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Eine Antwort aus nigerianischer Perspektive

Eugene Elochukwu Uzukwu CSSp

Im folgenden Beitrag stellt der nigerianische Theologe Eugene Elochukwu Uzukwu die Relevanz des Synodenthemas dar. Vor allem drei Bereiche beleuchtet er in diesem Zusammenhang, die seiner Meinung nach einer besonderen Aufmerksamkeit bedürfen: die Globalisierung, Frauen als Motoren der Veränderung und Afrikanische Traditionelle Religionen (ATR). Die Kirche ist aufgerufen, sich intensiver mit den Traditionen und dem Kulturerbe auseinanderzusetzen, will sie wirklich zum »Salz der Erde« und »Licht der Welt« werden.

Die Situation Afrikas ist kritisch. Die Einberufung einer zweiten Synode über Versöhnung, Gerechtigkeit und Frieden ist notwendig, um die spiralförmige Entwicklung aufzuhalten. Das Arbeitsdokument der Synode bemerkt mit Fug und Recht, dass »positive Ereignisse in Gemeinschaften häufig unbeachtet bleiben« (IL 5). Nichtsdestotrotz denke ich, dass das Dokument anerkennt, dass Bilder der »tragischen Ereignisse, die häufig in denMedien zu sehen sind«, die Realität widerspiegeln. Das Arbeitsdokument zählt einige dieser Ereignisse (die zum Teil bereits von der 1. Synode erfasst worden sind) unter sozio-politischen, sozio-ökonomischen und sozio-kulturellen Rubriken (IL 21–33) auf. Die Liste ist sehr gut, obwohl sie noch ausführlicher hätte sein können. In einer Synode über Versöhnung (Gerechtigkeit und Frieden) mag die stärkere Betonung der Brennpunkte von Gewalt und Leid vielleicht eher dazu beitragen, Lösungswege aufzuzeigen statt sie zu blockieren. Christliche Gemeinschaften in Afrika sind radikal in diese Situation verwickelt: »Die Kirchen in Afrika tragen die Zerbrechlichkeit der gegenwärtigen Situation afrikanischer Länder sowohl auf institutioneller und finanzieller als auch auf theologischer, kultureller und rechtlicher Ebene« (IL 21). Christliche Gemeinschaften in der Region der großen Seen und der zentralafrikanischen Regionen, Ruanda, Burundi, Kongo, Uganda, Sudan wie auch in Westafrika, insbesondere die Elfenbeinküste und Nigeria, tragen die Narben dieser Zerbrechlichkeit. Sie sehnen sich nach Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung – und sind bereit, sich dafür (mit der Synode) einzusetzen.

Die Synode hofft, kreativeWege zu entwickeln, die auf der einen Seite afrikanische Christen (die Familie Gottes) herausfordern, zum »Salz der Erde« und zum »Licht der Welt« (Mt 5, 13–14) zu werden; und auf der anderen Seite Wege zu entwickeln, die die gesamte »Weltkirche« und Weltgemeinschaft mobilisieren, um eine neue Art der Existenz zu umarmen, die Versöhnung, Gerechtigkeit und Frieden hervorbringen wird. Afrikas Probleme, für die Versöhnung gesucht wird, haben interne und externe Ursachen, nationale und internationale, regionale, kontinentale und interkontinentale Implikationen. Die Synode weckt Erwartungen; sie hat deutlich die Probleme zu identifizieren und prophetische Lösungen vorzuschlagen, ganz gleich wie provisorisch sie auch sein mögen.

Ich konzentriere mich in meinen Ausführungen auf einige Fragestellungen, die im Zusammenhang mit Konflikten stehen und ein Handeln für Versöhnung, Gerechtigkeit und Frieden erfordern:

1. Wirtschaftliche Globalisierung und christliches Zeugnis in Afrika und in der Welt;

2. Frauen als Antriebskraft des Wandels, der eine neue Vision des christlichen Zeugnisses in Afrika und der Welt ermöglicht;

3. Religionen, insbesondere Afrikanische Traditionelle Religionen (ATR) samt der damit verbunden Kultur, und die Herausforderung von Versöhnung.

