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Als Hausmädchen im Libanon verdienen sie das Fünffache wie auf den Philippinen als Hebamme oder Lehrerin. Sie verlassen ihre Heimat für die Chance ihres Lebens – und werden bitter enttäuscht.

Als Hausmädchen im Libanon verdienen sie das Fünffache wie auf den Philippinen als Hebamme oder Lehrerin. Sie verlassen ihre Heimat für die Chance ihres Lebens – und werden bitter enttäuscht.
© missio / kontinente

Die elegante Eigentumswohnung der Kassems (Name von der Redaktion geändert) liegt in einem der besten Viertel hoch über den Dächern von Beirut, ihr Schätzwert bei drei Millionen US-Dollar. Teure Möbel, edle Teppiche, dezent beleuchtete Kunstwerke: Auf 300 Quadratmetern breitet sich selbstbewusst Luxus aus. Wer es in Libanons pulsierender Hauptstadt zu etwas gebracht hat, trägt es gerne zur Schau: Auf der Corniche, der eleganten Küstenstraße, hupen sich Edelkarossen durch den Dauerstau, in den schicken Straßencafés der vor wenigen Jahren noch kriegszerstörten Altstadt ruhen sich Gäste vom Shoppen in Designerboutiquen aus. Für Rosina Maddela war es ein Glücksfall, als sie vor zwölf Jahren bei den Kassems anfangen konnte. Die 44-Jährige in dem adretten blau-weißen Schürzenkleid kocht, spült, putzt, wäscht und kauft für die Familie ein. Unauffällig sorgt sie dafür, dass die Wohnung stets makellos aussieht, die Kissen in den ausladenden Couchgarnituren Spalier stehen und kein Staubkorn das spiegelnde Parkett trübt. Als die zwei Kinder noch klein waren, hat sie auch das Babysitten übernommen. Manchmal, wenn wenig zu tun ist und sie niemanden stört, darf sie sich tagsüber ins Wohnzimmer setzen, manchmal sogar mit den Kassems essen. Rosina ist Tag und Nacht da und gehört quasi zum Inventar. Morgens um halb sieben weckt sie die anderen, ihr Arbeitstag endet, kurz bevor sie schlafen geht. Für sich selbst bleiben Rosina kaum vier Quadratmeter: eine winzige Kammer mit Nasszelle, hinter Küche und Abstellraum, die niemand in den Zimmerfluchten vermuten würde. Der Platz reicht gerade für ein Bett und das Tischchen mit den liebevoll dekorierten Familienfotos. Hier hütet Rosina ihre Erinnerungen, hier kämpft sie gegen die Einsamkeit und das Heimweh. Es ist so eng, dass die Tür nur einen Spalt breit aufgeht. Rosina stört das nicht. Mit 44 Jahren hat sie noch immer eine Teenagerfigur – wie die meisten philippinischen Hausmädchen.

Eingepfercht: Rosinas Zimmer misst kaum mehr als vier Quadratmeter. Früher schlief oben im Etagenbett noch ein zweites Dienstmädchen.
Eingepfercht: Rosinas Zimmer misst kaum mehr als vier Quadratmeter. Früher schlief oben im Etagenbett noch ein zweites Dienstmädchen. © missio / kontinente

