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Abiturientin hilft Friedhofskindern

Schnell haben sich die Kinder an Henrike gewöhnt und Vertrauen gefasst. © David Sünderhauf / missio

Für Henrike Roth ist Pater Max Abalos ein „großer Held“. Seit einem halben Jahr unterstützt die Abiturientin den Priester bei seiner Arbeit auf den Friedhöfen der philippinischen Stadt Cebu. Dort leben Menschen, die keine andere Bleibe gefunden haben.

Auf den Gräbern wächst Unkraut. Risse durchtrennen die Grabplatten, Grabsteine liegen umgekippt auf der Erde. Sonne und Monsunregen haben die alten Inschriften verfärbt. In diesem Teil des philippinischen Friedhofs hat schon lange keine Beerdigung mehr stattgefunden. Die hohen Bäume spenden Schatten. Nur wenige Sonnenstrahlen dringen durch die Blätter. Sie werfen kleine Lichtsprenkel auf die grüne Schiefertafel, die zwischen den Gräbern aufgestellt ist. „Simple Present“ steht dort geschrieben. „Heute üben wir englische Grammatik“, erklärt Henrike Roth. Die Schüler auf der Steinbank hören ihr aufmerksam zu.

Seit einem halben Jahr gibt Henrike auf den Friedhöfen der philippinischen Stadt Cebu Nachhilfe. Eigentlich wollte die 19-Jährige nach dem Abitur verreisen und gemeinsam mit einer Freundin die Welt entdecken. Einmal mit der Transsibirischen Eisenbahn fahren, das war ihr Traum. Doch die Freundin springt ab. Bei missio erkundigt sich Henrike nach Hilfsprojekten. Als sie von Menschen hört, die auf Friedhöfen leben müssen, ist ihr schnell klar: Dort möchte sie helfen.

Leben unter Toten

Denn wo Tote die letzte Ruhe finden, leben die Ärmsten der Armen. In den Mausoleen wohnen sie schon seit Generationen. 4.500 Menschen leben auf den Friedhöfen von Cebu, weil es woanders keinen Platz mehr für sie gibt. Selbst freie Blechhütten in den Slums und an den Müllhalden sind hart umkämpft. Seit 2007 kümmert sich Pater Max Abalos um die Familien. Er ist für sie da, sorgt für Essen, gibt ihnen Halt und Kraft. Unterstützt wird er dabei von missio. Mit all seiner Energie setzt sich der Steyler Missionar für die Menschen ein. Er möchte ihnen Häuser bauen und ihnen jenseits der Friedhöfe ein Leben in Würde geben.

Nachhilfe zwischen Gräbern. Nur mit Schulabschluss haben die Kinder eine Chance.
Nachhilfe zwischen Gräbern. Nur mit Schulabschluss haben die Kinder eine Chance. © David Sünderhauf / missio

„Pater Max ist für mich ein großer Held. Ich bewundere seine Arbeit“, sagt Henrike und legt das Englischbuch beiseite. Neugierig schauen die kleineren Kinder hinter den Grabsteinen zu ihr herüber. Während ihre älteren Geschwister Unterricht haben, sitzen sie neben den Gräbern und hüpfen über die Steine. Für sie ist der Friedhof ihr Zuhause. Dort leben und schlafen sie, dort essen und spielen sie. Täglich erleben sie das Sterben hautnah.

Anfangs ist das neue Leben ein Schock für Henrike. Mit ihren blonden Haaren erregt sie die Aufmerksamkeit der Filipinos. Wenn Henrike unterwegs ist schauen sie zu ihr herüber und schnalzen hinter ihr her.

