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Bedrängte Christen

„Der Mann ist ein Märtyrer“

Flucht: Syrische Kinder in einem Flüchtlingslager © Abdallah / Reuters

Täglich flüchten Tausende, seit Januar hat die UNO aufgehört, die Toten in Syrien zu zählen. Bei seinem missio-Besuch berichtete der Erzbischof von Homs, Jean-Abdo Arbach, über die verzweifelte Lage im Land. Pater Frans van der Lugt kostete sein Einsatz für die Menschen dort das Leben.

Homs, Industriemetropole und Rebellenhochburg. Wie keine andere Stadt Syriens steht Homs für den Aufstand – hier demonstrierten im Sommer 2011 Hunderttause de gegen das Regime. Hier kämpften die Aufständischen erbittert um jeden Quadratmeter, bis sie nach zweijähriger Belagerung durch Assads Armee im Mai schließlich kapitulierten und abzogen. Sie hatten sich in der Altstadt verschanzt, aus der Tausende Bewohner flohen. Bilder von zerbombten Häusern und ausgebrannten Autos gingen um die Welt und prägten die öffentliche Wahrnehmung – während kaum jemand wusste, dass der Alltag in den anderen Stadtteilen beinahe normal ablief.

Eingeschlossen mit 66 Gläubigen

Homs ist eine Millionencity mit insgesamt 21 Bezirken. Lediglich im Zentrum hatten die Rebellen zwei bis drei Stadtteile unter Kontrolle. Hier harrte der niederländische Jesuitenpater Frans van der Lugt mit einer kleinen Gemeinde von 66 Christen aus. Sie waren die letzten der 60.000 Gläubigen, die noch vor dem Krieg in der Altstadt gelebt hatten.

Zum Jahresbeginn 2014 wurde die Lage immer dramatischer. Als sich Vertreter von Regierung und Opposition unter Leitung von UN-Vermittler Lakhdar Brahimi zu einer zweiten Gesprächsrunde in Genf trafen, um Korridore für humanitäre Hilfe auszuhandeln, appellierte van der Lugt in einer eindringlichen, über Youtube verbreiteten Videobotschaft an die internationale Gemeinschaft, das syrische Volk nicht zu vergessen. „Die Menschen in der Altstadt von Homs sterben und werden verrückt vor Hunger“, so der 75-Jährige. „Muslime und Christen leben unter schwierigen und schmerzhaften Bedingungen. Kinder verhungern oder sterben, weil Medikamente fehlen. Es ist unmöglich, dass wir leiden und die Welt nichts tut.“

Van der Lugt wusste, dass er ein hohes Risiko einging. In Kriegszeiten entscheidet die Frage, auf welcher Seite man steht, häufig über Leben und Tod. Der Jesuitenpater jedoch machte keinen Unterschied. „Frans war für jeden da. Für Menschen verschiedener Glaubensrichtungen und politischer Strömungen“, sagt sein Mitbruder über ihn. „Es braucht Mut, um das durchzuhalten und einen tiefen Glauben. Beides hat Frans sein Leben lang bewiesen. Auch im belagerten Homs.“

Bis zuletzt hatte sich van der Lugt geweigert, die umkämpfte Stadt zu verlassen, solange es dort Menschen gab, denen er beistehen konnte. Auch nach der Ausreise von 1.400 Männern, Frauen und Kindern unter den Vereinten Nationen im Februar wollte er bei den Bewohnern ausharren, die in der Altstadt blieben. „Das syrische Volk hat mir so viel gegeben, soviel Freundlichkeit, Inspiration“, lautete die schlichte Erklärung des Paters, der seit fast 50 Jahren im Land lebte. „Wenn es jetzt leidet, will ich den Schmerz und die Schwierigkeiten mit ihm teilen.“ Dafür nahm er viel in Kauf. Berichten zufolge versuchte er immer wieder, Lebensmittel für die hungernde Bevölkerung aufzutreiben. Er appellierte an Regime und Rebellen, gegenseitig Vertrauen aufzubauen und zusammenzuarbeiten. Unklar bleibt, ob er zuletzt auch versuchte, zwischen den in der Stadt ein geschlossenen Rebellen und der Armee zu vermitteln. Sein radikales Engagement für die Menschen bezahlte van der Lugt schließlich mit dem Leben. Am 7. April wurde er in seinem Kloster im Stadtteil Bustan al-Diwan niedergeschlagen und erschossen.

Papst Franziskus verurteilte die „brutale Tötung“, UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sprach von einem „unmenschlichen Akt der Gewalt“. Ob Soldaten oder Rebellen dafür verantwortlich seien, könne niemand eindeutig sagen, erklärt Eduard Kimman. Der Jesuitenpater und Nationaldirektor von missio Niederlande kannte van der Lugt persönlich. Er war bei dessen Priesterweihe 1972 in Amsterdam dabei, 2009 besuchte er ihn in Syrien. Die Nachricht vom gewaltsamen Tod van der Lugts hat dessen Familie, Freunde und Mitbrüder tief erschüttert. „Als wir davon erfahren haben, sind wir mit allen in die Kapelle gegangen und haben gebetet“, erzählt Pater Kimman. „Es war ein Moment, der überirdisch war. Der Mann ist ein Märtyrer, ein Opfer. Aber ich weiß, dass es noch 150.000 andere Opfer gibt.“