Vier Quadratmeter Freiraum

„Mit Angestellten von hier wären die Libanesen nicht zufrieden. Ihnen müssten sie mehr zahlen“, erklärt Rosina – als wäre es ein Naturgesetz, dass Gastarbeiter weniger wert sind. Sie lächelt wie zur Entschuldigung, dass sie eine so kühne Behauptung gewagt hat, und versucht, ihre Zahnlücken hinter der vorgehaltenen Hand zu verbergen. Schließlich findet Rosina, sie habe es gut getroffen. Mit ihrem Monatslohn von 250 US-Dollar verdient sie das Fünffache wie zu Hause als Hebamme und kann noch ihre alten Eltern daheim unterstützen. Für den Zahnarzt reicht das Geld trotzdem nicht. Dafür aber Rosina gehört zu den Glücklichen, die sonntags frei haben. Dann entflieht sie ihren vier Quadratmetern Freiraum und verbringt den Tag mit anderen philippinischen Hausmädchen in der Gemeinde St. Vincent-Paul. Im Pfarrsaal feiern sie mit ihrem Landsmann Pater Augustin Advincula Gottesdienst, essen und reden miteinander. Manche rufen am Nachmittag aus einem der Telefonläden zu Hause an. Die kurzen Gespräche und GeldÜberweisungen in die Heimat sind die einzige Verbindung zu ihren Familien, die sie oft jahrelang nicht sehen. „Sie lächeln, sie sind gut gekleidet, aber tief in ihrem Inneren kämpfen sie“, sagt Pater Augustin. Immer wieder kommt es vor, dass ihn Hausangestellte um Hilfe bitten, weil ihre Arbeitgeber sie schlecht behandeln. Der Vinzentiner versucht dann zu vermitteln; erweisen sich die Probleme als unüberwindlich, schaltet er die Caritas ein. „Gerade haben sich 80 Frauen in die philippinische Botschaft geflüchtet“, erzählt er. „Aber Arbeitgeber und libanesische Regierung verzögern ihre Rückkehr nach Hause.“

„Manche Hausmädchen mussten jahrelang
auf dem Balkon schlafen.”

Silvie Eid, 43, Caritas-Mitarbeiterin

Filipinas sind die Premium-Klasse und mit rund 35.000 Frauen die größte Gruppe unter den Hausmädchen im Libanon. Sie sprechen Englisch, haben Schulbildung, gelten als anpassungsfähig, reinlich und flink. In dem aufstrebenden Mittelmeerstaat ist eine Haushaltshilfe längst Statussymbol. Wer sich keine Filipina leisten kann, greift auf billigere „Dienst-Klassen“ zurück: Frauen aus Äthiopien, Sri Lanka, Nepal, neuerdings auch aus Bangladesch oder Afghanistan. Die Personal-Agenturen haben sich der wachsenden Nachfrage angepasst. Partnerfirmen werben die Frauen in ihren Heimatländern an und übermitteln die Angebote in den Libanon. Hier kann der künftige Arbeitgeber „sein“ Hausmädchen sozusagen nach Katalog bestellen: Aus Ordnern voller Lebensläufe wählt er die Arbeitskraft, die seinen Wünschen am ehesten entspricht, die Agentur kümmert sich um die Abwicklung. Von Anfang an jedoch schafft das System subtile Abhängigkeiten: Die Frauen reisen mit dem Namen ihres Arbeitgebers im Pass in den Libanon ein. Er streckt das Flugticket vor, holt sie am Flughafen ab und kümmert sich um ihre Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis. In den ersten drei Monaten schuften fast alle Dienstmädchen umsonst: Sie müssen die Kosten für Flug und Agentur abarbeiten.

Geduldsprobe: Kamala wartet auf ihren Pass. © missio / kontinente

Und das ist noch der Idealfall. Die Realität sieht oft anders aus. Kamala (Name von der Redaktion geändert), 20, hat zwei Jahre in einem libanesischen Haushalt geschrubbt, gewaschen, gebügelt, die Kinder beaufsichtigt und dafür nie einen Cent gesehen. Sie war die erste, die morgens aufstand, und die letzte, die nachts ins Bett ging. Wenn ihre Arbeitgeber – er Arzt, sie Lehrerin – Streit hatten, erntete Kamala die Schläge. Als Kamala zwölf war, wurde sie von den Tamil Tigers als Kindersoldatin zwangsrekrutiert. In ihrer Heimat Sri Lanka tobte ein grausamer Bürgerkrieg zwischen den Rebellen, die für einen unanhängigen Tamilenstaat kämpften, und der Regierungsarmee. Die Tigers verschleppten Kamala in ein Trainingscamp, wo sie und andere Neulinge bis zur Erschöpfung gedrillt wurden. Sie lernten Gleichschritt, blinden Gehorsam und den Umgang mit dem Gewehr. Nach einem Jahr wurden sie in den Krieg geschickt, die Kinder an vorderster Front. Drogen, die die Rebellen ihnen vorher gespritzt haten, sollten sie aggressiv und hemmungsloser beim Töten machen.