Zu Hause: Anfangs fällt es Henrike schwer, sich an die ärmlichen Lebensumstände ihrer Gastfamilie zu gewöhnen. Ihre Wäsche muss sie von Hand waschen.
Zu Hause: Anfangs fällt es Henrike schwer, sich an die ärmlichen Lebensumstände ihrer Gastfamilie zu gewöhnen. Ihre Wäsche muss sie von Hand waschen. © David Sünderhauf / missio

Der Kulturschock

„Ich bin ein Exot und fühle mich oft wie ein Tier im Zoo, das angestarrt wird“, sagt sie. „Egal wie sehr ich mich einlebe, dennoch bleibe ich hier immer eine Fremde. Das belastet mich.“ Auch die Armut macht ihr zu schaffen. Ihre Gastfamilie gehört zwar zur Mittelschicht, aber fließendes Wasser kann selbst sie sich nicht leisten. Zum Wäschewaschen geht Henrike hinter das Haus. Sie taucht das Handtuch in den Bottich. Rein und raus, bis es sich mit Wasser vollgesaugt hat. Sie säubert ihre Wäsche mit den Händen. „Ich habe zwar mit dem Schlimmsten gerechnet, aber am Anfang waren die einfachen Lebensumstände schon ein ziemlicher Schock für mich“, sagt sie. In ihrem Zimmer bröckelt

der Putz von den Wänden. Trotz des schummrigen Lichts sind die Risse in den Mauern nicht zu übersehen. Aus der Ferne dröhnt die Musik einer Blaskapelle durch die offenen Fenster. „Die spielen hier ständig“, sagt Henrike. „Immer dasselbe.“ Im einzigen Regal des Zimmers stehen Madonnenstatuen, Pokale und ein Stoffbär, so groß wie ein Kleinkind. Dinge von ihrer Gastfamilie. Ihre eigenen Sachen hat Henrike auf dem zweiten, ungenutzten Bett in ihrem Zimmer untergebracht. Ein Bild von ihrem Freund, Postkarten von Freunden – Erinnerungen an Zuhause.

Henrike ist behütet aufgewachsen. Auf einem katholischen Mädchengymnasium in Aachen hat sie ihr Abitur gemacht. Sich an die fremde Welt zu gewöhnen, fällt ihr schwer. Täglich telefoniert sie mit ihrer Mutter. „Ich brauche den Kontakt nach Hause“, sagt sie. Der Mutter erzählt sie, was sie alles erlebt, zum Beispiel bei den Fahrten im Jeepney, den umgebauten amerikanischen Jeeps, die als Sammeltaxi dienen. Nur zu gut erinnert sich Henrike an ihre erste Fahrt: Hilflos stand sie damals am staubigen Straßenrand. Einer nach dem anderen fuhren die überfüllten Jeepneys an ihr vorbei. Mittlerweile weiß sie, nur bei heftigem Winken halten die Taxen an. Wie selbstverständlich sitzt sie jetzt inmitten der Filipinos. „In diesen Momenten habe ich das Gefühl, dazu zu gehören. Das macht mich glücklich“, sagt sie. Mit einer Münze klopft sie an das Blechdach. Es signalisiert dem Fahrer, dass sie an der nächsten Ecke aussteigen will.

Unterwegs: Bei den Fahrten im Jeepney ist Henrike glücklich. Hier hat sie das Gefühl, dazu zu gehören.
Unterwegs: Bei den Fahrten im Jeepney ist Henrike glücklich. Hier hat sie das Gefühl, dazu zu gehören. © David Sünderhauf / missio

Bevor Henrike auf den Friedhof geht, trifft sie sich mit den anderen Sozialarbeitern aus dem Team von Pater Max. Sie bilden einen Sitzkreis und schließen die Augen. Perle für Perle gleitet durch ihre Hände. Anfangs war das Beten des Rosenkranzes befremdlich für Henrike. Sie ist zwar auf eine katholische Schule gegangen, aber so intensiv hat sie sich nie mit ihrem Glauben beschäftigt. Doch Pater Max hilft ihr dabei, alles besser zu verstehen.

Mit ihm diskutiert sie viel über ihren Glauben und die katholische Kirche. Vieles mag sie nicht einfach so hinnehmen. Zum Beispiel wenn in der Bibel steht, jeder bekomme, was er verdient. „Wenn Menschen auf Friedhöfen leben müssen, haben sie das bestimmt nicht verdient“, sagt Henrike. „Mir ist es wichtig, Dinge zu hinterfragen und nicht alles so hinzunehmen, wie es ist.“ Nach dem Morgengebet beginnt die Arbeit auf den Friedhöfen.

