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Unterwegs in Melanesien: Am „Pacific Theological College"

missio unterstützt das Pacific Theological College schon seit vielen Jahren. Das College wiederum arbeitet ökumenisch mit nahezu allen Kirchen des Pazifiks in fast allen Inselstaaten um die aktuellen Herausforderungen der Region gemeinsam anzugehen und individuelle Lösungsstrategien durch „capacity building“ zu erreichen.

Um diese Ziele zu erreichen kooperiert es eng mit dem „Institute for Mission and Research“ (IMR), dem „Pacific Council of Churches“ (PCC) und der „South Pacific Assiciation of Theological Schools“ (SPATS) zusammen. Neben der Ausbildung von zukünftigen Führungskräften stehen Bereiche wie „peacebuilding“ (Friedensarbeit), „social analysis“ (Sozialanalyse) und trauma counseling“ (Traumaarbeit) auf der Aufgabenliste. Hinzu kommt ein Ausbildungsbereich der englischen Sprache.

MeinTag beginnt mit einer Begrüßung und Einführung von Rusila Nabouniu-Raique, der jungen Programm-Managerin des Pacific Theological College. Die erst 27-jährige ist schon fest eingebunden in die überraschend präzise Planung des Instituts und hilft Professor Aisake Casimira bei der Umsetzung des ökumenischen Programms „Churches Changing the Story of Development in the Pacific through Capacity Building and Research“ (Kirchen verändern die Geschichte der Entwicklung im pazifischen Raum durch Kapazitätsaufbau und Forschung). Ein langer Name mit einem noch längerem Hintergrund!

Ruslia berichtet mir von einer ihrer Reisen, um den „impact“ (Auswirkungen) eines ihrer Workshops zu messen. Anders als in der westlichen Welt kann man mit dem Ausfüllen von Fragebögen und deren Auswertung in einem sozialwissenschaftlichen Rahmen meist keine Ergebnisse erzielen. Der melanesische Kulturraum baut auf der persönlichen Beziehung von Personen auf und somit war Rusila gezwungen mit einem Koffer auf den langen Weg nach KarKar-Island vor der Küste Papua-Neuguineas zu reisen und auf eigene Faust in Face-to-Face-Gesprächen die Auswirkungen der letzten Arbeitssitzungen zu ermitteln. Das sozialwissenschaftliche Werkzeug, dessen sie sich bedient, nennt sich „Story-telling“ und bezeichnet das Vier-Augen-Gespräch zwischen dem Interviewer und einem Erzähler. Meist dauert es eine Weile bis sich Leute dazu bereit erklären etwas über sich oder ihre Erfahrungen preis zu geben.

Auch ich habe das in den letzten Wochen immer wieder bemerkt. Oft muss man etwas Small-Talk führen und über die Familie und Arbeit und vor allem (Ganz wichtig!) über das Wetter reden. Irgendwie scheinen die meteorologischen Gegebenheiten der absolute Eisbrecher zu sein. Nach einer guten halben/dreiviertel Stunde öffnen sich die Interviewpartner dann endlich und die eigentlichen Fragen können behutsam gestellt werden. Wer sich nicht an diesen Ablauf hält, muss damit rechnen, keine Antworten zu erhalten oder im schlimmsten Fall sogar nur die Antworten zu erhalten, von denen der Interviewpartner ausgeht, dass man sie hören will. Beim „Story-telling“ wird nicht nur das Gespräch gesucht, auch der Einsatz von Zeichnungen ist ein wichtiger Bestandteil der Ausdrucksweise und vermittelt dem Zuhörer visuell einen Einblick in das Gefühlsleben der Erzähler. Diese Methode hört sich in europäischen Ohren eher wunderlich an, jedoch hat das PTC in den letzten Jahrzehnten der Arbeit festgestellt, dass fast ausschließlich über diesen Weg die gewünschten Informationen zu sammeln sind und die dadurch entstandenen Kosten durch Flugtickets und Auswertung der qualitativen Interviews weitaus günstiger sind als die Arbeit mit nutzlosen Daten.

Eines des wichtigsten Lernziele für die Studenten ist die Erfahrung, dass die Umstände, in denen sie und ihre Umgebung leben, änderbar sind und nicht immer hingenommen werden müssen. Diese einfache aber entscheidende Einsicht scheint anfangs banal, doch eben diese fehlende Erfahrung ist es, die die Leute im Pazifik dazu veranlasst zu glauben, nichts an ihrem Leben und den sie umgebenen  Problemen ändern zu können. Ein kleiner Gedanke, der jedoch den ersten Schritt in Richtung Entwicklung darstellt.

Ein weiterer Umstand, den das PTC festgestellt hat, ist die fehlende Koordination in den jeweiligen Ländern, weshalb die Ausbildung von zukünftigen Führungskräften ein wichtiger Programmpunkt ist. Ohne diese neue Generation von Managern ist die Koordinierung von Entwicklungsschritten und ökumenischer Arbeit zum Scheitern verurteilt.

Die theologische Dimension des Projekts des PTC’s darf nicht ausser Acht gelassen werden, da die Implementierung von Hilfsangeboten nicht nur auf den Rückhalt der Kirchen im organisatorischen Bereich gehalten werden, sondern auch durch die aktiv gelebten Glauben der Einwohner der jeweiligen Inseln. Wenn die Hilfe wirklich ankommen will und Projekte wie "Die Gleichberechtigung der Frau" oder "Gewaltlose Konfliktlösung" auf festen Fuß stehen möchten, so müssen sie ihre Berechtigung im christlichen Glauben und der Bibel finden. Erst dadurch kann so manchem störrischen Verfechter von unchristlichen Werten der Weg zur Einsicht bereitet werden.

Das Englisch-Programm ist der nächste wichtige Eckstein der Ausbildungsangebote des Projekts des PTC. Nicht nur der Ausbau der Sprache im akademischen Bereich der bereits fließend englischsprechenden Studenten steht auch das Erlernen eben dieser Sprache für die Studenten der frankophonen Gebiete des Südpazifiks im Fokus. Neu-Kaledonien und Französisch-Polynesien sind die zwei einzigen französischsprachigen Gebiete, oder eher die Gebiete in denen Französisch Amtssprache ist und deren Bewohner meist keine Kenntnisse in Englisch besitzen und somit keinen Zugang zu den Studiengängen und Forschungsergebnissen des PTC haben. Der Anfängerkurs über drei Monate katapultiert die Studenten auf ein Level, mit dem sie den Kursen folgen und ihre Ideen ausdrücken können.

Das aktuelle Programm läuft erst seit Mitte dieses Jahres und will neben dem Teil der Ausbildung auch den Forschungspart fördern, um die aktuellen sozialen, politischen und ökologischen Probleme der Großregion zu verstehen und angehen zu können. Dafür wird die Fähigkeit der Studenten zu sozialwissenschaftlichen Forschungsarbeiten gestärkt.  Problemfelder wie Urbanisation, Umsiedlung, steigender Meeresspiegel, der Machtkampf der Großmächte um die Ressourcen des Pazifiks, Krankheiten wie Diabetes und AIDS, konsumorientierter Lebenstil und Verlust der bisherigen sozialen Strukturen sind nur ein kleiner Teil der bevorstehenden und bereits angelaufenen Probleme im Pazifik. Die wichtigste Frage für das PTC ist die folgende: „How can the churches change the story of develompent?“ (Wie kann die Kirche die Entwicklung verändern?)

Foto: wikipedia
Der Eingang des Pacific Theological College in Suva.

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