„Abdullah konnte nicht einmal um Hilfe rufen“: Schwester Mercy kämpft gegen Kinderarbeit in Ghana
Die afrikanische Schwester Mercy Benson steht auf der Bühne des Katholikentags in Würzburg vor rund 400 Gästen einer missio-Veranstaltung und hält das Foto eines sechsjährigen Jungen Abdullah. In seine schmalen Händen hält er nicht ein Spielzeug, sondern den schweren Magneten eines alten Mikrofons. Das Metallstück schleift über den Boden von Agbogbloshie, einer der größten Elektroschrotthalden der Welt am Rand der ghanaischen Hauptstadt Accra. Hinter ihm steigen schwarze Rauchschwaden auf und andere Kinder arbeiten zwischen Schrott und Feuer.
Das Foto entstand 2019. Damals ahnte niemand, dass Abdullah nur wenige Jahre später auf genau dieser Mülldeponie sterben würde. Er ertrank in einem verschmutzten Fluss von Agbogbloshie.
„Er konnte nicht einmal um Hilfe rufen. Niemand konnte ihn retten“, sagt Schwester Mercy, missio-Partnerin und Gründerin der „Guardian Angel Day Care“, eines Tageszentrums für Kinder aus Agbogbloshie. Die Einrichtung wurde 2024 eröffnet und bietet heute rund 80 Kindern einen geschützten Ort fern von den Gefahren der Elektroschrotthalde.
„Unser Traum war es, ihn zu einem der ersten Kinder in unserer Tagesstätte zu machen“, sagt die Ordensfrau.
Die Besucher/-innen in Würzburg kamen im Mai auf dem Katholikentag zur Podiumsdiskussion zusammen, die von der Nachrichtenjournalistin Gundula Gause moderiert wurde. Das Thema: der illegale Export von Elektroschrott aus Europa nach Westafrika. Für Schwester Mercy ist es ein täglicher Kampf, um das Leben von Kindern zu retten. Tausende von Erwachsenen verbrennen dort, genau wie die Kinder, Kabel, um an Kupfer zu gelangen, und versuchen Metalle von alten Computern, Fernsehern und Handys aus Europa zu gewinnen. Die Kinder atmen giftige Dämpfe ein und viele gehen nie zur Schule.
Die mutige Schwester versucht, diesen Kreislauf zu durchbrechen.
„Unsere Aufgabe ist es, den Hoffnungslosen Hoffnung zu geben“, sagt sie. Die Nachfrage von Eltern nach dem Zentrum steigt immer wieder: „Familien aus anderen Bezirken rund um die Elektroschrotthalde darum baten, ihre Kinder zu uns schicken zu dürfen.“
Kleine Spende, große Wirkung
Während der Podiumsdiskussion auf dem Katholikentag wurde es im Saal ganz still. Das Video zeigte tödliche Kinderarbeit und den Kampf um Gold und andere im anderen afrikanischen Land, in Kongo, die für die Herstellung elektronischer Geräte benötigt werden.
Schwester Mercy erkennt dieselben Muster wie in Ghana: Kinder zahlen den Preis für den globalen Konsum. Ihre Kindheit wird ihnen genommen, während andere vom Geschäft mit Rohstoffen und Elektronik profitieren. Denn vieles von dem, was in Agbogbloshie verbrannt wird, stammt aus Europa. Alte Smartphones. Kabel. Elektromüll. Geräte, die oft achtlos entsorgt werden.
„Wenn ich diesen Film sehe, kommen mir Tränen, die nach Veränderung rufen“, sagte die Schwester.
Die aktive Sammlung alter Handys in Deutschland kann auch ein Weg sein, die Situationen in Accra zu verändern. Auf dem Katholikentag forderte missio Aachen gemeinsam mit Schwester Mercy und katholischen Verbänden ein gesetzliches Handypfand in Deutschland. Es soll Recycling fördern und verhindern, dass Elektroschrott illegal nach Westafrika gelangt, wo auch Kinder unter gefährlichen Bedingungen arbeiten.
„Wir haben eine große Verantwortung, was dieses Thema angeht, und müssen aktiv Teil der Lösung sein,“ sagte Patrick Marschall, Senior Manager Nachhaltigkeit bei der Deutschen Telekom, während der Podiumsdiskussion. „Es geht nicht nur um Recycling. Es geht darum, Geräten ein zweites Leben zu geben.“
„Das fängt im Kleinen an bei dem Smartphone, das wir alle in der Tasche haben, und endet in der Verantwortung für das große Ganze“, fügte Gundula Gause hinzu.
Hoffnung kehrt mit nach Ghana zurück
Zum ersten Mal in ihrem Leben nahm die Schwester Mercy am Katholikentag teil. Was sie dort erlebte, überraschte sie.
„Man hatte uns gesagt, die Kirche in Europa sterbe“, erzählt sie später im Gespräch. „Aber hier habe ich etwas anderes gesehen.”
Sie spricht von tausenden Menschen unter Regenschirmen beim Eröffnungsgottesdienst. Von jungen Musikerinnen und Musikern, die während der Messe moderne Lieder spielten. Von älteren Menschen, die klatschten und mitsangen.
„Ich gehe als Instrument der Hoffnung zurück“, sagt sie. „Dass die Kirche in Europa noch lebendig ist.“
Immer wieder benutzt Schwester Mercy dieses Wort: Hoffnung. Vielleicht, weil Hoffnung in Agbogbloshie keine abstrakte Idee ist. Sondern etwas sehr Konkretes: Ein sicherer Raum, ein Schulheft und warme Mahlzeit für Kinder, die nicht auf der Müllhalde arbeiten müssen. Besonders bewegt hat sie die Begegnung mit anderen Frauen, die weltweit ähnliche Kämpfe führen, darunter Schwester Lorena Jenal, die in Papua-Neuguinea Frauen rettet, die als Hexen verfolgt werden.
„Unsere Missionen sind unterschiedlich, aber im Kern gleich“, sagt Schwester Mercy. „Sie rettet Leben. Wir retten Kinder vor Armut und geben ihnen Hoffnung auf eine bessere Zukunft.“
Während in Deutschland über Nachhaltigkeit, Recycling und Digitalisierung diskutiert wird, wachsen Kinder wie Abdullah zwischen giftigem Rauch und Schrottbergen auf. Schwester Mercy kennt diese Realität und trotzdem hat sie ihren Glauben an Veränderung nicht verloren.
„Gott wirkt noch immer. Es gibt Glauben und immer noch etwas, das die Kirche anbieten kann“, sagt die Schwester.
Schreibe einen Kommentar