„Kumusta ka?“, begrüßt Henrike ihre Schülerin Junalyn, „Wie geht’s?“ Nach kurzer Zeit kann sich Henrike mit den ersten Sätzen auf Cebuano verständigen. „Gut“, sagt Junalyn und lächelt. Die Menschen freuen sich, wenn Henrike Cebuano spricht. Die 15-Jährige holt ihre Schulbücher. Mit ihrer Mutter und den vier Geschwistern wohnt sie auf dem Friedhof. Zwischen Gruften erblickte sie das Licht der Welt. Auf dem Friedhof wurde sie gestillt und gewickelt, dort lernte sie laufen und sprechen. Ihr großer Traum ist es, Lehrerin zu werden und den Friedhof zu verlassen.

Kerzengießen: Henrike hilft Lionarda. Aus den Wachsresten stellen die Friedhofsbewohner neue Kerzen her.
Kerzengießen: Henrike hilft Lionarda. Aus den Wachsresten stellen die Friedhofsbewohner neue Kerzen her. © David Sünderhauf / missio

Bildung als Chance

Dabei hilft Henrike ihr ein Stück – zweimal pro Woche macht sie mit ihr Hausaufgaben. In der Pause trifft sie ihre Kollegen. „Ich freue mich, den Kindern Nachhilfe geben zu können und zu sehen, wie sie Fortschritte machen,“ sagt Henrike. Pater Max ist dankbar für die Hilfe der engagierten Deutschen. Denn besonders wichtig ist ihm die Ausbildung der Kinder. „Nur wenn sie zur Schule gehen und einen Beruf finden, haben sie eine Chance hier raus zu kommen“, sagt der 67-Jährige. Das weiß auch Henrike. Besonders berührt sie das Schicksal der Menschen, die schon seit Jahrzehnten auf dem Friedhof leben und ihn wohl nie wieder verlassen. So wie Lionarda.

Die 78-Jährige beugt sich über ein altes Wagenrad. 115 Fäden hängen daran. Aus einer Schüssel schöpft sie flüssiges Wachs und gießt es über die Schnüre. Kelle für Kelle, bis die Kerzen so dick wie kleine Finger sind. Zwei Stunden braucht sie dafür. „Neulich habe ich das selber mal ausprobiert“, erzählt Henrike. „Ich habe allein für eine Kerze eine halbe Stunde gebraucht.“ Mit den Kerzen verdienen die Menschen ein bisschen Geld. Erst kratzen sie die Wachsreste von den Gräbern, dann schmelzen sie das Wachs ein und gießen daraus neue Kerzen. Die verkaufen sie dann für zwei Cent pro Stück an Friedhofsbesucher, die für ihre Toten ein Licht anzünden wollen.

Gedenklicht:Für zwei Cent pro Stück verkaufen die Kinder die neuen Kerzen an Friedhofsbesucher.
Gedenklicht:Für zwei Cent pro Stück verkaufen die Kinder die neuen Kerzen an Friedhofsbesucher. © David Sünderhauf / missio

Es hat Monate gedauert, aber langsam kommt Henrike in der fremden Welt an. „Zwar gibt es noch Momente, in denen ich denke, ich wäre lieber wieder zu Hause. Aber schon im nächsten Moment denke ich, dass ich genau da bin, wo ich hinwollte“, sagt sie. In den Situationen, wenn ihr doch alles zu viel wird, fährt sie zum Taoist Temple. Weg von hupenden Autos und den Blaskapellen. Es ist ein Ort der Ruhe, der Erholung. „Ich möchte mich noch mehr einleben und irgendwann sagen können, dass hier mein Zuhause ist. Wenn ich wieder nach Deutschland zurückkehre, möchte ich ein bisschen wehmütig sein“, sagt sie und schmunzelt.

Bis es so weit ist, wird Henrike sich für die Friedhofskinder einsetzen. Auch Pater Max wird weiter für die Menschen da sein. „I have a dream“, singt er jeden Freitag nach der Messe mit ihnen. „Das Lied soll Mut machen“, sagt der Priester. „Damit sie nicht vergessen, dass man an seine Träume glauben muss.“

Verena Vierhaus

Weitere Informationen zum missio-Projekt in Cebu und zur Arbeit von Pater Max Abalos finden Sie unter www.friedhofskinder.de.

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