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Christen in Bedrängnis

Timo Güzelmansur, geboren 1977 in Antakya, Türkei, war Alawit und trat zum katholischen Glauben über.

Im Rahmen der EU-Beitrittsverhandlungen hat die Türkei vor zwölf Jahren den internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte der Vereinten Nationen ratifiziert. Darin garantiert sie auch Religionsfreiheit. Tatsächlich jedoch sind Christen am Bosporus Bürger zweiter Klasse. Timo Güzelmansur ist in der Türkei zum katholischen Glauben konvertiert und weiß, was es bedeutet, dort Christ zu sein.

Herr Dr. Güzelmansur, sie waren Alawit und sind mit 20 Jahren zum Christentum konvertiert. Was hat Sie dazu veranlasst?

Damals habe ich durch einen Freund Christen kennengelernt und angefangen, mich für deren Glauben zu interessieren. Ich war von Anfang an von der Person Jesu und wie in den Evangelien von ihm berichtet wird, fasziniert. Diese Faszination, die mich bis heute ergreift, und die Überzeugung, dass Jesus „mich“ so sehr liebt, dass er am Kreuz sein Leben für mich hingibt, ist letztendlich der Grund, weshalb ich Christ geworden bin.

Wie hat ihr persönliches Umfeld reagiert?

Wahrscheinlich aus Scham, die Entscheidung des Sohnes nach außen nicht erklären zu können, gab es eine Auseinandersetzung zwischen meinem Vater und mir, sodass ich mein Elternhaus für eine gewisse Zeit verlassen und in die Osttürkei ziehen musste. Einige meiner Freunde betrachteten mich als „Abgefallenen“ und brachen den Kontakt ab.

Haben Sie als Christ Diskriminierungen oder Schikanen erlebt?

1996 kam die Polizei in das Pfarrhaus von Mardin, in dem ich lebte, und nahm mich und drei andere mit. Angeblich hatte es eine Beschwerde von Nachbarn gegeben. Nach einer etwa dreistündigen, auf Einschüchterung bedachten Befragung wurden wir nach Hause geschickt. Einer der Beamten verabschiedete uns mit den Worten: „Nächstes Mal finden wir etwas!“ Nach diesem Schlüsselerlebnis passte ich auf, wohin ich ging, mit wem ich sprach und war vorsichtig, wenn ich abends durch dunkle Gassen nach Hause gehen musste. Seitdem gab es für mich keine nennenswerten Vorkommnisse mehr mit den Behörden.

Wie wird überhaupt bekannt, wer Christ ist?

Wenn jemand auf äußere Zeichen wie das Kreuz oder einen christlichen Namen verzichtet, erfahren Außenstehende kaum davon. Das anonyme Leben einer Großstadt erleichtert das Leben für einen Konvertiten. Aber wer in einer kleinen Stadt am Sonntag nicht mit Freunden Fußball spielt, sondern heimlich in den Gottesdienst geht, erregt Neugier.

Müssen Christen im Vergleich zu Muslimen Nachteile in Kauf nehmen?

Im Prinzip werden Christen in der Türkei als Bürger zweiter Klasse behandelt – sofern sie nicht aus einer sehr wohlhabenden Familie stammen und sich sozusagen aus dem gesellschaftlichen Alltag heraushalten. Es gibt Diskriminierungen, die alle Christen betreffen, und andere, die am härtesten die Konvertiten treffen. Denn sie werden als Verräter der eigenen Religion und Nation verachtet.

Worauf beruht diese feindselige Stimmung?

Seit der Gründung der modernen Türkei setzte sich die Idee von einer Nation, einer Sprache und einer Religion immer mehr durch. Man kann oft sogar von einem Einheitswahn sprechen. Die Devise ist, dass das Land von Feinden umzingelt ist, die nicht nur die Türkei aufteilen, sondern auch „unsere“ Religion zerstören wollen. In einem so konstruierten Feindbild ist für Christen kein Platz. Denn obwohl sie vor Muslimen und Türken auf dem Staatsgebiet der heutigen Türkei lebten, werden sie als nicht dazugehörig erachtet.