Globalisierung, Kultur und christliches Zeugnis

Der Ton des Arbeitsdokuments hinsichtlich der Globalisierung ist pessimistisch, trotz der Bemühungen, eine ausgewogene Sichtweise darzustellen. Der Fokus liegt aufWirtschaft und Kultur. Um die Krise in Afrika in ihrer sozio-kulturellen Perspektive zu situieren, verweist das Dokument auf das afrikanische »kulturelle Erbe« beziehungsweise die »kulturelle Identität«, die durch Modernität und Globalisierung bedroht sind (IL 30–31, 72, 143). Die Geschichte, die wir kennen, ist sehr komplex. Afrikaner sind nicht einfach Bauernopfer der Globalisierung. Globalisierung hat ihre eigenen positiven Effekte: zum Beispiel die Mobiltelefon-Revolution in Nigeria, Kenia oder anderen afrikanischen Staaten. Selbst die in Nigeria gegründeten Mega-Churches wie »Winners

Chapel« (die nicht nur in Lagos, sondern auch in Nairobi, London und den USA große Arenen besitzen) haben sowohl ökonomische als auch kulturelle Auswirkungen. Sie verwenden zum guten Nutzen ausgeklügelte und moderne Vorrichtungen der Kommunikation, um die kirchliche Globalisierung voranzutreiben. Der Bereich der Kultur ist noch faszinierender: der fließende Strom der Black Culture, vom Ursprungskontinent hin in die Diaspora und zurück, könnte der Kirche eine Vorstellung davon geben, wie Versöhnung, Gerechtigkeit und Frieden, die zutiefst eingebettet sind in afrikanische Kulturen, umzusetzen sind.

Anmerkungen

1 Die Begriffe sind entliehen von Derrida, Giovanni Borradori »Philosophy in a Time of Terror – Dialogues with Jürgen Habermas and Jacques Derrida (Chicago & London: University of Chicago Press, 2003), 121–123.

2 Vgl. Samir Amin, The Liberal Virus – Permanent War and the Americanization of the World (New York: Monthly Review Press, 2004).

3 Vgl. Samuel Kobia, The Courage to Hope – the Roots for a New Vision and the Calling of the Church in Africa, vol 102, Risk Books Series (Genf: WCC Publications 2003). Chapter 4.

Ja, es ist richtig, dass die negativen Auswirkungen der Globalisierung die positiven überlagern. Afrikas fehlende Präsenz in einer globalisierten Ökonomie und Politik sollte jeden zum Innehalten bringen. Wenn sich die größten Akteure der wirtschaftlichen Globalisierung treffen, ist Afrika abwesend. Das Synodendokument erfasst dies mit den Worten: »Es ist die Tatsache zu berücksichtigen, dass (abgesehen von Südafrika) Afrika von der Suche nach Lösungskonzepten hinsichtlich der gegenwärtigen internationalen Finanzkrise ausgeschlossen ist« (IL 29). Abgesehen von Südafrika, fehlte Afrika auf dem wichtigen G 20-Gipfel am 2. April 2009 in London. Und das, obwohl Afrika ein Spielmacher, Ernährer oder eine Glut der globalen Wirtschaft ist. Ein guter Teil der wichtigen Rohstoffe für das Voranschreiten der Weltwirtschaft wird durch Afrika geliefert: der Regenwald stellt Holz zur Verfügung; Mineralien wie Diamanten, Gold, Kupfer, Bauxit, Koltan und Öl aus Sierra Leone, Ghana, Nigeria, den beiden Kongos und Angola ziehen die G 20 an. Diese Rohstoffe sind »die einzigen nicht-virtualisierbaren und nicht-deterritorialisierbaren heute übrig gebliebenen Güter.« (1) Die gewaltsame Logik der globalen Transformationen, die richtigerweise vom Synodendokument verurteilt wird, stellt sicher, dass diese Rohstoffe nicht dem Volk gehören: die Konsequenz des Neo-Liberalismus, angetrieben durch die Amerikanisierung der Welt und die Militarisierung der Globalisierung (2). Machtlose und verarmte Afrikaner werden marginalisiert, gedemütigt und diskriminiert. Sehr korrupte afrikanische Machthaber melken in betrügerischer Absprache mit ebenso korrupten transnationalen Konzernen Afrikas Ressourcen. Es gibt eine Invasion von außen (häufig genug durch niederträchtige Machthaber unterstützt) und gewalttätigen internen Widerstand, häufig ferngelenkt durch die »Großen« der afrikanischen Politik, die bereitwillig ethnische und religiöse Vorurteile zum eigenen politischen und wirtschaftlichen Vorteil ausnutzen (3). Das Synodendokument bemerkt zu Recht: »Die Kriege in vielen Regionen Afrikas sind schlichtweg an die Wirtschaft als solche gebunden « (IL 65). Kriege werden um Ressourcen, die die G 20 ernähren, gefochten. Es stimmt, dass religiöse Gewalt in Nigeria jedes zweite Jahr vorhersehbar ist. Aber die Gewalt im Niger-Delta Nigerias und die weithin berichtete Serie von Entführungen von Ölarbeitern wird durch die Erdölreserven geschürt. Frieden ist nicht fassbar. Die Synodenagenda von Versöhnung, Gerechtigkeit und Frieden ist in der Tat dringlich.

