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Kirche macht sich stark für Frieden und Gerechtigkeit in Osttimor

Fr. Filomeno Jacob SJ, Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke von Ost-Timor

Der Inselstaat Osttimor blickt auf eine bewegte und blutige Geschichte zurück. Die Kirche war ein ständiger Stützpfeiler der Bevölkerung und setzt sich auch heute noch unermüdlich für die Rechte der Menschen ein. - Pater Filomeno Jacob SJ, Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke in Osttimor, besuchte im März 2009 missio in Aachen, um über die aktuelle Lage in seiner Heimat und die Herausforderungen an die Kirche zu berichten.

31.03.2009

Im vergangenen Jahr unternahmen rebellische Exsoldaten einen Putschversuch und verübten ein Attentat auf den Präsidenten Osttimors. Wie hat sich die politische Lage seitdem entwickelt?

Pater Jacob: Die Lage ist zurzeit friedlich. Auf gewisse Weise hat sich die Regierung diesen Frieden jedoch erkauft. So wurden die Militärs, die 2006 entlassen worden waren, was zu heftigen Unruhen geführt hatte, abgefunden. Auch Flüchtlinge erhielten finanzielle Anreize, wieder in ihre Dörfer zurückzukehren.

Wichtige, von der UN empfohlene, strukturelle Reformen stehen noch aus. Klar definierte Kompetenzen für Militär und Polizeiapparat, unter ziviler Kontrolle und unter Beachtung der Menschenrechte, sind unabdingbar um das Fortbestehen eines demokratischen Staates zu gewährleisten. Ferner bedarf es unabhängiger Institutionen, die Recht sprechen und dieses umsetzen.

Wie stabil ist Ihrer Meinung nach die junge Demokratie Osttimors?

Pater Jacob: Es ist eine sehr fragile Demokratie. Ein demokratisches Politikverständnis muss erst noch wachsen. Zum Aufbau einer gesetzestreuen, gewaltfreien, demokratischen Kultur brauchen wir internationale Solidarität. Ich bin davon überzeugt, dass die Menschen bereits die Fähigkeit kritischer Analyse besitzen und wahrnehmen, was um sie herum geschieht. Aber auch die Politiker müssen lernen, die Entscheidungen des Volkes zu respektieren.

Frieden und Gerechtigkeit, Transparenz und Verantwortung sind die wesentlichen Grundlagen für eine funktionierende Demokratie. Im Namen der Versöhnung bleiben viele Verbrechen ungeahndet. Versöhnung bedeutet jedoch keinen Verzicht auf die juristische Aufarbeitung und Verurteilung begangener Straftaten, und solange keine funktionierende Strafgesetzgebung existiert, gibt es keine rechtliche Gewissheit. Investoren werden abgeschreckt. Neue Arbeitsstellen können nicht geschaffen werden. Die Armut steigt und das führt wiederum zu neuen Gewalttaten.

Wie ist die Stimmung in der Bevölkerung?

Pater Jacob: Die Stimmung ist sehr optimistisch. Die Menschen wünschen sich Entwicklung, Frieden und Gerechtigkeit für eine demokratische Zukunft, denken aber immer noch im Sinne ihrer kleinen Gruppen und Parteien und nicht an das Wohl des gesamten Landes.

Von 2000 bis 2002 waren Sie in der UN Übergangsregierung als Sozialminister tätig und waren maßgeblich am Aufbau des osttimoresischen Schulsystems beteiligt. Wie kam es dazu, und wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Mit Erlaubnis des Heiligen Stuhls wurde ich von der UN ernannt, die Grundlagen für den neuen Staat mit vorzubereiten. Es war ein Privileg und eine wunderbare Erfahrung, die Interessen meiner Landsleute vertreten zu dürfen.

Sind Sie weiterhin politisch tätig?

Pater Jacob: Nein, ich bin nicht mehr in der Regierung. Ich habe mich damals engagiert, weil ich gebraucht wurde. Gleichermaßen war ich auch vor der Unabhängigkeit in den Widerstandsnetzwerken aktiv, um der Bevölkerung zu helfen.

Osttimor gehört zu den ärmsten Ländern der Erde. Ist eine Besserung in Sicht?

Pater Jacob: Obwohl daran gearbeitet wird, ist die Infrastruktur des Landes immer noch schlecht. Eine zuverlässige Elektrizitäts- und Wasserversorgung ist nicht gewährleistet. Besonders die Landwirtschaft, welche die Haupteinkommensquelle der Osttimoresen ist und ihnen bestenfalls ein Überleben sichert, muss unbedingt weiterentwickelt werden. Die Arbeitslosenquote liegt bei 70 Prozent, 60 Prozent davon sind Jugendliche. Korruption und Vetternwirtschaft grassieren. Der einzige Weg diesen Teufelskreis zu durchbrechen, ist es die Menschen auszubilden. Aber es fehlt häufig an qualifizierten Lehrkräften.

Wie hat sich die Situation für Frauen und Kinder entwickelt?

Pater Jacob: Häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder ist in Ost-Timor weiterhin an der Tagesordnung. Die Regierung bereitet zurzeit eine entsprechende Gesetzgebung vor, und die Kirche unterstützt diesen Prozess, indem sie Frauen über ihre Rechte aufklärt und ihnen hilft, ihre sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen, z.B. durch Weiterbildung, zu verbessern.

