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Wardé und Martha: Zwei Christinnen aus dem Südlibanon und die Angst, nie heimzukehren

Eine ältere Frau mit grauen Haaren und einem schwarzen Kopftuch sitzt auf einem blauen Plastikstuhl. Sie trägt einen blauen Pullover und hat eine nachdenkliche Miene. Im Hintergrund sind ein weiterer Stuhl und grüne Pflanzen zu erkennen.

Die Strecke von Qawzah, einem historischen christlichen Dorf im Süden des Libanon, nur wenige hundert Meter von der israelischen Grenze entfernt, nach Beirut dauert normalerweise zwei Stunden. Am Morgen des 2. März waren es acht.

An diesem Tag begann Israel eine umfassende Luftoffensive im Südlibanon, nachdem Raketen der schiitischen Miliz Hisbollah eine fragile Waffenruhe gebrochen hatten. In den Wochen danach wurden zahlreiche christliche Dörfer geräumt und israelische Truppen rückten in einige von ihnen vor und übernahmen die Kontrolle über Teile der Grenzregion.

Wardé Felefly, Mitte 80, gehörte zu denjenigen, die aus Qawzah fliehen mussten. Heute lebt sie im Zentrum „Partage et Charité“ für vertriebene Christen nahe Beirut. Sie hat jeden Krieg erlebt, der die jüngere Geschichte des Libanon geprägt hat: dreimal wurde sie vertrieben, dreimal kehrte sie zurück. Diesmal ist sie sich nicht sicher, ob sie jemals wieder heimkehren wird.

„Meine größte Angst ist, nicht mehr in mein Zuhause in Qawzah zurückkehren zu können. Es ist mehr als nur ein Haus, es ist das Haus meiner Eltern, der Ort, an dem ich mein ganzes Leben verbracht habe und an dem all meine Erinnerungen leben“, sagt sie.

Eine entvölkerte Region

Wie Qawzah sind heute mehr als 60 Dörfer Teil einer sogenannten Pufferzone, die Israel einrichten will. Sie erstreckt sich über rund 602 Quadratkilometer libanesischen Territoriums. Ganze Gemeinden wurden entvölkert, so auch das Dorf Alma El Chaab. Vor der Evakuierung lebten dort etwa 160 Familien, in Qawzah rund 400. Heute ist in beiden Orten niemand mehr geblieben.

„Sie stehen vollständig unter israelischer Kontrolle“, sagt Darine Tawk, leitende Projektkoordinatorin des missio-Partners CNEWA / Pontifical mission, die im Libanon, Irak und in Syrien arbeitet.

Für viele der vertriebenen Christen ist dies nicht das erste Mal, dass sie Krieg und Vertreibung erleben. Der Konflikt wurzelt in jahrzehntelangen Spannungen zwischen Israel und dem Libanon, geprägt von Kriegen, Besatzung und dem Aufstieg der Hisbollah, einer einflussreichen politischen und militärischen schiitischen Kraft im Libanon, die während des Bürgerkriegs entstand und sich gegen Israel positioniert. Von der israelischen Invasion 1982 über den Krieg 2006 bis zu den erneuten Grenzkonflikten seit 2023 ist die Region ein dauerhafter Brennpunkt geblieben.

Seit der erneuten Eskalation im März 2026 wurden mehr als eine Million Menschen innerhalb des Landes vertrieben, etwa jeder Fünfte. Unter ihnen befinden sich auch tausende Christen, vor allem in den südlichen Grenzregionen.

„Es ist hier sehr verbreitet, dass Christen ihre Häuser verlassen müssen. Dieses Muster setzt sich fort“, sagt Tawk.

Mehr zur Hilfsaktion von missio Aachen für 6.000 betroffene Familien erfahren Sie hier: Europa muss Katastrophe im Libanon verhindern | missio    

‘Es ist mehr als nur ein Haus’

Wardé hat nie geheiratet. Ihre Geschwister sind alle verstorben. Ihr Leben war tief in der Arbeit auf dem Land verwurzelt.

„Ich habe mein ganzes Leben in Qawzah verbracht, auf Tabakfeldern gearbeitet und andere landwirtschaftliche Flächen bewirtschaftet wie Weizen, Bohnen, Oliven und alles, was die Jahreszeiten brachten“, sagt sie.

Heute sind mehr als 80 Häuser ihres Dorfes zerstört.

Im Zentrum „Partage et Charité“ in Antelias lebt sie nun mit Dutzenden anderen vertriebenen Familien. Es gibt ein Bett, Essen, Medikamente und Menschen, die sich kümmern. Doch das, was sie am meisten trägt, kann keine Hilfeleistung ersetzen.