Anmerkungen

4 CBCN, Healing the Wounds of the Nation: Pastoral Letter of First Plenary Meeting of CBCN for the Year 2002.

5 CBCN Publications, Communiqué zum Ende der ersten Vollversammlung der katholischen Bischofskonferenz Nigerias (CBCN), Abuja, 9.–14. März 2009.

Das Bild der Kirche-Familie Gottes (das der 1. Afrika-Synode viel bedeutet) ist vom Synodendokument adoptiert worden, um die Gemeinschaft als »Salz der Erde« und »Licht der Welt« darzustellen, die die Völker weg führen wird von Krieg und Gewalt, hin zu Versöhnung, Gerechtigkeit und Frieden. Nigerianer erwarten von der Synode nicht nur eine noch stärkere Anwaltschaft, sondern deutlichere Führung im Kampf gegen Korruption und repressive Regierungen samt ihrer ausländischen Verbündeten. Nigerianische Bischöfe haben Erfahrungen in dieser Art des Zeugnis-Gebens! Sie nahmen eine mutige und glaubwürdige Position gegen die Diktatur von Sanni Abacha (1993 –1998) ein. Die Korruption aber verschwand nicht, auch nicht in den Jahren der Vierten Republik (die 1999 begann). Die Bischöfe beschlossen, dass die Katechese »die Lehre der Kirche über die soziale Dimension von Sünde und Gnade« integriere: »Katholiken sollten Vermittler von Heilung und Versöhnung sein und für gewaltloses Handeln für Gerechtigkeit und Frieden einstehen.« (4) Als nächstes riefen die Bischöfe das Land zum Gebet auf: »Gebet gegen Bestechung und Korruption in Nigeria « (2005). Die Evaluation durch die Bischöfe zu Beginn diesen Jahres kam zu dem traurigen Ergebnis: »Korruption und Diebstahl öffentlicher Gelder, die trotz unseres Aufrufs zum Gebet größtenteils unvermindert fortbestehen, haben unser Land in die Knie gezwungen. Dies ist zum Beispiel spürbar in dem Zusammenbruch der Infrastruktur im Land, im Fehlen von Basiseinrichtungen, in der wachsenden Zahl von Arbeitslosen, in der zunehmenden Welle der Kriminalität.« (5) Diese Feststellung trifft nicht nur für Nigeria, sondern auch für andere afrikanische Staaten zu, wie dies das Arbeitsdokument der Synode widerspiegelt.

Korrupte Gouverneure und Politiker wurden inhaftiert und durch die nigerianische Kommission für Finanz- und Wirtschaftsverbrechen vor Gericht gestellt (2008). Aber sie scheinen nicht wirklich in Bedrängnis zu sein; trotz der anfänglichen Peinlichkeit aufgrund ihrer Verhaftung. Christliche Gemeinschaften im gesamten Land (und Muslime ebenso) werden die katholischen Bischöfe unterstützen, wenn sie eine härtere Linie gegen Korruption verfolgen und den Weg weisen, das Rechtssystem und die Vollzugsbehörden, die die Rechtsstaatlichkeit verspotten, herauszufordern.

