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Kleine Christliche Gemeinschaften in Tansania: eine Kirche der Priester, Ordensleute und Laien

Fr. Anthony Makunde
Fr. Anthony Makunde© privat

Pfarrer Anthony Makunde ist ein entschiedener Befürworter „Kleiner Christlicher Gemeinschaften“ (KCG). Für den früheren Generalsekretär der tansanischen Bischofskonferenz steht jedoch fest: Es reicht nicht, die KCG als Angebot für die Laien zu fördern. Um lokale Kirche zu sein, müssen Priester und Ordensleute sich als ein Teil der KCG begreifen.

Wie leben Kleine Christliche Gemeinschaften in Tansania und welche Rolle spielen sie im täglichen Leben der Menschen?

Natürlich gibt es in der Praxis Unterschiede zwischen den verschiedenen Regionen. Wo sich die Kleinen Christlichen Gemeinschaften treffen, wie sie sich organisieren. Auf dem Land sieht das anders aus als in den kleinen Städten oder in der Großstadt. Allen gemeinsam ist, dass Familien aus der Nachbarschaft zusammenkommen und das gestalten, was wir in Tansania Kleine Christliche Gemeinschaften (KCG) nennen.

Was heißt das genau? Zunächst treffen sich die Familien aus geistlichem Interesse. Sie beten, lesen einen Text aus der Bibel und teilen miteinander, wie dieser Text sie persönlich berührt. Sie bringen ihn mit ihrem eigenen Alltag zusammen, überlegen gemeinsam, wie das Wort Gottes ihr Leben inspirieren kann und ermutigen sich gegenseitig, es in die Tat umzusetzen. Diese Gestaltung geistlichen Lebens in der Nachbarschaft ist ein wesentlicher Zweck der KCG. In meiner Gemeinde treffen sich die Gruppen reihum in den Familien. Jede Gemeinschaft hat ihr eigenes Kruzifix. Dieses Kruzifix ist der Mittelpunkt jeder Begegnung. Wenn am Ende eines Treffens entschieden wird, welche Familie zum nächsten Treffen einlädt, nimmt diese das Kruzifix mit nach Hause. Auf diese Weise wandert das Kreuz, dieses christliche Symbol, von einer Familie zur anderen.

© Hartmut Schwarzbach / missio

Zweitens bieten die Treffen den Familien einen Raum, ihre Anliegen und Sorgen miteinander zu teilen und zu besprechen. Es ist die Gelegenheit, die anderen darüber zu informieren, dass in meiner Familie jemand erkrankt ist, dass wir ein Kind verloren haben. Besonders in den Städten, wo die Menschen fernab ihrer Großfamilien leben, ist es wichtig, mit jemandem über das sprechen zu können, was weit weg im Heimatort geschehen ist. Die Mitglieder der KCG fühlen miteinander und stehen einander bei.

Drittens geht es bei den Treffen um die Organisation ganz konkreter Nachbarschaftshilfe für die, die sich selbst nicht helfen können. Dabei ist es wichtig aufeinander acht zu geben und dafür zu sorgen, dass auch diejenigen Unterstützung bekommen, die diese dringend benötigen, dies aber vielleicht nicht ansprechen möchten. Jemandem fällt auf, dass die Kinder einer Familie in der Nachbarschaft nicht genug zu essen haben. Also erklärt er beim nächsten Treffen: „Ich glaube, Familie A braucht unsere Hilfe, um die Kinder zu ernähren.“

Welche Bedeutung haben die KCG im Leben der ganzen Gemeinde, wie wirken sie sich auf das Leben der Gemeinde aus?

Die KCG sind der Mittelpunkt aller Aktivitäten in der Pfarrgemeinde und in den Außenstationen. Bei der Liturgie, für die wir einen eigenen Zeit- und Aufgabenplan haben, der alle KCG einbezieht, aber auch darüber hinaus. Ich möchte das an einem Beispiel erklären: Nehmen wir einen Todesfall. Wenn jemand stirbt, informiert die Familie den Leiter oder die Leiterin der Gemeinschaft. Dieser informiert den Katechisten, der mit Angehörigen betet. Gemeindeleiter oder Katechist überbringen die Nachricht der Gemeinde und informieren darüber, wann das Begräbnis stattfinden soll. Der Priester versucht dann, sich darauf einzustellen. Bei 19 Außenstationen, wie in meiner Gemeinde, ist das nicht immer möglich. In so einem Fall wird diese Aufgabe an den Katechisten delegiert. Die Initiative geht immer von der Kleinen Christlichen Gemeinschaften aus. Das gilt besonders für die Vorbereitung auf die Sakramente, etwa wenn ein Kind getauft werden soll oder wenn eine Hochzeit bevorsteht. Die Familien in der KCG kennen sich und wissen auch, wo Probleme liegen, welche Familien besonders begleitet werden müssen. Diese Informationen werden über den Katechisten an den Priester weitergegeben, der dadurch genau weiß, wo er ansetzen muss und worauf er zu achten hat.

