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Christentum, Zauberei und Stammeskriege in Papua Neuguinea

Jack Urame ist der „head bishop“ der „Evangelican Lutheran Church of Papua New Guinea“, der zweitgrößten Kirche in Papua-Neuguinea (PNG). Mit seinen 1,8 Millionen Mitgliedern, entsprechend 19,5% der Einwohnerzahl, teilt sie sich mit der Katholischen Kirche (27%) den Löwenanteil am religiösen Markt auf der zweitgrößten Insel der Welt. Bei meinem Besuch in Madang hatte ich die Möglichkeit mit Jack über das Christentum in Papua Neuguinea, Zauberei und Stammeskriege zu sprechen.

Deutschland hat eine Kolonial-Geschichte in PNG (Papua Neuguinea). Wie ist der Blick der Einwohner auf die Rolle der Deutschen in der Geschichte der Insel?

Nun, der Westteil war unter niederländischer Herrschaft, der Nordteil war beherrscht von den Deutschen und der Rest gehörte den Briten. Bis heute ist die Queen noch immer das offizielle Staatsoberhaupt, welches durch den Generalgouverneur vertreten ist.

Die deutsche Kolonialgeschichte ist relativ kurz. Von 1840 bis 1914. Die Interessen waren wirtschaftlicher Natur und konzentrierten sich eher auf Kokosplantagen und es wurde wenig in Infrastruktur ausserhalb dieser Plantagen investiert. Man erkennt diesen Teil der Geschichte bis heute noch in Ortsnamen wie „Mount Hagen“, „Fintzhafen“, „Alexishafen“, „Bismarcksee“ oder „Kaiser Wilhelmsland“.

Durch die Kolonie war es den christlichen Missionaren möglich einen Fuß in unser Land zu setzen und den Katholizismus und den Lutheranismus zu predigen. Aber leider war, wie bereits gesagt, dieses Zeitfenster sehr kurz, denn im Zweiten Weltkrieg mussten viele Missionare das Land wegen den eintreffenden japanischen Truppen verlassen. PNG und der Südpazifik wurden dann zum Schlachtfeld für die Großmächte.

Die Kolonisierung wird bei uns verschieden betrachtet. Einerseits kamen auch schlechte Dinge hierher, andererseits aber auch das Christentum.

Da das Christentum noch nicht so lange hier ist, sieht man es nicht als Fremdreligion in einem Kontext der kulturellen Vielfältigkeit? …quasi künstlich herein getragen?

Spiritualität ist Teil aller Kulturen in PNG und über diese Spiritualität konnte sich eine Beziehung zum Christentum aufbauen. Man war nicht gegen die Kolonisierung, denn sie brachte Bildung, Krankenhäuser und Infrastruktur. Anders als in Afrika ist die Kolonialgeschichte in PNG nicht so stark durch Gewalt geprägt.

Verbindendes Element der Kulturen PNG’s ist der Glaube an eine „oberste Macht“, spirituelle Kräfte in anderen Worten. Man glaubt an eine Macht, die für alles verantwortlich ist. Wenn Menschen sterben, dann sind sie nicht für immer weg, denn sie haben immer noch eine Interaktion mit den Lebenden. Diese Einstellung machte es für sie einfach das Christentum zu akzeptieren. Es gab weniger religiöse Hindernisse als geographische und linguistische Hindernisse.

Man sah das Christentum nicht als etwas Fremdes an, sogar bestand der Glaube, dass Missionare zurückgekehrte Verstorbene sind. Auch die Verbindung von ähnlichen Elementen von traditionellen Stammesmythen und der Bibel haben ihren Beitrag vom Einzug des Christentums in PNG geleistet.

Oft scherzt man hier: „Gott war in PNG bevor die Missionare kamen. Die Missionare brachten nur die Bibel“.

Was kann das westlich geprägte Christentum vom PNG-geprägten Christentum lernen in Bezug auf den Klimawandel und soziale Aspekte?

Den größten unterschied sehen wir auf der Beziehungsebene. Hier empfindet man sich als Teil der Umwelt, man ist verbunden mit den Bäumen und Wäldern und den Menschen die zwischen ihnen leben.

Auf der Gesellschaftsebene gilt die Maxime: „Wir sind keine Insel“. Wir leben mit traditionellen Verbindungen auf reziproker Basis. Wir leben für jeden Anderen.

Durch den Klimawandel (global) und die Umweltzerstörung (lokal) wird die „Haushalts-Idee“ von Melanesien zerstört. Es ist unsere kosmologische Anschauungsweise des Ganzen die nun angegriffen und zerstört wird. Durch Seabed-Mining und Holzschlag wird die Verbindung zur See und zum Busch zerstört. Man zerstört die Spiritualität und die Identität, auch ihre Geschichte an die die Menschen gebunden sind.

Grob gesagt kann man zusammenfassen, dass im „westlichen Denken“ alles getrennt voneinander betrachtet wird. Wir Melanesen haben eine holistische Anschauungsweise.

