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Wir wissen, etwas Hässliches, etwas Böses geht vor

Entführungen, Überfälle und Morde sind in Nigeria Teil des Alltags. Im Norden des Landes überfielen in der vergangenen Woche Bewaffnete ein Schulinternat und entführten eine große Gruppe Schuljungen. War es Boko Haram?

Täglich werden in Nigeria Menschen ermordet, verschleppt, entführt. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man sagen, für viele Menschen in Nigeria gehört die Gewalt zum Alltag. Wir in Europa nehmen davon kaum Notiz. Nur die spektakulärsten Fälle, wie die Entführung der 276 Schulmädchen aus Chibok, schaffen es weltweit in die Medien. Das wissen auch die Islamisten.

Foto: Hartmut Schwarzbach/missio
Schüler und Schülerinnen im Norden Nigerias leben gefährlich. Die islamistische Terrorgruppe Boko Haram hat in den vergangenen Jahren mehrere hundert Schulkinder entführt.

Freitagnacht, 11. Dezember 2020, überfielen bewaffnete Männer eine staatliche Sekundarschule für Jungen in Kankara im Norden Nigerias, Bundesstaat Katsina. Sie verschleppten zahlreiche Schüler. Örtliche Medien berichten von 333, manche von 600 verschleppten Jungen.

Die Schule liegt im Bistum Sokoto, in dem überwiegend Muslime leben. Ob sich unter den Schülern auch Christen befinden, ist noch nicht klar. Die Schule besitzt ein Schulinternat, in dem sich auch einige christliche Schüler aus anderen Landesteilen befunden haben könnten.  

Entführungen sind Geschäftsmodell

Zuerst sprachen nigerianische Zeitungen von kriminellen Gruppen, „bandits“, die für die Entführung verantwortlich seien. Kidnapping ist in Nigeria ein erfolgreiches Geschäftsmodell und hat in den letzten Jahren ein so großes Ausmaß angenommen, dass man von einer Kidnapping-Industrie sprechen kann. Auch die Islamisten setzen auf Entführungen.

Mittlerweile hat sich Boko Haram zu der Entführung der Schüler in Kankara bekannt. Das Vorgehen passt zu ihrer Strategie. Weltweite Aufmerksamkeit wäre den Islamisten durch die Verschleppung einer großen Zahl von Schulkindern sicher. Und besonders brisant: Katsina ist der Bundesstaat, aus dem der amtierende Präsident Muhammad Buhari stammt. Und der macht gerade Urlaub in seiner Heimat. Es ist also gut möglich, dass die Terrormiliz hinter dem Überfall steckt.

Hundert Chibok-Schulmädchen seit 2014 in Geiselhaft

Die Entführung erinnert an die der 276 Schulmädchen aus Chibok, die Boko Haram 2014 international in die Schlagzeilen brachte. Bis heute befinden sich mindestens einhundert der Mädchen immer noch in der Gewalt der Terrormiliz. 2018 entführte die Gruppe in einem Ort namens Dapchi, Bundesstaat Yobe, 110 Schulmädchen. Sie kamen nach geheimen Verhandlungen mit der Regierung und vermutlichen Zahlung einer hohen Geldsumme wieder frei. Alle bis auf ein Mädchen. Die einzige Christin unter ihnen: Leah Sharibu. Das Mädchen weigerte sich, zum Islam zu konvertieren und befindet sich bis heute in Gefangenschaft.

Allein die Terrorgruppe hat vermutlich hunderte Menschen entführt. Vielleicht geht die Zahl sogar in die Tausende. Besonders stark sind Mädchen und Frauen betroffen. Sie werden zwangsverheiratet und versklavt. Die Christinnen unter ihnen zwingt Boko Haram, zum Islam zu konvertieren.

Keine offiziellen Statistiken über Entführte

Niemand weiß genau, wie viele Menschen entführt oder getötet wurden. Denn die nigerianische Regierung spricht am liebsten nicht über das Ausmaß von Entführungen und Mord in ihrem Land. „Statistiken dazu gibt es nicht. Für uns religiöse Führer ist es nicht möglich, diese Zahlen zu bekommen“, erklärt der Erzbischof von Abuja, Ignatius Kaigama. „Nur wenn wir von unseren Leuten in ländlichen Gemeinden informiert werden, wenn sie Alarm schlagen, erfahren wir von Überfällen und Entführungen. Ich bin sicher, dass viele Menschen entführt werden. Wir wissen nicht, wer sie sind, wohin sie verschwinden. Statistiken sind schwer zu bekommen. Aber wir wissen, etwas Hässliches, etwas Böses geht vor.

Die spektakuläre Entführung der Schüler von Kankara hat es in unsere Medien geschafft. Wir wissen, dass etwas Hässliches in Nigeria vor sich geht. Und wir sollten genauer hinschauen. Nicht nur wenn Schulkinder entführt werden.


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