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Kein Ort für ein Kind

Schwester Helena Mc Evilly besucht Rogers (rechts) im „Young People Home“ in Jos. Das „Heim für junge Menschen“ ist ein Kinder- und Jugendgefängnis. © Fritz Stark / missio

Nach schweren Unruhen in Jos fand Schwester Helena den Jungen im Gefängnis vor. Er kann nicht hören und nicht sprechen. Niemand weiß, wer er ist und was er erlebt hat. Doch eins ist für die Ordensschwester klar: Er ist ein Opfer und gehört nicht ins Gefängnis.

Heute ist ein besonderer Tag für die Kinder und Jugendlichen im Jugendgefängnis von Jos. Schwester Helena ist zu Besuch gekommen. Freudig umringen die Jugendlichen sie. Nur ein Junge steht abseits und starrt teilnahmslos in den Raum. Die Schwester geht zu ihm, nimmt ihn in den Arm und spricht ihn an. Doch er reagiert nicht. Der Junge kann nicht hören. Schlimmer noch – er scheint völlig traumatisiert.

Den Jungen, den sie „Rogers“ nennen, fand die Polizei hilflos und verängstigt, als es in den Straßen der Stadt Jos zu schweren Kämpfen kam. Die Polizisten wussten nicht wohin mit ihm. Sie brachten ihn in dieses Jugendgefängnis. Für Nigeria nicht ungewöhnlich. Neben straffälligen Kindern und Jugendlichen finden sich hier auch solche, die von ihren Eltern verstoßen werden oder mit denen niemand etwas anzufangen weiß.

Von den Wänden blättert der Putz, die Scheiben an den vergitterten Fenstern sind milchig. In einem Raum mit einem Tisch und ein paar Hockern sitzt eine Gruppe Kinder und Jugendlicher. Nur wenige Stunden am Tag dürfen sie sich hier aufhalten. Die übrige Zeit sind sie in einem winzigen Raum ohne Licht eingesperrt.

Erziehung statt Strafe

Die Leitung des Jugendgefängnisses greift hart durch. Wer wegzulaufen versucht, dem werden Ketten angelegt. © Fritz Stark / missio

Die Direktorin führt ein strenges Regiment. Prügel und Essensentzug werden von ihr als wirksame Bestrafung gesehen. Wer wegläuft, dem werden Ketten angelegt. „Die Zustände hier sind wirklich entsetzlich“, sagt Schwester Helena Mc Evilly, die seit dreizehn Jahren in Nigeria als Krankenschwester und in der Gefängnisseelsorge arbeitet.

Die Irin gehört zum Orden der Franziskanerinnen und besucht mit ihren Mitschwestern die Jugendlichen regelmäßig. Mit der Unterstützung missios plant sie Workshops für das Personal, die es befähigen, Konflikte gewaltfrei zu lösen und auf solche drakonischen Strafen in Zukunft zu verzichten. „Ich möchte die Leitung davon überzeugen, das positive Potential der jungen Menschen zu fördern, anstelle auf Bestrafung zu setzen“, erklärt die 42-jährige.

Um die Kinder und Jugendlichen wenigstens etwas zu fördern, bezahlen die Franziskanerinnen einen Lehrer, der die Insassen zweimal in der Woche für wenige Stunden unterrichtet. Für mehr reichen die finanziellen Mittel nicht.

Heute ist einer der Tage, an denen der Lehrer ihnen Rechnen beibringen soll. Er schreibt die Aufgaben an die Tafel. Doch für manche sind die einfachsten Grundrechenarten schon zu schwierig. „Rogers“ sitzt etwas abseits vom Tisch auf einer Bank. Er kann dem Unterricht nicht folgen. Ein Junge gibt ihm ein Heft und einen Bleistift. „Rogers“ beginnt zu schreiben. Doch er malt immer wieder nur einen einzigen Buchstaben in das Heft, ein „T“.

Die Herkunft des Jungen ist immer noch ungeklärt. Als die Schwestern den hilflosen Jungen nach den Unruhen in der Anstalt vorfanden, ließen sie ihn in einem Krankenhaus untersuchen. Die Mitarbeiter dort wollten ihn als „Junge ohne Namen“ in ihre Akte eintragen. „Doch das lehnte meine Mitschwester ab“, erzählt Schwester Helena. „In der Eile fiel ihr nur ihr eigener Familienname ein – ‚Rogers’.“

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Fähigkeiten und Selbstrespekt fördern

Anfangs haben die Schwestern die jungen Leute nur medizinisch versorgen dürfen. Doch nach und nach gewannen sie das Vertrauen der Anstaltsleitung. So konnten sie immer mehr jungen Menschen in ihrer schwierigen Situation helfen. Sie fanden einen Tischler, der einigen Inhaftierten das Handwerk beibrachte. Ein Jugendlicher durfte sogar die Anstalt tagsüber verlassen, um Schneidern zu lernen.

Mittlerweile hat er damit bereits Geld verdient und eine Nähmaschine gekauft. Damit lernen jetzt auch andere Insassen das Nähen. „Eine Ausbildung ist für diese jungen Menschen sehr wichtig, damit sie in Freiheit auf eigenen Füßen stehen können“, sagt Schwester Helena. „Doch ich möchte ihnen nicht nur handwerkliche Fähigkeiten vermitteln, sondern auch Selbstrespekt. Nur so können sie auch Respekt vor anderen haben.“

In einem Nebenraum sucht Josephine Gambo* das Gespräch mit Schwester Helena. Die 18-Jährige ist den Tränen nah. Sie möchte nach Hause zu ihrer Familie. Ihr Vater aber will nichts mehr von ihr wissen. Er brachte sie her, als er erfuhr, dass sie schwanger ist. Schwester Helena spricht dem Mädchen Mut zu. Sie lässt nach einem Wärter rufen und erkundigt sich, wann die Familie von Josephine zum letzten Mal Kontakt zur Gefängnisdirektorin hatte. Die Ordenschwester möchte den Vater aufsuchen und Josephine wieder mit ihrer Familie versöhnen.

Rogers Familie konnte Schwester Helena bislang nicht ausfindig machen. Niemand scheint ihn zu vermissen. Bei einer medizinischen Untersuchung stellten Ärzte fest, dass nur das Trommelfell eines Ohres geplatzt ist. Doch auch auf dem anderen Ohr kann der Junge nichts hören. Warum nicht, können die Ärzte nicht erklären. Vielleicht war ein traumatisches Erlebnis während der blutigen Unruhen der Auslöser für den Hörverlust.

Schwester Helena sucht für Rogers einen Platz in einem Schulinternat für Kinder mit Lernschwierigkeiten und eine liebevolle Familie, die ihn während der Schulferien aufnimmt. Sie ist zuversichtlich, schon bald einen solchen Ort zu finden. „Denn dies ist kein Ort für ein Kind“, sagt Schwester Helena. „Für ein traumatisiertes wie Rogers schon gar nicht.“

* Name geändert

Bettina Tiburzy

© 2009-2017 missio Aachen