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Geraubte Erde

Wenn Fremde den Weg in eines der Bergdörfer finden, ist das jedes Mal ein Ereignis. Die Einwohner von Antanambao haben die Neuankömmlinge in ihr Gästehaus eingeladen. Hier sitzen sie nun: die Besucher aus Moramanga auf einer wackeligen Holzbank, die Männer aus dem Dorf am Boden - barfuß, verschwitzt, in zerlumpter Kleidung. Sie haben gehört, dass es um Ambatovy gehen soll. Sie sind wütend, und sie haben Angst, dass sie irgendwann nicht mehr hier bleiben können. Ambatovy hat ihr Leben verändert. Aber welche Alter native haben sie schon?

Bodenlos: Wo früher Kaffee wuchs, frisst sich jetzt eine Pipeline durch die Erde. Die Felder der Bauern sind weggebrochen.
Bodenlos: Wo früher Kaffee wuchs, frisst sich jetzt eine Pipeline durch die Erde. Die Felder der Bauern sind weggebrochen. © Hartmut Schwarzbach / missio

Land bedeutet Leben

Der Wald ist ihre Heimat. Noch immer zählt er zu den artenreichsten Regionen der Erde – auch wenn in den vergangenen Jahrzehnten so viel Teak und Palisander abgeholzt wurden, dass nur noch zehn Prozent seiner ursprünglichen Fläche erhalten sind. Schon ihre Väter und Vorväter haben das Land hier bewirtschaftet. „Es ist die Quelle unseres Lebens“, sagen die Männer – und wie sie es sagen, klingt es kein bisschen pathetisch. Sie sind zwar arm, aber niemand braucht Hunger zu leiden. Denn der Boden ernährt sie und ihre Familien im Überfluss.

Ein alter Mann mit Hut und gemustertem Hemd erhebt sich und fordert die Versammelten auf, sich an der Diskussion zu beteiligen. Giles Razana ist der „porte parole“, der Berichterstatter. Er wird später den Dorfchef über das Treffen informieren. Der nämlich arbeitet für den Sicherheitsdienst von Ambatovy und kommt erst am Abend zurück. „Unsere Felder sind zerstört.“ – „Das Wasser ist verschmutzt.“ - „Alle Fische im Fluss sind tot.“ – „Es gibt Erdrutsche oberhalb des Dorfs.“ Die ersten Wortmeldungen kommen zögerlich, dann immer schneller und lebhafter. Die Männer schildern, wie ganze Felder weggebrochen sind und Kaffee- und Bananenpflanzungen mit sich gerissen haben. „Am Anfang war die Rede von 30 Kaffeesträuchern, hinterher waren alle kaputt“, berichtet Gilbert Bekamisy aufgebracht. „Die gute Erde ist weg. Ich kann es zeigen. Wir können nachher hingehen.“ Beifälliges Gemurmel erfüllt den fensterlosen, schummrigen Raum. Vor der Tür drängen sich Frauen und Kinder und versuchen, ein paar Sätze aufzuschnappen. Jede Familie hier kann ähnliche Erfahrungen beisteuern. Das Gefühl, am kürzeren Hebel zu sitzen, bleibt.

Vielleicht, so hoffen sie, hat der Bischof von Moramanga mehr Einfluss. Sie sind froh, dass er nun Leute nach Antanambao geschickt hat, die genau wissen wollen, was passiert ist. Jao Rajoelisolo arbeitet für eine kirchliche Entwicklungshilfeorganisation, die beiden anderen für die Diözese. Julien Ralaimpona ist Bauer wie sie. Aber darüber hinaus engagiert er sich in einem Projekt der Diözese, das die Interessen der kleinen Leute gegenüber Ambatovy vertritt. An seiner Hütte hängt, wie in 67 anderen Dörfern, ein hölzerner Kasten, in den man Bitten und Beschwerden einwerfen kann. „Taratra“ steht in großen Lettern darauf. Das ist madegassisch und heißt „Transparenz“.

