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Gemeinsam in einem von Gott geschenkten Kosmos überleben

Schöpfungsspiritualitäten in Afrika

Wenige Monate  vor dem fünften Jahrestag der Veröffentlichung der päpstlichen Enzyklika "Laudato si" fand vom 7. bis 9. Januar 2020 in Gaborone (Botswana) die von missio initiierte Interkontinentale Konferenz über Schöpfungsspiritualitäten und Schöpfungstheologien in Afrika statt. Diese Kontinentalkonferenz ist eine von insgesamt drei Kontinentaltagungen, die missio in Lateinamerika (im Jahr 2017), Asien (2019) und Afrika (2020) organisiert hat. Damit greift missio einen Impuls auf, den Papst Franziskus in seiner Enzyklika "Laudato Si" formuliert hat.

Foto: missio / Klaus Vellguth
Paradiesische Landschaften in Botswana können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Schöpfung auch in Afrika bedroht ist.

Eingeladen waren zu der afrikanischen Kontinentaltagung Vertreter der christlichen Kirchen, des Islam und der Afrikanischen Religionen, um miteinander über ihre Schöpfungsmythen, ihre Schöpfungsspiritualität bzw. theologischen Schöpfungskonzepte und über ihr Verständnis einer Schöpfungsgerechtigkeit ins Gespräch zu kommen. Einen besonderen Akzent setzten die Vertreter der Afrikanischen Religionen.

Foto: missio / Klaus Vellguth
Die Bedeutung der Enzyklika "Laudato si" für Afrika erläuterte Aiden Msafiri, der als katholischer Priester in Tansania zugleich UN-Klimabotschafter seines Landes ist.

Naaman K. Rop erläuterte den kosmozentrischen Ansatz der in Nordkenia beheimateten Kipsigi und zeigte auf, dass die Weltsicht der Kipsigi tief in deren Einstellungen, Werten, Glauben und Handeln und deren Beziehung zu dem von ihnen verehrten Gott Asiis verwurzelt ist. Asiis wird als Ursprung eines Kosmos, der sowohl die sichtbare als auch die unsichtbare Realität umfasst, verehrt. Der Respekt der Kipsigi vor der Schöpfung drückt sich u. a. darin aus, dass sie Bäume, Felsen, Flüsse etc. als Manifestationen von Asiis betrachten.

Mali Ole Kaunga ging auf die Schöpfungsrelation der in Ostafrika beheimateten Massai ein. Die Massai verehren die weibliche Gottheit Ngai als Gott des Regens und Schöpfer allen Viehs. Sie verorten die Existenz der Göttin Ngai in den Wolken oder auch auf dem in Tanzania gelegenen heiligen Berg Ol Doinyo Lengai, dessen Vulkanausbrüche sie als Ausdruck des Gotteszorns interpretieren. Die spirituelle Praxis der Massai ist eng an ihre Schöpfungserfahrung – und damit an ihre Beziehung zum Land und zu ihren Rinder- und Ziegenherden – gebunden.

Foto: missio / Klaus Vellguth
Prof. Dr. mult. Klaus Vellguth eröffnete für missio die interreligiöse Konferenz zu Schöpfungstheologien und Schöpfungsspiritualitäten in Afrika.

Neben den Vertretern der Afrikanischen Religionen stellten auch Christen und Muslime die Schöpfungsmythen, die Schöpfungsspiritualität und Schöpfungstheologie sowie die Ansätze einer Schöpfungsgerechtigkeit in ihren religiösen Traditionen vor. Mit der Konferenz in Botswana knüpft missio an der Umweltenzyklika aus der Feder von Papst Franziskus an, mit dem sich das Oberhaupt der katholischen Kirche ausdrücklich „an jeden Menschen wenden [möchte], der auf diesem Planeten wohnt“ (LS 3). Das ist für eine päpstliche Enzyklika zunächst einmal ungewöhnlich - doch Fragen der Schöpfung kennen keine religiösen, konfessionellen oder nationalen Grenzen.

Der Diskurs zur Frage, wie die Familie Mensch in ihrem gemeinsamen „Oikos Erde“ überleben kann,  ist nicht erst im Zeitalter der Globalisierung zu einem transnationalen und religionsverbindenden Thema geworden. Um gemeinsam zu überleben, müssen Vertreter der Religionsgemeinschaften konfessionelle und religiöse Grenzen überwinden und einen interreligiösen und interkulturellen Dialog zum Thema Schöpfung führen. Papst Franziskus selbst regt dieses Gespräch an wenn er schreibt:

„Der größte Teil der Bewohner des Planeten bezeichnet sich als Glaubende, und das müsste die Religionen veranlassen, einen Dialog miteinander aufzunehmen, der auf die Schonung der Natur, die Verteidigung der Armen und den Aufbau eines Netzes der gegenseitigen Achtung und der Geschwisterlichkeit ausgerichtet ist.“ (LS 201)

Foto: missio / Klaus Vellguth
Wissenschaftler aus verschiedenen Religionen gingen in ihren Vorträgen auf Schöpfungstheologien und Schöpfungsspiritualitäten in Afrika ein.

Um diesen von Papst Franziskus geforderten Dialog zu führen, hat missio das interkontinentale Projekt zur Schöpfungsspiritualität und Schöpfungstheologie ins Leben gerufen. Die interreligiöse Konferenz zu Fragen der Schöpfungsspiritualitäten und Schöpfungstheologien in Afrika hat nicht nur interessante Facetten mit Blick auf das Schöpfungsverständnis der unterschiedlichen religiösen Traditionen und Religionen aufgezeigt, sondern als ein interreligiöses Ereignis auch das religionsverbindende und friedensstiftende Dialogpotential ökologischer Fragen aufgezeigt. Muhammed Haron (Botswana) wies mit Blick auf Laudato si‘ darauf hin, dass es sich zwar um ein päpstliches Dokument handelt, er sich als Muslim aber frage, ob das Dokument nicht inhaltsgleich von einem Mufti oder Ajatollha hätte verfasst werden können. In Gaborone wurde deutlich: Während anstelle einer respektvollen Konvivenz der Religionen in Afrika diese aufgrund ethnischer, ökonomischer, historischer, politischer und gesellschaftlicher Spannungen oftmals als vermeintliche Antagonisten nebeneinander existieren und immer wieder mit einem scheinbar religiösen Extremismus konfrontiert sind, der mit  Gewalt und Terror verbunden ist, besitzt die Auseinandersetzung mit der ökologischen Herausforderung ein religionsverbindendes (Friedens-) Potential. Denn die ökologische Herausforderung ist eine zentrale gemeinsame Überlebensfrage, mit der Menschen unabhängig von ihrer religiösen Orientierung konfrontiert sind. Gemeinsam müssen Muslime, Christen und die Angehörigen Afrikanischer Religionen Perspektiven entwickeln, wie sie intragenerationell und intergenerationell verantwortlich mit den ihnen anvertrauten Ressourcen umgehen, um gemeinsamen auf der einen Erde überleben können.

Weitere Informationen zum Thema Schöpfungsspiritualität findet ihr hier    .


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