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Treffen mit Projektpartnern in Syrien

Im Anschluss an das dritte Netzwerktreffen „Religionsfreiheit“ reisten Katja Nikles und Klaus Vellguth über Beirut im Libanon nach Syrien, um dort verschiedene Projektpartner und Projekte der Kirche(n) zu besuchen. Über ihre Reiseeindrücke und -erfahrungen berichtet Klaus Vellguth in einem Beitrag, der gerade in der Zeitschrift „Diakonia“     erschienen ist.

Der Tag beginnt mit einem spartanischen Frühstück im Gästeblock der Université Saint-Joseph in Beirut. Dort holt uns unser Fahrer ab, mit dem wir ins syrische Homs fahren. Nach circa zwei Stunden haben wir die Grenze erreicht, und der Fahrer übernimmt für uns die Klärung aller Grenzformalitäten – was insgesamt über anderthalb Stunden Zeit in Anspruch nimmt. Anschließend geht es weiter durch grüne Landschaften nach Homs. Es erwartet uns eine Stadt, die von den Narben des Bürgerkriegs gezeichnet ist. Wir fahren durch das Viertel, in dem sich die Truppen des sogenannten „Islamischen Staates“ bis zur „Befreiung“ der Stadt im Jahr 2013 zurückgezogen hatten. Das Stadtviertel gleicht einem Trümmerfeld. Von den Häusern mit mehreren Etagen steht teilweise nur noch ein fragiles Gerüst, überall Schutt, keine Spuren des Wiederaufbaus. Es scheint die Kraft zu fehlen, die Wunden des Krieges zu behandeln.

Zerstörung nach dem Bürgerkrieg in Homs

Homs: Die Narben des Krieges sind noch überall sichtbar

In der Kommunität der Jesuiten begrüßt uns Père Magdi SJ, der uns später das Centre Culturel des Jésuites zeigen wird. In diesem Centre Culturel, das in der vom Krieg stark beschädigten Altstadt von Homs liegt, bieten die Jesuiten Kurse für junge Menschen an, die den Krieg hinter sich lassen und dem Land eine neue Zukunft geben möchten. Liebevoll sind die Räume gestaltet. In einem Raum wurde provisorisch ein Ballettsaal eingerichtet, damit Kinder und Jugendliche dort Ballettunterricht nehmen können. Ein anderer Raum wurde als Atelier für Mal- und Kunstunterricht eingerichtet. Ein dritter Raum ist ausgestattet mit Computern, so dass Jugendliche den Umgang mit Computern und Internet lernen können. Geleitet wird das Zentrum von einer jungen Christin aus Aleppo, die in ihrer Heimatstadt eng mit den Franziskanern zusammengearbeitet und nun in Homs im Centre Culturel eine neue Aufgabe gefunden hat. Finanziert wird das Zentrum von den Jesuiten – doch deutet Père Magdi an, dass die Finanzierung auf fragilen Beinen steht.

Beim Heraustreten aus dem Kulturinstitut fällt der Blick auf die andere Straßenseite, wo zerbombte Häuser einen deutlichen Kontrast zeichnen: Dort die Spuren der Vergangenheit, die dem Land und seiner Bevölkerung einen bis heute kaum erklärbaren Tornado der Gewalt beschert hat. Hier die zarten Andeutungen von Hoffnung auf eine Zukunft, in der Syrien von den Wunden der Vergangenheit geheilt ist und eine junge Generation die Vision für ein neues Syrien entwickeln kann.

Auf dem Rückweg zur Kommunität der Jesuiten fällt der Blick auf die Kirche Notre Dame de la Paix, die im Gegensatz zu den umliegenden vom Krieg gezeichneten Gebäuden bereits wieder aufgebaut werden konnte.