Sehen sich Christen generell dem Vorwurf missionarischer Umtriebe ausgesetzt?

Der Vorwurf „Missionar“ ist in der Türkei ein Totschlagargument, wenn man den anderen diffamieren möchte – obwohl Mission auch durch Christen offiziell nicht verboten ist. Doch da man mit dem Begriff imperialistische beziehungsweise kolonialistische Umtriebe verbindet, wird Mission nicht geduldet, sondern vielmehr die Angst geschürt, dass Christen durch unlautere Mittel vor allem jüngere Muslime von ihrer Religion abbringen wollen.

Timo Güzelmansur, geboren 1977 in Antakya, Türkei, war Alawit und trat zum katholischen Glauben über. Der promovierte Theologe leitet die Arbeitsstelle für christlich-islamischen Dialog der Deutschen Bischofskonferenz.

Inwieweit dürfen Christen ihren Glauben leben und ausüben?

Innerhalb kirchlicher Mauern dürfen sie ihren Glauben ohne Einschränkung praktizieren. Die Behauptung, in der Türkei dürften keine Glocken läuten, stimmt nicht. Darüber hinaus aber dürfen sie, abgesehen von wenigen Ausnahmen, keine öffentlichen Glaubensveranstaltungen wie Prozessionen abhalten.

Auf welche Rechtsgrundlagen können sie sich dabei berufen?

Keine christliche Konfession wird vom türkischen Staat als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt. Deshalb gibt es erhebliche Probleme in allen Rechtsfragen. Obwohl die türkische Verfassung von 1982 allen Bürgern, auch was die Religionspraxis angeht, dieselben Rechte zusichert, erleben wir eine Willkür bei der Auslegung der Gesetze. Ein Beispiel für die Ohnmacht der Kirche ist, dass sie sich am Prozess um den 2010 ermordeten Bischof Padovese nicht beteiligen darf. Nach Aussage der türkischen Justiz ist die katholische Kirche keine juristische Person, und somit war Bischof Padovese nicht als „Bischof“, sondern „privat“ im Land tätig.

Was bedeutet die fehlende rechtliche Anerkennung der Kirchen in der Praxis?

Diese Einschränkung bedroht die Existenz der christlichen Gemeinden in der Türkei. Denn keine christliche Konfession darf im Land eine theologische Ausbildung anbieten. Die Kirchen versuchen dennoch, mit im Ausland ausgebildetem Personal, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Letztlich aber ist es eine Frage der Zeit, wie lange sie das durchhalten können.

Können Christen ihre gesetzlich verbürgte Gleichberechtigung einfordern?

Sie können sich an die Gerichte wenden und versuchen, ihr Recht einzuklagen. Ob das etwas bringt, ist eine andere Sache. Die Prozesse dauern Jahre, Anträge gehen verloren. Und wenn die Christen tatsächlich gewinnen, heißt das längst nicht, dass sie ihr Recht auch praktisch bekommen.

Kemal Atatürk wollte 1923 eine laizistische Republik schaffen. Ist die Türkei heute nicht vielmehr ein islamischer Staat?

Die Türkei hat heute faktisch den sunnitischen Islam als Staatsreligion. Denn das Präsidium für religiöse Angelegenheiten, „Diyanet“, ist eine staatliche Behörde. Das Amt hat rund 120 000 Angestellte, die alle türkische Beamte sind. Seine einzige Aufgabe ist es, sich um den Islam sunnitischer Prägung zu kümmern. Weder für die anatolischen Aleviten, noch für Christen gibt es eine vergleichbare staatliche Vertretung.

Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund die EU-Beitrittsverhandlungen?

Ich bin der Meinung, dass die Türkei auf lange Sicht in die europäische Union aufgenommen werden sollte – vorausgesetzt natürlich, sie erfüllt alle Kriterien für den Beitritt, und zwar ohne Abstriche. Die Christen sehen darin eine große Chance, auch für ihre künftige Existenz im Land.

Beatrix Gramlich

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