Nigerianische kulturelle Traditionen haben Ressourcen und unverwüstliche Strukturen, die mit der biblischen Symbolik des »Salz der Erde« und »Licht der Welt« korrelieren können, insbesondere wenn es darum geht, Frieden zu stiften und nach Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit zu dürsten (vgl. Mt, 5,6.9). Wir lernen von den kulturellen Quellen, vermittelt durch nigerianische Frauen, dass man erfolgreich den Worten auch Taten folgen lassen kann (»talk the talk and walk the walk«), wenn es um die ethische Transformation einer Gesellschaft geht, ohne sich kriminellen Machthabern unterwerfen zu müssen oder aber Zuflucht in gewaltsamem Blutvergießen zu suchen.

Frauen als Antriebskraft des Wandels

Das Synodendokument spricht die Fragen an, die im Zusammenhang mit den Rechten von Frauen, sowohl in Kirche als auch in Gesellschaft, stehen; und die Kirche schließt sich dem Kampf an: gegen häusliche Gewalt, Polygamie, Prostitution, Enterbung, repressive Riten der Witwenschaft, die Zuweisung untergeordneter Rollen für Frauen in der Kirche et cetera. Die Kommentare des Dokuments bezüglich der Rolle von Männern und Frauen in Politik und Wirtschaft verdeutlichen allerdings, dass aufrichtig zu sein oder korrupt zu sein nicht genderspezifisch ist. Drei Abschnitte des Dokuments berühren die Frage der Bedeutung von Frauen für das afrikanische kulturelle Erbe: »Achtung vor den Ältesten; Respekt vor Frauen und Müttern«; und »Achtung vor den Ältesten und die Würde von Frauen als Mütter und Beschützerinnen des Lebens« (IL 30, 52). Die Rolle von Frauen als Mütter wird sowohl von afrikanischen kulturellen Traditionen als auch vomEvangelium geschätzt. Die folgenden Vorstellungen von Frauen – diese Aussagen beziehen sich auf Ordensfrauen – müssen jedoch in Frage gestellt werden. Sie setzen das spirituelle Wachstum in Verbindung mit »ihrem femininen Geist (»genius«) der Freundlichkeit, Zärtlichkeit und der Offenheit, das Wort zu vernehmen« (IL 114).

Afrikanische Frauen lieben es, als Mütter anerkannt zu werden. Sie beanspruchen die Mutterschaft als ein Sprungbrett, um drastische Veränderungen in die Gesellschaft einzuführen; sie sind nicht passiv. Ich meine, die Synode sollte eine stärkere Wertschätzung für die kämpferischen Merkmale afrikanischer Frauen zeigen, die in unserem kulturellen Repertoire verfügbar sind und profunde Auswirkungen auf die Gesellschaft haben. Diese Merkmale würden dabei behilflich sein, eine erneuerte christliche Gemeinschaft – Familie Gottes – zu zeichnen, die in der afrikanischen Kultur verwurzelt ist (IL70) und mit dem Evangelium korreliert, nämlich »Salz« und »Licht« zu sein, das den Weg zu einer ganzheitlichen Veränderung weist.

Nigerianische Frauen, im Gegensatz zu Männern, zeigen ihre kämpferische Art gegen soziale, ökonomische und politische Ungerechtigkeit auf zumindest zwei Weisen, um Veränderungen herbeizuführen. Erstens: die organisierte Revolte gegen die »Kriminalität« der Regierung; Zweitens: das offene zur Schau stellen ihrer Nacktheit als Gipfel der Empörung gegen Kriminalität.

Anmerkungen

6 Vgl. Ifi Amadiume, »Male Daughters, Female Husbands: Gender and Sex in an African Society (London & New Jersey: Zed, 1987); vgl. Kamene Okonjo, »The Dual-Sex Political System in Operation: Igbo Women and Community Politics in Midwestern Nigeria«; vgl. Judith van Allen, »Aba Riots or Igbo Women’s War? Ideology, Stratification and the Invisibility of Women,« in: Women in Africa: Studies in Social and Economic Change, ed. Nancy J. Jafkin and Edna G. Bay (Stanford, California: Stanford University Press, 1976).

