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Ungeliebte Gäste

Vor den Toren Europas sind 4,5 Millionen Iraker auf der Flucht – vor Krieg, Terror und dem Christenhass fanatischer Muslime. Die Welt schaut weg. Die Schwestern vom Guten Hirten in Syrien handeln. vom Guten Hirten in Syrien handeln.

Text: Beatrix Gramlich - Fotos: Hartmut Schwarzbach

Vor den Toren Europas sind 4,5 Millionen Iraker auf der Flucht – vor Krieg, Terror und dem Christenhass fanatischer Muslime. Die Welt schaut weg.

Von Bagdad nach Damaskus sind es neun Stunden Autofahrt. Die meisten Flüchtlinge haben sie in einer Nacht- und Nebelaktion zurückgelegt. Es musste schnell gehen. So schnell wie möglich fort aus dem Land, das radikale Muslime mit Gewalt in einen islamischen Gottesstaat zu verwandeln versuchen. Fort aus dem Land, in dem Christen seit biblischen Zeiten zu Hause und nun plötzlich zur verhassten Minderheit geworden sind. Nur weg, weit weg. Irgendwo hin, wo sie die selbst ernannten Gotteskrieger nicht mehr erreichen. Wo sie die Angst nicht mehr quält, dass sie überfallen und ihre Kinder entführt werden. Dass die Verfasser des Drohbriefs, den sie unter der Haustür gefunden haben, ernst machen und sie alle umbringen, wenn sie das Land nicht innerhalb von 24 Stunden verlassen.

Ermordet, weil er Christ war

Taher Shamo Matti erinnert sich genau. Es war der 28. März 2007. Sein Vater Gorgees, der bei ihnen im Haus wohnte, wollte nur seinen Pass verlängern. Von dem Behördengang kam er nie zurück. Was passiert war, begriff Taher schlagartig, als das Telefon klingelte und ein anonymer Anrufer 40.000 Euro Lösegeld forderte. 72 Stunden Zeit gaben ihm die Entführer. „Du hast doch Verwandte im Ausland“, sagten sie. „Du kannst zahlen.“ Nach zwei Tagen hatte er 25.000 Euro beisammen und deponierte das Geld an der Stelle, die sie ihm genannt hatten. Am nächsten Morgen kam der Anruf: Gorgees Shamo war tot. Die Polizei hatte seine Leiche auf der Straße gefunden. Seine Entführer hatten kassiert und ihn umgebracht – weil er Christ war, in den USA gelebt hatte und für jemand wie ihn kein Platz ist in einem muslimischen Land.

Der Terror ging weiter. Ein paar Monate später meldete sich wieder eine Stimme am Telefon: „Deinen Vater haben wir schon umgebracht. Warum bist du noch hier? Warum haust du nicht endlich ab?“ Diesmal zögerte Taher nicht. Der 43-Jährige packte Papiere und Geld zusammen, mietete einen Wagen und floh mit seiner Frau und den fünf Kindern über die Grenze nach Syrien. Im Kofferraum ein paar Taschen mit Kleidung, ein Kuscheltier für die Kleinen und das bisschen, was sonst noch Platz hatte aus ihrem alten Leben. Ihr Haus, ihre Arbeit, die Hoffnung, jemals wieder in die Heimat zurückzukehren und die Verwandten dort wiederzusehen: all das haben sie aufgegeben. Ausweise und Ersparnisse waren ihre Eintrittskarte für einen Neuanfang im Nachbarland.

Aufnahme, aber keine Arbeitserlaubnis

Verfolgt: Im Irak wollten Islamisten Khary Ismael Jardo umbringen. Noch in Damaskus erhält er Drohbriefe.

Syrien gebärdet sich großzügig. Der Polizeistaat unter der diktatorischen Herrschaft von Baschar al-Assad nimmt irakische Flüchtlinge ohne große bürokratische Hürden auf. Wer schulpflichtige Kinder hat, bekommt eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung, alle anderen müssen sie im Drei-Monats-Turnus erneuern. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sind seit Beginn des Irakkriegs 2003 rund 4,5 Millionen Iraker auf der Flucht, die Hälfte von ihnen innerhalb ihres Landes. 1,5 Millionen Iraker haben sich über die Grenze nach Syrien gerettet, täglich kommen 2500 neue hinzu. Hier sind sie „wafidin“ – Gäste, von denen man erwartet, dass sie möglichst bald wieder gehen und vor allem die eigene Gesellschaft nicht belasten. Eine Zukunft haben die Iraker hier nicht. Sie erhalten keine Arbeitserlaubnis, werden aber für drastisch gestiegene Mieten und Lebenshaltungskosten verantwortlich gemacht. Weil viele Flüchtlinge sich illegal Jobs suchen, gibt ihnen die syrische Bevölkerung darüber hinaus die Schuld an sinkenden Löhnen.

