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Würzburg als Ort von Mut und Ehrlichkeit

Zum ersten Mal überhaupt habe ich einen Katholikentag besucht. Vielleicht hat er mich deshalb so überrascht. Oder vielleicht lag es daran, dass ich mit einem bestimmten Bild im Kopf angereist war: dem Bild einer Kirche, über die oft vor allem im Zusammenhang mit Austritten, Vertrauensverlust und Krisen gesprochen wird.

Silhouette der Stadt Würzburg mit charakteristischen Gebäuden. Oberhalb steht der Text: "Katholikentag Würzburg 13. - 16. Mai 2023" in einfacher Schrift.

Ankommen zwischen Hoffnung und Begegnung

Und dann stand ich plötzlich mitten in Würzburg zwischen tausenden Menschen, die genau das Gegenteil ausstrahlten: Hoffnung, Gesprächsbereitschaft und den Wunsch, Dinge zu verändern.
Schon in den Straßenbahnen begann dieses Gefühl. Von weitem erkannte man die Menschen mit den gelbfarbenen „Hab Mut, steh auf“-Schals, dem Motto des diesjährigen Katholikentags. Die Fahrten wurden zu kleinen Begegnungsorten. Menschen halfen sich gegenseitig beim Finden der richtigen Haltestelle, erklärten Wege, tauschten Veranstaltungstipps aus oder schenkten sich einfach nur ein freundliches Lächeln. Es waren kurze Momente, fast beiläufig – und gerade deshalb so besonders. Ein Ort der Durchreise wurde gleichzeitig zu einem Ort des Zusammenkommens.

Besonders bewegt haben mich die Veranstaltungen rund um die Themen Vulnerabilität, Gewalt und spirituellen Missbrauch. Themen, die schwer sind. Und die doch auf dem Katholikentag nicht verdrängt, sondern sichtbar gemacht wurden.

In einem Gespräch über weibliche Vulnerabilität und Quellen der Widerstandskraft sprach Sr. Dr. Katharina Ganz mit beeindruckender Klarheit über Gleichberechtigung in der katholischen Kirche und ihren Einsatz für die Frauenweihe. Ihre Worte wirkten nicht resigniert, sondern entschlossen. Fast noch eindrücklicher war jedoch der Blick in den Raum. Dort saßen überwiegend Frauen, viele von ihnen älter als fünfzig. Sie wirkten stark, aufmerksam und miteinander verbunden.

Ein Moment hat sich mir besonders eingeprägt: Die Referentinnen fragten, wer im Raum bereits Gewalterfahrungen gemacht habe. Manche Hände gingen sofort hoch. Andere Menschen zögerten zunächst, schauten sich um, tasteten vorsichtig ab, ob dieser Raum sicher genug war. Doch nach und nach erhoben sich immer mehr Hände. Am Ende waren es mindestens zwei Drittel des Raumes. Für einige Sekunden wurde sichtbar, wie tief Gewalt sich durch alle gesellschaftlichen Schichten zieht – und wie viel Kraft es kostet, darüber zu sprechen.

Hinsehen, wo es weh tut: Gewalt, Vulnerabilität und Verantwortung

Später besuchte ich die Vernissage zur Kunstinstallation „Schmerzpunkt“    , die sich mit sexualisierter Gewalt und Missbrauch geistlicher Autorität in der katholischen Kirche auseinandersetzt. Besonders berührt hat mich der Beitrag des Betroffenen Kai Christian Moritz. Er sagte:

Ich stehe hier nicht aus Mut, sondern aus Pragmatismus.

Und weiter:

Das hier ist kein Fortschritt. Es ist ein Befund.

Diese Worte hallen bis heute nach. Vielleicht auch, weil sie so schonungslos ehrlich waren. Der rote Punkt der Installation wirkte auf den ersten Blick beinahe unscheinbar. Doch gerade darin lag seine Kraft: Er irritiert. Er markiert Wunden. Er macht sichtbar, was so lange übersehen oder verdrängt wurde.

Am nächsten Tag nahm ich an einem Workshop zum Thema spiritueller Missbrauch teil. Schon lange vor Beginn war der Raum fast vollständig gefüllt. Obwohl zusätzliche Plätze geschaffen wurden, mussten die Türen schließlich geschlossen werden. Diese enorme Nachfrage hat mich überrascht – und gleichzeitig beeindruckt. Spiritueller Missbrauch ist ein Thema, das oft noch als komplex oder schwer greifbar wahrgenommen wird. Umso bewegender war es zu erleben, wie groß das Interesse und der Gesprächsbedarf waren.

Räume für ehrliche Gespräche und vorsichtigen Aufbruch

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Atmosphäre während der Austauschrunden. Menschen hörten einander aufmerksam zu, ergänzten Gedanken, teilten Erfahrungen. Als die Gruppenarbeit beendet werden sollte, musste die Referentin mehrfach darum bitten, wieder in die große Runde zurückzukehren, weil die Gespräche einfach nicht abbrechen wollten. Da war so viel Bedürfnis nach Austausch – aber auch so viel gegenseitige Wertschätzung.

Ich bin aus Würzburg mit vielen Gedanken zurückgekehrt. Aber vor allem mit dem Gefühl, dass sich etwas bewegt. Dass Menschen in Kirche nicht nur Probleme benennen, sondern Räume schaffen, in denen ehrlich gesprochen, zugehört und hingeschaut wird.

Vielleicht ist genau das Mut: nicht wegzusehen. Und gemeinsam aufzustehen.
 


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Witte,Hermann | 3. Juni 2026 | 09:52 Uhr

Weiter so! Christus gibt Ideen und sogar Anweisungen, diese unsere Welt mitmenschlich progressiv zu gestalten- vor allem friedlich und respektvoll.

Julia Brüning | 24. Mai 2026 | 12:43 Uhr

Vielen Dank für den spannenden Bericht & diesen inspirierenden Blick auf den Katholikentag.