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Der Streit um die Hagia Sophia

Am 2. Juli entscheidet das Oberste Verwaltungsgericht der Türkei, ob die Hagia Sophia wieder in eine Moschee zurückverwandelt werden darf. Präsident Recep Tayyib Erdogan drängt darauf. Dabei war das Bauwerk einst die größte Kirche der Welt - und ist nun schon seit Jahrzehnten ein Museum, das für jeden offen ist. Es droht Streit.

Foto: falco / pixabay
Die Hagia Sophia in Istanbul.

Ein Prachtbau sollte sie sein. Alles überragen, was bisher geschaffen worden war. Symbol von Herrschaft und göttlicher Macht. So planten die Baumeister Isidor von Milet und Anthemios von Tralleis eines der beeindruckendsten Gebäude der Welt: die Hagia Sophia. Erbaut in Konstantinopel am Bosporus in den Jahren 532 bis 537 stellte die Kathedrale alles in den Schatten, was bis dahin an christlicher Architektur entstanden war. Besonders die Kuppel ist ein architektonisches und physikalisches Meisterwerk, das Dank genauester Berechnungen und präzisester Arbeit vollendet werden konnte. Diese äußere Pracht hat die Hagia Sophia auch heute noch. Aber ihr Status hat sich in den vergangenen Jahrhunderten ein paar Mal deutlich verändert.

Zunächst war sie eine christlich-orthodoxe Kathedrale, Sitz des Patriarchen von Konstantinopel und Krönungsort der byzantinischen Kaiser. Sie war die größte Kirche der Welt, lange bevor es den Petersdom in Rom in seiner heutigen Form gab. Noch heute ist die Hagia Sophia für viele orthodoxe Christen ein wichtiger Bezugspunkt. Ihr Name bedeutet übersetzt „Heilige Weisheit”, und etwas Heiliges strahlte sie über die Jahrhunderte für viele Gläubige auch aus, mit ihren christlichen Ornamenten und dem reich geschmückten Inneren.

Umwandlung zur Moschee

Bis zum Jahre 1453. Da wurde Konstantinopel von den Osmanen erobert, das Byzantinische Reich verschwand von der Weltkarte. Die Hagia Sophia wurde geplündert und die siegreichen Osmanen widmeten das Gebäude um - denn auch Sultan Mehmed II. beeindruckte das Bauwerk sehr. Alles Christliche, inklusive der Glocken, wurde entfernt und die Hagia Sophia zur Moschee erklärt. Sie wurde bald eines der wichtigsten Gotteshäuser der Muslime im Osmanischen Reich. Um dies auch architektonisch zu unterstreichen, ergänzten die Osmanen um das Gebäude Minarette, von denen aus der Muezzin die Gläubigen zum Gebet ruft. Vier davon sollten die Hagia Sophia schließlich umgeben. Aber auch das war nicht das letzte Kapitel des Gotteshauses.

Denn nach dem Ersten Weltkrieg 1918 zerbrach das Osmanische Reich. Seine Einzelteile wurden unabhängig - darunter als Kerngebiet die Republik Türkei. Staatsgründer Kemal Atatürk war strikt für die Trennung von Staat und Kirche und für die Hinwendung seines Landes zu Europa und dem Westen. Auf seine Anregung hin wurde die Hagia Sophia 1934 schließlich zu einem Museum - ein Kompromiss zwischen den christlichen und den muslimischen Ansprüchen auf das Gebäude. Durch die neutrale Umwidmung als Museum war es nun allen Menschen offen, die in die türkische Metropole Istanbul reisten, wie die Stadt mittlerweile hieß. Eigentlich eine faire Lösung - aber nun könnte noch ein neues Kapitel in dem Streit aufgeschlagen werden.

Aktuelle Diskussion

Denn in der Türkei gibt es einige Bestrebungen, die Hagia Sophia wieder zu einer Moschee umzuwandeln. Dazu gehört auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan. er verfolgt schon seit einigen Jahren eine sehr konservativ-islamische Politik, ganz im Gegensatz zum Staatsgründer Atatürk. Die Umwandlung der Hagia Sophia zurück zu einer Moschee gilt als ein wichtiger Punkt dieser Politik mit großer Symbolkraft. Vor Kurzem fand bereits ein muslimisches Gebet in dem Gebäude statt, das ja offiziell immer noch ein Museum ist - woran auch Präsident Erdogan teilnahm.

Nun soll das Oberste Verwaltungsgericht der Türkei am 2. Juli darüber entscheiden, ob eine Umwandlung rechtens ist oder nicht. Viele orthodoxe Christen zeigten sich wegen der Pläne bereits verärgert. Ein alter Streit könnte wieder aufflammen, der eigentlich schon beigelegt. war. Die Geschichte der Hagia Sophia ist noch lange nicht zu Ende erzählt.


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