„Ich halte immer an meinem Glauben fest. Er ist das Einzige, was mich nie verlassen hat“, sagt Wardé. „Ich glaube, dass Gott auch in dieser Einsamkeit bei mir ist. Alles, was ich mir wünsche, ist, den Rest meines Lebens in Frieden, in Würde und ohne Angst zu verbringen.“

Ein Leben im Krieg

Für Martha, 70, ist Vertreibung Teil ihrer Lebensgeschichte. „Ich war noch ein junges Mädchen, als die ersten Konflikte im Libanon begannen. Ich erinnere mich, wie schnell sich alles veränderte und wie Unsicherheit Teil unseres Alltags wurde“, sagt sie.

Wie Wardé arbeitete Martha auf dem Feld. „Meine Hände sind von dieser Erde geprägt“, sagt sie. Heute hat auch sie kein Zuhause mehr, in das sie zurückkehren kann.

„Der jüngste Krieg zwischen den israelischen Streitkräften und der Hisbollah hat mich gezwungen, alles zurückzulassen – mein Haus, mein Land und all meine Erinnerungen“, sagt Martha. „Mit 70 bin ich erneut vertrieben worden, diesmal ohne ein Zuhause, zu dem ich zurückkehren kann, und ohne Familie, an die ich mich wenden kann.“

Ihr Mann starb vor zehn Jahren, Kinder hat sie keine. Das Dorf hatte lange diese Lücke gefüllt. Doch der Krieg hat nicht nur Häuser zerstört, sondern auch Gemeinschaften.

„Viele Jahre lang hat die Dorfgemeinschaft diese Leere gefüllt und sich wie eine Familie angefühlt“, sagt sie. „Doch mit der Zeit ist auch das verschwunden, zurück blieb eine wachsende Stille.“

Zwei ältere Frauen auf einem grünen Rasen. Eine trägt einen blauen Pullover und geht, während die andere mit einem Stock steht. Im Hintergrund sind einige Personen und blaue Stühle sichtbar. Es ist ein sonniger Tag.
Wardé Felefly und Martha im Zentrum „Partage et Charité“ für vertriebene Christen nahe Beirut.

Leben in der Vertreibung

Im Zentrum in Antelias leben derzeit 36 Familien mit insgesamt 108 Menschen. Viele andere sind bei Verwandten untergekommen oder leben in gemieteten Unterkünften. Das Zentrum bietet Stabilität: Räume, Nahrung, medizinische Versorgung, einen geregelten Alltag. Doch Vertreibung bleibt eine offene Wunde.

„Sie wollen dieses Trauma nicht mehr erleben“, sagt Tawk. „Viele von ihnen sind ihr ganzes Leben lang immer wieder vertrieben worden.“

Die psychische Belastung ist enorm. „Wir arbeiten an neuen Projekten zur psychosozialen Unterstützung, zur Förderung der mentalen Gesundheit und zur Traumabewältigung“, erklärt sie.

Was bleibt und was verloren gehen könnte

Für viele bleibt zumindest das Land – und mit ihm die Hoffnung auf Rückkehr.

„Sie wollen ihr Land nicht verlieren“, sagt Tawk. „Auch wenn das Haus zerstört ist, bleibt das Land, auf dem sie eines Tages wieder bauen könnten.“

Doch diese Hoffnung schwindet. „Sie fühlen sich emotional stark mit ihren Dörfern verbunden“, sagt sie. „Aber wohin sollen sie zurückkehren? Es gibt nichts mehr. Alles ist zerstört.“

Die israelischen Pläne für eine dauerhafte Pufferzone verstärken die Angst. „Sie sind traurig. Sie wollen nicht, dass das passiert“, sagt Tawk. „Aber was können sie tun?“

Fragile Solidarität

Unterstützung kommt meist nicht vom Staat, sondern von kirchlichen Netzwerken und Organisationen wie missio. Nahrung, Wasser, Medikamente und psychosoziale Hilfe werden durch ein Zusammenspiel von NGOs und kirchlichen Hilfswerken bereitgestellt.

„Sie sind die Einzigen, die diese Menschen umfassend unterstützen“, sagt Tawk. „Die Menschen wollen nicht allein gelassen werden. Sie haben kein Einkommen, keine Arbeit.“

Und dennoch bleibt Dankbarkeit. „Die Menschen hier sind freundlich, und ich bin sehr dankbar für die Hilfe“, sagt Martha.

Ein letzter Wunsch

Nach Jahrzehnten von Krieg und Vertreibung ist der Wunsch von Wardé und Martha einfach geworden.

„Ich verlange nicht mehr viel“, sagt Martha. „Vor allem bete ich zu Gott um Frieden, ein wenig Trost und die Gewissheit, dass ich nicht vergessen bin.“ Wardés Worte hallen nach: „Alles, was ich mir wünsche, ist, den Rest meines Lebens in Frieden, in Würde und ohne Angst zu verbringen.“

 

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