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Christen in Bedrängnis

Ibrahim Isaac Sedrak, 57, wurde 2002 zum Bischof von Minya in Mittelägypten geweiht. Er ist Oberhirte von rund 50 000 Katholiken und damit der größten Diözese.

Mohammed Mursi hat die Stichwahl in Ägypten für sich entschieden. Er ist das erste Staatsoberhaupt, den das 83-Millionen-Volk am Nil frei wählen konnte. Der Muslimbruder betont, er wolle Präsident aller Ägypter sein. Daran aber haben viele, vor allem Christen, ihre Zweifel. missio-Redakteurin Bettina Tiburzy war im Vorfeld der Wahl in Ägypten und bat Bischof Ibrahim Sedrak um eine Einschätzung.

Herr Bischof, wie beurteilen Sie die Situation in Ägypten seit der Revolution?

Die Menschen haben sich mehr als 30 Jahre nach Freiheit gesehnt, nach Menschenwürde und Respekt vor dem Leben. Denn es ist nicht allein die Wirtschaft, die die Leute leben lässt, sondern die Menschenwürde. Deshalb hatte man schließlich das begonnen, was man „die Revolution“ nennt. Es gibt viele, die dagegen sind. Ich bin dafür! Die Amtskirche hatte zu Beginn keine klare Haltung. Doch die jungen Leute, die Laien, vor allem die Katholiken, machten von Anfang an mit. Keiner hatte damit gerechnet, dass man so viel erreichen würde. Die ersten zwei Monate waren sozusagen zuckersüß. Danach wandte sich vieles gegen die Revolution. Und der Militärrat, der alles zerschlagen, befehligt und umorganisiert hat, beendete die Revolution sozusagen bevor sie abgeschlossen war.

Symbol: Mohammed Mursi – unfreier Präsident.

Wie haben Sie selber den Umsturz erlebt?

Das war kein Umsturz, sondern eine Hoffnung. Wir haben das als Ägypter erlebt, nicht ausschließlich als Christen – gemeinsam als alle, die sich nach einem zivilen Staat sehnten, nach Menschenrechten. Wir haben viel erwartet und hegten große Hoffnungen. Ein Jahr später kann ich sagen, dass man Geduld haben muss. Die Menschen müssen vieles lernen. Sie müssen lernen, Vielfalt und Unterschiede und auch verschiedene Meinungen untereinander zu respektieren.

Wie fühlen sich die Christen heute?

Ich möchte noch einmal wiederholen: Wir fühlen uns als Ägypter. Als solche empfinden wir Verzweiflung. Wenn ich sage: Das Leben ist sehr schwer geworden, dann gilt das für die Christen doppelt. Denn wir haben Angst vor den fundamentalistischen Gruppen, vor den Muslimbrüdern. Man weiß nicht, wer gewinnen wird. Wir hoffen jedenfalls, dass der zivile Staat gewinnt.

Wie groß ist die Angst der Christen?

Wir hatten Angst wegen der Parlamentswahlen, große Angst. Aber als die Muslimbrüder gewonnen hatten, haben die Ägypter und speziell die Muslime gemerkt, dass es nicht reicht, nur über Religion zu sprechen, wenn man etwas für das Land tun will. Es ist nicht so, wie manche sagen, dass der Islam die Lösung sei. Das haben die Leute gemerkt. Sie haben angefangen, sich ihre eigene Meinung zu bilden. Aus meiner Sicht gibt es viele Muslime, die nicht wollen, dass die Muslimbrüder gewinnen oder das Land beherrschen.

Was fürchten Sie am meisten?

Meine größte Angst gilt dem Land und seiner Zukunft. Man hätte die Verfassung ausarbeiten müssen, hat es aber nicht getan. Man hat Parlamentswahlen durchgeführt, weiß aber nicht, wie man das Land regieren will. Bei alledem haben die Muslimbrüder nicht die nötige politische Erfahrung. Und jetzt macht man wieder denselben Fehler: Von Anfang an hieß es, die Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen dürften sich ohne eine Verfassung nicht vorstellen. Sie alle wissen doch überhaupt nicht, was sie später tun werden beziehungsweise was sie als Präsident einmal werden tun können.

Waren Sie anfangs optimistischer?

Zu Beginn waren die Menschen motiviert, sie wollten etwas verändern. Was mir jetzt am meisten Sorge bereitet, ist der Mangel an Vertrauen. Man beleidigt und beschuldigt sich, bezeichnet sich als Verräter. Ich fürchte, dass mangelnde Rechtsstaatlichkeit und die fehlende Verfassung dazu führen, dass das Gesetz des Stärkeren gilt. Wir riskieren – was ich nicht hoffe – einen Bürgerkrieg, wenn es nicht gelingt, das politische Leben zu kontrollieren.

