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„Die gesamte Bevölkerung befindet sich in einem dramatischen Ausnahmezustand“

Indien wurde von einer zweiten Welle der Covid-19-Pandemie erfasst - weit schlimmer als im vergangenen Jahr. Romina Elbracht ist stellvertretende Leiterin der missio-Auslandsabteilung und hat selbst in Indien gelebt. Im Interview schildert sie die momentane Situation im Land und erklärt, was die Gründe für die katastrophalen Zustände sind.

Wie ist die aktuelle Lage in Indien einzuschätzen?

Die offiziellen Zahlen der Neuinfektionen in Indien sind aktuell gesunken, nichtsdestotrotz ist diese Meldung mit Vorsicht zu genießen, die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher sein. Das liegt vor allem an den nicht getesteten positiven Covid-19-Fällen, die in den Statistiken nicht auftauchen. In Indien wohnen 1,3 Milliarden Menschen. Es ist eine Mammutaufgabe, alle Bürgerinnen und Bürger mit Tests und Impfungen zu versorgen. Hinzu kommt das Fehlen eines funktionierenden Gesundheitssystems und entsprechender Lockdown-Maßnahmen im ersten Quartal 2021 im Gegensatz zu März 2020, wo in Indien der „strengste Lockdown der Welt“ verhängt worden war.

Was berichten unsere Partnerinnen und Partner über die Zustände im Land?

Die Situation ist auch für unsere Partnerinnen und Partner besonders schwer und wir bleiben im regen und engen Kontakt. Uns erreichen Nothilfeanträge für die besonders vulnerable Bevölkerung. Darüber hinaus berichten sie von ihrer finanziell besonders schwierigen Lage in diesen Zeiten, den geschlossenen Schulen und den ausbleibenden Einnahmen. Zum Teil sind kirchliche Einrichtungen von der Regierung zu Quarantäne-Stationen gemacht worden (z.B. das Pastoralzentrum in Tura). An dieser Stelle möchte ich gerne auf das domradio-Interview meiner Kollegin und Indien-Referentin Bettina Leibfritz     zu dem Thema verweisen.

Wer leidet besonders unter der jetzigen Situation?

Die gesamte Bevölkerung befindet sich in einem dramatischen Ausnahmezustand. Die verzweifelten Bitten nach Sauerstoff, der wie Krankenhausbetten, Tests und Impfmöglichkeiten in Indien bislang rar ist, in den sozialen Medien sind herzzerreißend und stehen sinnbildlich für den aktuellen Zustand. Die besonders vulnerable Bevölkerung und dazu gehören Tagelöhnerinnen und Tagelöhner sowie Wanderarbeiterinnen und Wanderarbeiter leiden in diesen Monaten besonders. Schon im vergangenen Jahr klagten sie, dass „wenn der Virus sie nicht umbringt, es der Hunger definitiv tun werde“.
Wenn allein Delhi mit seinen modernen Krankenhäusern (öffentlich und privat) zusammenbricht, können wir uns vorstellen, was in Dörfern in Bihar, in Uttar Pradesh oder Madhya Pradesh passiert. Dort, wo Hunderttausende Wanderarbeiterfamilien, potenzielle Virustragende, aus den Städten nach Hause fliehen, traumatisiert durch die Erinnerung an Premierminister Modis nationalen Lockdown von vor einem Jahr, der nur mit vier Stunden Vorlaufzeit angekündigt worden war und diesen Teil der Bevölkerung in den Städten stranden ließ, ohne Arbeit, ohne Geld für die Miete, ohne Essen und ohne Transportmöglichkeiten. Viele mussten Hunderte von Kilometern zu ihren Häusern in weit entfernten Dörfern laufen. Viele starben auf dem Weg dorthin.

Krankenschwestern versorgen in einem indischen Krankenhaus einen Patienten, der an Covid 19 erkrankt ist. Foto: Projektpartner / missio
Ein Patient in einem Krankenhaus in Indien.

Gelingt es der Regierung, die Ausbreitung des Coronavirus wieder einzudämmen?

Das kann man leider noch nicht sagen. Ärzte und medizinisches Personal sind am Rande der Belastbarkeit. Menschen schildern ihre Erfahrungen auf Stationen ohne Personal und mit mehr toten als lebenden Patienten. Menschen sterben in den Krankenhausfluren, auf den Straßen und in ihren Häusern. Den Krematorien in Delhi ist das Brennholz ausgegangen. Die Forstbehörde musste eine Sondergenehmigung für das Fällen von Stadtbäumen erteilen. Verzweifelte Menschen benutzen jedes Brennholz, das sie finden können. Parks und Parkhäuser werden zu Feuerbestattungsplätzen umfunktioniert.

Indien hatte das Virus gut im Griff. Wie konnte es zu dieser schlimmen Situation kommen?

Nachlässigkeit hat in Indien zu der aktuellen Situation geführt. Hinzukamen riesige Wahlveranstaltungen im Vorfeld der Bundestaatswahlen in Westbengalen, einem politisch besonders umkämpften Bundesstaat, wo die Regierungspartei BJP ein Zeichen setzen wollte, was ihr letztlich nicht gelang. Das Kumbh Mela-Fest, eines der wichtigsten hinduistischen Feste, das zum Superspreader-Event avancierte und bei dem Hundertausende hinduistische Pilger ohne Maske zusammenkamen, wurde von Regierungsseite zugelassen.

Welche Hilfe, auch aus Deutschland, ist jetzt nötig?

Weltweite Solidarität mit Indien ist jetzt wichtig. So hat Deutschland angesichts der indischen Coronakrise eine erste Hilfslieferung geschickt. Sauerstoff wird prioritär gebraucht. Die Bundeswehrlieferung umfasste 120 Beatmungsgeräte, Medikamente sowie Personal für den Aufbau einer Sauerstoffanlage. Darüber hinaus gilt es für uns nun solidarisch an der Seite unserer Partnerinnen und Partner zu stehen, sie zu unterstützen und in unser Gebet aufzunehmen.

Helfen Sie den Menschen in Indien!


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