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"Drängende und vielstimmige Hoffnung auf eine andere Welt"

Das Weltsozialforum 2011 in Dakar / Senegal

Vom 5.–11. Februar 2011 nahm ich am Weltsozialforum (WSF) und am gleichzeitigen Forum »Theologie und Befreiung« (Forum Théologie et Libération – TFL) in Dakar teil. Seit der Jahrtausendwende kommen in fast jährlichem Rhythmus weltweit 50.000 bis 100.000 Menschen unter dem Slogan zusammen: »Eine andere Welt ist möglich«. Wie sehr die sich hier aussprechende Hoffnung selber verändernde Kraft hat, wurde für mich immer mehr zu einer Gewissheit, besonders nachdem ich in den letzten Monaten ein wenig tiefer in afrikanische Realitäten eintauchen konnte. Die Hoffnung, der die vielen Frauen und Männer in Dakar mit ihren Wanderungen und Versammlungen, ihren Geschichten, Bildern und Reden, Tänzen und Liedern Gestalt gaben, vielfältig und vergänglich wie sie selber, lebt gegen eine erdrückende Wirklichkeit von erlittener Gewalt und Zerstörung an. Sie lebt in verwirrender Vielstimmigkeit, aber so stark, dass ich überzeugt bin: Mit dieser Hoffnung beginnt schon eine andere Welt! Zwischen der Vielfalt der für ihre Befreiung aus Unrechtssituationen kämpfenden Subjekte und der Einheit der daraus erwachsenden Stoßrichtung sind die Weltsozialforen ein genialer Balanceakt für eine andere Welt und für die Hoffnung, mit der sie beginnt. Das machen ihre Geschichte und ihre Prinzipien deutlich, die zu erinnern hilfreich ist, um die Besonderheit des WSF in Dakar angemessen einzuschätzen.

Das Weltsozialforum in Dakar zog Zehntausende von Teilnehmern und Aktivisten an.
Das Weltsozialforum in Dakar zog Zehntausende von Teilnehmern und Aktivisten an. © Hadwig Müller, missio

Geschichte der Weltsozialforen

DieWurzeln des WSF liegen im politischen und intellektuellen Kontext der 1980er und 1990er Jahre, mit Ronald Reagan inWashington und Margaret Thatcher in London und den charakteristischen Sätzen dieser Zeit: von Francis Fukuyama inWashington der Satz vom Ende der Geschichte und in London der Satz »There is no alternative« (TINA). Der Fall der Berliner Mauer 1989 schien zu bestätigen, dass es zum Neoliberalismus, für den die Treffen desWeltwirtschaftsforums in Davos standen, keine Alternative gab. Dass dieser Weg zur immer größeren Verarmung der ärmeren und ärmsten Länder beitrug, war für die einen ein bedauerlicher, aber vorübergehender Begleitschaden, für die anderen eine Herausforderung an die politische Kraft ihrer Hoffnung, andere Wege als den des sich selbst regulierenden Marktes aufzuzeigen und dafür zu kämpfen: Wege nämlich, bei denen der Mensch im Zentrum steht, und nicht der Gewinn.

Diejenigen, die sich für diese Hoffnung einsetzten, hatten 1999 einen durchschlagenden Erfolg, als ihre Manifestationen gegen die Welthandelskonferenz in Seattle die geplanten Handelsabkommen zu blockieren vermochten. Damit war deutlich, dass die Zukunft doch nicht so festgelegt war, wie es die Leitsätze des Neoliberalismus verkündeten. Eine Manifestation, die den Lauf politischer Verhandlungen und vielleicht sogar der Geschichte ändern konnte, gab den Auftakt zu weiteren Manifestationen, die seitdem die Wirtschaftsgipfel begleiteten und massiv störten. Die Störenfriede oder »Globalisierungsgegner« riefen im Januar 2001 das Weltsozialforum als Gegenprojekt zum Weltwirtschaftsforum in Davos ins Leben und luden dazu nach Porto Alegre, Südbrasilien, ein. 2500 Teilnehmende hatten die einladenden Brasilianer – unter ihnen Chico Whitaker Ferreira, Mitbegründer der brasilianischen Arbeiterpartei (PT) undGeneralsekretär von Justitia et Pax in Brasilien – erwartet; es kamen 25.000.