Schulbesuch: Bischof Di Pierro kämpft gegen Prostitution. Denn Ambatovy hat das Problem verschärft.
Schulbesuch: Bischof Di Pierro kämpft gegen Prostitution. Denn Ambatovy hat das Problem verschärft. © Hartmut Schwarzbach / missio

„Wir wollen eine Plattform für Informationen bieten“, erklärt der Bischof von Moramanga, Gaetano Di Pierro. Vor fünf Jahren, als multinationale Konzerne in Madagaskar in großem Stil mit der Ausbeutung von Bodenschätzen begannen, haben sich die davon betroffenen vier Diözesen zusammengeschlossen und „Taratra“ ins Leben gerufen.

Kirche an der Seite der Kleinbauern

Die Kirche will den Kleinbauern eine Stimme geben. Sie fordert, dass deren Landrechte respektiert und sie für Verluste angemessen entschädigt werden. Genau an diesem Punkt aber wird es schwierig.

Denn verbriefte Rechte für Grund und Boden gibt es in Afrika kaum. Auf dem gesamten Kontinent sind ganze zwei Prozent des Landes urkundlich als Besitz ausgewiesen. Der größte Teil ist Staatseigentum. Zum Ende der Kolonialzeit übergaben die Europäer den neuen Regierungen das Land, damit sie es zum Wohl der Allgemeinheit verwalteten. Jahrzehntelang funktionierte das. Niemand interessierte sich für die Äcker, die die Kleinbauern nach Gewohnheitsrecht bestellten. Land gilt in vielen afrikanischen Kulturen als Geschenk der Ahnen und ist Teil der sozialen Identität. Je begehrter jedoch Rohstoffe und fruchtbare Ackerflächen für ausländische Investoren werden, desto verführerischer ist es für einheimische Eliten, sich am Verkauf von riesigen Landflächen oder deren langfristiger Verpachtung zu bereichern. Was sie mit den Investoren aushandeln, ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Vertragsbedingungen und -details unterliegen fast immer der Schweigepflicht. Transparenz und Beteiligung der einheimischen Bevölkerung gelten als Störfaktor und werden tunlichst von vorneherein ausgeschlossen.

„Man hat mir gesagt, ich soll vorsichtig sein.”

Gaetano Di Pierro, 63, Bischof von Moramanga

Gelangen ihre Pläne ans Licht, riskieren die Verhandlungspartner massive Proteste. Madagaskar ist bisher das einzige Land, in dem darüber eine Regierung stürzte. 2008 wurde bekannt, dass sie mit dem südkoreanischen Konzern Daewoo einen 99-jährigen Pachtvertrag über 1,3 Millionen Hektar Land aushandeln wollte – das ist etwa die Hälfte der gesamten landwirtschaftlich nutzbaren Fläche des Landes. Das Volk trug seine Wut auf die Straße und fegte die Verantwortlichen aus dem Amt. Seitdem liegt das Projekt auf Eis. Unterdessen jedoch hat der indische Konzern Varun International 465.000 Hektar zur Reisproduktion gepachtet, und Daewoo versucht seine Interessen mit einer neu gegründeten Tochterfirma durchzusetzen. Auch Ambatovy ist ein gutes Beispiel für den skrupellosen Umgang mit Land und Ressourcen.

„Kein Kommentar“, sagt Bischof Di Pierro knapp. Die Frage, ob Mitglieder der madegassischen Regierung persönlich von dem Deal profitierten, will er lieber nicht beantworten. „Man hat mir gesagt, ich soll vorsichtig sein“, räumt er ein. Aber weil er sich als Christ dem Evangelium und damit der Wahrheit verpflichtet fühlt, findet er trotzdem deutliche Worte: Entschädigungen seien falsch berechnet, die versprochenen Häuser nie gebaut worden. Auch von der zugesagten Aufforstung sei nichts zu sehen. „Die kleinen Leute müssen den Mund halten“, sagt Di Pierro. Die Madegassen sagen: Wie kann ein Ei gegen einen Stein kämpfen?