Heute werden Bäume und der Ozean in Dollars gesehen und behandelt. Alles wird Geld. Das Gesamtverständnis von Verbundenheit wird durch das Geld zerstört. Das globale Finanzwesen basierend auf Geld wird alles auseinander reißen. Unsere Regierung soll im Interesse der Papuas handeln, sie selbst sind ja auch Papuas. Doch das Geld beeinflusst die natürlichen Beziehungen Einzelner zu ihren Gemeinschaften und führt am Ende zu Korruption.

Große Städte wie Port Moresby kann man nicht mehr als Teil des melanesischen Kontextes erkennen. Die Stadt ist künstlich geschaffen und trennt den Menschen von der Natur. Sie ist das typische Beispiel für das westliche Konzept einer zentralistischen „location“. Man muss angestellt sein um Geld zu verdienen, dass man am Ende des Tages wieder im Laden ausgeben muss um zu überleben.

Aber so ist Zivilisation nun mal. Die Leute wollen ein neues Leben haben und Teil der globalen Gemeinschaft sein. Das kann man nicht verhindern. Wir können auch nicht mehr im Busch leben, denn wir brauchen Schulen, Krankenhäuser und Märkte. Niemand ist mehr isoliert und alle werden immer mehr säkularisiert. Wir werden immer mehr vom „global shift“ ergriffen.

Wie können die Kirchen darauf reagieren?

Die Kirchen haben die Pflicht, das zu promoten was positiv für die Menschen ist, das was ein gutes Leben bringt. Wir müssen aber auch negatives anprangern, das was die Schöpfung, Beziehungen, Existenz und Überleben angreift. Wir haben das moralische Mandat durch die Schrift gegen Negatives zu handeln.

Zerstörung ist Entwicklung mit negativem Impakt und wenn wir nicht handeln, dann haben wir bald ein ernsthaftes Problem in PNG. Wenn wir die sozialen und ökonomischen Probleme von heute nicht handhaben, sind wir in 20 Jahren in einer extrem schlechten Lage. Es braucht eine Zusammenarbeit von Regierung, Kirchen und Zivilgesellschaft um einen Lösungsweg zu finden.

Wirtschaftlich müssen wir Ungleichheit und Ungerechtigkeit bekämpfen. Das beginnt mit dem Kampf gegen Arbeitslosigkeit. Wenn wir wollen, dass die Menschen in Frieden und Harmonie miteinander leben sollen, dann müssen wir ganz dringend das Entwicklungsmodell in diesem Land ändern. Es geht nicht um Luxus, sondern um ein Dach über dem Kopf, sauberes Wasser und vor allem Glücklichsein.

Hexerei und Hexenverfolgung sind nach wie vor ein weitverbreiteter Glaube in PNG. Was tuen die Kirchen gegen diese Kultur?

Hexerei ist tief im Glaubenssystem in PNG verankert. Doch auch dieser Glaube ändert sich mit der Zeit. Früher waren unbekannte Kräfte für Krankheit und Tod verantwortlich. Heute jedoch sind es menschliche Wesen, die für diese Aspekte verantwortlich sind, so wie es in Europa im Mittelalter war. Wenn man so will, sind wir in diesem Zusammenhang noch im Mittelalter.

Die Kirchen sind gegen Hexerei und der damit verbundenen Gewalt, aber weil es ein Problem mit der Polizeipräsenz gibt und auch weil viele der Angestellten der Behörden selber noch stark an Hexerei glauben, ist noch keine Minderung der Opferzahlen von Hexenjagden eingetreten.

Durch die sogenannten „lifestyle diseases“ steigen auch die Patientenzahlen von Diabetes, Übergewicht und den damit verbundenen Probleme und im Endeffekt der Tod. Die Hexenjagd versucht diese Entwicklung zu erklären. Ich arbeite viel mit Philip Gibbs (Dekan der „Divine Word University“ in Madang, PNG) zu diesem Thema zusammen.

Es gibt nationale Aktionspläne, NGO’s und Kirchen die sich mit dem Thema befassen. Ein neues Gesetz verbietet Hexenanschuldigungen mit Gefängnisstrafen. Früher gab es ein Gesetz, dass Hexerei verboten hat, dadurch aber auch die Existenz von Hexerei anerkennt.

PNG ist dafür bekannt, dass es besonders in den „Highlands“ noch zu sogenannten Stammeskriegen kommt. Wie reagieren die Kirchen auf dieses gefährliche Thema?

Früher war dies ein sehr schlimmes Thema. Überall gab es Tote und Verletzte. Glücklicherweise geschieht das immer seltener. Durch den Einfluss der Kirchen, der erhöhten Polizeipräsenz und dem Wunsch nach ökonomischen Wachstum wollen die Leute dabei nicht mehr mit machen. Es gibt mittlerweile eine Bewegung hin zu verstehen, was Zivilisation bedeutet und ich hoffe in 20 bis 30 Jahren dieses Thema "Stammeskriege" beendet zu sehen.

Man versucht jetzt durch Verhandlungen und Mediation Lösungswege zu finden, bevor ein Kampf ausbricht. Die Macht der Kirchen ist in PNG sehr viel größer als in Europa, sie sind die zweite Kraft im Land, die Veränderungen herbeiführen können. Ich habe noch nie so viel Zusammenarbeit von Staat und Kirchen wie in PNG gesehen. Man respektiert sich, auch wenn die Kirchen, zeitlich gesehen, vor der Regierung in PNG waren.


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