Frauen im Krieg gegen Staatskriminalität

Nigerianische Frauen, Igbo-Frauen im Besonderen, mögen im Haushalt ihrer Ehemänner unterdrückt werden. Aber als »corporate unit« üben sie enorme Macht aus und stellen ein Gegengewicht zur Macht der Männer dar. In der Tradition der Igbo ist die Ausübung von Macht immer durch ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den Geschlechtern geprägt. Frauen in vorkolonialen Zeiten erfreuten sich enormer wirtschaftlicher und politischer Macht. Das auf beide Geschlechter ausgerichtete sozio-politische und wirtschaftliche System herrschte vor. Weibliche »Chiefs« kontrollierten die Angelegenheiten von Frauen und ihre ländliche, auf dem Markt basierende Ökonomie. Koloniale und christliche Policy untergruben diese Balance und brachten diese Ebenheit in geschlechtsspezifischer Verantwortung zu Fall. Südost-Nigeria explodierte im Jahr 1929 im Frauen-Krieg, von Frauen verschiedener Ethnien organisiert. Igbo- und Annang-Frauen kämpften mit Knüppeln gegen die rigide eindimensionale koloniale Genderpolicy: besonders gegen die von den Briten veranlasste Einsetzung von »warrant chiefs« und die Einführung von Steuern, die die Frauen den »warrant chiefs« zu zahlen hatten (6). Die Frauen verloren den Krieg. Nachkoloniale Regierungen streuten Salz in die Wunde, indem sie die Märkte (gebaut, im Besitz und geführt von Frauen) in vielen Orten übernahmen.

Anmerkungen

7 Victor Turner, The Ritual Process – Structure and Anti-Structure (Chicago: Aldine, 1969).

8 Vgl. Duro Adesoko, »Ekiti: The fear of calamity« www.sunnewsonline.com/ webpages/news/national/2009/may/ 09/national-09-05-2009-02.htm; T.E. Turner and L.S. Brrownhill, »The Curse of Nakedness: Nigerian Women in the Oil War«, in: Feminist Politics, Activism and Vision: Local and Global Challenges, ed. A. Miles L. Ricciutelli and M. H. McFadden (London: Zed Books 2004). Vgl. Barbara Sutton, »Naked Protest: Memories of Bodies and Resistance at the World Social Forum«, Journal of International Womens Studies 8, no. 3 (2007).

Nacktheit als Instrument des Wandels

Das zweite Beispiel des Ausdrucks von Empörung über die Unterdrückung oder schlechte Regierungsführung wird von Yoruba- und Bini-Frauen praktiziert (die Ijaw im Niger-Delta, die Igbo und andere Frauengruppen im gesamten Land eignen sich zunehmend diese Muster von Protestaktionen an). Nacktheit im öffentlichen Raum bedeutet für Nigerianer Verrücktheit beziehungsweise Wahnsinn; heilende Rituale folgen einer solchen Exponierung. Aber wenn Yoruba oder Bini-Mütter ihre Nacktheit im Palast des Oba (König) zeigen, muss der König zurücktreten. Mütter vollziehen eine solche Zurschaustellung, um einen Urteilsspruch gegen den nackten Missbrauch von Macht zu verkünden; einen Urteilsspruch gegen empörende Entscheidungen, die unerträglich sind und eine Gefahr für das Gemeinschaftsleben derMenschen darstellen. Ihre Nacktheit vermittelt die Gleichheit oder communitas (7), kommuniziert durch solche Symbole der Geburt, Pflege und Sanftheit, gegen die niemand Gründe vorbringen kann. In der Zweiten Republik, unter Präsident Shehu Shagari (1979–1983) wurde die Idee von der Legalisierung der Abtreibung schon im Ansatz erstickt, als Frauen aus Ost-Nigeria damit drohten, nackt in das Parlament einzudringen. Und erst jüngst haben 600 Ijaw-Frauen im Nigerdelta (im Alter von 30–90 Jahren) 700 Chevron Arbeiter als Geiseln genommen und forderten Jobs für ihre Söhne. Sie drohten den Geiseln mit ihrer Nacktheit, sollten sie versuchen zu fliehen. ImMai diesen Jahres gingen Ekiti-(Yoruba-)Frauen über ihre Androhungen hinaus und demonstrierten nackt gegen die Vereidigung des gewählten Gouverneurs, Segung Oni. Aufgebracht über den Missbrauch der Wahlen haben sie selbst viel aufs Spiel gesetzt. Ja, sie haben den gesamten Bundesstaat in eine Situation der rituellen Unreinheit gebracht, indem sie den Wahlbetrug zu einer abscheulichen Tat erklärten, die rituell gereinigt werden müsse (8).

