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Margaret will leben

Reportage: Susanne Kruza

Margaret gehörte einst zu den schönsten Frauen im Dorf. Viele beneideten sie um ihr anmutiges Gesicht. Doch eines Tages übergoss sie es mit Kerosin und zündete sich an. Margaret hatte nicht vor sich umzubringen. Sie wollte lediglich ein klein wenig mehr Freiheit.

© Hartmut Schwarzbach / missio

Margaret sitzt im Schneidersitz auf ihrem Bett unter dem Strohdach ihrer Hütte. Sie zupft ihr hellblaues Kopftuch zurecht, damit es die hellen Narben neben ihrem Ohr überdeckt. Das Tuch passt perfekt zu ihrem blauen Kleid mit gelb-rotem Blumenmuster. Die Frauen der Kutchi Kohli lieben farbenfrohe Kleidung. Ein starker Kontrast zur wüstenartigen Landschaft um sie herum – und auch zu ihrem harten Leben. Die Kutchi Kohlis gehören zu einer der halbnomadischen Volksgruppen in Südpakistan, die aus Indien stammt. Ursprünglich sind sie Hindus von niedrigem sozialen Stand, Unberührbare. Doch einige Gemeinschaften traten zum Christentum über.

Die meisten Kutchi Kohlis arbeiten als Tagelöhner oder Pächter auf den Feldern reicher Großgrundbesitzer, bauen Baumwolle und Zuckerrohr an. Viele Familien sind bei ihren Lehnsherren hoch verschuldet. So hoch, dass ihre Kinder in die Schuldknechtschaft geboren werden, aus der sie sich ihr Leben lang nicht werden befreien können.

Unfreiheit herrscht auch in den Familien. Als Margaret zwölf Jahre alt war, verheiratete ihr Vater sie mit einem Mann, der bedeutend älter war. Bereits nach einem Jahr Ehe erwartete sie ein Kind. „Arrangierte Ehen im Kindesalter, oft auch zwischen Cousin und Cousine, sind auf dem Land in Pakistan weit verbreitet“, erklärt Schwester Norris. Die Ordensfrau gehört zur Kongregation der ‚Presentation Sisters‘, die in Pakistan zahlreiche Schulen betreibt und sich für die Förderung von Frauen und Mädchen einsetzt.

Margaret ist nie zur Schule gegangen. Sie hütete Haus und Hof, bekam fünf Jungen und sechs Mädchen. „Zu Beginn meiner Ehe war ich glücklich“, erzählt sie. „Mein Mann behandelte mich gut. Doch als mein Bruder starb, verlor er den Respekt.“ Er schlug Margaret, trat sie mit Füßen. Auch die gemeinsamen Kinder blieben nicht verschont.

„Gewalt in der Familie ist keine Seltenheit“, berichtet Schwester Norris. Die Ordensfrau setzt sich in Tando Allayar, einer kleinen Stadt im südpakistanischen Sindh, für die Rechte von Frauen ein, besucht regelmäßig Dörfer. „Tradition und Kultur weisen den Frauen von Kindesbeinen an eine untergeordnete Rolle zu. Sie kennen ihre Rechte nicht“, erklärt Schwester Norris. Wer als Frau im Sindh zur Welt kommt, hat über das eigene Leben kaum Mitspracherecht.

Für Margarets Mann war sie sein Eigentum. Er wollte sie ganz für sich. Das Haus verlassen, um auf dem Basar einzukaufen, erlaubte er nur selten. Selbst Familienmitglieder durfte sie nicht allein treffen. Ihr Ehemann war rasend eifersüchtig. „Ich tat alles, was er wollte“, erzählt Margaret. „Ich wusch seine Wäsche, kochte täglich Essen, arbeitete auf dem Feld und kümmerte mich um das Vieh.“ Doch das alles konnte ihn nicht besänftigen. „Gute Tage waren nur die, an denen er nicht zu Hause war“, sagt Margaret.

