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Unterwegs in Melanesien: Maria Himmelfahrt auf den Salomonen

Auf meiner Reise kehre ich noch einmal zurück nach Ruavatu um Maria Himmelfahrt zu feiern und zu erleben, wie lebendig und aktiv die einströmenden Gemeinden sind. Wir kehren eine Woche später am Abend zu diesem malerischen Ort zurück, um am nächsten Tag die Messe und ein Festmahl zu genießen.

Die Nacht im alten „priest house“ stellt sich als abenteuerlich heraus. Meine Zimmernachbarn waren eine Entenfamilie, die sich bei Dunkelheit ins Nebenzimmer zurückzieht, um vor den Krokodilen, die tagsüber im Dschungel ihr Dasein genießen und nachts durch das Dorf ihren Weg ins Salzwasser suchen, sicher zu sein.  Nur zwei Wochen vorher ist ein Dorfbewohner von einer dieser ruppigen und ledrigen Echsen in den Schenkel gebissen worden, woraufhin er aufgrund seiner starken Blutungen ins nächste Krankenhaus gebracht werden musste. Jenes Krankenhaus befindet sich in Honiara, und somit zwei Autostunden entfernt.

Die Decke ist an den meisten Stellen abgestürzt und dort, wo eigentlich die Abflüsse für die Waschbecken sein sollten, wurde notgedrungen einfach ein Loch in den Boden gesägt. Die Elektrik verlangt von den Nutzern einiges an Mut ab und die Holzdielen ächzen einem die Belastung der letzten Jahrzehnte entgegen, dass man fast schon Mitleid hat. Im Gespräch mit dem Priester vor Ort kann ich die Freude und Dankbarkeit für die Unterstützung für das neue Haus heraushören und sehe wieder einmal, dass ein Projekt seinen Sinn und Zweck erfüllt.

Foto: Sebastian Beyer / missio
Maria Himmelfahrt in Ruavatu. Betende stehen vor der Maria-Statue vor dem neuen „parish house“.

Am nächsten Morgen wache ich mit dem Gefühl auf in einem amerikanischen Shopping-Center zu sein. Tausende Stimmen, Gelächter, laute Musik und der Geruch von gebratenem Fleisch steigen in meine Nase und locken mich aus meinem Moskito-Netz-Palast Richtung Dorfplatz. Ich kann es nicht glauben – mehr als zweitausend Menschen verwandeln die Wiese zwischen Wald und Meer in ein Gewusel und Geschnatter ungeahnten Ausmaßes, welches nur von der Anzahl der angebotenen Waren übertroffen wird. Maria Himmelfahrt ist nicht nur ein kirchlicher Feiertag, sondern für die Frauen eine Art Feiertag der Weiblichkeit. Die Mehrheit der Männer bleibt in den Dörfern und die Frauen nutzen die Gelegenheit, um nach Ruavatu zu wandern, ihre Waren zu verkaufen und vor allem Neuigkeiten und Tratsch der anliegenden Regionen auszutauschen. Jede angrenzende Gemeinde hat eine Art Gemeinschaftshütte,c in der die Dorfgemeinschaften Essen für die anstehende Feier vorbereiten. Die Kirche ist gefüllt mit probenden Gesangs- und Tanzgruppen und überall sitzen Gruppen von Menschen zusammen und diskutieren. Bevor ich jemanden sehe, den ich erkenne, kommen mir schon einige Mädchen entgegengelaufen und quasseln mich auf Pidgin zu. Dadurch, dass die Salomoninseln mehr als 87 verschiedene Sprachen haben, die so unterschiedlich sind wie Tag und Nacht, gibt es eine linguistische Problematik, die durch eine „Transfer-Sprache“ überbrückt wurde. Englisch ist die Amtssprache, aber Pidgin ist ein Mix aus verschiedenen Dialekten mit Englisch. Wenn man nur ein paar Wörter und den Satzbau beachtet, ist man innerhalb kürzester Zeit in der Lage das meiste zu verstehen, auch wenn die eigene Ausdrucksweise Verwirrung stiftet.

Beispiel:

  • Nem blong me Lena -> Name belong to me Lena -> My Name is Lena
  • Mi kam long hia becas haos blong patere -> Me came to here because house belong priest -> I came here because of the priest house

Wie man sehen kann liegen Pidgin und Englisch nicht weit auseinander, jedoch wäre die Bezeichnung „broken english“ angemessener. Es handelt sich eher um eine indigene Sprache mit englischem Einfluss. Man sollte beachten, dass nur die wenigsten der Bewohner richtiges English beherrschen, aber trotzdem in der Lage sind, es zu verstehen. Faszinierend!