Schürfrechte für drei Jahrzehnte

Mitten in Madagaskars Regenwald will der multinationale Konzern Ambatovy Kobalt und Nickel abbauen. Geplant: 220 Kilometer Pipeline (rote Linie). © missio

Dabei betont Ambatovy » auf seiner Website ausdrücklich seine Verpflichtung zu „nachhaltigen, verantwortungsvollen und transparenten Geschäftspraktiken“. Das Unternehmen, an dem neben kleineren Eignern aus Japan, Südkorea und Kanada der Konzern Sherritt mit 40 Prozent den größten Anteil hält, hat mit der madegassischen Regierung eine Langzeitpacht aus gehandelt. Gegen 150 Millionen US-Dollar sicherte sich Ambatovy für mindestes 29 Jahre die Schürfrechte im Bergwald bei Moramanga. In diesem Zeitraum will der Konzern hier nach eigenen Angaben 60.000 Tonnen Nickel, 5.600 Tonnen Kobalt und 210.000 Tonnen Ammo niumsulfat abbauen. Die Weltmarktpreise für die Metalle, die bei der Produktion von Edelstahl, Batterien und Düngemitteln eingesetzt werden, sind in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen. In Madagaskar liegen sie nur drei Meter unter der Erde. Der Abbau soll noch in diesem Jahr beginnen. 98 Prozent der Ausbeute gehen ins Ausland, ganze zwei Prozent bleiben auf der Insel. Ambatovy ist eine Goldgrube. Das ahnen auch die Glücksritter, die im nahe gelegenen Flüsschen Ilazana nach dem Edelmetall suchen. Vermutlich lagern neben Kobalt, Nickel und Ammoniumsulfat noch ganz andere Schätze im Erdreich.

Der gesamte Aushub von Ambatovy wird künftig in einer unterirdischen Pipeline landen. Mit großen Mengen Wasser, die aus dem Mangoro abgezapft werden, soll die Erde auf eine 30-stündige Rutschpartie 220 Kilometer weit zum Hafen von Taomasina geschickt und erst dort aufbereitet werden. Der Fluss ist jetzt schon tot, die Pipeline ein unheilschwangerer Vorbote für das, was noch kommen mag. Den Bewohnern von Antanambao hat sie schon genügend Ärger gemacht.

Stumme Zeugen: Kinder nutzen die liegengebliebenen Rohre als Spielgerät. Ihre Eltern erinnern sie daran, dass die Pipeline ihr Land zerstört hat.
Stumme Zeugen: Kinder nutzen die liegengebliebenen Rohre als Spielgerät. Ihre Eltern erinnern sie daran, dass die Pipeline ihr Land zerstört hat. © Hartmut Schwarzbach / missio

Gilberts Blick streift die dicken schwarzen Rohre, die ein wenig hügelabwärts neben der Straße lagern. Die Straße gab es früher nicht, sie wurde nur gebaut, um die Pipeline zu verlegen. Dafür war hier früher sein Feld. Davon aber ist nicht viel übrig geblieben. Aus der Hosentasche zieht Gilbert ein zerknittertes Papier mit dem dynamischen Firmenlogo von Ambatovy. Wie eine Anklageschrift hält er es den Mitarbeitern von Bischof Di Pierro unter die Nase. Es ist der Bescheid über die Entschädigungen, die der Konzern ihm zahlt. Eigentlich ist es eher ein Witz: 177.000 Ariary soll er bekommen. Das sind 60 Euro. Allein mit der Kaffeeernte eines Jahres hat er früher mehr verdient. 60 Euro als Ausgleich für 30 Kaffeesträucher. Die, hatten die Leute von Ambatovy geschätzt, würde er durch den Straßenbau verlieren. Tatsächlich ist der ganze Hang abgerutscht und hat Gilberts Felder mitgerissen. Eine einzige Bananenstaude ist stehengeblieben und reckt ihre vom Wind zerfransten Blätter wie ein Mahnmal gen Himmel.

Giles, der Berichterstatter, deutet auf eine Kurve, an der sich Straße und Pipeline durch die karminrote Erde fressen. Hier standen hunderte Bananen-, Avocado-, Ananas- und Maniokpflanzen. Sie waren seine Lebensgrundlage. Aber die guten Böden rings um das Dorf sind längst aufgeteilt. Jetzt ist Giles gezwungen, sich weit draußen Land zu suchen und neue Felder anzulegen. Er muss los, denn bis dahin liegen noch ein paar Stunden Fußmarsch vor ihm.