In derselben Zeit rief Johannes Paul II. zu einer »Globalisierung der Solidarität« auf, und damit zu einer »anderen Globalisierung«. Das Stichwort hatte zumindest für französische Globalisierungsgegner zur Folge, dass sie aus »Antimondialisten« zu »Altermondialisten « wurden. Die Stoßrichtung der Sozialforen bekam eine positive Bestimmung, ausgedrückt in dem Slogan, der seit 2002 über den WSF steht: »Eine andere Welt ist möglich«. Luiz Carlos Susin, Theologe in Porto Alegre und einer der Begründer des Forums »Theologie und Befreiung«, erinnert sich in einem Interview an die Wirkung, die dieser Slogan auf ihn hatte: »Beim ersten Hören wurde er für mich zu einer Leidenschaft.« Er hörte darin die Botschaft vom Reich Gottes, das in seiner Fülle noch nicht, aber doch schon in seinen Anzeichen angekommen ist.

Prinzipien der Weltsozialforen

Die um ein Vielfaches übertroffene Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer beim ersten WSF machte es zu einer dringenden Aufgabe, durch eine Prinzipien-Charta zu definieren, was ein WSF war, wer eingeladen werden und die Möglichkeit zur Teilnahme bekommen konnte, und wer nicht. In den Diskussionen um diese Fragen stellte sich eine klare Überzeugung heraus: Das Weltsozialforum ist keine soziale Bewegung, sein Ziel ist es nicht, eine neue politische Ideologie zu formulieren. Das erste Prinzip der Charta von 2001 (vgl. für die Originalfassung) definiert das Weltsozialforum als einen offenen Raum der Begegnung, der dazu dient, das Nachdenken und die demokratische Auseinandersetzung um Ideen eines gerechten Zusammenlebens zu vertiefen und im Dienst dieses Zusammenlebens die Formulierung von Vorschlägen alternativen Wirtschaftens und den freien Austausch von Erfahrungen zu ermöglichen und die Vernetzung entsprechender Aktionen, Organisationen und Bewegungen zu verstärken. Dieser offene Raum der Begegnung und der Bündelung lokaler Engagements für »eine andere Welt« darf weder durch Kirchen, Konfessionen oder Religionen noch durch Regierungsinteressen oder Parteizugehörigkeit begrenzt werden.

Teilnehmer eines der vielen Foren während des Weltsozialforums.
Teilnehmer eines der vielen Foren während des Weltsozialforums. © Hadwig Müller, missio

Bei den nächsten WSF 2002 und 2003 in Porto Alegre verdoppelte sich noch zweimal die Teilnehmerzahl. 2004 war das WSF das erste Mal nicht in Brasilien, sondern in Indien, Mumbai, danach wieder in Brasilien, Porto Alegre, und in den folgenden Jahren im Wechsel dezentral in verschiedenen Regionen der Erde gleichzeitig und an einem Ort konzentriert: 2007 das erste Mal in Afrika, Nairobi, 2009 wieder in Brasilien, Belém, und in diesem Jahr das zweite Mal in Afrika, Dakar. In all den Sozialforen dieser Jahre tauchte immer deutlicher eine neue politische Kultur als Gegenkraft zum Liberalismus auf. Dieser war keineswegs alternativlos. Allerdings macht es die politische Kultur der WSF aus, dass es nicht um eine einzige Alternative geht, sondern um eine Vielfalt lokaler Alternativen, die ihre Kraft aus ihrer Verwurzelung in ihrem je besonderen Kontext beziehen: Umweltschutz, nachhaltige Wirtschaft, Optionen für ein einfaches Leben, Menschenrechtsforderungen, Widerstand unterdrückter Minderheiten, Frauenbewegungen, Selbstorganisation von Randgruppen, Friedens- und Versöhnungsarbeit, gewaltfreie Initiativen, Demokratisierungsbewegungen etc. Die »andere Welt« wird von unten nach oben aufgebaut, ausgehend von den Nöten und Kämpfen all jener, die einer neoliberalen Wirtschaftspolitik zum Opfer fallen.