Ein zerbrochener Staat

Wie viele stellt auch er sich die Frage, was Syrien erwartet. Der Staat ist zerbrochen, Regierung, Milizen und Warlords ringen in den verschiedenen Landesteilen um Einfluss: Während es den Pro-Assad-Kräften mit Hilfe der libanesischen Hisbollah gelungen ist, zwischen der Küste, Homs und Damaskus Boden zurückzuerobern, haben im Nordosten die Kurden an Einfluss gewonnen. Im Norden hingegen hissen Islamisten die schwarze Flagge. Ein Ende der Gewalt ist nicht in Sicht. Auch der Erzbischof von Homs, Jean-Abdo Arbach, äußerte sich bei seinem missio-Besuch skeptisch.

Beatrix Gramlich

Erzbischof Jean Abdo Arbach, Homs/Syrien
© Susanne Kruza / missio

„Jede Brigade ist mit einem Staat verbunden“

Die Kathedrale und das Bischofshaus in Homs lagen im Rebellengebiet in der Altstadt und sind völlig zerstört. Seitdem lebt Erzbischof Jean-Abdo Arbach in Mietwohnungen, die er aus Sicherheitsgründen immer wieder gewechselt hat. Sein Bruder wurde entführt, er selber hat wiederholt Drohbriefe von Islamisten erhalten. Trotzdem ließ Bischof Arbach nie Zweifel daran, wo sein Platz ist.

Herr Erzbischof, Sie sind seit Ausbruch des Krieges in Homs geblieben. Haben Sie je daran gedacht, die Stadt zu verlassen?

Nein. Homs ist meine Diözese. Ich habe 20.000 Gläubige dort. Sie brauchen jemanden, der ihnen Kraft gibt. Die Heilige Schrift sagt, wenn der Hirte geht, dann werden die Schafe zerstreut.

Bedeutet Ihre Anwesenheit Schutz für die Menschen vor Ort?

Ja, sie ist ein Schutzfaktor. Die Christen halten Bischöfe und Priester als geistliche Führer für die letzten Instanzen, für eine Art Zuflucht. Als vor einiger Zeit die Gefechte in Kara und Nebek ausgebrochen sind, war der Priester der Letzte, der die Gegend verlassen hat. Und als die Kämpfe aufhörten, war der Priester der Erste, der wieder zurückgekehrt ist. Daraufhin sind ihm viele Menschen gefolgt.

Haben Sie selber keine Angst?

Der heilige Paulus sagt, wenn Christus mit mir ist, vor wem soll ich mich fürchten? Die Angst ist da, aber sie wird durch den Glauben überwunden, und durch den Glauben kann ich dem Volk Mut und Kraft schenken. Wenn wir keinen Glauben haben, verlieren wir das Volk. Wir praktizieren unser religiöses Leben jeden Sonntag ganz normal, ich besuche alle Pfarreien und feiere dort die heilige Messe.

Herr Erzbischof, die Lage in Syrien wirkt sehr unübersichtlich. Welche verschiedenen Kräfte stehen sich gegenüber?

Es gibt die freie syrische Armee und viele islamistische Brigaden. Jede Brigade ist mit irgend einem ausländischen Staat verbunden. Ungefähr 20 bis 30 Prozent der Muslime in Syrien haben sich der Revolution angeschlossen und wurden bewaffnet. Diese Muslime sind Extremisten. Es gab sie vorher schon, aber jetzt hat man sie sozusagen aktiviert. Sie werden vom Ausland unterstützt mit Waffen, Geld und Ideologien.

Welche Länder haben ein Interesse am diesem Krieg?

Katar zum Beispiel, die Türkei, die Vereinigten Arabischen Emirate. Es müssen nicht unbedingt Regierungen, es können auch Prinzen sein, zum Beispiel aus Saudi Arabien. Und es gibt private Geschäftsleute, die Brigaden in Syrien unterstützen.

Was würde es bedeuten, wenn Syrien ein muslimischer Staat würde?

Angst. Dann wären nicht nur die Christen in Syrien, sondern im gesamten Nahen Osten gefährdet. Sie haben alle dasselbe Schicksal. Die Christen im Libanon oder in Jordanien kann man nicht von den Christen in Syrien abkoppeln. Alle blicken auf die Christen in Syrien. Und wir schauen auf den Irak, wir sind uns der Gefahr bewusst.

Wie versucht die Kirche vor Ort, den Menschen zu helfen?

Das Wichtigste ist die humanitäre Hilfe. Wir unterstützen Menschen, die ihre Wohnung verloren haben, die ärztliche Versorgung oder Medika mente brau chen, Kinder, deren Eltern das Schulmaterial und die Schule nicht mehr bezahlen können. Wir haben 800 Familien in der Diözese, die dringend die Hilfe brauchen. Sie wollten ihre Heimat nicht verlassen, und deshalb bekommen sie keine Hilfe. Hilfe erhalten nur Flüchtlinge (im Ausland, Anm. der Red.).

Was bedeutet Ihnen die Solidarität von uns Christen in Deutschland?

Diese Solidarität bedeutet viel. Sie gibt Kraft.

Interview: Beatrix Gramlich

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