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Zeitenwende in Nahost

Otmar Oehring, 55, wuchs in der Türkei auf, ist promovierter Orientalist und leitet bei missio die Abteilung Menschenrechte.

Während es in der arabischen Welt gärt, wächst im Westen die Angst vor Extremismus. „Ein großes Problem ist die Religionsfreiheit“, sagt der missio-Nahostexperte Otmar Oehring.

Jahrzehntelang galten Ben Ali und Husni Mubarak als Stabilitätsgaranten im Nahen Osten. Nun hat das Volk, das der Westen gerne als lethargisch, fanatisch fromm oder schicksalsergeben betrachtet, seine despotischen Herrscher vom Platz gefegt. Die Jasminrevolution in Tunesien und das „Wunder von Kairo“ haben den Aufstand des Bürgersinns auch anderswo beflügelt: In Libyen, Jordanien und in den Golfstaaten erheben sich die Menschen gegen Tyrannei, Inflation und verfehlte Wirtschaftspolitik, im Libanon gehen Zehntausende gegen die Hisbollah auf die Straße. Wird der Aufbruch in Nahost die Welt verändern? Eine Einschätzung von Otmar Oehring.

Herr Oehring, warum ist die arabische Revolution gerade jetzt ausgebrochen?

Das Fass zum Überlaufen brachte sicher die Selbstverbrennung des jungen Tunesiers Mohammed Bouazizi. Aber man musste schon lange damit rechnen, dass in der arabischen Welt etwas passiert. Ägypten steuerte seit Jahren auf das zu, was man als „failed state“ bezeichnet, also einen Staat, der seine grundlegenden Funktionen nicht mehr erfüllt. Die Situation ist geprägt von Perspektivlosigkeit, vor allem für die unter 25-Jährigen, die die Mehrheit der arabischen Bevölkerung stellen. Auch gut ausgebildete junge Leute müssen sich mit Arbeiten durchschlagen, die nicht ihrer Bildung entsprechen.

Welche Rolle spielt die Religion bei dem Umbruch, den wir gerade erleben?

Eine indirekte. In Tunesien und Ägypten gaben die Machthaber vor, dafür zu sorgen, dass der Islamismus keine Oberhand gewinnt. Dafür sollte das Volk Nachteile, Kontrollen und Restriktionen in Kauf nehmen. Ob das Gespenst des Islamismus tatsächlich so groß ist, wie berichtet wird, ist die Frage.

Besteht die Gefahr, dass sich manche Länder in islamistische Staaten verwandeln?

Das Grundproblem ist: Die islamistischen Gruppen innerhalb und außerhalb der arabischen Länder sind gut vernetzt. Wie stark sie wirklich sind, kann niemand sagen. Den Muslimbrüdern in Ägypten werden derzeit etwa 20 Prozent der Wählerstimmen prognostiziert. Auch unsere kirchlichen Partner warnen immer wieder vor der Gefahr des Islamismus. Und der koptisch-katholische Patriarch von Ägypten sagt unverblümt: „Moderate Moslembrüder gibt es nicht.“

Wird die Revolution sich weiter verbreiten?

Schwer zu sagen. Vor vier Monaten hätte ich Aufstände in den Golfstaaten noch ausgeschlossen. Auch in Libyen hätte man nicht so schnell mit einem Umbruch gerechnet, weil sich das Regime mit einer ganzen Armadavon Geheimdiensten geschützt hat. Wenn die Menschen bereit sind, für Veränderungen Opfer in Kauf zu nehmen, sind auch Syrien oder Algerien Kandidaten. In Jordanien und Marokko sieht es anders aus. Denn dort steht ein König an der Spitze und der ist tabu.

Wie stabil ist der Libanon?

Der Libanon ist eine Sache für sich, weil er sozusagen „kampferprobt“ ist. Unter der gegenwärtigen, von der Hisbollah dominierten Regierung bemühen sich alle Gruppen um ein friedliches Miteinander. Es kommt darauf an, welche Rolle die Mächte im Hintergrund spielen: Die Sunniten stehen unter dem Einfluss von Saudi Arabien, die Schiiten unter dem von Syrien und Iran. Verlierer bei diesem Spiel sind eindeutig die Christen.

Die Bilder von Gastarbeitern, die sich aus Libyen zu retten versuchten, gingen um die Welt. Sind sie besonders gefährdet?

Gastarbeiter wie die 60.000 Bangladeschis in Libyen sind ohne jeden Schutz – in allen diesen Ländern. Auch im Libanon-Krieg 2006 flüchteten sich die Reichen in ihre Häuser in den Bergen und ließen ihre Hausmädchen aus den Philippinen oder Sri Lanka im Bombenhagel in Beirut die Wohnung hüten.

Aufruhr: Im März gingen im Libanon Zehntausende gegen die Hisbollah auf die Straße. © flickr.com

Kann der Übergang zur Demokratie in den arabischen Staaten gelingen?

Die Frage ist, was wir unter Demokratie verstehen. Unsere Parteiendemokratie kann es theoretisch auch dort geben. Ein großes Problem in allen Ländern ist jedoch die Meinungsfreiheit und ihre „kleine Schwester“, die Religionsfreiheit. Da Militär und Geheimdienste zurzeit damit überfordert sind, wieder Ordnung zu schaffen, gibt es etwas, was man als Meinungsfreiheit beschreiben könnte. Ob das so bleibt, hängt davon ab, welche Demokratievorstellung die führenden Parteien vertreten werden. Ein Großteil der arabischen Bevölkerung ist gewisse Spielregeln gewohnt. Aber demokratische Lernprozesse müssen erst noch stattfinden.

Was können der Westen und ein Hilfswerk wie missio dazu beitragen, die demokratischen Prozesse in Nahost zu stärken?

Zweifellos müsste man jetzt Initiative ergreifen. Aber unsere kirchlichen Partner vor Ort sind vorsichtig. Laut Paragraph zwei der Verfassung bildet die Scharia in Ägypten die Rechtsgrundlage. Natürlich wollen alle Kirchen – auch viele Muslime – dass das geändert wird. Aber sie wissen, dass eine Forderung zum falschen Zeitpunkt kontraproduktiv sein kann. Unsere Partner hatten auf ein „Nein“ der Bevölkerung beim Verfassungsreferendum vom 19. März gehofft.

Was hätte das verändert?

Es hätte die Möglichkeit eröffnet, eine neue Verfassung zu erarbeiten und danach Wahlen durchzuführen. Jetzt werden sie noch vor dem Sommer stattfinden. Beteiligen können sich nur Parteien, die bis dahin organisiert sind: die National- also die bisherige Staatspartei, und wohl die Muslimbruderschaft. Gerade weil die Lage so kritisch ist, müssen wir mit unseren Partnern im Gespräch bleiben und zivilgesellschaftliche Strukturen fördern, durch katholische Akademien zum Beispiel. Aber wie hat der koptisch-katholische Patriarch von Ägypten, Kardinal Antonios Naguib, gesagt: Für das Zusammenleben von Christen und Muslimen habe es nicht Besseres gegeben als ihr gegenseitiger Schutz auf dem Tahrir-Platz in Kairo.

bg

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