„Wir sind immer noch Fremde. Wir haben überhaupt keine Rechte“, klagt Suham Eleysha. „Wir dürfen nicht arbeiten. Wir dürfen nicht ausreisen. Jeder kleinste Fehler kann dazu führen, dass wir wieder in den Irak abgeschoben werden.“ Während sie spricht, bleibt die Miene der 44-Jährigen ausdruckslos. Aber Sorgen und Ängste haben tiefe Falten in ihr Gesicht gegraben. Es ist das Gesicht einer alten Frau, die müde geworden ist. Die keinen Sinn mehr darin sieht, sich Hoffnung zu machen, weil am Ende doch immer die Enttäuschung siegt. Nachts quälen Suham Albträume. Angst beschleicht sie, sobald sie Moslems begegnet. Und wenn ihre jüngeren Kinder allein auf der Straße spielen, fürchtet sie, sie könnten entführt werden. Seit elf Jahren geht das jetzt so.

Zu der Zeit wohnten sie in Mossul, der jahrhundertealten Handelsstadt im Norden des Irak, als muslimische Milizen ihren ältesten Sohn mit Gewalt unter die Waffen zwingen wollten. Rony war gerade 13 Jahre alt, ein Kind noch. Die Gruppe drohte ihn umzubringen, wenn er sich dem Dienst am Islam verweigern würde. Aber die Familie war fest entschlossen, den Jungen zu retten. Ronys Vater besorgte seinem Sohn gefälschte Papiere und ermöglichte ihm so eine abenteuerliche, mehrere Jahre dauernde Flucht über die Türkei und Griechenland bis nach Deutschland. Heute lebt Rony Rumel Marquez in Saarburg bei Trier. Er arbeitet als Koch, schickt seiner Familie regelmäßig Geld und ist ihre Brücke in eine bessere Welt.

Mutlos: Die Rumel Marquez schlagen sich seit 2002 als Flüchtlinge in Syrien durch. „Hier können wir nicht bleiben“, sagen sie und hoffen auf Sohn Rony in Deutschland.
Mutlos: Die Rumel Marquez schlagen sich seit 2002 als Flüchtlinge in Syrien durch. „Hier können wir nicht bleiben“, sagen sie und hoffen auf Sohn Rony in Deutsc

Eine Gemeinde wird Flüchtlingszentrum

Tröstlich: Der Glaube gibt Kraft in schwerer Zeit. Runia und ihre Mutter gehen fast täglich zur Messe.

„Die Rumel Marquez gehören zu den ersten irakischen Flüchtlingen, die 2002 nach Damaskus kamen“, erzählt Schwester Thérèse Moussalem. Damals leitete die Ordensfrau das Katechesezentrum in Massken Barzé. 27 Familien gehörten zu der kleinen Gemeinde. Aber bald zogen so viele Glaubensbrüder aus dem Nachbarland in das Stadtviertel, dass Schwester Thérèse das Zentrum für sie öffnete. Sie sah die Not der Flüchtlinge und zögerte nicht, sondern handelte. Sie organisierte psychologische Betreuung, Lebensmittel, Freizeitaktivitäten und ist selber rund um die Uhr für die Iraker da. „Manchmal schlafe ich nachts nicht“, sagt die 46-Jährige: „Ich träume von den Familien und ihren Problemen.“ Auch andere, wie das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, organisieren Hilfe, etwa in Form von Ausbildungskursen für Jugendliche. Aber die Kirche arbeitet ohne bürokratischen Aufwand und versucht, die verzweifelten Menschen auch seelisch aufzufangen.

Warmherzig: Schwester Thérèse bringt Iden zum Lachen. Als sein Opa ermordet wurde, verlor er alle Haare.
Warmherzig: Schwester Thérèse bringt Iden zum Lachen. Als sein Opa ermordet wurde, verlor er alle Haare.
Tröstlich: Der Glaube gibt Kraft in schwerer Zeit. Runia und ihre Mutter gehen fast täglich zur Messe.

Familie Rumel Marquez steht Schwester Thérèse vom ersten Tag an zur Seite. Sie weiß von den anonymen Briefen mit der Drohung, sie alle umzubringen, wenn sie nicht zum Islam konvertieren würde. Sie weiß, dass die Glaubensfanatiker als Pfand forderten, die älteste Tochter Runia mit einem Moslem zu verheiraten. Sie weiß von der Flucht, von den verstörten Kindern, den Geldsorgen. Oft sitzt sie bei ihnen in der Zwei-Zimmer-Wohnung, die viel zu klein für acht Leute ist und in der weder die Küche noch das winzige Stehklo ein Fenster hat. Die Wände sind kahl, alslohne es nicht, darin ein Zuhause zu schaffen. Das hier ist kein Ort zum Bleiben.

