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Was die Frauen leisten

Gestern ist mir aufgefallen: In meinen bisherigen Blogbeiträgen sind Frauen fast gar nicht vorgekommen. Dabei waren sie an fast allen Tagen präsent: In Gottesdiensten als Vorsängerinnen, auch bei verschiedenen Gesprächsrunden. Allerdings haben dort fast immer Männer das Wort geführt. Heute war das anders. Unsere missio-Reisegruppe war in Wa mit Vertreterinnen katholischer Frauengruppen verabredet. Und die wählten deutliche Worte, um ihr Situation in Kirche und Gesellschaft zu beschreiben.

Was ich zuerst bemerke: Viele der rund 40 Frauen, die zu dem Treffen bei der Kathedrale St. Andrew’s gekommen sind, haben im Berufsleben anspruchsvolle Aufgaben. Es sind Schulleiterinnnen dabei, ich spreche auch mit einer Frau, die in der Gefängnisverwaltung beschäftigt ist. Die Sprecherin der Frauengruppen der Diözese Wa, Louisa Dayang, ist Abgeordnete im Regionalparlament und arbeitet in der Gesundheitsverwaltung. Die Ausbildung in katholischen Schulen, die im Norden Ghanas als die besten gelten, hat einigen Frauen, die heute um die 50 Jahre alt sind, gute berufliche Entwicklungen ermöglicht.

Ein Gruppenbild mit den Teilnehmerinnen des Gottesdienstes in Tamale. Foto: Angela Ott / missio
Ein Gruppenbild mit den Teilnehmerinnen des Gottesdienstes in Tamale.

Doch auch in verantwortungsvollen Jobs haben die Frauen zu kämpfen. Eine Schulleiterin etwa berichtet von Vätern muslimischer Schülerinnen, die partout nichts mit der Frau an der Spitze der Schule zu tun haben wollen. Die Schulen selbst sind wegen ihres guten Rufs auch bei der islamischen Bevölkerung sehr beliebt, und die Kirche befürwortet die Aufnahme muslimischer Kinder in die katholischen Schulen, um den Kontakt zwischen den Religionen zu fördern. Insgesamt sei das Zusammenleben der Religionen sehr friedlich. „Doch es kommt zum Beispiel vor, dass die Väter, die ihre Kinder in der Schule neu anmelden möchten, nicht zu mir kommen wollen, weil ich eine Frau bin. Aber da müssen sie eben durch, sie müssen mit mir reden“, sagt die Schulleiterin selbstbewusst. Der Weg in die Schule führt über die Frau an der Spitze.

Die Vertreterinnen der katholischen Frauengruppen sprechen über die Herausforderungen, denen sie begegnen und äußern ihre Wünsche für die Zukunft. Foto: Angela Ott / missio
Die Vertreterinnen der katholischen Frauengruppen sprechen über die Herausforderungen, denen sie begegnen und äußern ihre Wünsche für die Zukunft.

Die Frauengruppen der Diözese haben aus Anlass unseres Besuchs einen Bericht über ihre Aktivitäten erarbeitet. Wir erfahren, wie breit das Spektrum ihrer Arbeit ist: Sie bringen Kranken die Kommunion nach Hause, organisieren aber auch Tage, an denen Frauen fachärztliche Untersuchungen und Screenings in Anspruch nehmen können. Sie bieten Bildungsveranstaltungen an zu den Sakramenten, zur Gesundheitsvorsorge und zur kommunalen Selbstverwaltung. Sie organisieren kleine Projekte, in denen Frauen, die keine Berufsausbildung haben, dennoch etwas eigenes Geld verdienen können – als Weberinnen und Schneiderinnen oder in der Weiterverarbeitung und im Verkauf von Obst und Gemüse.
 

Foto: Angela Ott / missio

Frauenpolitik auf nationaler Ebene

Aber damit wollen sie sich nicht zufrieden geben. Die katholischen Frauenorganisationen von Wa haben Forderungen formuliert, die sie uns vorstellen. Ihre Forderungen zielen nicht mehr allein auf die Unterstützung einzelner Projekte. Was sie wollen, ist eine Frauenpolitik auf nationaler Ebene. Gott habe jeden Menschen mit einer bestimmten Absicht geschaffen, sagt Louisa Dayang, Doch Ungleichheit, ob bewusst hergestellt oder durch Tatenlosigkeit zugelassen, führe dazu, dass manche Menschen, und darunter viele Frauen, arm seien. Arm, das heißt für die Frauengruppen auch: Arm an Chancen: „Weil sie an den Rändern der Gesellschaft zurückgelassen werden, ohne die Mittel, ihre Potenziale zu realisieren.“

Dabei haben die Frauengruppen die ghanaische Gesellschaft im Blick, aber auch die Kirche. „Worauf kommt es in der Kirche an? Auf den Glauben! Gut, den haben wir Frauen. Und wir machen die Arbeit in der Kirche, in unseren Gemeinden, sogar den größten Teil der Arbeit“, sagt Louisa Dayang. „Wir sind die Mehrheit! Nur: Wenn es um Führungspositionen in der Kirche geht, dann heißt es: Das ist nicht möglich. Warum? Ich verstehe es nicht.“ Nadine Wacker, BDKJ-Vorsitzende im Bistum Mainz, fragt nach: „Wir Frauen in der Kirche in Deutschland haben schon häufiger zu hören bekommen, Macht und Frauenordination seien typisch deutsche Themen. In Afrika hätten die Frauen ganz andere Sorgen, als Priesterin zu werden. Wie ist das denn nun? Was denken Sie über Frauenordination?“ „Natürlich wollen wir das“, antwortet Louisa Dayang unter Beifall.

Derweil hört Father Aloysius, unser Begleiter in der Diözese Wa, aufmerksam zu. Die Frauen tragen ihre Forderungen ohne Angst vor. Für mich hat diese Begegnung gezeigt: Frauen in der Kirche Afrikas, das sind nicht allein mitreißende Lieder im Gottesdienst, Tänze und farbenfrohe Kleider. Dies alles gehört selbstverständlich zum Bild, es ist schön und wertvoll. Aber es ist nicht das vollständige Bild. Frauen in Ghana nutzen, wie sie selbst sagen, „unsere von Gott gegebenen Talente, unser Wissen und unsere Fähigkeiten bewusst in der Kirche und in der Gesellschaft“. Und sie sagen deutlich, was sie wollen.

 


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