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Keine Strafe Gottes

Reportage: Bettina Tiburzy, missio

Ungeliebt, verstoßen oder versteckt. Ein behindertes Familienmitglied ist für viele Ägypter ein Schandfleck. Nach dem Tod der Eltern sperrten Verwandte das geistig behinderte Geschwisterpaar Hani und Nagat Habib unter einem Treppenabsatz monatelang weg. Bis der Priester Boulos Nassief sie befreite. Heute leben die beiden in einer Gemeinschaft der Arche. Hier erfahren sie zum ersten Mal, was es heißt, geliebt zu werden.

Pfarrer Boulos Nassief (Mitte) rettete Nagat (37) und Hani Habib (39) aus ihrem Gefängnis und verhalf ihnen zu einem Leben in Würde. © Hartmut Schwarzbach / missio

Die Welt bestand für Hani und Nagat lange Zeit nur aus wenigen Quadratmetern Dunkelheit. In einem Mehrfamilienhaus unter einer Treppe hatte ihre Tante die beiden Jugendlichen nach dem Tod der Mutter einfach weggeschlossen. Zwar brachten die Frau und auch Nachbarn den beiden etwas zu essen und manchmal setzte sich auch jemand zu ihnen. Doch die Wohnung der Tante betreten oder das Haus verlassen durften sie nicht. Niemand sollte sehen, dass Gott die Familie mit einem Fluch belegt hatte.

In Ägypten, wie in vielen Ländern des Nahen Ostens, werden behinderte Menschen stigmatisiert. Besonders vor Menschen mit geistiger Behinderung haben viele Ägypter Angst. Die UN schätzt, dass es in dem Land am Nil sieben Millionen Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen gibt. Nur ungefähr 10.000 Menschen werden in Zentren betreut. Besonders in den von Armut geprägten ländlichen Regionen in Oberägypten, zu denen auch die Stadt Minya – die Heimat des Geschwisterpaares – gehört, gibt es kaum Hilfe und Ansprechpartner.

Durch Gottesdienstbesucher erfuhr der koptisch-katholische Priester Boulos Nassief vom Schicksal der beiden. Bei der ersten Begegnung mit Hani und Nagat war Pfarrer Boulos schockiert. „Ich fragte ihre Tante, warum sie sich nicht besser um sie kümmere“, berichtet der Priester. „Sie sagte, sie habe nicht genügend Geld.“

Pfarrer Boulos besuchte die beiden nun regelmäßig, brachte Essen, saubere Kleidung. Er wollte die Geschwister an das Leben außerhalb ihres Gefängnisses gewöhnen, sie regelmäßig mit auf die Straße nehmen. Doch anfangs erwies sich das als äußerst schwierig: „Die beiden wollten ihren Raum nicht verlassen“, erklärt Pfarrer Boulos. „Sie sprachen kein Wort.“ Mit viel Geduld gelang es schließlich, eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Seit elf Jahren leben die Geschwister in einer betreuten Arche-Wohngemeinschaft in einem Haus, 45 Kilometer von Minya entfernt.

Arche-Gemeinschaft in der Wüste

Die schwarze Soutane von Pfarrer Boulos flattert im heißen Wüstenwind als der Priester schnellen Schrittes auf das mehrstöckige Haus am Rande der Wüste zumarschiert. Grüne Bäume und Sträucher umgeben das Gebäude der Gemeinschaft. Eine Oase in einem Meer von Sand.

Zusammen mit zwei Freunden initiierte Pfarrer Boulos 2002 unter dem Dach der koptisch-katholischen Kirche in Minya die erste Arche-Gemeinschaft in Ägypten nach französischem Vorbild. Ziel ist die bessere Akzeptanz und Integration von geistig Behinderten in die Gesellschaft und auch in ihre Familien. Pfarrer Boulos und ein weiterer Priester sind die geistlichen Begleiter der Gemeinschaft, in dem die Bewohner wie in einer Familie mit freiwilligen Helfern zusammenleben. Das Projekt, das Magdi Asham leitet, wird von missio unterstützt.

Endlich eine Familie

„Ich mag die Arbeit mit Kerzen“, sagt Nagat Habib leise. © Hartmut Schwarzbach / missio

In einem der Räume schabt eine Frau mit gelbem T-Shirt mit einem Brotmesser Wachs vom Rumpf einer Kerze, die sie dann sorgfältig in einen Karton packt. „Ich mag die Arbeit mit Kerzen“, sagt Nagat Habib leise. „Und ich helfe auch gerne in der Küche und decke den Tisch.“ Das Mädchen aus dem Treppenverlies hat ein neues Zuhause gefunden. Ihr Bruder und sie gehörten zu den ersten Mitgliedern, als die Gemeinschaft in Minya gegründet wurde.

