missio-Partner aus Libanon: „Die Kirche ist zu einem Zufluchtsort für alle geworden“
Die Lage im Libanon hat sich in den vergangenen Tagen dramatisch verschärft. Innerhalb weniger Tage wurden nach Schätzungen humanitärer Organisationen mehr als 150.000 Menschen neu vertrieben.
Über die aktuelle Situation, die Rolle der Kirche und die Sorge um die Zukunft des Landes spricht Michel Constantin, Regionaldirektor von CNEWA/Pontifical Mission in Beirut.
Wie hat sich die Lage in den vergangenen Tagen verändert, und was erleben Sie derzeit vor Ort?
Die Lage im Libanon hat sich in den vergangenen Tagen dramatisch zugespitzt. Auf eine massive Eskalation der Gewalt am Wochenende folgte am 1. Juni 2026 die Ankündigung einer von den USA vermittelten, begrenzten Waffenruhe. Dennoch bleibt die Situation äußerst fragil und unberechenbar.
Vor Inkrafttreten der Waffenruhe rückten israelische Streitkräfte weit in den Südlibanon vor. Sie überschritten den Litani-Fluss und besetzten unter anderem die historische Beaufort-Burg. Gleichzeitig wurden Städte wie Tyros sowie Gebiete in der Bekaa-Ebene massiv bombardiert.
Besonders alarmierend war die Entwicklung in Beirut: Am 1. Juni wurden großflächige Evakuierungsanordnungen für die südlichen Vororte der Hauptstadt ausgesprochen. Die Ankündigung möglicher Angriffe löste eine panikartige Flucht tausender Familien aus. Erst wenige Stunden später wurde die begrenzte Waffenruhe bekannt gegeben.
Mehr als 150.000 Menschen sollen innerhalb von zwei Tagen neu vertrieben worden sein. Was bedeutet das konkret für die betroffenen Familien?
Die genaue Zahl der neu Vertriebenen lässt sich derzeit nur schwer erfassen. Nach Angaben des UN-Nothilfebüros OCHA haben sich bereits mehr als 822.000 Menschen, darunter fast 300.000 Kinder, als Vertriebene registrieren lassen. Rund 128.000 Menschen leben in nahezu 600 Sammelunterkünften im ganzen Land. Insgesamt dürfte die Zahl der Binnenvertriebenen inzwischen bei rund 1,1 Millionen liegen.
Für die neu Vertriebenen bedeutet dies eine unmittelbare humanitäre Notlage. Die offiziellen Notunterkünfte in den vergleichsweise sicheren Regionen sind vollständig ausgelastet. Familien schlafen in Autos, öffentlichen Parks oder direkt auf der Straße.
Zudem fehlt es vielerorts an sauberem Trinkwasser, Lebensmitteln und lebenswichtigen Medikamenten. Viele Menschen mussten überstürzt fliehen und konnten nichts außer ihrer Kleidung mitnehmen. Chronisch Kranke haben keinen Zugang mehr zu ihrer medizinischen Versorgung. Besonders belastend ist die Situation für Kinder, die Bombardierungen, Flucht und die Angst ihrer Familien miterleben mussten und zunehmend traumatisiert sind. In einigen Fällen wurden Familien durch die chaotischen Evakuierungen sogar voneinander getrennt.
Wie reagieren die Kirchen und kirchlichen Einrichtungen auf die wachsende Zahl der Vertriebenen?
Bereits nach Ausbruch des Krieges im März richtete die Kirche im Libanon ein Koordinierungskomitee ein, um die humanitäre Hilfe effizient zu organisieren. In diesem Netzwerk arbeiten internationale katholische Hilfswerke eng mit lokalen kirchlichen Organisationen zusammen.
Durch diese enge Abstimmung können Hilfsgüter gezielt verteilt und Doppelstrukturen vermieden werden. Gemeinsam finanzieren und organisieren die Partner umfangreiche Hilfsmaßnahmen, darunter die Verteilung von Lebensmitteln, Medikamenten und weiteren dringend benötigten Gütern.