© Hartmut Schwarzbach / missio

Die Frauen in der Gemeinschaft haben es nicht leicht. Sie führen den Haushalt, ziehen die Kinder groß, versorgen das Vieh und arbeiten auf den Feldern. Die wenigsten können lesen und schreiben. „Ich sage ihnen immer wieder, ‚schickt eure Kinder auf die Schule‘“, erzählt Schwester Norris. Ihr Orden betreibt Dutzende Dorfschulen in der Region. Aber viele Frauen verstehen nicht, warum es wichtig ist, die Kinder in die Schule zu schicken. Sie brauchen sie bei der Feldarbeit, um das Überleben der Familie zu sichern. Doch Schwester Norris lässt nicht locker. Immer wieder erklärt sie: „Bildung ist der einzige Weg, damit eure Kinder es später einmal besser haben.“

Ein besseres Leben für ihre Kinder hätte sich auch Margaret gewünscht. Doch ihr Mann gab das ganze Geld der Familie für Kleidung, Zigaretten und Schnaps aus. Der Alkohol machte ihn noch gewalttätiger. „Ein Priester schickte uns zu einer Eheberatung in eine Stadt. Doch sogar dort hat er mich geschlagen“, erzählt Margaret. „Wenn er in Rage war, legte er seine Hände um meinen Hals und drückte zu. Mehrere Male.“ Schließlich wusste sie keinen Ausweg mehr: „Ich ging aufs Feld hinter das Haus, goss mir Kerosin über das Gesicht und zündete mich an. Ich wollte mein Gesicht hässlich machen, damit seine Eifersucht ein Ende hat und er mich in Ruhe lässt.“

Heute lebt Margaret bei einem ihrer Söhne und seiner Frau in einer provisorischen Hütte aus Stroh, die weder vor Regen noch Wind schützt. Ihr Ehemann ist vor zwei Jahren an Krebs gestorben und hat der Familie nur Schulden hinterlassen. Ihr Haus mussten sie verkaufen. Die Kirche stellte ihnen Land zur Verfügung, auf dem Familien leben, die vor ihrem Großgrundbesitzer fliehen mussten.

Doch trotz allem, was ihr Mann Margaret und der Familie angetan hat, empfindet sie Mitleid mit ihm: „Ich habe ihn geliebt. Dass er so sterben musste, wollte ich nicht.“ Eine Träne rinnt ihr über das Gesicht. Trotz Narben ist sie immer noch eine schöne Frau. Denn ihre Würde haben ihr das entflammte Kerosin und auch ihr gewalttätiger Ehemann nicht nehmen können.

In Tando Allayar sind die Gemeindemitglieder wie jeden Sonntag zur Messe zusammengekommen. Margaret und die anderen Frauen haben sich um Schwester Norris geschart. Heute bereiten sie den Gottesdienst vor. Die Ordensfrau ragt aus der Menge. Sie ist einen Kopf größer als die zierlichen Frauen der Kutchi Kohli. Doch das ist nicht der einzige Grund, warum sie zu ihr aufblicken.

In den zehn Jahren, die Schwester Norris schon mit den Kutchi Kohli-Frauen zusammenarbeitet, hat sie sie immer unterstützt. Sie hat ihnen gezeigt, wie sie ihre Familien besser ernähren können, wie sie auf ihre Gesundheit achten und wie sie sich mit ihrer Stimme im Dorf einbringen können. „Frauen leisten für die Gemeinschaft einen so wichtigen Beitrag und doch werden sie nicht anerkannt“, erklärt die Ordensfrau. „Ich ermutige die Frauen, mit ihrer eigenen Stimme zu sprechen.“

Nach der Messe stimmen die Frauen noch in der Kirche ein Lied an. Auch Margaret steht selbstbewusst auf und singt mit. „Schaut her, wir Frauen werden die Welt verändern. Wir werden uns nicht fürchten und für unsere Rechte kämpfen. Wir werden tanzen, singen und fröhlich sein.“ Es ist das erste Mal, dass die Frauen sich trauen, vor den Männern in der Kirche zu singen.

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