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Q&A mit missio-Partner George Akroush: Christen in Gaza zwischen Krieg und Hunger

Die Lage im Gazastreifen hat ein bislang nie dagewesenes Ausmaß erreicht. Jeden Tag sind Zivilisten vom Tod bedroht – sei es durch militärische Angriffe oder die verheerenden Folgen von Hunger. Auch die kleine christliche Gemeinde in Gaza bleibt von den Kriegsfolgen nicht verschont. George Akroush, Direktor des Projektentwicklungsbüros beim Lateinischen Patriarchat von Jerusalem und langjähriger missio-Partner, gewährt einen direkten Einblick in das Leben der Christen in einem der dramatischsten Kriegsgebiete der Welt.

Ein lächelnder Mann mit Brille trägt einen dunkelblauen Anzug und ein helles Hemd. Der Hintergrund ist weiß, was den Fokus auf die Person lenkt.
George Akroush

1. Wie ist die aktuelle Lage der christlichen Gemeinde in Gaza, angesichts der anhaltenden militärischen Eskalation?

Unsere Menschen in Gaza beschreiben eine äußerst dramatische und herzzerreißende Realität. Die Zivilbevölkerung leidet weiterhin unter Bombardierungen, Vertreibung sowie einem akuten Mangel an Nahrung, Medikamenten und Strom. In den vergangenen Tagen hat die israelische Armee begonnen, Häuser nur wenige hundert Meter von unserem Komplex entfernt zu zerstören – offenbar als Vorbereitung auf eine bevorstehende Bodenoperation. Die Straßen innerhalb unseres Komplexes sind zu schmal für Panzer oder große Militärfahrzeuge, dennoch versetzen die nahe gelegenen Abrisse die Familien in ständige Angst und Sorge. Ich stehe täglich in Kontakt mit ihnen, und das Ausmaß der Verzweiflung ist sehr hoch.

2. Gab es in letzter Zeit Angriffe auf die christliche Gemeinde in Gaza und im Westjordanland?

Die christliche Gemeinschaft in Gaza, obwohl klein, hat Verluste erlitten, leidet unter Schäden und großer Unsicherheit. Jeder Tag ist ein Überlebenskampf. Gleichzeitig ist es wichtig zu betonen, dass auch die Situation im Westjordanland extrem schwierig ist und von den internationalen Medien häufig kaum berichtet wird. Wir erleben derzeit, was viele als die schlimmste Phase der jüngeren Geschichte betrachten: Rekordarbeitslosigkeit, neue israelische Einschränkungen und das Auftreten der sogenannten „neuen Armen“ – Familien, die zuvor nie humanitäre Hilfe in Anspruch genommen haben und nun die Kirche um die grundlegendsten Dinge bitten. Die israelische Regierung scheint entschlossen, die Kontrolle über weite Teile des Westjordanlands, einschließlich Bethlehem, wiederherzustellen, was die Isolation dieser Stadt von anderen palästinensischen Städten verschärfen könnte. Dies setzt christliche Familien enorm unter Druck, die ohnehin sozial und wirtschaftlich stark belastet sind. Hinzu kommt, dass die palästinensische Regierung derzeit in ihrer schwächsten Phase ist, was radikalen Gruppen Raum für Rekrutierung und Mobilisierung verschafft – besonders schlechte Nachrichten für die Christen.

3. Sehen Sie bereits konkrete Schritte Israels, um die Kontrolle über Gaza-Stadt zu übernehmen? Und könnten die derzeitigen Proteste in Israel gegen die Eskalation Einfluss haben?

Wir beobachten konkrete Schritte Israels, die auf Vorbereitungen zur stärkeren Kontrolle von Gaza-Stadt hindeuten. Die jüngsten Hauszerstörungen und die Intensivierung militärischer Operationen stehen in diesem Zusammenhang. Was die Proteste in Israel betrifft, so sind sie ein wichtiger Ausdruck des Dissenses, haben bisher jedoch die militärische Vorgehensweise der Regierung nicht verändert. Die Trump-Administration hat diese gefährliche Regierung blind unterstützt, selbst als sie sich aus den jüngsten Verhandlungen zur Freilassung der Geiseln zurückgezogen hat und die gesamte Entscheidung den radikalen israelischen Ministern überließ. Unsere Menschen in Gaza und im Westjordanland spüren die gravierenden Konsequenzen dieser Entscheidungen im Alltag.

4. Was wurde in den vergangenen Monaten unternommen, um die christliche Gemeinschaft in Gaza zu unterstützen?

Trotz der extrem schwierigen Umstände ist es uns in den vergangenen Monaten gelungen, vier humanitäre Konvois zu unserem Komplex in Gaza zu liefern; ein fünfter ist derzeit unterwegs. Diese Lieferungen brachten Lebensmittel, Medikamente und grundlegende Güter, die das Überleben der Familien sichern. Jede Lieferung ist eine Lebensader – nicht nur für die christliche Gemeinschaft, sondern auch für ihre Nachbarn. Auch im Westjordanland werden unsere Pfarreien zunehmend zu Zentren der Hilfe, die Familien unterstützen, die nie gedacht hätten, dass sie darauf angewiesen sein würden. Diese wachsende Abhängigkeit verdeutlicht sowohl das Ausmaß der Krise als auch die entscheidende Rolle der Kirche als Leuchtturm der Hoffnung.

Wir bitten unsere Gläubigen weltweit, die Jerusalemer Kirche weiterhin zu unterstützen, bevor es zu spät ist und keine Christen mehr in ihrem Heimatland verbleiben.


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