Besonders wichtig ist dabei, dass die Hilfe ausschließlich nach humanitären Kriterien erfolgt. Kirchliche Organisationen unterstützen Familien in Beirut, im Libanongebirge und in der Bekaa-Ebene unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit. Zum Beispiel konnte das Komitee gezielte Unterstützung für 5.700 christliche Familien leisten, die in ihren Dörfern entlang der instabilen südlichen Grenzregion verblieben waren.
Trotz dieser Erfolge weitet sich die humanitäre Krise täglich aus. Da die finanziellen Ressourcen der Kirche naturgemäß begrenzt sind, ist das Komitee fortlaufend gezwungen, seine Hilfe auf die dringendsten und lebensrettenden Maßnahmen zu konzentrieren.
Wie wirkt sich die aktuelle Eskalation auf die christlichen Gemeinden und die kirchlichen Partner im Libanon aus?
Die christlichen Gemeinden leisten gemeinsam mit sunnitischen und drusischen Gemeinschaften einen wichtigen Beitrag bei der Aufnahme hunderttausender Vertriebener, die überwiegend der schiitischen Bevölkerungsmehrheit angehören. Über Religionsgrenzen hinweg zeigen viele Menschen eine beeindruckende Solidarität.
Gleichzeitig wächst die Sorge, dass viele Familien nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren können. Satellitenbilder und Berichte von vor Ort deuten darauf hin, dass mindestens 67 Dörfer nahezu vollständig zerstört wurden. Mehr als 30.000 Häuser sowie Schulen, Geschäfte, Moscheen und Kirchen wurden beschädigt oder vernichtet.
Auch das Bildungssystem gerät zunehmend unter Druck. Mehr als 600 öffentliche Schulen dienen inzwischen als Notunterkünfte. Rund 200.000 Schülerinnen und Schüler können deshalb nicht mehr am regulären Unterricht teilnehmen. Um das Schuljahr zu retten, nutzen die Kirchen stattdessen dauerhaft geschlossene Schulen, leerstehende Klöster und ungenutzte Pfarrgebäude für die Unterbringung von Vertriebenen.
Welche Botschaft möchten Sie der internationalen Gemeinschaft und den Katholiken weltweit mitgeben?
Die Botschaft ist eindeutig: Der Libanon erlebt derzeit eine humanitäre Katastrophe historischen Ausmaßes. Die Kirche ist zu einem Zufluchtsort für Menschen aller Religionen geworden. Doch ihre Möglichkeiten sind begrenzt.
Der Libanon benötigt dringend internationale politische, diplomatische und finanzielle Unterstützung, um einen dauerhaften Zusammenbruch seiner sozialen und Bildungsstrukturen zu verhindern. Hilfe ist besonders wirksam, wenn sie über bestehende, gut organisierte lokale Netzwerke erfolgt. Die Unterstützung des gemeinsamen Koordinierungsgremiums kirchlicher Organisationen stellt sicher, dass die Hilfe effizient, bedarfsgerecht und ohne Doppelstrukturen bei den Menschen ankommt, die sie am dringendsten benötigen.
Zum Schluss eine persönliche Frage: Was hat Sie in den vergangenen Tagen besonders bewegt?
Besonders bewegt – und zugleich wütend gemacht – hat mich ein Video aus dem Dorf Yaron. Darauf ist die Kirche zu sehen sowie die umliegenden Häuser, die wir nach dem Krieg von 2006 mit aufgebaut haben. Heute liegen sie in Trümmern.
Für mich steht diese Zerstörung für weit mehr als den Verlust von Gebäuden. Sie bedeutet die Auslöschung gewachsener Dörfer, von Geschäften, Kirchen und Moscheen – und sie nährt die Angst vieler Menschen, dass sie eines Tages kein Zuhause mehr haben werden, in das sie zurückkehren können.
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