Die Jesuiten bertreiben in Homs ein Gemeindezentrum

Am Nachmittag besuchen wir zwei Gemeinschaftszentren (Community-Center), die von den Jesuiten in Homs betrieben werden. Bis zur Verstaatlichung der Schulen in den 70er Jahren befand sich eine kirchliche Schule auf dem Gelände. Heute wird das Gebäude als ein Gemeinschaftszentrum genutzt. Zum einen wird eine Hausaufgabenhilfe für Schüler angeboten, die intensiv genutzt wird, da das staatliche Bildungswesen nur minimal Standards einhalten kann. Darüber hinaus treffen sich in dem Gebäude kirchliche Gruppen, beispielsweise die Gruppe Foi et rencontre. Das Gemeinschaftshaus ist auch ein Ort, an dem sich Jugendliche treffen und unter anderem Jugendfreizeiten planen, an denen im Sommer mehrere hundert Kinder und Jugendliche teilnehmen. Teile des Gemeindezentrums sind erst vor kurzem eingeweiht worden. Der aus Bruchsteinen im alten Stil hergestellte Gottesdienstraum ist so gestaltet, dass der Sakralbereich durch einen Vorhang vom Großteil des Raumes abgetrennt werden kann. So kann dieser abgetrennte Bereich als Versammlungsraum für die Gemeinde genutzt werden.

Unweit von diesem Gemeindezentrum entfernt befindet sich ein zweites Gemeindezentrum der Jesuiten. Es liegt nicht - wie das Gelände der Kommunität - in dem von den Rebellen während der Unruhen besetzten Teil der Stadt, sondern fußläufig entfernt jenseits der Demarkationslinie, wo die Armee die Oberhand hatte. Das Zentrum verfügt über zwei Spielplätze, einen Sakralraum und mehrere Gruppen- bzw. Versammlungsräume. In dem Gemeindezentrum wird ebenfalls eine Hausaufgabenunterstützung angeboten, auch steht es für zahlreiche Gemeindeaktivitäten zur Verfügung. Als wir am Abend dort eintreffen, sind circa 80 Jugendliche dort, die uns als Studenten vorgestellt werden. Sie treffen sich im Gemeindehaus, um gemeinsam einen Film zu sehen und ihn anschließend in sechs Kleingruppen zu diskutieren. Die Jugendlichen machen einen entspannten Eindruck und erläutern uns, dass sie seit ihrer Kindheit das Gemeindezentrum als eine zweite Heimat und als eine spirituelle Beheimatung erlebt haben.

Zu Besuch beim Bischof von Homs

Wir besuchen auch den Erzbischof der melkitisch griechischen-katholischen Diözese, Msgr. Abdo Arbach, und sprechen mit ihm über die Herausforderung, die sich für die Christen in Homs ergeben. Er verweist auf die Bedeutung der menschlichen Entwicklung nach den Schrecken des Krieges („reconstruction de l’homme“) und konkretisiert das anhand der pastoralen Aktivitäten der Kirche. Er sieht in der Wertvermittlung die zentrale Hausforderung für die Christen und wünscht sich hier die Unterstützung internationaler Organisationen, „denen die Zukunft der Gesellschaft in Syrien tatsächlich am Herzen liegt“.

Hinsichtlich der Ökumene verweist Erzbischof Arbach auf zahlreiche Treffen, die institutionalisiert regelmäßig stattfinden. Mit Blick auf den interreligiösen Dialog betont er, dass es zahlreiche Kontakte zwischen Vertretern der christlichen Kirchen und muslimischen Imamen gibt - allerdings betont er auch Differenzen. Während christliche (caritative) Initiativen stets gleichermaßen Christen und Muslimen gelten, würden Muslime ihre Aktivitäten stets auf muslimische Angehörige begrenzen – Christen sind von der caritativen bzw. materiellen Hilfe jeweils ausgeschlossen. In der Praxis kaum realisierbar hält er zum derzeitigen Zeitpunkt gemeinsame caritative Initiativen, die von christlicher und muslimischer Seite initiiert bzw. realisiert werden.

Zwei Schwestern organisieren Schulunterricht und theologischen Kurs

Anschließend steht ein Besuch des Gemeinschaftszentrums der Schwestern vom Guten Hirten an. Zwei Schwestern bilden in Homs eine kleine Kommunität. Sie haben ein Gebäude am Rande der Innenstadt erworben und dieses zum einen um zwei Etagen erweitert, zum anderen kernsaniert. Die Baumaßnahmen befinden sich derzeit in der finalen Phase. Im Erdgeschoss befindet sich ein größerer Versammlungsraum, im ersten Stock sind Unterrichtsräume für die Hausaufgabenbetreuung bzw. unterstützende Unterrichtseinheiten vorgesehen, die von den Schwestern organisiert werden. Im oberen Geschoss befindet sich ein größerer Klassenraum, in dem sich zum Zeitpunkt unseres Besuchs circa 30 junge Erwachsene befinden, die dort an einem theologischen Diplomkurs teilnehmen, der von Gastdozenten der Université de Sagesse (Beirut/Libanon) angeboten wird. Es ist einer privaten Initiative einer Libanesin zu verdanken, dass Dozenten der theologischen Fakultät regelmäßig für zwei Tage nach Homs kommen, um diesen Kurs als „Einführung in das Christentum“ anzubieten und den Studierenden anschließend ein Diplom ihrer Universität zu verleihen. Dieses Diplom ist zum einen ein Qualifikationsnachweis, zum anderen aber auch die Voraussetzung, um Aufbaustudien an der Université de Sagesse zu absolvieren.