Im letzten Jahr habe ich allein fünfzehn Ehen in den KCG geschlossen, die auch von diesen vorbereitet wurden. Nur die jungen, gut ausgebildeten Paare ziehen die Kirche vor, weil sie sich einen entsprechenden Rahmen wünschen. Und dann ist da noch ein ganz praktischer Aspekt: Durch die gemeinsame Verantwortung für das Fest sinkt die finanzielle Belastung des einzelnen. Das ist besonders deshalb so wichtig, weil viele Paare eine offizielle Eheschließung aufgrund der Kosten scheuen. Wenn sich alle die Kosten für Musik und Essen teilen, ist das etwas anderes.

Hat die Bedeutung der Laien durch die KCG zugenommen? Haben die KCG die Laien in ihrem Sendungsauftrag gestärkt?

In den Entscheidungsstrukturen der gesamten Pfarrei einschließlich der Außenstationen haben die Leiterinnen und Leiter der KCG eine wichtige Rolle übernommen. Jede Entscheidung, die die Außenstationen betrifft, wird von den Leiterinnen und Leitern der KCG getroffen. Auf diese Weise sind die Laien Teil der Leitungsebene der Kirche. Allerdings muss die Wahrnehmung einer Leitungsaufgabe immer durch die KCG autorisiert sein. Niemand, der nicht von seiner KCG gewählt wurde, kann eine Leitungsfunktion in der Pfarrei oder auch auf Diözesanebene ausüben. Die Mitglieder einer KCG wählen ihre Leitung, die wiederum Teil des Pfarreirats ist. Wer ein Amt in einer übergeordneten Struktur übernimmt, muss allerdings sein oder ihr Amt in der KCG abgeben, um eine doppelte Verantwortung zu vermeiden. Zum Beispiel die Vorsitzende der Organisation Katholischer Frauen. Sie wurde von ihrer KCG gewählt, vertrat die KCG auf der Ebene der Pfarrei und wurde schließlich in die diözesane Ebene gewählt. Sie hat ihr Amt in der Gemeinde aufgegeben und ist nun Diözesanvorsitzende der Frauengemeinschaft.

Diese Struktur wurde von der tansanischen Bischofskonferenz in allen Diözesen eingeführt. In der Praxis der KCG gibt es allerdings große Unterschiede zwischen den Diözesen und auch zwischen einzelnen Pfarreien. Das ist der Grund, warum ich es für unerlässlich halte, die Priester stärker zu involvieren. Wenn die Priester selbst sich nicht als Teil der KCG begreifen, wird diese Vision für sie nie Priorität haben.

Fr. Anthony Makunde
© privat

„Kollekten, Putzdienste – die KCG als Komfortzone der Priester. Das ist nicht unsere Vision. Meine Idee ist, die KCG als eine lokale Kirche zu entwickeln. Keine Kirche für die Laien, sondern eine Kirche der Priester, Ordensleute und Laien.“

Fr. Anthony Makunde, Pfarrer in einer Landgemeinde in Mbeya

Wo liegen die Herausforderungen? Was kann die Kirche tun, um die Kleinen Christlichen Gemeinden zu stärken?

Wir müssen mehr in die Stärkung der Laien investieren, vor allem die Ausbildung der Katechisten ist ein Problem. Früher hatten wir ein Zweijahresprogramm, das können wir heute nicht mehr finanzieren. Jetzt durchläuft jeder Katechist, jede Katechistin einen dreimonatigen Vollzeitkurs, um so gut wie möglich vorbereitet zu werden. Einige können wir auch in die Ausbildungszentren außerhalb unserer Diözese schicken, die unter anderem von missio unterstützt werden. Insgesamt ist der Wissensstand der Laien sehr niedrig, nur wenige haben die Energie, sich wirklich um eine theologische Ausbildung zu kümmern. Im städtischen Kontext ist das einfacher, aber gerade auf dem Land ist es schwer, Materialien zu bekommen. Vielen fällt es außerdem schwer, Englisch zu lesen. Die Materiallage in Europa und den USA ist da sehr viel besser. Dies zu ändern, muss die Priorität unserer Diözese sein. Die Laien brauchen unsere Unterstützung.