Die Teilnehmerzahlen der Weltsozialforen – in Nairobi waren es mehr als 100.000, zuletzt in Dakar zwischen 50.000 und 70.000 – belegen eine Erfolgsgeschichte, zu der auch die immer wieder auftauchenden Debatten um den Charakter der WSF dazugehören. Diese führen genauso regelmäßig dazu, an der Linie der Prinzipien-Charta festzuhalten, die ausschließt, das WSF als eine Art Metabewegung aller sozialen Bewegungen zu verstehen.

Das Weltsozialforum 2011 in Dakar

Dakar

(5.–11.2.2011) in Zahlen: An 400 Ständen stellten ähnlich viele Organisationen ihre Aktivitäten und Engagements vor; etwa eintausend Veranstaltungen waren in der täglich erscheinenden Programmzeitung zumindest angekündigt; 50.000 Personen aus 130 Ländern hatten sich eingeschrieben. Allerdings ist anzunehmen, dass weit mehr – geschätzt werden 70.000 – Frauen und Männer am WSF teilnahmen. Hier zeigt sich eine erste Besonderheit: In Dakar lässt sich die Zahl der Teilnehmer nicht an den Einschreibungen ablesen wie sonst, weil die Veranstaltungsorte allen offen standen, nicht nur den Eingeschriebenen.

Über die Zahlen hinaus sind es das Datum des diesjährigen WSF und sein Verhältnis zum Gipfel in Davos, sind es die großen Themen, die teilnehmenden Organisationen und die chaotischen Verhältnisse, an denen sich die Besonderheit des WSF in Dakar ablesen lässt.

Als erstes fällt das Datum in der zweiten Februarwoche auf: Diesmal findet das WSF nicht in unmittelbarer zeitlicher Nähe zum Weltwirtschaftsforum in Davos statt. Die Universität Cheikh Anta Diop in Dakar hatte akzeptiert, Räume für das WSF freizugeben unter der Bedingung, dass es in die Zeit der Semesterferien verlegt würde. Die damit verbundene zeitliche Ablösung des Sozialforums vom Wirtschaftsforum signalisierte zugleich eine zunehmende sachliche Unabhängigkeit. Die Kritik an der Globalisierung im Sinne einer neoliberalen Weltwirtschaft wurde stärker als früher durch eigene positive Themen abgelöst: Projekte und Initiativen, mit denen Menschen eine »andere Welt« aufbauen und eine »Globalisierung der Solidarität « in die Tat umsetzen.

Themen: Frauen, Migration, Landraub, Umwelt und Klimawandel, alternative Wirtschaftsmodelle

Fünf große Themen lassen sich in den Veranstaltungen und Organisationen wiedererkennen, von denen das erste nicht nur ein Thema, sondern zugleich die eindeutig stärkste Teilnehmergruppe war. Frauen waren die große Mehrheit, vor allem afrikanische Frauen mit ihren Initiativen: Landfrauen forderten das Recht, von ihrer Arbeit leben und ihre Familien mit den Früchten der von ihnen bestellten Felder ernähren zu können; Frauen, die Opfer von Verschleppung und Versklavung, von Folter und Vergewaltigung geworden waren, klagten an und bezeugten die Solidarität kleiner einheimischer Menschenrechtsgruppen, die sie auf dem mühsamen Weg, ein neues Leben wiederaufzubauen, gestärkt hatten; viele Frauen boten eigene Erzeugnisse an und warben für die Wirtschaftsbereiche, die sie aufgebaut hatten, Frauen aus armen Ländern stritten mit Frauen aus den Ländern des Nordens um feministische Positionen, Frauen kämpften um das Recht auf Bildung für ihre Kinder, für ihre Töchter insbesondere; Frauen erfanden Kampagnen wie den »Friedensnobelpreis für die afrikanische Frau«.

