Am 21. November wurde Nigeria erneut von einem schweren Terroranschlag erschüttert: 303 Kinder und 12 Lehrkräfte wurden aus der katholischen St. Mary’s School entführt, ein Sicherheitsmann wurde getötet. 50 Kinder konnten fliehen, doch das Schicksal der übrigen ist noch immer ungewiss. Die Gemeinschaft in der Diözese Kontagora unter Schock. Bischof Bulus YohanNa Dauwa berichtet über die dramatische Sicherheitslage in seiner Diözese.
Können Sie schildern, wie die Entführung ablief – wann sie stattfand, wie die Täter auf das Schulgelände gelangten und warum die Polizei nicht eingreifen konnte?
Der Entführungsangriff ereignete sich in der Nacht zwischen 1:00 und 3:00 Uhr. Die bewaffneten Täter richteten sich zunächst gegen die Schwestern der Schule, die offenbar ihr Hauptziel waren. Nachdem sie das Gebäude betreten hatten, entschieden sie sich jedoch, so viele Schülerinnen und Schüler wie möglich zu verschleppen, um Lösegeld zu erpressen. Von insgesamt 303 Kindern – Jungen und Mädchen – befinden sich 265 weiterhin in Gefangenschaft, während rund 50 aus eigener Kraft fliehen konnten, unter großem persönlichem Risiko, um zu ihren Familien zurückzukehren. Keine der zwölf Lehrkräfte wurde bislang freigelassen, und derzeit haben wir keinen direkten Kontakt zu den Entführern. Bislang konnten wir keine Kommunikationslinie herstellen.
Gab es im Vorfeld Hinweise auf einen Angriff – und wie gingen Diözese, Behörden und Schulleitung damit um?
Es gab keine offiziellen Warnungen. Ich habe sowohl den Bildungssekretär der Diözese als auch die Schulleitung gefragt, ob sie eine entsprechende Mitteilung erhalten hätten – beide verneinten dies. In den Jahren 2021/2022 kursierten jedoch Gerüchte über einen möglichen Angriff. Daraufhin haben wir die Schule umgehend geschlossen und die Schüler, die kurz vor ihren Abschlussprüfungen standen, nach Kontagora verlegt. Anschließend haben wir die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt – unter anderem durch den Bau einer Umfriedungsmauer um das Konvent und Teile der Schule sowie durch die Einstellung zusätzlichen Sicherheitspersonals. All dies geschah aus eigener Initiative. Hätten wir im Vorfeld dieser Entführung konkrete Warnungen erhalten, hätten wir selbstverständlich sofort reagiert. Auch bei früheren Gerüchten hatten wir die Schule zeitweise geschlossen, um die Sicherheitslage neu einzuschätzen, bevor wir den Unterricht wieder aufnahmen.
Welche Ursachen sehen Sie für die Sicherheitslücken – und was müsste die Regierung zum besseren Schutz der Christen tun?
Seit vielen Jahren bemühen wir uns, Vertrauen zu staatlichen Stellen und zu unseren nichtchristlichen Nachbarn aufzubauen. Polarisierende oder eskalierende Aussagen können dieses fragile Verhältnis gefährden. Was uns wirklich helfen würde, wären verlässliche Geheimdienstinformationen, die eindeutige Identifizierung extremistischer Gruppen sowie eine konsequente strafrechtliche Verfolgung der Täter. Zurzeit sitzt niemand im Gefängnis – Verbrechen bleiben ungeahndet. Zudem erleben wir stille Diskriminierung, beispielsweise wenn wir Land zur Errichtung neuer kirchlicher Gebäude beantragen. Diese strukturellen Hürden müssen abgebaut werden, damit christliche Gemeinschaften sicher und frei leben können.
Welche Botschaft möchten Sie der katholischen Gemeinschaft in Deutschland und den Gläubigen weltweit übermitteln, die Ihnen in dieser schweren Zeit beistehen möchten?
Wir sind zutiefst dankbar für die Gebete, die Solidarität und die Unterstützung, die uns aus aller Welt erreichen. Dies ist eine schmerzhafte und schwere Zeit für uns – aber wir vertrauen darauf, dass Gott weiß, warum wir diesen Weg gehen müssen. Ihre Gebete und Ihr Beistand sind für uns von großer Bedeutung, um die Freilassung unserer Kinder und Lehrkräfte zu erreichen.
Gibt es Neuigkeiten zur Freilassung der Kinder?
Am 8. Dezember wurden 100 Kinder freigelassen – die erste Gruppe von insgesamt 265 noch in Gefangenschaft befindlichen Kindern. Sie sind nicht mehr bei ihren Entführern, sondern in der Obhut der Regierung. Wir hoffen, dass die restlichen Kinder bald folgen werden.
Welche Rolle spielt der internationale Druck und die Medienberichterstattung bei der Freilassung?
Ich glaube, mit der Unterstützung der internationalen Medien und dem Druck von außen wacht die Regierung endlich auf und übernimmt Verantwortung. Nigeria hat die Kapazität – das Problem war bisher der politische Wille. Die Aufmerksamkeit aus aller Welt macht einen echten Unterschied. Durch die Gnade Gottes wird sich alles ändern. Egal, wie dicht die Dunkelheit ist, Licht wird immer hindurchdringen.
Glauben Sie, dass sich die Situation in Nigeria nach dieser Entführung und Freilassung dauerhaft verändert wird?
Ja, ich glaube, dass Nigeria nie wieder dasselbe sein wird. Die Menschen wissen jetzt Bescheid. Wir haben die Kapazität, und die Öffentlichkeit achtet darauf, dass Verbrechen gegen unschuldige Menschen nicht ungesühnt bleiben. Durch die Gnade Gottes wird sich alles ändern. Egal, wie dicht die Dunkelheit ist, Licht wird immer hindurchdringen.
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