Wir treffen abends Père Fouad Naklah SJ. Er legt uns die Pläne für ein mehrgeschossiges Gemeinschaftszentrum vor, das die Jesuiten in Jaramana, einer Stadt mit zwei Millionen Einwohnern im Ballungsraum von Damaskus, bauen. In Jaramana leben vor allem junge Leute, denen die Mieten im benachbarten Damaskus zu hoch sind. Da der Ort teilweise aus informellen Siedlungen hervorgegangen und in den letzten Jahren regelrecht aus dem Boden geschossen ist, fehlt es dort an einer hinreichenden Infrastruktur und insbesondere an sozialen Einrichtungen.

Geplant ist, dass das Zentrum der Jesuiten über ein kleines Theater, einen Fußball- und Basketballplatz, über einen Festsaal, Veranstaltungsräume sowie über zahlreiche Gruppenräume verfügen soll. Auch eine Kapelle sowie eine über ein ganzes Stockwerk reichende Wohneinheit für die Jesuiten ist geplant. Bei der Baumaßnahme handelt es sich um die derzeit aufwendigste Investition, die die Jesuiten im Nahen Osten realisieren.

In Damaskus: Gemeindeaufbau - Schwestern helfen kriegstraumatisierten Frauen

Auf unserer Reise feiern wir auch einen Gottesdienst der Chaldäisch-katholischen Kirche in Damaskus mit. Bischof Antoine Audo SJ hatte uns darum gebeten, Kontakt mit der Gemeinde aufzunehmen und uns vor Ort zeigen zu lassen, wo die Chaldäisch-katholische Kirche ein Bauprojekt für ein Gemeindezentrum plant. Nach dem Gottesdienst nehmen wir kurz an einem Treffen mit Mitgliedern der Gemeinde teil, anschließend setzen wir die Gespräche mit dem Gemeindepfarrer Père Malek in dessen spartanisch eingerichteten Büro fort. An dem Treffen nehmen fünf andere Gemeindemitglieder teil. Père Malek erläutert uns, dass an dem Ort, an dem nun sein Büro steht, ein zwei bzw. dreigeschossiges Zentrum entstehen soll.

Anschließend besuchen wir Sr. Lolita, die der Ordensgemeinschaft der Sœurs du Bon-Pasteur angehört. Die Schwestern vom Guten Hirten unterhalten im Zentrum von Damaskus, fußläufig von der Chaldäisch-katholischen Kirche entfernt, ein Forum, in dem Frauen Zuflucht finden. Sie werden dort sozialpädagogisch und psychologisch betreut. In dem Zentrum finden kriegstraumatisierte Frauen einen Schutzraum, um die Wunden der Vergangenheit – soweit dies überhaupt möglich ist – heilen zu lassen. Darüber hinaus werden in dem Foyer Aktivitäten verschiedener Gruppen angeboten. Auffallend ist an den Räumlichkeiten der Sœurs du Bon-Pasteur, dass diese äußerst geschmackvoll im Damaszenerstil um einen Innenhof herum gestaltet sind.

Später kehren wir zum Patriarchat zurück und nehmen dort an der Messe teil, die von Msgr. Antiba geleitet wird. Im Anschluss an die (gut besuchte) Messe machen wir uns mit einem Taxi auf den Weg nach Beirut, wo wir vor Mitternacht am Flughafen ankommen, um in den frühen Morgenstunden zurück nach Deutschland zu fliegen.

Die Kirche in der Region Homs möchte die Wunden der Überlebenden heilen und durch den Glauben einen zuversichtlichen Blick auf das Leben ermöglichen. Mit einer Spende unterstützen Sie diese wichtige Aufgabe.

Helfen Sie den Kindern in Syrien!


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