Subnavigation und Schnelleinstieg

Ihr Ansprechpartner

Werner Meyer zum Farwig ,
stv. Leiter der Abteilung Bildung

Tel.:
+49 (0)241 / 7507-289
Kontaktformular:
zum Kontaktformular

Ihre Ansprechpartnerin

Hilde Wilhelm ,
Abteilung Bildung; Koordination Gästeeinsatz

Tel.:
+49 (0)241 / 7507-263
Kontaktformular:
zum Kontaktformular
Aktion Schutzengel - Für Familien in Not. Weltweit. Wir bauen ein Haus für Alle Solidarität mit bedrängten Christen Glauben teilen. Weltweit.

Projektauswahl

Filterkriterien
.
missio im Web 2.0: Facebook, Twitter, Google+, Youtube, Instagram, Blog » Twitter » Instagram » Youtube » Blog » Google+ » Facebook

Inhalt

Sr. Inigo Joachim - Engel der Anstalt

Schwester Inigo Joachim arbeitet in einem der größten Gefängnisse der Welt, dem Tihar Jail im Westen Neu Delhis. Die zierliche Ordensfrau bewegt sich Tag für Tag zwischen Mördern und Vergewaltigern, sie unterrichtet Drogenabhängige und setzt sich für unschuldig Angeklagte ein. „Ein Gefangener sagte neulich zu mir, Schwester, wenn ich dich sehe, dann glaube ich wieder an Gott.“ Während des Monats der Weltmission besucht Schwester Inigo auf Einladung von missio Gemeinden in der Diözese Regensburg und berichtet dort von ihrer Arbeit – und von ihren Gedanken und Gefühlen beim Besuch einer deutschen Haftanstalt.

Was mag in einem Menschen vorgehen, der zehn Tage lang am Boden sitzt und schweigend meditiert? Einem Schwerverbrecher zumal? Welche Dämonen steigen bei dieser Reise aus dem Innersten auf? Fragen, die im ersten Moment – gerade im Kontext des Strafvollzugs – allzu hypothetisch klingen. Im Tihar Jail in Neu Delhi sind die Antworten darauf aber von größter Relevanz. Denn dort, im größten Gefängnis Südasiens, in einer Haftanstalt, die für rund 6.000 Gefangene konzipiert und mit derzeit 14.000 Insassen hoffnungslos überfüllt ist, schlägt die Gefängnisleitung einen außergewöhnlichen Weg ein. Die Gefangenen sollen nicht nur dumpf ihre Strafe verbüßen, sie sollen in sich gehen und das Gefängnis als Geläuterte verlassen.

Schwester Inigo arbeitet in diesem Gefängnis. Als Seelsorgerin und Lehrerin. Sie unterrichtet Englisch, aber das ist gar nicht so entscheidend. „Für die Gefangenen ist es viel wichtiger, dass ich da bin. Dass ich einfach da bin.“ Als Ansprechpartner, als Vertrauter, als Freund. Immer wieder kämen Gefangene zu ihr und schütteten ihr Herz aus. „Sie sagen mir, dass sie schon Stunden am Gitter auf mich gewartet haben.“ Um sie zu sehen, zu sprechen. Um das Gefühl zu genießen, dass jemand da ist, der sie als Mensch betrachtet, nicht als Verbrecher. Und genau das war die Idee der ehemaligen Leiterin Kiran Bedi, die zusammen mit Schwester Inigo innovative Konzepte im Tihar Jail initiierte.

Zehn Tage lang sitzen die Gefangenen am Boden und meditieren

Der Grundgedanke ist ebenso naheliegend wie einleuchtend: Kriminelle wurden nicht als Kriminelle geboren, es sind die gesellschaftlichen Umstände, die sie dazu gemacht haben. Also sind die Insassen Menschen, die auch wieder auf den richtigen Weg gebracht werden können. Unabdingbare Grundlage dafür ist allerdings die individuelle Einsicht in die begangenen Straftaten. Indien wäre nun nicht Indien, wenn man diesen Weg ohne die Unterstützung einer geführten Meditation beschreiten würde. „Wir bieten diese Vipassana-Meditation zweimal im Jahr an“, sagt Schwester Inigo Joachim. Zehn Tage lang sitzen die Gefangenen am Boden und meditieren. Schweigend. Zurückgeworfen auf sich selbst und konfrontiert mit ihren Taten. „Es rührt mich im Innersten an, die Menschen dann weinen und schreien zu sehen, da zu sein, wenn sie von ihren Gefühlen überwältigt werden.“ Bis zu 1000 Menschen gleichzeitig nehmen diese Gelegenheit im Gefängnis wahr.

