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Unterwegs in Melanesien: Warum für Erzbischof Cardone missio für die Salomonen so wichtig ist

Während meiner Reise auf den Salomonen durfte ich ausgesprochen interessante Gespräche führen. Unter anderem mit dem Erzbischof von Honiara, Christopher Cardone OP, den alle einfach Chris nennen. Wir duzen uns. Für ihn ist missio eine Hilfsorganisation, die sich vor allem durch die Nähe zu den Menschen auszeichnet.

Was macht es für Indigene mit ihrer eigenen religiösen Kultur auf den Salomonen interessant, sich im Christentum zu engagieren?

Auf den Salomonen gibt es noch rund zehn Prozent der Bevölkerung, die einen indigen-religiösen Hintergrund haben. Sie sind am Christentum interessiert. Das Christentum ist für sie nicht allein wegen der Frohen Botschaft des Evangeliums attraktiv, sondern auch aus praktischen Erwägungen. Dazu gehören zum Beispiel die Möglichkeit christliche Schulen zu besuchen oder Zugang zu medizinischer Versorgung zu haben. Die Menschen vergleichen manchmal ganz konkret die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Lebensstile.

Foto: Sebastian Beyer / missio
Erzbischof Chris und die Vertreterinnen der Daughters of Mary of Assumption (FMA).

Welches sind die kommenden Herausforderungen für die Salomonen?

Eine Herausforderung wird es sein, weniger abhängig von Unterstützung von außen zu werden. Dazu gehören Hilfszuwendungen von der Europäischen Union oder der Weltbank. Dann brauchen wir besser ausgebildete Führungspersönlichkeiten, wir haben keine gute Führungskultur im Land, das sogenannte „poor leadership“, was dazu führt, dass dieses Land trotz der riesigen Reichtümer an Ressourcen durch Korruption ausgebeutet wird. Wir haben hier große asiatische Holzunternehmen, die ihre Profite aufgrund von „poor leadership“ an den Menschen vorbei ins Ausland transferieren. Alkoholismus ist eine weitere gravierende Herausforderung. Der indigenen Bevölkerung fehlt die kulturelle Tradition, um mit Genussmitteln wie Alkohol richtig umzugehen, wie das etwa in Europa der Fall ist. Dies führt zu vielen Folgeproblemen wie Gewalt. Glücklicherweise sind wir noch nicht, anders als Papua-Neu-Guinea und Fidschi, von HIV/AIDS betroffen. In den letzten Jahren hatten wir gerade einmal zehn Fälle dieser Art, was sich jedoch in nächster Zeit ändern kann und dann ein Problem wird.

Die persönlichen Beziehung zu den Menschen hier helfen missio, den Kontext zu verstehen und auf Situationen besser reagieren zu können. Der direkte Kontakt mit Menschen ist sehr wichtig im melanesischen Kulturraum. Das unterscheidet missio von anderen Hilfsorganisationen, die ich kenne.

Wie siehst Du die Arbeit mit missio?

Durch die Ausbildung von kommenden Führungskräften, „pastoral leader“, können die Pastoral-Pläne besser umgesetzt werden. Auch die Unterstützung im Bereich Infrastruktur ist sehr wichtig, dabei denke ich besonders an Hilfe bei „priest houses“ und Kirchen. Missio ist sehr praktisch und „pro Kirche“ orientiert. Besonders hervorragend ist die Tatsache, dass es Verantwortliche für jedes Land gibt. Anne Knörzer zum Beispiel besucht uns regelmäßig und diese Besuche sind sehr wichtig für uns und missio. Sie hat einen Kontakt zu den Menschen. Sie könnte auch in einem Hotel mit Klimaanlage wohnen, doch sie bevorzugt es im Bischofhaus zu wohnen und spricht sehr viel mit den Menschen hier vor Ort. Sie spricht mit den Ordensfrauen und anderen kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, den Projektlietern und betroffenen Menschen, die von der Wirkung der Projekte profitieren. Die meisten anderen Organisationen dagegen halten nur Kontakt zu den Projektleitern und mit mir höchstens sehr formell per E-Mail. Diese persönliche Beziehung zu den Menschen hier hilft missio, den Kontext zu verstehen und auf Situationen besser reagieren zu können. Der direkte Kontakt mit Menschen ist sehr wichtig im melanesischen Kulturraum.

Was muss man als Außenstehender über die Kirche in Melanesien wissen?

Wir hören hier oft negative Nachrichten über die Kirche in Europa und den USA, dass Pfarreien zusammengelegt oder Klöster geschlossen werden müssen. Hier erleben wir eine wachsende und junge Kirche, die sehr lebendig ist. Westeuropa ist nicht mehr der Nabel der Welt. Viele tolle Dinge geschehen in Afrika, Ozeanien und Asien. Zum Beispiel haben wir bei den Messen in Honiara mehr als 6.000 Besucherinnen und Besucher, die kommen und 75 Prozent der Kirchgänger sind unter 18 Jahre alt. Der Heilige Geist ist sehr aktiv auf den Salomonen und im globalen Süden. Es ist wichtig zu wissen, dass die Spenden von missio helfen, eine junge und aktive Kirche aufzubauen.

Wie entwickeln sich aus Deiner Sicht die melanesischen Kulturen in den kommenden Jahren?

Wir haben eine sehr junge Bevölkerung. Für uns sind der Ausbau des Schulwesens und die Eröffnung neuer Pfarreien sehr dringende Anliegen. Alleine in Honiara werden in den nächsten Jahren drei neue Pfarreien eröffnet. Die Schulen haben teilweise 50 bis 60 Schüler pro Klasse. Hier muss gehandelt werden.

Mein Wunsch ist es, den ersten lokalen Erzbischof zu erleben und der letzte weiße Mann in dieser Position gewesen zu sein.

Welche kulturellen Veränderungen kannst Du erkennen?

Die Hilfsorganisationen wollen mehr Frauen in Entscheidungspositionen bringen. Das macht sich an unserem Parlament bemerkbar. Vor ein paar Jahren war es undenkbar, eine Frau dort anzutreffen. Heute gibt es zwei Frauen im Parlament. Früher war der Anteil von Schülerinnen etwa 30 Prozent an den Schulen, heute sind es 50 Prozent. Hier braucht es weiter verstärkte Anstrenungen, Frauen besser auszubilden.

Was ist Dein persönlicher Wunsch für die Salomonen?

Wir haben genug fähige und ausgebildete lokale Priester, die von den Salomonen kommen. Ich hoffe, Papst Franziskus lässt mich als gebürtigen US-Amerikaner mit italienischen Wurzeln bald in den Ruhestand gehen, sodass ich für einen dieser Männer Platz machen kann. Wir haben bereits einen lokalen Bischof und der nächste könnte es in einigen Jahren in Auki werden. Mein Wunsch ist es, den ersten lokalen Erzbischof zu erleben und der letzte weiße Mann in dieser Position gewesen zu sein.


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