Einen anderen deutlichen Schwerpunkt bildete das Thema Migration. Afrikanische Migrantinnen und Migranten ohne Bleiberecht in Europa hatten eine Karawane durch afrikanische Länder organisiert und in einer Welt-Charta ihre Forderungen aufgestellt; in den entsprechenden Veranstaltungen ging es um Freizügigkeit, auch innerhalb des afrikanischen Kontinents; es ging um die Anerkennung von Migration als wichtigster Ressource vieler Volkswirtschaften; es ging um die internationale Anerkennung von Zeugnissen und Leistungen und um die Denunziation von Prozessen der Diskriminierung und der gewaltsamen Abschiebung, durch die Menschen in Situationen der Rechtlosigkeit gedrängt werden; es ging um die Beteiligung der Betroffenen an der politischen Debatte, um Bedingungen und Kriterien der Integration.

Einen neuen Schwerpunkt bildete das Thema Landraub, »landgrabbing«: Täuschung und politischer Druck sind im Spiel, wenn ausländische Gesellschaften oder inländische Politiker Land aufkaufen, ohne Rücksicht auf die dadurch verursachte empfindliche Störung des sozialen und ökologischen Gleichgewichts vor Ort, die den Menschen ihre Lebensgrundlage entzieht. Auch Fischfangrechte, die an multinationale Firmen verkauft werden, kamen unter diesem Thema zur Sprache, sowie die Sanierung von Stadtrandgebieten, in denen sich die vertriebene Landbevölkerung angesiedelt hatte.

Einen weiteren Schwerpunkt bildete das Thema Umwelt und Klimawandel: die Katastrophen, von denen die Länder mit einer mehrheitlich auf Subsistenzwirtschaft angewiesenen Bevölkerung besonders betroffen sind, und die zahllosen kreativen Schritte eines anderen Umgangs mit natürlichen Ressourcen.

In einem fünften Schwerpunkt schließlich ging es um die Suche nach alternativen Modellen des Wirtschaftens, es ging um Fragen einer solidarischen Wirtschaft und einer nachhaltigen Entwicklung, um Kooperativen, Mikrokredite und um Initiativen fairen Handels.

Bei den Veranstaltungen zu all diesen Themen nahmen diejenigen, die Dakar mit früheren Foren vergleichen konnten, die starke Beteiligung lokaler Nichtregierungsorganisationen, vor allem aus Westafrika und aus dem Senegal, als Besonderheit wahr. Früher hatten die großen internationalen Organisationen mit Sitz im Norden der Welt das Übergewicht. Jetzt schienen die Gelder des Nordens weniger wichtig zu werden als die wechselseitige Inspiration und Stärkung unter den kleinen Initiativen im Süden der Welt. Vernetzungen kamen nicht nur zwischen dem Süden und dem Norden, sondern vermehrt zwischen lokalen Organisationen des Südens zustande. Auch fiel in Dakar auf, dass bekannte Namen der kritischen Gesellschaftstheorie im Programm fehlten, die bei früheren Foren brillierten.

An 400 Ständen stellten Organisationen ihre Aktivitäten und Engagements vor.
An 400 Ständen stellten Organisationen ihre Aktivitäten und Engagements vor. © Hadwig Müller, missio

Der Durst nach Freiheit

Schließlich das eindrücklichste Merkmal von Dakar: die Desorganisation des WSF. Sie ging weit über das Chaos hinaus, das zu jedem Weltsozialforum dazugehört, weil es nicht von einem professionellen Büro für internationale Events geplant wird. Das Programm derWSF entsteht von unten nach oben durch das allmähliche Zusammenkommen von Hunderten von Aktivitäten in Eigenorganisation. Vieles bleibt daher bis zuletzt offen; und letztlich ist auch unvorhersehbar, in welcher Weise die lokalen Organisationen des gastgebenden Landes ihre Verantwortung für die Vorbereitung der Orte und Räume wahrnehmen. Die horizontale Organisationsweise der Foren als Vernetzung, bei der alle Teilnehmenden mitverantwortlich sind, wird durch eine internationale Kommission garantiert; diese hat aber nicht die Funktion einer zentralen Leitung. Bei ihrer Ankunft am Ort des WSF können Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht eine fertige Organisation erwarten; vielmehr tragen sie selber durch ihre Improvisationskunst dazu bei.

