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Unsere Religion ist unsere Freiheit

Reportage: Bettina Tiburzy

Christen bilden in der islamischen Republik Pakistan mit ihren knapp 180 Millionen Menschen eine kleine Minderheit. Doch trotz zunehmender Bedrohung stehen sie fest zu ihrem Glauben.

© Hartmut Schwarzbach / missio

Seit dem Tag des Anschlags ist für Mariam Sejad* nichts mehr, wie es einmal war. Zu groß ist die Angst, sie könnten erneut angegriffen werden. Vielen in der Joseph Colony geht das so. Die Christen in diesem Stadtteil von Lahore fühlen sich nicht mehr sicher, seit ein Mob ihre Häuser niedergebrannt hat.

Bunte Lastwagen, schwer beladen mit Eisenstangen, manövrieren aus den Einfahrten der Stahlfabriken, die das kleine christliche Viertel umgeben. Arbeiter in ölverschmierten Hemden passieren den Torbogen, auf dem zwischen den Worten JOSEPH und COLONY ein Kreuz befestigt ist.

Im Hof eines nahegelegenen Hauses hält Mariam ihre kleine Tochter im Arm. Am 9. März 2013, dem Tag des Anschlags, war sie mit ihren Kindern allein. „Ein Nachbar rief, wir sollten schnell in die Kirche kommen. Die Polizei wolle dort etwas mitteilen“, berichtet Mariam. Sie ahnte, das könne nichts Gutes bedeuten.

Einen Tag zuvor hatte es im Viertel Streitzwischen zwei Freunden gegeben, der eine Christ, der andere Muslim. Plötzlich verbreitete sich das Gerücht, der Christ habe den Islam beleidigt – Blasphemie. In Pakistan eine schwerwiegende Anschuldigung. Beschuldigte können selbst ohne nennenswerte Beweise dafür von einem staatlichen Gericht zum Tode verurteilt werden. Aufgebrachte Menschenmengen versuchen nicht selten Beschuldigte zu lynchen. Manchmal richtet sich die Gewalt dann sogar gegen ein ganzes Dorf oder Viertel. Dabei sind immer wieder Menschen ermordet worden.

Als Mariam in die Kirche kommt, erklärt ein Polizist, ein Angriff stehe bevor: „Ihr habt eine halbe Stunde, um eure Häuser zu verlassen, sonst werdet ihr in ihnen verbrennen“, sagte er.

In der Kirche bricht Panik aus. Frauen versuchen verzweifelt, ihre Männer zu erreichen. Die meisten sind bei der Arbeit. Mariam läuft nach Hause, packt die Kinder und bringt sie zu Verwandten. Sie haben nicht einmal Zeit, Kleidung einzupacken.

Als sie die Kinder in Sicherheit weiß, kommt Mariam zurück. Sie muss mitansehen, wie ein Mob ihre Häuser ausplündert und in Brand setzt. „Wir standen da, weinten und riefen um Hilfe, aber niemand half“, berichtet Mariam. Die Polizei schaut zu, wie 175 Häuser, 16 Geschäfte und zwei Kirchen niederbrennen. Doch niemand stirbt. Dieses Mal.

© Hartmut Schwarzbach / missio

Pakistans 2,8 Millionen Christen leben – wie auch andere religiöse Minderheiten im Land – gefährlich. Ein falsches Wort, ein unglücklicher Streit, und schnell findet sich ein Anlass, sie der Blasphemie zu beschuldigen. Meist stecken hinter den Vorwürfen andere Motive wie Missgunst oder Gier nach Land. Im Fall der Joseph Colony gibt es Hinweise, dass Geschäftsleute aus der Umgebung sich die Grundstücke der Christen aneignen wollen.

Steht die Beschuldigung der Blasphemie erst einmal im Raum, finden sich schnell viele Eiferer, die sie aufgreifen. Mit Widerstand ist kaum zu rechnen, denn jeder, der den Anschuldigungen widerspricht, kann selbst der Blasphemie beschuldigt werden.

Wiederaufbau in Rekordgeschwindigkeit

Menschen schlängeln sich durch die engen Gassen der Joseph Colony. Ein Obsthändler, sein Fahrrad schwer beladen mit Bananen und Orangen, zieht durch das Viertel. Vorbei an frisch gestrichenen Häusern in weiß, grau und rot. Hier erinnert nichts mehr an den Brand. Dabei sind erst wenige Monate vergangen. In Rekordgeschwindigkeit hat die Regierung von Punjab die zerstörten Häuser und Kirchen wiederaufbauen lassen. Der Vorfall hatte international Aufsehen erregt. Die Regierung musste befürchten, ihr Gesicht zu verlieren.

Mariam hat sich mit ihrer Familie wieder so gut es geht eingerichtet. Ihr Haus verkaufen will sie nicht. Sie seien vorsichtiger geworden, ließen die Kinder nicht mehr alleine zur Schule gehen, berichtet sie. Ihren Glauben hat sie nie in Frage gestellt: „Wir haben Vertrauen in Jesus Christus. Wir werden für unsere Rechte kämpfen. Unsere Religion ist unsere Freiheit“, erklärt sie stolz.

