dass ich wirklich hier war. Hier, in Afrika.
Draußen wechselte die Landschaft unaufhörlich: rote Erde vor dichtem Grün, Kakaobäume, blühende Pflanzen. Nach Monaten des Winters in Deutschland – einer Palette grauer Farbtöne – wirken die Farben fast übermäßig, als wäre die Welt neu justiert worden.
Spuren des illegalen Goldabbaus
Später erklärte mir Schwester Lucy aus Ghana, dass die starke Rotfärbung der Erde tatsächlich ein schlechtes Zeichen sei. Sie sei die Folge des massiven Problems des „Galamsey“ – des illegalen Goldabbaus in Ghana, der weltweit sechstgrößte Goldproduzent. Zehntausende graben unreguliert nach dem begehrten Metall, oft unter Einsatz von Quecksilber und anderen Chemikalien. Die Folgen sind unsichtbar und verheerend: Schwermetalle gelangen in Flüsse und Böden, sickern in Nahrung und Trinkwasser. Was hier gefördert wird, kehrt in den Körpern der Menschen zurück und endet nicht selten in schleichender Vergiftung, in zerstörten Organen, in Nierenversagen.
Auch schwere Lungenschäden nehmen derzeit rapide zu, so Schwester Ursula Maier, gebürtige Deutsche, die seit 17 Jahren in Ghana lebt und als Kinderärztin in einem der Krankenhäuser im Norden Ghanas arbeitet. „Wir haben noch nie so viele Fälle gesehen wie jetzt“, sagte sie.
Während der Reise war ich auch ein wenig schockiert, wie riesig der Unterschied zwischen reichen und armen Menschen ist. An einer Stelle sieht man einen Ferrari vor einem fünf Meter hohen Zaun mit Stacheldraht parken, hinter dem ein Teil der Villa zu sehen ist. Nach nur einer kurzen Autofahrt ist das Bild verheerend: Eine Frau sitzt am Straßenrand, drei Kinder an ihrer Seite, die Hand ausgestreckt. Das jüngste, kaum ein Jahr alt, läuft barfuß im Staub, in ein T-Shirt gehüllt, und spielt mit Steinen.
Frauen jeden Alters trugen hohe Lasten auf dem Kopf – Wasser, Lebensmittel, Waren zum Verkauf – und bewegten sich mit einer Ruhe, die auffällt.
Schließlich erreichen wir Kumasi. Der Bus passiert ein schlichtes Schild: „Christian Village“ – „Christliche Siedlung“. Dahinter öffnet sich ein eigener Kosmos: fast eine Stadt in der Stadt, mit Schule, Wohnheimen, Exerzitienhaus und Konferenzsaal. Kinder in überwiegend grünen Uniformen halten inne und verfolgen unsere Ankunft neugierig.
Die Sonne, so groß und schön in dieser Region, hatte es eilig, unterzugehen.
Konferenz: Neue Herausforderungen für das Ordensleben in Afrika
Der Morgen am nächsten Tag war voller Vorfreude auf den Beginn der dreitägigen Konferenz „Consecrated Life for Transformation”. Verhandelt wurde auch ein heikles Thema: wirtschaftliche, spirituelle und sexualisierte Gewalt gegen Ordensschwestern innerhalb der Kirche. Noch einmal prüfte ich meine Ausrüstung: Kamera, Stativ, Mikrofon.
Der Konferenzsaal war voller Ordensleute. Die Kopfbedeckungen der Schwestern von Togo, Ghana, Benin, Burkina Faso, Senegal, Sierra Leone, Gambia, Senegal und andere Länder variierten in der Farbe von Dunkelgrau über Blau bis Gelb und Weiß je nach Ordenszugehörigkeit, Traditionen oder Kongregation.
Rede für Rede vertiefte ich mich in das Problem, über das hier in Afrika noch vor wenigen Jahren kaum gesprochen wurde, ein Tabu. Bischöfe und Betroffene saßen im selben Raum, hörten einander zu, erkannten an, was lange verdrängt worden war.
„Im Kern jeder Form von Missbrauch steht ein Ungleichgewicht von Macht und allzu oft ist es das Schweigen, das ihn fortbestehen lässt“, sagte Schwester Rejoice Enyonam Hoedoafia. „Wir sind dazu berufen, Räume zu schaffen, in denen spirituelles Wachstum und menschliche Würde geschützt sind – und das muss auch uns selbst einschließen“.
Was mir am meisten im Gedächtnis haften bleibt, war ein Gefühl gemeinsamer Präsenz, besonders unter den Frauen. Eine Solidarität, die in vielen kleinen Momenten gelebt wurde. Es fühlt sich an wie ein unsichtbares Netz, aus dem etwas Größeres hervorgeht, das Gefühl, dass wir gemeinsam etwas verändern können.
Aber nicht nur unter den Schwestern, auch viele religiöse Männer gehören zu denen, die Veränderungen wollen. Eines Abends sprach ich mit Pater Jean Messingue.
„Mein Traum ist es“, sagte er, „in den nächsten zehn Jahren mindestens fünfzig Ordensfrauen zu Psychologinnen auszubilden. Wenn Schwestern ausgebildet sind, werden sie in diesem Bereich führend sein: in der Begleitung von Betroffenen, in der Intervention und in der Prävention.“
Aus der Solidarität der Frauen kann etwas Großes wachsen
Am letzten Tag nahmen wir an einer Messe in einer Basilika in Kumasi teil. Die Kirche war voll von Ordensschwestern, Familien und Kindern. Eine Frau trat nach vorne und begann zu singen. Ihre Stimme war klar, kraftvoll, beinahe überwältigend in ihrer Präzision. Sie erfüllte den Raum mühelos.
Während ich dort saß, kam in mir plötzlich – ohne Vorwarnung – ein Gefühl auf, das ich nur als Dankbarkeit beschreiben kann. Nicht für etwas Konkretes, sondern für die Nähe zu diesen Menschen, zu einem Ort, zu einer Wirklichkeit, die ich zuvor nur bruchstückhaft gekannt hatte.
Später, als wir uns verabschiedeten, umarmte mich Schwester Theodora. „Aber wirst du wiederkommen?“ fragte sie. „Wenn Gott es will“, antwortete ich.
Stunden später stand ich, als Nicht-EU-Bürgerin, in Brüssel in der Schlange zur Passkontrolle.
„Was ist der Zweck Ihres Besuchs?“, fragte der Beamte.
So routiniert die Frage klang, brachte sie mich dennoch ins Zögern. Seit vier Jahren lebe ich wegen des Krieges in der Ukraine mit meiner Familie in Deutschland. Der Begriff „Zweck“ schien plötzlich zu eng für das, was hinter mir lag. Ich hielt kurz inne, dann sagte ich: „Ich komme nach Hause zu meiner Familie und zu meiner Arbeit.“
Und doch war ein Teil von mir noch zwischen Kumasi, Sonne und Freude, und dem Leben, in das ich zurückkehrte, unterwegs.
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