Wie sieht der Alltag für Christen aus?

Die Menschen hier wollen einfach gut leben, eine Familie gründen, einen Arbeitsplatz finden – das gilt für Christen genauso wie für Muslime. Und sie wollen ihr Ägypten wiederhaben, das ein schönes, zivilisiertes Land war. Ich kann mein Staatsbürgertum und meine Religion nicht voneinander trennen. In unserem Bistum verlassen täglich Ehepaare Ägypten, weil sie eine bessere Zukunft suchen. Aber wenn jemand weggeht, kehrt er nicht wieder zurück. So sind die christlichen Gemeinschaften ständig von dieser Auswanderung bedroht. Das ist für das Land nicht gut und für die Kirche erst recht nicht. Denn diejenigen, die gehen, sind zugleich die Fähigsten.

Was würde ein Sieg der Muslimbrüder bei der Präsidentenwahl für Ihre Glaubensgemeinschaft bedeuten?

Ich hoffe, dass sie nicht gewinnen! Aber wenn man sich nun der „Demokratie“ bedient und die Muslimbrüder gewinnen, glaube ich, wird man dieselbe Erfahrung machen wie mit dem Parlament: Man wird es nicht schaffen, Ägypten zu führen. Wer zahlt den Preis? Ganz gewiss das Volk, das einfache Volk. Deshalb bin ich persönlich für den zivilen Staat. Wenn der Kandidat der Muslimbrüder frei und unabhängig wäre, wenn er etwas für das Land tun wollte, dann hätte ich nichts dagegen. Aber er ist nicht nur an die Freiheits- und Gerechtigkeitspartei gebunden (der politische Arm der Muslimbrüder, Anm. d. Red.), sondern auch an eine religiöse Gruppe, die international aktiv ist. Auch der Kandidat, der für den zivilen Staat steht, ist ein Problem. Mit ihm sind selbst liberale Leute nicht einverstanden, weil er das ehemalige Regime repräsentiert.

Was erhoffen Sie am meisten für Ihr Land?

Ich hoffe vor allem, dass es gelingt, den Menschen zu helfen, all das Gute, das sie in sich tragen, zu entfalten. Sie sind intelligent, sie sind fähig und haben den Willen, viel zu bewirken. Doch was man überall sieht im Alltag, im Handel, ist: Jeder macht, was er will. Trotzdem hege ich für Ägypten viele Hoffnungen. Wann und wie sie sich erfüllen, wird man sehen – mit etwas mehr zeitlichem Abstand vielleicht.

Bettina Tiburzy

Zahlen und Fakten

Geografie: Ägypten grenzt im Norden ans Mittelmeer, im Osten ans Rote Meer. Die Sinai- Halbinsel, die ebenfalls zu Ägypten gehört, zählt bereits zu Asien. Lebensader ist der Nil.
Fläche: Mit 1 00 449 Quadratkilometern ist Ägypten etwa doppelt so groß wie Frankreich.
Staatsform: Präsidialrepublik.
Hauptstadt: Kairo. Einwohner: 83,6 Millionen. Religionen: 90 % Muslime, 10 % Christen (überwiegend koptisch-orthodox), rund 250 000 Katholiken. Der Islam ist Staatsreligion.
Einkommen pro Kopf: 1789 US-Dollar/Jahr.

Religionsfreiheit: Ägypten garantiert in seiner bis heute gültigen Verfassung von 1971 „Glaubensfreiheit und die Freiheit der Religionsausübung.“ Offiziell anerkannt sind sieben katholische, vier orthodoxe, eine protestantische und eine jüdische Religionsgemeinschaft. Der Bau von Kirchen ist erlaubt, unterliegt aber erheblichen Einschränkungen. Ebenfalls erlaubt sind Konversion oder Apostasie, die Abkehr von einer Religion. Nach wie vor jedoch fordert die islamische Dogmatik für die Abwendung von ihrer Religion und anschließende Konversion etwa zum Christentum die Todesstrafe. Schätzungen zufolge konvertieren jährlich 10 000 bis 15 000 Christen zum Islam, weil sie damit ihre soziale und wirtschaftliche Situation verbessern wollen. Zum Christentum treten nur wenige hundert Muslime über. Seit Jahren erschwert wachsender islamischer Fundamentalismus das Leben der Kopten. Die Gewalt gegen sie nimmt zu.

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