Wenn Schwester Thérèse kommt, ist das jedes Mal ein Lichtblick. Die Ordensfrau mit dem weichen Herz und den harten Gesichtszügen hat ein offenes Ohr für ihre Sorgen, sie macht Mut, manchmal bringt sie Geld oder Lebensmittel. Dem 28-jährigen Kaptin hat sie zu einer Frisörlehre verholfen, Runia in ihr Katechetenteam geholt. „Runia ist gefährdet“, diagnostiziert sie ohne Umschweife. „Die Aufgabe gibt ihr Bestätigung.“

Ein Stück Himmel für die Kinder

Jetzt aber hat der Glaubensunterricht Sommerpause. Wenn es warm wird in Syrien, organisiert Schwester Thérèse mit ihren Katecheten Freizeitaktivitäten für die Kinder. Wer sieht, wie die blassen, sonst so stillen Jungen und Mädchen aufblühen, sobald sie aus der Stadt und ihren engen Wohnungen herauskommen, weiß, dass die Schwestern vom Guten Hirten goldrichtig liegen. Mit Unterstützung von missio haben sie vor den Toren von Damaskus ein Haus mit Garten gekauft, um die Flüchtlinge wenigstens ab und zu aus der Hoffnungslosigkeit zu reißen und ihnen ein Stück Himmel zu zeigen.

„Ich leide mit ihnen“, sagt Schwester Thérèse. Ihre Familie hat selber erlebt, was es bedeutet, wegen seines Glaubens verfolgt zu werden. Bei einem Massaker wurden 1982 in ihrer libanesischen Heimat Chouf tausende Christen ermordet, unter ihnen ein Bruder, Tante und Onkel der Ordensfrau. Wenn die Libanesin heute in das Katechesezentrum kommt, warten viele irakische Flüchtlinge schon auf sie. Bis zum Abend spricht Schwester Thérèse manchmal mit 60 Hilfesuchenden. „Oft kann ich ihnen nichts geben, weil ich selber mit leeren Händen dastehe“, sagt sie und erklärt freiheraus: „Wie kann ich Kindern, die seit drei Tagen nichts m Bauch haben, von Gott erzählen? Ich muss ihnen doch zuerst zu essen geben!“

Glücklich:Beim Ausflug vergessen die Kinder einen Tag lang die schrecklichen Erlebnisse in der Heimat.
Glücklich: Beim Ausflug vergessen die Kinder einen Tag lang die schrecklichen Erlebnisse in der Heimat.

Viele, die wie Taher Shamo das brutale Morden fanatischer Muslime erlebt haben, wollen nicht mehr zurück in den Irak. Sie hoffen vielmehr, irgendwann in die USA oder nach Europa ausreisen zu können. In seiner Heimat Mossul, erzählt Taher, habe sich die Situation seit ihrer Flucht noch verschlimmert. obald er seinen Sohn Iden anschaut, tauchen die schrecklichen Erinnerungen wieder auf. Der Zehnjährige wirkt auf den ersten Blick wie ein krebskrankes Kind. Er hat alle Haare verloren – eine Schockreaktion auf den gewaltsamen Tod seines geliebten Großvaters. Die Schule hat der Junge längst aufgegeben. Er hielt es nicht länger aus, wie die anderen „Glatzkopf“ grölten und ihn bei jeder Gelegenheit hänselten. Doch an Schwester Thérèses Ausflügen nimmt Iden begeistert teil; seit ein paar Wochen traut er sich auch zum Kommunionunterricht. „Wir glauben, dass Gott mit uns leidet“, sagt sein Vater. „Er gibt uns Kraft durchzuhalten.“

Wenn die irakischen Flüchtlinge in der chaldäischen Kirche St. Teresa in der Altstadt von Damaskus Gottesdienst feiern, ist es schwierig, noch einen Stehplatz zu ergattern. Runias Mutter geht jeden Tag zur Messe. In Saarburg betet ihr Sohn Rony für sie. „Wir haben einen starken Glauben“, sagt er. „Ich denke Tag und Nacht an meine Familie. Ich habe Angst, dass die Kinder durchdrehen. Ich mache mir Sorgen um Runia.“ Und er träumt davon, seine Familie irgendwann in Deutschland wiederzusehen.

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