Prügel für einen Schluck Wasser

„Einmal habe ich einem angeschossenen Regierungssoldaten, der um Wasser flehte, einen Schluck aus meiner Flasche gegeben“, erzählt Kamala mit tonloser Stimme. Während sie spricht, knetet sie angespannt die Hände im Schoß, ihr Blick geht ins Leere. „Zur Strafe wurde ich mit einem Plastikschlauch verprügelt. Dann haben sie mir die Augen verbunden und mich 24 Stunden ohne Essen in einen dunklen Raum eingesperrt.“ Es hat lange gedauert, bis sie überhaupt über solche Erlebnisse reden konnte. In der ersten Zeit habe Kamala dabei oft geweint, erinnert sich Schwester Leela Fernando. Die Ordensfrau aus Sri Lanka kümmert sich um das Mädchen, seit es vor eineinhalb Jahren in das Caritas-Schutzzentrum kam: eine unscheinbare 200-Quadratmeter-Wohnung, irgendwo in den Außenbezirken von Beirut, in der Kamala mit 35 Frauen, Kindern und Babys lebt. Wie die anderen darf auch sie das Haus nicht verlassen. Trotzdem: Seit ihr die Flucht aus der Rebellenarmee in Sri Lanka gelang, ist es ihr nie so gut gegangen wie hier.

Zuflucht: Das Gebet mit Schwester Leela gibt Kamala Kraft durchzuhalten.
Zuflucht: Das Gebet mit Schwester Leela gibt Kamala Kraft durchzuhalten. © missio / kontinente

Unter falschem Namen

Um Kamala vor der Rache der Tamil Tigers zu schützen, brachte ihre Mutter sie damals zu einer Personalagentur in Sri Lankas Hauptstadt Colombo. Der Zufall wollte es, dass sie dort eine Frau mit Visum für den Libanon trafen, die ihre Stelle als Hausmädchen nicht antreten konnte. Kamala sprang für sie ein und reiste auf den Pass der Fremden nach Beirut. Doch was wie eine glückliche Fügung aussah, wurde ihr bald zum Verhängnis: Weil sie die Falsche war, weigerte sich Kamalas Arbeitgeber bis zuletzt, ihr Lohn zu zahlen – auch als sich die Caritas einschaltete.

Silvie Eid vom Migrantenzentrum der Caritas, das bei seiner Arbeit für die Gastarbeiter im Libanon seit Jahren von missio unterstützt wird, kennt viele solcher Fälle: „Manche Dienstmädchen mussten in zwei bis drei Haushalten gleichzeitig arbeiten, jahrelang im Bad oder auf dem Balkon schlafen“, berichtet die 43-Jährige. „Andere sind aus dem vierten Stock gesprungen oder haben sich mit Bettlaken abgeseilt, um zu fliehen.“

„Gerade haben sich 80 Frauen
in die philippinische Botschaft geflüchtet.”

Augustin Advincula, 55, Vinzentiner-Pater

Viele, selbst gebildete Libanesen behandeln ihre Hausangestellten wie Leibeigene. Sie ziehen deren Papiere ein, verbieten ihnen, das Haus zu verlassen, misshandeln sie oder beuten sie sexuell aus – und beschweren sich gleichzeitig, wie schlecht sie selbst als Gastarbeiter in Saudi-Arabien behandelt werden. Doch durch Kampagnen und Aufklärungsarbeit hat die Caritas das öffentliche Bewusstsein beharrlich sensibilisiert. Heute melden sich immer häufiger Nachbarn, die den Verdacht äußern, nebenan werde ein Dienstmädchen misshandelt. Die Mitarbeiter der Caritas gehen solchen Hinweisen gewissenhaft nach und schalten gegebenenfalls Polizei und Justiz ein. Zu ihren Erfolgen zählt auch, dass es seit 2009 endlich einen einheitlichen Dienstvertrag für Hausmädchen gibt, der Mindeststandards wie Krankenversicherung, nicht mehr als zehn Stunden Arbeit täglich und einen freien Tag in der Woche garantiert. Ob die Arbeitgeber ihn einhalten, steht auf einem anderen Blatt.