97% der Bevölkerung bekennen sich zum Katholizismus. In keinem anderen Land der Erde hat die katholische Kirche in den letzten Jahrzehnten einen derart großen Zuwachs erreicht. Wie erklären Sie sich das?

Pater Jacob: Die Menschen lieben die Kirche. Die Kirche ist für die Menschen da und will sich mit ihnen identifizieren. Jedoch ist der Glaube der Bevölkerung nicht sehr tief, und es ist unsere Aufgabe das Glaubensverständnis zu fördern und moralische Werte zu vermitteln. Dazu bedarf es in erster Linie einer kompetenten Pastoralarbeit durch gut ausgebildete Priester und Katechisten.

Welche Rolle spielte die Kirche in der Zeit der indonesischen Besetzung?

Pater Jacob: Die Kirche war ein Stützpfeiler für die Bevölkerung und Teil des Befreiungsprozesses. Viele Ordensfrauen und Priester bezahlten dafür mit dem Leben. Es ist ein Grundsatz der Kirche sich für die Rechte und die Freiheit jedes einzelnen stark zumachen. Das hat auch jetzt noch Gültigkeit, wir müssen für Gerechtigkeit und das Recht auf Bildung und Entwicklung kämpfen.

Sie waren im Widerstand aktiv. Wie sind Sie mit den damit verbundenen Gefahren umgegangen?

Pater Jacob: Natürlich hat man versucht uns einzuschüchtern, aber damit mussten wir umgehen, aus Pflichtgefühl gegenüber den Menschen und unserer Mission. Ich habe es gern getan, denn es war das Richtige. Den damit verbundenen Gefahren habe ich nicht viel Beachtung geschenkt. Ich habe nicht soviel durchgemacht wie andere, was wiederum eine Inspiration und eine Ermutigung für mich war.

Worin bestehen die aktuellen Herausforderungen an die Kirche?

Pater Jacob: Globalisierung und Säkularisierung stellen eine große Herausforderung dar. Die Menschen müssen sich entscheiden, ob sie den Glauben oder materielle Dinge bevorzugen. Gier, Gewalt und eine egoistische Lebenseinstellung sind eine große Versuchung. Wir helfen den Menschen ihren Glauben zu leben und gute Bürger zu sein, die ihre Rechte und Pflichten kennen. Im Bildungs- und Gesundheitsbereich gibt es viel zu tun. Die Qualität unserer Dienste muss insgesamt verbessert werden. Wir haben nicht genug Priester und viele Katechisten sind Analphabeten.

Was beinhaltet ihre Tätigkeit als Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke in Osttimor?

Pater Jacob: Auf pastoraler Ebene helfe ich den Priestern und Katechisten bei der Re-evangelisierung. Darüber hinaus bin ich für die internationalen Beziehungen der päpstlichen Missionswerke in Osttimor zuständig. Aufgrund der kritischen Lage im Land ist internationale Solidarität unter den Missionswerken jetzt wichtiger den je.

Was erwartet die osttimoresische Kirche von ihren europäischen Partnern?

Pater Jacob: Ich bitte die internationalen katholischen Hilfswerke, Osttimor auf den richtigen Weg zu helfen – den Weg der Demokratie, der Menschenrechte, der Gerechtigkeit und der Bildung. Es gibt viele Herausforderungen aber wir sind auch voller Hoffnung.

Zur Person

Pater Dr. Filomeno Jacob wurde 1988 zum Priester geweiht. Von 2000 bis 2002 war der promovierte Anthropologe als Minister für Soziales in der UN Übergangsregierung tätig. 2007 wurde er zum Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke in Osttimor ernannt. Alter: 49 Jahre.

Länderinfo

Osttimor liegt auf der östlichen Hälfte der Insel Timor, im indonesischen Archipel. Der westliche Teil der Insel gehört zu Indonesien. 2002 erlangte Osttimor nach über 400 Jahren portugiesischer Kolonialzeit und 24 Jahren indonesischer Besetzung seine Unabhängigkeit. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat kaum ein Land eine derartige Zerstörung seiner Infrastruktur und wirtschaftlichen Aktivitäten, sowie einen völligen Zusammenbruch der Regierungsstrukturen erlitten.

missio-Unterstützung

missio unterstützt seit Jahren die katholische Kirche in Osttimor. Vor allem die Aus- und Weiterbildung kirchlichen Personals wie Katechisten, Religionslehrern, Schwestern und Priestern. Zu Zeiten des Referendums hat missio gemeinsam mit anderen katholischen und evangelischen Werken die Entsendung von mehreren Beobachtern nach Osttimor finanziert. Zudem hat missio die Arbeit von Organisationen wie Progressio und Watch Indonesia unterstützt, die sich für Lobbyarbeit zugunsten der Menschenrechte in Osttimor einsetzen.

Hintergrundinformationen ...

zum Thema finden Sie in den beiden Menschenrechtsstudien: „Osttimor – der schwierige Weg zur Staatswerdung (2001)“ und „Osttimor stellt sich seiner Vergangenheit - Die Arbeit der Empfangs-, Wahrheits- und Versöhnungskommission (2005)“.

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