Während ich versuche meine Begleiter zu finden und in dem Haufen aufgedrehter Menschen nicht unter zu gehen, steht wie aus dem Nichts auf einmal Mr. Eric vor mir und drückt mir gnädiger Weise ein Papier in die Hand. Das Festkomitee möchte, dass ich vor der gesamten Belegschaft eine kurze Ansprache halten soll und er mich nur vorwarnen will. Im Trubel der letzten Tage habe man vergessen, dass noch ein Gast aus dem Ausland anwesend sein wird und deshalb einen Platz bei den Festrednern für mich reserviert wurde. Beim genauen Betrachten der Schriftstücke verstehe ich, dass er mir eine kurze Rede von zehn Sätzen auf Pidgin aufgeschrieben hat und mit einem Augenzwinkern verrät er mir, dass es die Leute umhauen wird. Die Prophezeiung erfüllt sich: Nach der Messe werden die Festredner nach vorne gebeten und ein Lachen geht durch die Menge als der „white booi“ ans Rednerpult treten muss. Ein einleitendes „Good morning everybody“ wurde erwidert und Mr. Erics Sätze aus meinem Mund haben ein Staunen auf die Gesichter der Anwesenden gezaubert, denn im Nachhinein stellt sich heraus, dass die Nutzung der lokalen Sprache, in diesem Fall Pidgi, ein besonderes Zeichen der Respekterweisung darstellt, welches mit Applaus und nach der Messe mit unendlichem Händeschütteln belohnt wurde. Wenn man den ersten Schritt auf die lokale Kultur der Menschen macht, darf man auf eine Welle der Begeisterung gefasst sein.

Foto: Sebastian Beyer / missio
Der Altar in der Kirche von Ruavatu.

Das Muschelgeld der Frauen

Kurz nach der Messe beginnt das Festmahl. Wer schon einmal gesehen hat wie Martinsgänse gefüttert werden und weiß wie Großmütter ihre Enkel mit Köstlichkeiten beglücken, der kann sich vorstellen, dass nach diesem Festmahl mein Appetit für die nächsten zwei Tage gestillt wurde. Die Damen widmen sich wieder dem Quatschen und Verkaufen und wir machen uns glücklich und erleichtert auf in Richtung Wagen. Doch zuvor preschen oder eher grätschen die Nonnen in unseren Weg und bitten mich doch bitte mitzukommen.

Wieder im „priest house“ wurde mir die Ehre erwiesen in gebückter Haltung, die meiner Körpergröße zuzurechnen ist, eine Muschelkette um den Nacken geschlungen zu kriegen. Dies ist allerdings keine gewöhnliche dekorative Kette aus dem Souvenirshop, sondern wird als „shell money“ deklariert. Wie sich aus der anschließenden Belehrung herausstellt, wird im melanesischen Kulturraum Muschelgeld als Statussymbol, Kompensationszahlung oder Brautpreis gehandelt.

Foto: Sebastian Beyer / missio

Im Falle einer Ehe wird ein gewisser Betrag in Muschelgeld von den Eltern der Braut bestimmt, der jeweils von Status und Vermögen der Familie des Bräutigams abhängt und in Geld nicht zu messen ist. Es handelt sich hierbei um einen kulturellen Wert, der eher in Respekt als Maßeinheit gesehen wird. Einige Gruppen fertigen diese Ketten aus seltenen Muscheln, Schneckenhäusern oder sogar kostbaren Vogelfedern an. Teilweise gibt es sogar spezialisierte Handwerker, deren Arbeit nur in der Herstellung dieser Kostbarkeiten besteht und somit einen kulturellen Sonderstatus innerhalb der indigenen Gemeinschaften einnimmt. Man muss allerdings bedenken, dass das Zahlen des Brautpreises, den man für die Frau gezahlt hat, so etwas wie einen Besitz darstellt über den man frei verfügen kann. Das Muschelgeld führt je nachdem auch dazu, dass eine Frau als Objekt oder Besitz gehandelt werden kann. Wenn der Ehemann sich der Frau schlecht benimmt oder häusliche Gewalt anwendet und die Dame in ihr Heimatdorf flieht, um Schutz zu suchen, kann man davon ausgehen, dass der Ehemann seinen „Besitz“ einfordern kommt und es schon fast als Diebstahl ansieht, wenn die Ehefrau nicht zurückkehrt. Dies führt dann schnell zu Clan-Streitigkeiten.

Falls durch Fremdgehen Ehebruch begangen wird, dient das Muschelgeld als Kompensationszahlung für den Ehemann. Dabei kann der verlangte Betrag weit über das Maß des Brautgelds hinausgehen und sogar als Druckmittel eingesetzt werden. Wer sich nun Gedanken über Ehebruch bzw. Fremdgehen gemacht hat, sollte wissen, dass Frauen in diesem Kulturraum stark unterdrückt werden und sie beinahe mundtot gemacht werden. Wenn ein Mann etwas sagt, so „spuren“ die Frauen oft. Das Ergebnis dieses Verhaltens stellt sich oft so dar, dass fremde Männer oder sogar Verwandte den Frauen befehlen sich ihnen hinzugeben und nicht damit rechnen müssen Widerworte zu erhalten, was wiederum das Selbstbild oder das beschädigte Selbstbewusstsein der Frauen wiederspiegelt. In meinem Fall kann ich glücklicherweise sagen, dass es sich als Symbol für Dankbarkeit erweist und nun meine Brust als Statussymbol zieren darf.

Foto: Sebastian Beyer / missio
Nach der Messe kriege ich die Muschelkette überreicht, die als ein Symbol für Dankbarkeit gilt.

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