Die katholische Kirche hat keinen Grund, die Intentionalität dieser performativen Aktionen der Frauen nicht zu unterstützen. Gewiss, die symbolische Basis dieser Aktionen ist die Afrikanische Traditionelle Religion (ATR), wo Heiligkeit, Reinheit, Gefahr und rituelle Reinigung verabscheuungswürdiger Taten eine Kategorie unter der moralischen Aufsicht der Gottheit der Erde darstellen. Christliche Frauen, die daran teilnehmen oder aber solche performativen Aktionen initiieren, beteiligen sich nicht einfach an einer säkularen politischen Aktion ohne jeglichen Bezug zum Heiligen. Als aktive Mitglieder der Familie Gottes (nicht untergeordnete Mitglieder) kann ihre in den Traditionen verwurzelte Anti-Korruptionskampagne mit den Seligpreisungen in Beziehung stehen. Diese christlichen Frauen sind zudem treibende Kräfte der Inkulturation. Die Seligpreisungen und die anti-strukturelle Haltung der Frauen zeigen ein Muster menschlichen Gedeihens; aber beide gehen über das Gedeihen hinaus, um einen fundamentalen Wert, Menschsein, zu entwerfen, für den man bereit ist, die eigene Freiheit und sein Leben zu riskieren. Die Frauen fordern die Kirche-Familie heraus, über Anwaltschaft hinaus zu gehen und gezielte Aktionen für Gerechtigkeit zu ergreifen.

ATR und die Herausforderung von Versöhnung

Das Interesse des Synodendokuments hinsichtlich der ATR ist pastoraler Natur; es gibt keine deutliche Umarmung der ATR als Partner des Dialogs, wie zum Beispiel den Islam. Die meisten afrikanischen Christen haben ATR als die zugrundeliegende religiöse Kultur. ATR ist eine auf die Verwandtschaft / Sippschaft fokussierte kosmische Religion. Sie stellt Rituale bereit, das Leben und die Beziehung zu fördern; ihr Fokus ist das menschliche Gedeihen – gemeinschaftlich und individuell. Ihre religiöse Kultur stellt die Struktur für eine andere radikale Einsicht in Gerechtigkeit zur Verfügung: eine heilende Gerechtigkeit, praktiziert in Südafrika (jedoch ohne Wiedergutmachung, wie sie vom Synodendokument vorgeschlagen wird; vgl. IL 8). Die Dimension von Gerechtigkeit ist ganzheitlich: sie heilt das Opfer und den Täter. Auf der anderen Seite stellt ATR Rituale zur Verfügung, die das Leben mindern. Das Synodendokument beschuldigt ATR, den Glauben an Hexerei und an das Okkulte zu inspirieren, in die einige katholische Priester verwickelt sein sollen (IL 95).

Während es vertretbar ist, eine »pastorale Aufmerksamkeit« gegenüber den ATR vorzuschlagen, sollte die Zweite Synode für Afrika die ATR ernster nehmen, denn sie stellt Menschen strukturelle Elemente für das Leben in der Welt zur Verfügung. Afrikanische Christen sind Träger der ATR-Kultur. Die vorrangige Art und Weise, auf die ATR ihre Autorität behaupten, ist der Dienst der Heilung, des Exorzismus und der Befreiung. Dies wird durch jede Kirche auf dem Kontinent praktiziert, selbst die radikale Pfingstbewegung eingeschlossen, die die ATR anklagt, des Teufels zu sein.