Es geht aber nicht nur um die theologische Ausbildung. Noch fehlen uns Ausbildungsstrukturen, um zentrale Herausforderungen anzugehen. Nehmen wir zum Beispiel das Problem des tief verwurzelten Hexenwahns, dem in Tansania jährlich Hunderte von Menschen, meist Frauen, zum Opfer fallen. Dem Pfarrer würden die Menschen sich nie anvertrauen. Die Leiterinnen und Leiter der KCG haben ganz andere Möglichkeiten. Die Mitglieder kennen und vertrauen sich, die Verbundenheit in der Gebetsgemeinschaft ist dafür ganz wichtig. Die Idee ist, die Leiterinnen und Leiter in eigenen Workshops zu schulen und in die Lage zu versetzen, diese Vorstellungen in der Gruppe zu bearbeiten und Stück für Stück aufzudecken, was hinter dem Hexenwahn steckt.

Eine weitere Herausforderung ist die oben angesprochene Einbeziehung der Priester und Ordensleute. Manchmal lehnen wir uns zurück und sind damit zufrieden, dass die KCG aktiv sind. Wir neigen dazu, sie als ein Instrument zu sehen, unsere administrativen Aufgaben zu erleichtern. Kollekten, Putzdienste - die KCG als Komfortzone der Priester. Das ist nicht unsere Vision. Meine Idee ist, die KCG als eine lokale Kirche zu entwickeln. Keine Kirche für die Laien, sondern eine der Priester, Ordensleute und Laien. Das sind die drei Säulen der Kirche. Wenn die KCG lokale Kirche sein soll, dann brauchen wir die aktive Präsenz aller drei Säulen. Es ist eine Sache, als Pfarrer auf der Kanzel zu stehen und die Gläubigen aufzufordern, in die KCG zu gehen. Ja, Herr Pfarrer, das ist richtig, werden die Menschen sagen, das tun wir auch, aber was ist mit Ihnen? Sie selbst sind ebenfalls ein Teil davon.

© Hartmut Schwarzbach / missio

Welchen Rat würden Sie der Kirche in Deutschland aus Ihren Erfahrungen mit KCG geben?

Das afrikanische Modell lässt sich nicht einfach nach Deutschland exportieren. Wir müssen einen anderen Zugang finden und einzelne Elemente daraufhin prüfen, ob sie in den deutschen Kontext passen. Für uns ist es vergleichsweise einfach, besonders in den ländlichen Gegenden, wo die Nachbarschaft intakt ist, wo die Familien zusammenleben, die Kinder vom ganzen Dorf aufgezogen werden. In Europa und in den USA habe ich das völlig anders erlebt. Besonders in Gebieten mit einer starken Fluktuation, einem hohen Anteil an Zugezogenen, wo die Großfamilie nicht mehr die Rolle spielt, brauchen wir einen ganz anderen Zugang. Und dann ist da der Faktor Zeit, der Lebensrhythmus. In Deutschland hatte ich den Eindruck, die Menschen sind so beschäftigt, sie haben noch nicht einmal Zeit zum Kochen, wie sollen sie da Zeit für eine KCG haben? Bei diesem Tempo ist es schwer vorstellbar, wie vor dem Ruhestand überhaupt ein Engagement in den KCG möglich sein kann.

Letztes Jahr habe ich einige Zeit in den USA verbracht. Dort habe ich erlebt, wie versucht wurde, Elemente aus der afrikanischen und lateinamerikanischen Praxis zu übernehmen, Familien anzusprechen und zusammenzubringen. Ich habe meine Erfahrungen mit den Familien geteilt, das Modell meiner Pfarrei vorgestellt, aber natürlich sind die Herausforderungen ganz andere als in Tansania. Die sozialen Probleme sind andere, die Familien leben viel enger zusammen. Dennoch, die Erfahrung von Gemeinschaft hat etwas in Gang gesetzt. Langsam haben die Familien erkannt, dass es gut ist, sich zusammen zu tun. Einsamkeit ist ein großes Problem in den westlichen Gesellschaften.

Die Gemeinschaften, die in Europa entstehen, gründen häufig darauf, dass ich mir aussuche, wer mein „Nachbar“, ein Mitglied meiner Gemeinschaft wird. Ich gehe zur Kirche und weiß, wen ich dort treffe, mit wem ich das Wort Gottes teile. Was aber ist mit den Familien, den Menschen, die ich dort nicht treffe? Die nur zu Weihnachten in die Kirche kommen oder um ihr Kind taufen zu lassen? Wer hat den Mut, an ihre Tür zu klopfen, zu ihnen zu gehen? Auch wenn ich 20 Kilometer fahre, um jemanden zu treffen, mit dem ich mich wohl fühle, mit dem ich eine KCG aufbauen möchte, sollte irgendwann ein Prozess des Umdenkens stattfinden. Ich sollte mich fragen, was mit den katholischen Familien ist, die auf den 20 Kilometern zwischen meinem Wohnort und meiner Gemeinschaft leben, wer sie anspricht, wer sie einlädt. Ich weiß, es ist schwierig, aber wir müssen irgendwo beginnen.

Das Interview führte Katja Heidemanns.

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