Seelsorger: Pater Augustin ist wichtiger Ansprechpartner für die Filipinas.
Seelsorger: Pater Augustin ist wichtiger Ansprechpartner für die Filipinas. © missio / kontinente

Sobald eine Hausangestellte aus ihrem Arbeitsverhältnis flieht und sich nicht ausweisen kann, ist sie illegal. Wird sie von der Polizei aufgegriffen, kommt sie unverzüglich in Abschiebehaft. Das Gefängnis liegt unter der Stadtautobahn in einer ehemaligen Tiefgarage. Neonlicht erhellt unbarmherzig auch den letzten Winkel des kalten Betonbaus. Tag und Nacht dröhnt die Lüftungsanlage und drückt Hitze, Kälte und Abgase in die Zellen, die eher wie Raubtierkäfige aussehen. Drinnen, zusammengepfercht auf je 20 Quadratmetern, mindestens ebensoviele Menschen, ständig beobachtet vom Wachpersonal, das auf den Gängen patrouilliert. Fotos sind verboten, Gespräche mit den Häftlingen ebenfalls.

Dreimal am Tag gibt es Essen: Morgens und mittags Sandwichs, am Abend eine Kartoffel. „Das frisst nicht mal eine Katze“, kommentiert Polizeioffizier Pierre Abi Raad sarkastisch. Dass auch die Caritas in der Haftanstalt Präsenz zeigt, erleichtert ihm die Arbeit nicht gerade, auch wenn er die Kooperation pflichtschuldig lobt. Das Büro der Hilfsorganisation liegt direkt neben seinem und ist rund um die Uhr besetzt. Täglich machen die Caritas-Sozialarbeiter ihre Runde durch die Zellen, sprechen mit den Gefangenen, kümmern sich um medizinische Hilfe und juristischen Beistand. Sie organisieren Aktivitäten, warme Mahlzeiten, Matratzen, Bettlaken und Hygieneartikel. „Am Samstag haben wir eine Schwangere aus der Abschiebehaft in unser Schutzzentrum überwiesen“, erzählt Caritas-Mitarbeiterin Joëlle Khoury. „Wenn jemand hier rauskommt, macht uns das glücklich.“ Wie schon so oft sind Kamala und die anderen zusammengerückt: Wieder eine Frau mehr. Wieder viel Zeit, die mit Warten vergeht.

Minutentakt: Telefonate sind für die Frauen der einzige Kontakt nach Hause. © missio / kontinente

Wer keinen Ausweis hat, ist illegal

Denn bis sie ihre Papiere haben, sind sie Illegale und nur in der Wohnung sicher. Zwar tun die Caritas-Mitarbeiter alles, um ihren Schützlingen die Zeit zu verkürzen. Sie bieten Freizeitbeschäftigung und Unterricht an, helfen den Frauen, das Erlebte zu verarbeiten, muntern sie auf, beten mit ihnen. Doch auch 200 Quadratmeter können ein Gefängnis sein. „Kamala hat die Nase voll“, sagt Schwester Leela unverblümt. „Aber ich glaube, jetzt machen sie bald ihren Pass.“

Was Kamala in Sri Lanka erwartet, wer weiß das schon? Viele Hausmädchen kehren nach Jahren in eine Welt zurück, die nicht mehr die alte ist. Das Leben in ihrer Heimat kennen sie kaum noch, genauso wie ihre Kinder, die sie viel zu selten gesehen haben. Vor Jahren sind sie in die Fremde gegangen – nun kehren sie als Fremde zurück.

Kein Bleiberecht:Wer ohne Papiere aufgegriffen wird, ist illegal. Die Caritas-Wohnung bietet Schutz.
Kein Bleiberecht:Wer ohne Papiere aufgegriffen wird, ist illegal. Die Caritas-Wohnung bietet Schutz. © missio / kontinente

Text: Beatrix Gramlich / Fotos Hartmut Schwarzbach

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