An Durcheinander übertraf nun das Forum in Dakar die Erfahrungswerte früherer Foren. Denn im Lauf des ersten Tages wurde klar, dass die für die Veranstaltungen des WSF vorgesehenen Räume der Universität nicht zur Verfügung standen. Die etwa 50.000 Studierenden hatten keine Semesterferien, weil sie die wegen Streiks ausgefallenen Seminare und Prüfungen nachholen mussten. Wo Kommunikation und Flexibilität zunächst noch ermöglicht hatten, dass Räume der Uni vom WSF mitgenutzt werden konnten, standen diese am zweiten Tag nur noch den Studierenden offen. Verantwortlich dafür war vor allem die höchst ambivalente Haltung des senegalesischen Präsidenten dem Sozialforum gegenüber. Im Geist der sprichwörtlichen Gastfreundschaft seines Landes hatte er dem WSF Aufnahme gewährt. Dessen Ideen und Engagements jedoch, wie sie Luis Inácio da Silva, der frühere Präsident Brasiliens, bei der öffentlichen Begegnung mit Abdoulaye Wade, dem senegalesischen Präsidenten, ausgesprochen hatte, standen in deutlichem Widerspruch zur politischen Einstellung von Wade und zu seinem Glauben an die Kraft des Liberalismus, am Ende ein gutes Leben für alle herbeiführen zu können. Fortan standen dem Forum in den Unigebäuden überhaupt keine Räume mehr zur Verfügung. In den folgenden Tagen blieb es dem Zufall überlassen, ob man – in Zelten und unter Bäumen – einen bestimmten Workshop durchführen oder finden konnte. Zu meiner Verblüffung

hatten die afrikanischen Ordensfrauen, bei denen ich zu Gast war und Eindrücke austauschte, mit dem Zufall keine Schwierigkeit; sie fanden genau die Veranstaltungen und Organisationen, die sie leidenschaftlich interessierten: Workshops von und über Frauen.

Ich entdeckte, wie interessant es ist, im Vergleich zur frustrierten Klage vieler Europäer und Europäerinnen auch afrikanische Reaktionen zur Kenntnis zu nehmen – wie die jener senegalesischen Ordensschwester, die ausrief: »Und dann diese ganze Unordnung: jede, jeder hat einen Durst nach Freiheit.« Die äußerst unübersichtlichen Situationen, die beim WSF in Dakar immer wieder entstanden, hatten durchaus positive Auswirkungen. Eine war mit Sicherheit das Eintauchen in den Alltag einer afrikanischen Universität, die dauernde Begegnung und Vermischung mit Studierenden und auch mit senegalesischen Straßenhändlern, die in der Vielzahl erkennbarer Ausländerinnen und Ausländer ihre Chance zum Geschäft witterten und sich ihnen neugierig und gesprächsbereit zuwandten. Der »offene Raum«, der die Sozialforen definiert, war in unerwartet konkreter Weise Wirklichkeit geworden. Zu den vielen Überraschungen, die Chico Whitaker in seinem Rückblick auf das WSF in Dakar benennt, gehört auch die Überraschung durch eine Auswertung des Forums, in der hervorgehoben wurde, dass gerade die organisatorischen Ausfälle Perspektiven im Hinblick auf künftige Foren eröffnen (vgl. Chico Whitaker: FSM 2011 – boas surpresas e muitas lições para o futuro).

Die Vielstimmigkeit von Menschen, die sich mit ihrem Durst nach Freiheit begegnen und austauschen, galt in gewisser Weise auch für das Forum Théologie et Libération (FTL). Ein Comboni-Missionar, den ich um seinen Kommentar bat, weil er an früheren Foren teilgenommen hatte, beschrieb seinen Eindruck so: »Dieses theologische Forum war anders und vielleicht besser als die früheren, bei denen theologische Starredner auftraten, Beifall erhielten und wieder verschwanden. Während danach alle einer Meinung zu sein schienen, tauchten jetzt das erste Mal Unterschiede auf. Man kam zu keiner einheitlichen Schlussfolgerung – aber allein die Tatsache, dass Unterschiede und Gegensätze beziehungsweise Streit deutlich wurden, ist ein Fortschritt.«

Hadwig Müller

Quelle: Forum Weltkirche, 4-2011, S. 26-30 und online auf forum-weltkirche.de.

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