„Unser Felder sind zerstört, alle Fische im Fluss sind tot.“

Bewohner von Antanambao im madegassischen Regenwald

Den Dorfbewohnern ist nicht entgangen, dass in der Zwischenzeit am Ortsausgang ein Wagen mit dem Ambatovy-Firmenlogo geparkt hat. Zwei Konzernmitarbeiter kontrollieren die Straße und registrieren Erosionsschäden an den Hängen. Ein paar Männer aus Antanambao packen die Gelegenheit beim Schopf und heften sich ihnen an die Fersen. Aufgeregt reden sie auf sie ein, beschweren sich über den Verlust ihrer Felder und die lächerlichen Entschädigungen. Die Ambatovy-Angestellten aber lassen die Kleinbauern links liegen. „Wissen Sie, es ist schwierig mit diesen Leuten“, erklärt Robinson Navalona herablassend. „Sie sind ungebildet. Aber wir helfen ihnen. Wir bauen Schulen, geben ihnen Arbeit.“ Es klingt wie eine Schallplatte. Mit denselben vollmundigen Versprechungen wirbt Ambatovy bei jeder Gelegenheit.

Lebensmittel aus Südafrika

Das Unternehmen präsentiert sich gerne als dynamische Jobmaschine, die die lokale Wirtschaft ankurbelt. Tatsächlich jedoch lässt Ambatovy für seine leitenden Angestellten jede Woche Fleisch, Obst und Gemüse aus Südafrika einfliegen, weil das örtliche Angebot ihren Ansprüchen nicht genügt. Knapp 500 Arbeitsplätze sollen in der Rohstoff-Förderung entstehen, sagen kirchliche Partner in Madagaskar. Ob diese Zahlen stimmen, und wie viele Stellen tatsächlich für einheimische Kräfte geschaffen werden, ist schwer zu sagen. Am Firmensitz in Moramanga will keiner der Verantwortlichen für ein Interview zur Verfügung stehen. Auf spätere schriftliche Anfragen reagiert weder Ambatovy noch die Sherritt-Zentrale im kanadischen Toronto. „Transparente Geschäftspraktiken“ sehen anders aus.

Ein Gewerbe hat Ambatovy zweifelsohne schon jetzt beflügelt. Die Zahl der Frauen, die ihren Körper verkaufen, ist sprunghaft gestiegen. Jeden Freitagabend warten am Marktplatz von Moramanga Autos, um sie in die Hafen stadt Taomasina zu bringen. Bischof Di Pierro setzt auf Prävention und spricht das Thema bei seinem Besuch in der Schule von Andasibe vorsichtig an. Die Mädchen, stellt sich heraus, sind gut informiert. Sie wissen genau, was die Nacht mit einem Madegassen und die mit einem Ausländer einbringt. Der Preis liegt zwischen einem und fünf Euro.

Armut: Jolie verkauft sich, weil ihre Familie sonst hungern müsste. Früher hat ihr Land sie ernährt.
Armut: Jolie verkauft sich, weil ihre Familie sonst hungern müsste. Früher hat ihr Land sie ernährt. © Hartmut Schwarzbach / missio

Mit Einbruch der Dunkelheit wird es ungemütlich in Moramanga. Männer drängen sich um die Bierstände am Busbahnhof und halten nach junger Ware Ausschau. Im Schatten der Häuser wartet ein Mädchen in Spaghetti-Top und engen Jeans auf Kundschaft. Sie nennt sich Jolie und ist bestenfalls siebzehn.

Sie ist unsicher, man merkt, sie ist neu im Geschäft. Ihr Baby hat sie zu Hause gelassen. Während ihre Mutter auf das Kleine aufpasst, schickt sie die Tochter anschaffen. Ohne das Geld, das Jolie verdient, kämen sie nicht über die Runden. Manchmal sehnt sich das Mädchen zurück nach ihrem Dorf in den Bergen. Auch dort waren sie arm. Aber Hunger leiden mussten sie nie. Ihre Felder haben sie immer ernährt.

Beatrix Gramlich

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