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„Eine Form von legalisiertem Raub“

Pater Wolfgang Schonecke MAfr, 73, vom „Netzwerk Afrika Deutschland“ tritt gegen die Ausbeutung des Kontinents ein. © privat

China will Reis anbauen, Europa setzt auf Biosprit, die Deutsche Bank auf Agrarfonds. Verlierer sind Afrikas Kleinbauern, die enteignet und vertrieben werden. Pater Wolfgang Schonecke erklärt die große Gier nach Land.

Pater Schonecke, der Begriff „Landgrabbing“ taucht in jüngster Zeit häufiger auf. Was versteht man darunter?

Landnahme wäre das deutsche Wort, Landraub ist der genauere Begriff. Es handelt sich um die Übernahme von oft Zehntausenden Hektar Ackerboden durch ausländische und einheimische Investoren. Es ist eine Form von legalisiertem Raub, da oft die ansässige Bevölkerung enteignet und vertrieben wird.

Was sind die Gründe für diese Entwicklung?

Die Jagd nach Land begann nach der Jahrtausendwende. Ausgelöst wurde sie durch die irrtümliche Idee, man könne die Klima- und Energiekrise mit Treibstoffen aus nachwachsenden Rohstoffen entschärfen, sogenannten Biotreibstoffen wie das umstrittene E10. Dann kam die Nahrungsmittelkrise 2008, durch die sich die Preise auf dem Weltmarkt mehr als verdoppelten. Besonders betroffen waren Länder wie die Golfstaaten, die ihre Lebensmittel importieren. Um sich künftig selbst zu versorgen, begannen sie Land zu kaufen. Gleichzeitig wurden nach dem Platzen der Immobilienblase in der Finanzkrise 2008 große Kapitalmengen frei, die lukrative Anlagemöglichkeiten suchten. Eine wachsende Weltbevölkerung und steigende Nahrungsmittelpreise versprechen fette Profite.

Welche Länder sind betroffen?

Asien und Lateinamerika, aber besonders Länder wie Äthiopien und Sudan, Tansania und Mosambik, Kongo, Mali und Senegal. Oft betreiben die Regierungen dort eine aggressive Politik, um Investoren zu locken.

Lassen sich die Landnahmen beziffern?

Exakte Zahlen gibt es nicht. Verhandlungen und Verträge sind völlig intransparent. Ein Weltbankpapier von 2010 spricht von 45 Millionen Hektar seit 2006. Die jüngste Oxfam-Studie schätzt die Landnahmen der vergangenen zehn Jahre auf 225 Millionen Hektar.

Wer sind die Akteure?

Biospritunternehmen, Regierungen und Unternehmen von landarmen Staaten wie Saudi-Arabien und den Golfstaaten, Südkorea und China. Die Agrarfonds von Banken und Hedgefonds wachsen am schnellsten. Für Agrarinvestitionen, Landkäufe und Nahrungsmittelspekulation werden Hunderte Milliarden Dollar bereitgestellt. Hierzulande ist vor allem die Deutsche Bank involviert.

Wer sind die Gewinner, wer die Verlierer?

Gewinner sind die Kapitalanleger, denen man oft zweistellige Profite verspricht, und lokale Eliten, die sich häufig von den Investoren kaufen lassen. Verlierer sind die Kleinbauern, die ihr Erbland verlieren und in die Slums der Städte abwandern. Verlierer ist auch der Staat, der mit Pachtverträgen von 49 bis zu 99 Jahren die Souveränität über einen Teil seines Landes verliert. Und Verlierer ist das Volk, das zusehen muss, wie man die letzte und kostbarste Ressource verscherbelt.

Warum machen die Kleinbauern nicht ihre Landrechte geltend?

Land wurde in Afrika traditionell nicht als kommerzielle Ware angesehen, sondern als Ort, wo die Ahnen lebten. Der Boden gehörte allen und wurde kommunal verwaltet. 95 Prozent der Afrikaner haben keine Landtitel, die sie einklagen könnten. Koloniale Regime verübten Landraub zugunsten europäischer Siedler, respektierten aber ansonsten das Gemeinschaftsrecht. In vielen Staaten wurde in in jüngster Zeit traditionelles Land recht zugunsten von Investoren ausgehebelt.

Gibt es Regeln für Investitionen in Land?

Es gibt zwei Versuche, die wilden Landakquisitionen unter Kontrolle zu bekommen und soziale und ökologische Schäden zu begrenzen. Am vielversprechendsten sind die „Freiwilligen Leitlinien für den verantwortlichen Zugang zu Land und anderen natürlichen Ressourcen“ der Welternährungsorganisation FAO. Nach weltweiten Konsultationen und einem beispielhaften Dialog mit der Zivilgesellschaft sollen sie demnächst verabschiedet wer den. Skeptischer zu beurteilen sind die im Wesentlichen von der Weltbank erarbeiteten, sehr investorenfreundlichen Prinzipien für verantwortliche Agrarinvestitionen. Beide sind jedoch nicht verpflichtend.

Hat der Rückgang von kleinteiliger bäuerlicher Land wirtschaft Auswirkungen auf die weltweite Ernährungslage?

In der Vergangenheit wurde oft argumentiert, dass nur eine großflächige industrielle Landwirtschaft die Nahrungsmittelversorgung der Weltbevölkerung sicherstellen kann. Diese These ist vom Weltagrarbericht, der 2009 von über 500 Wissenschaftlern erarbeitet wurde, widerlegt worden. Die Experten empfehlen eine intensive Förderung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft aus sozialen und ökologischen Gründen. Auch in der Politik scheint sich langsam ein Umdenken anzubahnen.

Wo sind Politik und Öffentlichkeit gefragt?

Die Medien haben in jüngster Zeit öfter über Landgrabbing und seine verheerenden Folgen berichtet. Doch während die Entwicklungspolitik das Problem klar sieht und ländliche Entwicklung nach Jahren der Vernachlässigung wieder Priorität gewonnen hat, ist unsere Wirtschafts- und Handelspolitik einzig auf Ressourcensicherung, Exportförderung und Wirtschaftswachstum fixiert ohne Rücksicht auf die soziale und ökologische Verwüstung in den Entwicklungsländern.

Wie engagiert sich Kirche bei dem Thema?

Kirchliche Hilfswerke ebenso wie das Netzwerk Afrika Deutschland (» NAD) kennen die Problematik durch ihre Partner im Süden. Bei der zweiten Afrikasynode forderten die Bischöfe ein Engagement der Kirche gegen die skrupellose Ausbeutung von Land und Ressourcen sowie die Anerkennung traditioneller Landrechte. Schon 1994 hat der Vatikanische Friedensrat die Akkumulation von Land in den Händen Weniger verurteilt und sich für Landreformen eingesetzt. In der Praxis ist das oft schwierig, weil die Kirche selbst große Ländereien besitzt. Aber wenn sie ihre Mitglieder aus dem Evangelium her aus für soziale Gerechtigkeit motiviert, kann sie Sauerteig in der Gesellschaft werden, Unrecht verhindern und den Vertriebenen und Landlosen wieder Zugang zu den wichtigsten Ressourcen, Land und Wasser, verschaffen.

Beatrix Gramlich

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