Was macht nun eine Ordensschwester, ehemals Leiterin eines Konvents, ausgerechnet in dieser Umgebung? Was hat Schwester Inigo Joachim bewogen, ihre Berufung unter Verbrechern zu finden? Die dunkelbraunen Augen der Schwester werden verbindlich, gerade und offen ist ihr Blick. „Jesus hat unter Verbrechern gelebt“, sagt sie. Er war selbst im Gefängnis und hat den zu unrecht Beschuldigten die Hand gereicht. „Hinter den Mauern des Konvents, beim Beten, treffe ich Jesus. Aber außerhalb, im wahren Leben, kann ich etwas für die Menschen tun“, sagt Schwester Inigo.

„Meine Schwestern mussten Karate lernen.“

„Mein Vater war Bürgermeister in einem kleinen Dorf, und an jedem Geburtstag kamen die Armen zu uns und umringten ihn, weil sie Geschenke wollten.“ Das habe sie, ein kleines Mädchen damals, schwer beeindruckt. Und so sei ihr klar geworden, dass sie auch inmitten der Armen leben und ihnen Gutes tun wollte. „Ich dachte aber, ich müsse dazu Bürgermeister werden“, schmunzelt sie. Gott sei Dank hat sie sich gegen die politische und für die klerikale Laufbahn entschieden. Denn Inigos Kraft, ihre Energie und die Bereitschaft, ausgetretene Pfade zugunsten besserer zu verlassen, sind beispielhaft. So führt sie ihr Weg raus den Klöstern und hin zu den Menschen. „Es kann nicht angehen, dass wir uns hinter Mauern verschließen, nicht hier in Indien - wir müssen zu den Menschen, in die Dörfer, zu den Armen. Wir unterrichten, wir helfen, wo wir gebraucht werden und wir setzen uns für die Rechte der Frauen und Mädchen ein“, sagt sie. Dass dabei auch Gefahren drohen, musste sie schmerzhaft erfahren.

„Ich habe zwei meiner Schwestern in die Dörfer geschickt, um die Leute auf dem Land zu unterrichten“, erzählt sie. Mehrere Monate hätten die Aufenthalte gedauert. Und in dieser Zeit sei es immer wieder zu Belästigungen seitens der Männer gekommen. „Einmal kamen die Schwestern zurück in den Konvent gerannt, weil sie von Männern verfolgt wurden – da wusste ich, ich muss etwas tun.“ Inigos Lösung war für die Ordensfrauen äußerst unkonventionell: „Meine Schwestern mussten Karate lernen.“ Ein Profikämpfer war bereit, sie kostenlos zu unterrichteten. Die Presse bekam Wind davon und berichtete, dass in Indien zum ersten Mal in der Geschichte Ordensschwestern in der asiatischen Kampfkunst ausgebildet werden. „Auf einmal war ich als Karate-Schwester in der ganzen Welt bekannt“, sagt Inigo. Der Bischof zeigte sich wenig amüsiert von ihrem plötzlichen Ruhm. „Er sagte, Jesus konnte doch auch kein Karate.“ Inigo indes blieb hart. „Wenn sich meine Schwestern nicht verteidigen können, lasse ich sie nicht mehr in die Dörfer.“ Fast überflüssig zu erwähnen, dass die Schwestern nach wie vor zu den Menschen aufs Land gehen – inzwischen allerdings sehr wehrhaft.

Es kann Jahre dauern, bis ein Verfahren eröffnet wird

Den Konvent hat Schwester Inigo inzwischen gegen eine Wohngemeinschaft in einem Hochhaus in Delhi eingetauscht. Dort lebt sie mit drei Schwestern zusammen in einer kleinen Wohnung – inmitten der Menschen. „Dort kann ich mich von den belastenden Erfahrungen erholen, die ich im Gefängnis miterlebe“, sagt sie. Denn schön ist die Arbeit dort nicht: Die Menschen leben zusammengepfercht in Zellen, die viel zu klein sind. Bis zu 40 Männer in einem Raum. Die hygienischen Verhältnisse sind unbeschreiblich, das Essen katastrophal – und was dazu kommt: Knapp 70 Prozent der Gefangenen sitzen zu Unrecht hinter Schloss und Riegel. Es kann Jahre dauern, bis ein Verfahren überhaupt eröffnet wird.

In solchen Fällen hilft Schwester Inigo den Insassen mithilfe ihres Netzwerkes. Sie kennt einige Anwälte, die für sie arbeiten und die Verteidigung übernehmen können. Dann kann alles plötzlich sehr schnell gehen. Denn die Armen, und die Mehrzahl der Insassen sind arm, können sich keinen Anwalt leisten. Dass sich dieser Dienst auch für den Anwalt rentieren kann, hat sich vor Kurzem erst gezeigt. „Einer unserer Anwälte hat einen Jungen verteidigt, der über Jahre unschuldig im Gefängnis war. In dieser Zeit hat sich der Junge so intensiv mit seinem Fall auseinandergesetzt, dass er zu einem regelrechten Experten im Strafrecht wurde.“ Der Anwalt boxte ihn raus – und stellte ihn in seiner Kanzlei an.

© 2009-2017 missio Aachen