Hani trägt ein gestreiftes Poloshirt und eine Brille mit dicken Gläsern. Hinter seinem Rücken holt er einige Blätter Papier hervor, die er Pfarrer Boulos stolz präsentiert. Der Priester bestaunt die Bilder und nickt anerkennend. Es sind bunte Zeichnungen meist religiöser Szenen vor einer Wüstenkulisse.

„Ich bin sehr glücklich darüber, wie sich Hani und Nagat entwickelt haben“, sagt Pfarrer Boulos. „Anfangs war es sehr schwierig mit Hani. Er war aggressiv und konnte seine Bewegungen nicht kontrollieren. Doch dann hat er zu zeichnen begonnen. Er hat großes Talent.“ Voll Stolz berichtet Pfarrer Boulos, dass Hani seine Werke mittlerweile sogar in einer Galerie präsentieren durfte.

Auch die Talente der anderen elf Bewohner werden in verschiedenen Workshops gefördert. Dazu kommen fünfzehn weitere Teilnehmer, die tagsüber mit den anderen Kerzen herstellen, sie verzieren, Grußkarten gestalten oder im Garten arbeiten und abends wieder zu ihren Familien gebracht werden.

Gewinne aus dem Verkauf von Kerzen und Grußkarten tragen zum Unterhalt der Gemeinschaft bei. Die Bewohner selbst erhalten auch einen Teil der Einnahmen. Sie sind sehr stolz auf ihre Leistung.

Neben den Workshops unternimmt die Gemeinschaft, die aus katholischen und orthodoxen Christen besteht, auch Ausflüge, gestaltet soziale Aktivitäten, feiert regelmäßig Gottesdienst, organisiert spirituelle Wochen und pflegt einen engen Kontakt zu deren Familien.

Betreut werden die geistig behinderten Menschen und die Familien von gut ausgebildeten Freiwilligen wie dem 42-jährigen Ibrahim Boshra. Zusammen mit seiner Frau und Tochter kümmert er sich vormittags um die Bewohner. Nachmittags arbeitet er in einem Büro für Export. „Warum ich das mache? Ich fühle, dass Gott will, dass ich für diese Menschen da bin“, erklärt er.

© Hartmut Schwarzbach / missio

Ein Zeichen der Liebe Gottes

Der Leiter des Projektes, Magdi Asham, erklärt: „Wir wissen natürlich, dass wir mit unserem Projekt nicht allen behinderten Menschen in Ägypten helfen können und auch nicht allen in Minya. Doch unsere Gemeinschaft hier ist ein Zeichen der Liebe Gottes.“

Gerne möchte er die Gemeinschaft vom Rand der Wüste näher an Minya heranführen. „Wir können die Menschen nicht in die Gesellschaft integrieren, wenn wir in der Wüste leben“, sagt Asham. Ein zweites Haus nahe der Stadt ist bereits gekauft. Das Haus in der Wüste soll weiterhin als Werkstatt genutzt werden. Langfristig möchte die Arche noch mehr Menschen mit Behinderung helfen.

Über der Wüste geht langsam die Sonne unter. Von der Veranda des Hauses ertönen orientalische Rhythmen. Einer der Bewohner hat sich eine Trommel zwischen die Beine geklemmt. Schnell findet sich eine Gruppe von Bewohnern, die sich zu dem schneller werdenden Schlag im Takt mitschwingt. Unter den spontanen Tänzern sind auch Hani und Pfarrer Boulos. Sie lachen und klatschen in die Hände bis sie erschöpft sind. Danach sitzen alle noch eine Weile bei einem kühlen Getränk auf der Veranda, Bewohner, Betreuer und Pfarrer Boulos. „Ich liebe diese Menschen“, sagt er. „Für mich sind sie etwas ganz Besonderes. Ein Geschenk Gottes.“

Das Video über die Geschwister Nagat und Hani

  • Gerettet - die Geschichte von Hani und Nagat

    Ungeliebt, verstoßen oder versteckt. Ein behindertes Familienmitglied ist für viele Ägypter ein Schandfleck. Nach dem Tod der Eltern sperrten Verwandte das geistig behinderte Geschwisterpaar Hani und Nagat Habib unter einem Treppenabsatz monatelang weg. Bis der Priester Boulos Nassief sie befreite. Heute leben die beiden in einer Gemeinschaft der Arche. Hier erfahren sie zum ersten Mal, was es heißt, geliebt zu werden. (3:52 Min. / 2013)

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