Nigerianer, Afrikaner erwarten von der zweiten Synode, die ATR ernster zu nehmen als bisher. Es gibt keinerlei Entschuldigung für irgendeine Schwesterkirche, dies nicht zu tun. Die Relevanz und Lebendigkeit der ATR-Kultur hilft, die südliche Christenheit von der nördlichen abzugrenzen. Die nördliche Christenheit hat eine Menge von der südlichen zu lernen. ATR ernst zu nehmen ist ein Weg, durch den Bischöfe sicherstellen, dass die Kirche-Familie nicht die Hierarchie ist, sondern die gesamte Versammlung der Gottesdienst feiernden Gläubigen (vgl. IL 95).

Angemessene und ernsthafte Aufmerksamkeit für ATR wird viele Dinge für die Kirche-Familie, die »Salz der Erde« und »Licht der Welt« ist, bewirken.

Erstens

Dialog mit dem Islam an einem Ort wie Nigeria erscheint häufig als ein Dialog der Gehörlosen. Nigeria ist eines jener afrikanischen Länder, wo ethnische und religiöse Ausschließlichkeit zusammengehen und sich verheerend auf die Bürger auswirken – und nicht nur den Verlust von Eigentum verursachen, sondern auch den Verlust des Lebens. Aber es gibt auch Regionen in Nigeria und Afrika, wo dieMenschen ihrembevorzugtenWeg des Lebens folgen, indem sie diese Religionen praktizieren, ohne jedoch Blut zu vergießen. An diesen Orten hat es eine erfolgreiche Synkretisierung oder Inkulturation des Islam und des Christentums gegeben. Dies beraubt den exkludierenden, extremistischen und absolutistischen Behauptungen ihrer Wirkung. Es mag in Nigeria genauso viele Yoruba Muslime wie Christen geben. Aber im Südwesten des Landes, bewohnt von den Yoruba, leben die Anhänger dieser Religionen in Frieden zusammen. Die religiöse Kultur der ATR hat radikalen Einfluss auf das Verhalten. Dies ist nicht nur ein Yoruba Phänomen; in Ghana (mit einer Muslim-Minderheit) und im Senegal, wo Muslime die Mehrheit darstellen, folgen die Menschen ihren religiösen Praktiken in Frieden.

Zweitens

Die Kirchen, die das Synodendokument als Sekten bezeichnet, werden nicht genannt. Meine Vermutung ist, dass zu diesen die Afrikanisch Unabhängigen Kirchen (African Initiated Churches – AICs) und die neue afrikanische Pfingstbewegung gehören. Während die neue Pfingstbewegung den AICs und der katholischen Kirche gegenüber feindlich gesinnt ist und die ATR dämonisiert, haben AICs gegenüber den ATR eine flexible Haltung. Katholiken in Nigeria lernten Heilung von den AICs; und Katholiken hatten diesbezüglich keine große Wahl, da viele Mitglieder die Kirche verließen und sich den AICs zuwandten (vor allem in den 60er und 70er Jahren). Es gibt viele andere Dinge, die Katholiken von ihren Strukturen des Dienstes und der Unterscheidung der Geister lernen können.

Es ist für das Synodendokument in Ordnung, die AICs als Sekten abzutun, die die Katholische Kirche attackieren. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass sie Christen sind. Die Krise der Gewalt und des Krieges auf dem Kontinent fordert die Kirche-Familie heraus, sich mit jeder christlichen Gruppe zu verbinden, um den Kontinent, die Länder, Gemeinschaften, Gruppen und Individuen zur Versöhnung zu bewegen. Diese kann nur wahrhaft sein, wenn sie in die kulturellen Symbole eingebettet ist. Die Synode will, dass ihr Zeugnis und ihre Führung in den tiefgründigen Symbolen unserer Kultur verwurzelt sind. ATR und die Kultur, die sie trägt, zeigen eine klare Richtung an – inmitten von Konflikten und Spaltungen muss es Flexibilität geben. Je flexibler die Kirche-Familie ist, umso mehr ist sie auf dem Weg »Salz der Erde« und »Licht der Welt« zu sein.

Eugene Elochukwu Uzukwu CSSp
Theologe, emeritierter Professor der Spiritan International School of Theology; z. Zt. als Gastprofessor an der Notre Dame University in Indiana/USA tätig

... Quelle: Forum Weltkirche

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