Schwester Lorena erinnert an Frauen, die noch immer als sogenannte Hexen sterben müssen
Es hatte etwas von einer Filmszene. Ich stand in der Lobby eines Hotels und blickte auf die Drehtür am Eingang, als plötzlich eine vertraute Gestalt auftauchte: ein dunkelblauer Schleier, darunter graue Haarsträhnen, dazu diese Stimme – ruhig, klar, mit Schweizer Klang in der Stimme. Schwester Lorena Jenal OSF war in Würzburg angekommen.
Die 76-jährige Ordensfrau, seit vielen Jahren missio-Partnerin, ist aus Papua-Neuguinea zum Katholikentag gereist. Dort, auf der anderen Seite der Welt, kämpft sie seit 40 Jahren Tag für Tag um das Leben von Frauen, die der Hexerei beschuldigt, gefoltert und nicht selten getötet werden.
Ich lief auf sie zu. Wir umarmten uns, und augenblicklich war da dieses warme, fast überwältigende Gefühl eines Wiedersehens nach langer Zeit. Fast ein Jahr war vergangen, seit wir zuletzt miteinander gesprochen hatten.
Schwester Lorena gehört zu jenen seltenen Menschen, deren Gegenwart sofort Ruhe ausstrahlt. Es fühlt sich immer an, als träfe man auf eine Großmutter, die weit entfernt lebt, jemanden, dem man seine kleinen Geheimnisse und Ängste anvertrauen möchte und von dem man sich Rat erhofft, wenn man nicht mehr weiterweiß oder keine Hoffnung mehr sieht.
Vielleicht wirkt ihre Nähe gerade deshalb so tröstlich, weil sie täglich mit menschlicher Grausamkeit konfrontiert ist und weil man weiß, was sie gesehen und erlebt hat.
Wenn sie über Gewalt gegen Frauen aus Papua-Neuguinea redet, bekommen ihre Worte eine Kraft, die man nicht vergisst.
Würzburg ist dafür ein symbolischer Ort. Im 17. Jahrhundert wurden hier hunderte Menschen als Hexen hingerichtet, darunter auch die Ordensfrau Maria Renata Singer von Mossau. Drei Jahrhunderte später saß eine andere Schwester während des Katholikentags im Museum Kulturspeicher Würzburg und erzählte einem Publikum von etwa fünfzig Personen von Frauen, die noch heute sterben, weil man sie für Hexen hält.
„Wir retten, wir verurteilen nie“, sagt Schwester Lorena. Es ist vielleicht der wichtigste Satz ihres Lebens.
Ich saß neben einem Mann, der von Schwester Lorenas Worten sichtlich erschüttert war. Er hörte zu, als sie von Frauen in Papua-Neuguinea erzählte, die nach Hexereivorwürfen gefoltert werden, über die Frauen, die zu Sündenböcken gemacht werden, sobald jemand im Dorf krank wird, stirbt oder ein Unglück geschieht. Schwester Lorena sprach von Frauen mit verbrannten Gesichtern, Kindern, die ihre Mutter verlieren, Dörfern, die von Angst regiert werden.
„Unglaublich … Wie kann so etwas heute noch passieren? Diese armen Frauen… Arme Frauen und Kinder“, flüsterte mein Sitznachbar immer wieder.
Im Hochland Papua-Neuguineas hat Schwester Lorena ein Netzwerk aus Ärzten, Anwälten, Pastoren und Familien aufgebaut, um Frauen vor Gewalt zu schützen. Im von ihr geleiteten und missio finanzierten „House of Hope“ finden jene Zuflucht, die andernorts längst aufgegeben wurden.
„Um zu retten, versuchen wir alles einzusetzen“, sagt sie. „Wir wollen zeigen: Der Mensch, der als Hexe angeklagt wird, ist ein Mensch wie du und ich.“
Historischer Stadtrundgang
Beim Katholikentag wurde schnell deutlich, wie stark dieses Thema die Menschen bewegt. Die Veranstaltungen mit Schwester Lorena waren überfüllt, besonders beim historischen Stadtrundgang zusammen mit dem Stadtführer und Historiker Dr. Werner Tschacher. Statt der erwarteten rund 30 Besucher:innen kamen etwa 100 zum Startpunkt.
Zwischen den Stationen der Stadtführung, die an die Gräueltaten gegen jene Frauen und Männer erinnern, die im Würzburg des 17. Jahrhunderts der Hexerei beschuldigt wurden, suchten viele Besucher das Gespräch mit Schwester Lorena.
Besonders bewegte Schwester Lorena eine Begegnung mit einer Frau namens Katrin. Auch ihre Familie hatte unter den Würzburger Hexenprozessen gelitten.
„Meine Familie wurde vor 400 oder 500 Jahren verfolgt“, habe ihr die Frau erzählt. Für Schwester Lorena war das ein Schlüsselmoment: Vergangenheit und Gegenwart berührten sich plötzlich unmittelbar. „Würzburg ist für mich ein Ort der Erinnerung“, sagt sie. Dann macht sie eine Pause und ergänzt: „Aber gleichzeitig ist es ein Ansporn an alle, ihre Einstellung zu verändern.“
Es geht ihr nicht um historische Schuldzuweisungen, sondern um eine Haltung.
„Jeder Mensch ist das Abbild und Fleisch Gottes“, sagt sie. „Jeder Mensch stellt einen wesentlichen Bestandteil des kollektiven Bewusstseins der Weltgeschichte dar,diese Weltgeschichte wird zur Hoffnungsgeschichte und zur Heilungsgeschichte.“
Darin liegt der Kern ihrer Arbeit. Die Frauen, die in Papua-Neuguinea als Hexen verfolgt werden, sollen ihre Würde zurückbekommen. Viele von ihnen wurden ausgestoßen, misshandelt oder haben Familienmitglieder verloren. Schwester Lorena versucht, ihnen nicht nur Schutzräume zu geben, sondern auch eine Zukunft.
Immer wieder spricht sie von Heilung und Versöhnung. „Wir bauen Brücken zur Hoffnung, zur Versöhnung, zu mehr Menschlichkeit, zu mehr Würde, zu mehr Menschenrechten“, sagt sie.
Diese Sätze wirken in Würzburg besonders eindringlich. Denn die Stadt kennt die zerstörerische Macht von Angst, Fanatismus und Ausgrenzung aus ihrer eigenen Geschichte. Vielleicht hören deshalb so viele Menschen dort Schwester Lorena aufmerksam zu.
Sie selbst glaubt fest daran, dass Veränderung möglich ist. „Ich träume und wünsche mir, dass dieses Thema (Hexenverfolgung und Gewalt) durch unseren Einsatz versöhnt wird“, sagt sie.
Dabei denkt sie längst weiter. Nicht nur an Frauen, die der Hexerei beschuldigt werden. Sondern auch an Mädchen ohne Schutz, Opfer von Gewalt, an Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben.
„Zusammen sind wir stark“, sagt sie immer wieder.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Botschaft ihres Besuchs in Würzburg: dass Menschlichkeit dort beginnt, wo Menschen sich weigern wegzusehen. Am Ende des Gesprächs frage ich Schwester Lorena, welchen Rat sie der jungen Schwester Lorena von früher geben würde.
Sie lächelt. „Fürchte dich nicht“, sagt sie. „Hab Vertrauen. Und investiere dein Vertrauen in die Menschen.“
„Dieses Vertrauen erzeugt Liebe und lässt Hass, Eifersucht und Neid verschwinden.“
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