Der Alltag ist zurückgekehrt in die kleine christliche Enklave. Doch die Angst bleibe, berichtet Sumreen Mona, eine Mitarbeiterin der katholischen Kirche in der Joseph Colony. Vor dem Angriff hatte sie bei einer muslimischen Organisation gearbeitet. Doch das Leid der Familien hatte die junge Frau so stark berührt, dass sie diese Arbeit aufgab. Jetzt betreut Mona Familien wie die von Mariam und hilft besonders Kindern und Jugendlichen. „Sie müssen lernen, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Viele träumen davon, einen guten Beruf zu finden. Ein Mädchen vertraute mir an, sie möchte Ärztin werden. Doch es gibt niemanden, der sie unterstützt“, erklärt Sumreen. „Ich möchte ihnen helfen, ihre Träume zu verwirklichen.“

© Hartmut Schwarzbach / missio

Selbstbewusst trotz Bedrohung

Im Zentrum von Lahore liegt die katholische Kathedrale, direkt bei einer Moschee. Lahore ist die älteste Diözese Pakistans. In ihr leben die meisten Katholiken. Ihr steht der Franziskaner Sebastian Francis Shaw als Erzbischof vor.

Vier Jahre hatte er das Bistum bereits als Administrator geleitet, in einer Zeit, in der sich die Lage für alle religiösen Minderheiten im Land stetig verschlechterte. Als größtes Problem im Land sieht der 56-Jährige die religiöse Intoleranz. „Die Leute müssen einander als Menschen akzeptieren und nicht aufgrund der Religion“, sagt der Erzbischof. „Wenn religiöse Angelegenheiten separat von staatsbürgerlichen behandelt werden, könnten die Probleme gelöst werden.“

Unmittelbar nach dem Anschlag auf die Joseph Colony war Shaw zu den betroffenen Familien gegangen, hatte tröstende Worte gefunden und den Menschen Mut gemacht. „Die Menschen haben Angst“, sagt Shaw. „Doch in Angst zu leben, kann zu noch mehr Frustration und Unsicherheit führen.“

Für den Erzbischof ist klar, dass die Christen sich nicht zurückziehen dürfen, sondern, dass sie mit allen friedliebenden Kräften im Land Dialog führen müssen. „Der Dialog kann eine Tür öffnen“, sagt Shaw. So hält er engen Kontakt zum Großimam von Lahore und anderen muslimischen Religionsführern. Sie hatten den Angriff auf Joseph Colony verurteilt, die Opfer besucht und ihre Solidarität bekundet.

Seinen Katholiken möchte der engagierte Erzbischof vor allem Zuversicht vermitteln. „Wir sind eine junge Kirche. 125 Jahre alt. Dies ist die vierte Generation. Wir sind hier geboren. Dies ist unser Land“, sagt er und fordert: „Christen sollten als gleichwertige Bürger Pakistans akzeptiert werden.“

Selbstvertrauen und Mut möchte Shaw besonders den jungen Christen vermitteln. Er hat die Jugendlichen seines Bistums zu einem großen Jugendfest eingeladen. Zu Hunderten sind sie gekommen. Das Treffen beginnt mit einer feierlichen Messe in der Kathedrale von Lahore.

© Hartmut Schwarzbach / missio

Die Straße vor der Kirche ist von Straßensperren aus Beton und bewaffneten Polizisten abgeriegelt. Sicherheitskräfte begleiten den Einzug des Erzbischofs und seiner Priester in die Kirche. Nach dem Anschlag auf eine anglikanische Kirche im September 2013 wurden die Sicherheitsmaßnahmen verschärft. Bei einem Bombenattentat in Peschawar starben 126 Menschen. Der bislang schwerste Anschlag auf Christen in Pakistan.

Nach der Messe ziehen Erzbischof Shaw und die Jugendlichen in einer Prozession zum Gelände, auf dem Festzelte und Bühne aufgebaut sind. Jetzt beginnt der fröhliche Teil des Tages mit Musik und Tanz, einem gemeinsamen Essen und einem Erzbischof, der die Jugendlichen auch schon mal zum Lachen bringt.

Einer von ihnen ist der 25-jährige Student Tahir Masih*. „Ich bin in meiner Klasse der einzige Christ unter mehr als hundert Studenten“, berichtet er. Mit seinen muslimischen Kommilitonen verstehe er sich gut. Und doch, er weiß, dass er mit mehr Herausforderungen leben muss als viele seiner muslimischen Mitstudierenden. „Manchmal bewerben wir uns auf eine Stelle, aber aufgrund der Religion haben wir keine Chance“, erklärt er.

Auf der Straße nahe der Moschee haben sich plötzlich Tausende Demonstranten versammelt. Ein Imam ist am Vortag einem Attentat zum Opfer gefallen, eines von unzähligen Opfern fast täglicher Anschläge. Sie treffen religiöse Führer, Armee und Sicherheitskräfte und richten sich in einigen Landesteilen sogar gegen Schulen.

Die Anhänger des ermordeten Imam blockieren die Straße, fordern lautstark, die Regierung solle die Verantwortlichen bestrafen. Die Demonstration richtet sich nicht gegen die Christen. Das könnte sich schnell ändern, wenn die aufgebrachte Menge blindwütig in Rage gerät.

Doch die jungen Christen innerhalb des Kirchengeländes lassen sich durch die Demonstranten ihr Fest nicht verderben. Sie sind an diesem Tag zusammengekommen, um miteinander ihren Glauben zu feiern.

Als das Fest zu Ende geht, sind die Demonstranten abgezogen. Masih und seine Freunde machen sich auf den Heimweg. Für ihn sind solche Demonstrationen, Attentate und Anschläge in Pakistan alltäglich. „Persönlich fühle ich mich nicht bedroht, aber als Gemeinschaft haben wir manchmal Angst“, erklärt er.

Trotz der schwierigen Lebensumstände steht Masih fest zu seiner Religion. „Ich fühle mich als glücklichster Mensch, weil ich in einem islamischen Land geboren bin. Denn es gibt für mich hier viele Herausforderungen“, erklärt er. „Und die stärken meinen Glauben.“

* Name von der Redaktion geändert

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