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Begegnung mit dem Chief von Wa

Ein Chief spielt eine wichtige Rolle im öffentlichen Leben und ist die traditionelle Autorität, die sich um die Angelegenheiten seiner Region kümmert. Wie bei allen Begegnungen mit einem Chief gab es auch für uns ein traditionelles Begrüßungsritual, das von Chief zu Chief aber variieren kann.

Heute morgen habe ich in einem Gespräch auf die Frage, zu welchem Zweck unsere missio-Gruppe in Ghana unterwegs ist, geantwortet: Um zu sehen, zuzuhören und zu lernen. Das war ehrlich gemeint, aber es sagt sich auch leicht. Wenige Stunden später hatte ich dann eine einmalige Gelegenheit, etwas über dieses Land zu lernen – einmalig, aber auch etwas befremdlich. Ich lernte, wie man hier Ehrerbietung erweist und warum. Der Anlass: Unsere Gruppe besuchte einen Chief. Ein Chief ist eine traditionelle Autorität, eine seit vielen Jahrhunderten anerkannte Institution, die die im öffentlichen Leben eines jeden Ortes eine wichtige Rolle spielt. Es war eine kurze Begegnung, die aber vermutlich keiner von uns so schnell vergessen wird.

Der Reihe nach: Auf unserer Reise durch Ghana haben wir die dritte Station erreicht, die Handelsstadt Wa im äußersten Nordwesten des Landes, in der ungefähr 100.000 Einwohner leben. Zum Programm einer Reise gehören bei missio die sogenannten courtesy calls, Höflichkeitsbesuche bei Personen, die für die kirchlichen Partner vor Ort wichtig sind. Typischerweise sind das Bürgermeister oder Oberhäupter anderer Religionsgemeinschaften. Hier in Wa is es der Chief. Sein Amtssitz ist das älteste Gebäude der Stadt. Der Chief von Wa ist Muslim, aber er ist keine religiöse Autorität. Chiefs gab es in Ghana lange vor der Ankunft von Muslimen und Christen. Sie haben die Epoche des Kolonialismus ebenso überlebt wie die Gründung des modernen, unabhängigen ghanaischen Staats 1957.

Das ist in etwa, was ich weiß, als wir zum Chief gehen. Noch ein Detail nennt uns Father Aloysius, der katholische Priester, der den Chief gut kennt und uns begleitet: Anzusprechen ist der Würdenträger mit „Overlord“, denn er steht in der Hierarchie der Chiefs der Region Wa über den einfachen Dorfchiefs.

Der Chief ist eine traditionelle Autorität, eine seit vielen Jahrhunderten anerkannte Institution, die im öffentlichen Leben eines jeden Ortes eine wichtige Rolle spielt. Foto: Angela Ott / missio
Der Chief ist eine traditionelle Autorität, eine seit vielen Jahrhunderten anerkannte Institution, die im öffentlichen Leben eines jeden Ortes eine wichtige Rolle spielt.

Wir treffen den Overlord

Wir nähern uns einer an ihrer Frontseite offenen Halle, in deren vorderem Teil rund zehn Männer auf Stühlen sitzen. Ganz hinten, an der rückseitigen Wand, leicht erhöht, steht ein verzierter hölzerner Stuhl auf einer Platte aus Messing oder Bronze. Das muss der Thron oder Amtssitz des Chiefs sein, der offenbar noch nicht da ist.  Nachdem wir der Aufforderung nachgekommen sind, die Schuhe auszuziehen, betreten wir die Halle und nehmen gegenüber von den Männern spontan auf Stühlen und Bänken Platz – die sind ja wohl für uns bestimmt.

Dann entsteht Unruhe, und ein Mann, der ab als Dolmetscher agiert, fordert uns auf, uns von den Stühlen zu erheben, am Boden niederzukauern und zu applaudieren. Der Overlord ist nämlich bereits da, es ist der älteste Mann, der uns gegenüber sitzt, und wir haben in ihn Demut zu begrüßen. Nachdem wir applaudiert haben, tun es auch die Männer eben dem Overlord, und nun dürfen auch wir sitzen.

Father Aloysius erklärt mir später, dass diese Art der unterwürfigen Begrüßung jeder mitmachen muss, der den Overlord besucht. „Auch unser Bischof.“ Das Ritual sei sogar vergleichsweise unspektakulär. „Es gibt andere Chiefs, denen gegenüber man sich  sogar zuerst auf den Rücken legen muss“, sagt Aloysius.

Es folgt die Begrüßung. Der Overlord spricht uns aber nicht direkt an, sondern flüstert einem Mann neben ihm einige Anweisungen zu, woraufhin dieser uns im Namen des  Chiefs begrüßt. Er würdigt das Wirken der katholischen Kirche in der Region für den Frieden und wünscht uns alles Gute. Er weist daraufhin, dass es der Urgroßvater des heutigen Overlords war, der der Kirche den Platz zugewiesen habe, auf dem sie die Kathedrale von Wa errichten konnte. Die Zuteilung von Land ist nämlich eine der wichtigsten Aufgaben der Chiefs, wobei es ihnen nicht selbst gehört, sondern sie als Treuhänder oder Schiedsrichter fungieren.

In Wa befindet sich der Palast des Chiefs, bzw. Overlords, wie er hier genannt wird. Foto: Angela Ott / missio
In Wa befindet sich der Palast des Chiefs, bzw. Overlords, wie er hier genannt wird.

Danach dankt Werner Meyer zum Farwig, der Leiter unserer Gruppe, in gewohnt freundlich-souveräner Art für die Aufnahme in Wa und überreicht einen missio-Schutzengel als Geschenk, das der Overlord persönlich entgegennimmt. Anschließend machen wir noch ein Gruppenfoto, dann ist die Begegnung zu Ende. Offen bleibt, ob der Overlord deshalb nicht direkt zu uns gesprochen hat, weil er möglicherweise krank ist. Und übrigens: Es gibt auch weibliche Pendants zu Chiefs, die Queen Mothers. Leider haben wir eine solche aber nicht getroffen.

Ein gemeinsames Foto mit dem Chief von Wa. Foto: Angela Ott / missio
Ein gemeinsames Foto mit dem Chief von Wa.

Nachtrag: Am frühen Abend treffen wir das „Satellite Peace Building Committee“, eine katholische Agentur, die örtliche Konflikte in der Region Wa schlichten soll und dazu Methoden der Mediation nutzt. Wer einen Konflikt hat und ihn nicht vor Gericht austragen will (weil das teuer ist und am Ende auch mit einer vollständigen Niederlage enden kann), der kann sich mit der Bitte um Schlichtung an das Komitee wenden. Ich hatte vermutet, bei dieser Arbeit ginge es vor allem um interreligiöse Streitfälle. Dem ist aber nicht so. Remy Ullo, der Leiter des Büros, hat detailliert aufgelistet, womit er und sein Team sich zuletzt befasst haben. Bei der Mehrheit der Fälle geht es um die Frage, wer der rechtmäßige Nachfolger eines verstorbenen Chiefs ist, denn die Erbfolge ist oft nicht klar. Das Amt des Chiefs, traditionell eine Art Friedensrichter, ist also selbst bisweilen umstritten.

 


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