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„Dann ist es, als ob ich in Afrika wäre“

missio-Kunstkalender

Früher hat Alioune Ndiaye in den Straßen von Dakar Second-Hand-Kleidung aus Europa verkauft. Heute nennt er sich Lune und arbeitet als Künstler in Hannover. Der Sand aber, der zu seiner Heimat, dem Senegal, gehört wie das Meer, klebt noch immer an seinen Bildern. Sie erzählen vom Alltag in Afrika und dem, was Menschen über Grenzen und Kulturen hinweg verbindet – auch im neuen missio-Kunstkalender.

Welten-Wanderer: Lune Ndiaye ist in Deutschland zu Hause. In seinen Bildern aber wird Afrika lebendig.
Welten-Wanderer: Lune Ndiaye ist in Deutschland zu Hause. In seinen Bildern aber wird Afrika lebendig.

Auf den ersten Blick besteht der Mann vor allem aus Bein: ellenlange Storchenbeine in einer Flickenhose, die die Arbeit mit Farbe und Pinsel zu einem wilden Graffiti aufgemischt hat. Sein Oberkörper steckt in einem bunten afrikanischen Kittel, um den Kopf tanzen die Rastalocken. Lune Ndiaye ist ein echter Typ – wie einer von diesen Straßenmusikern, die unseren aufgeräumten Fußgängerzonen mit ihren Trommelwirbeln die Langeweile austreiben. Überhaupt erfüllt der 46-Jährige nahe zu passgenau jede Menge Klischees: Der Sold seines Vaters, der daheim in Dakar in der französischen Armee diente, reichte gerade, um den acht Kindern den Schulbesuch, nicht aber auch noch eine Berufsausbildung zu finanzieren. So versuchte sich sein Ältester zuerst im Verkauf von Second-Hand-Kleidung, dann stieg er in den Handel mit Gebrauchtwaren-Elektronik ein. Nach einer abenteuerlichen Reise durch Nordafrika hielt sich Ndiaye einige Zeit in Libyen mit Gelegenheitsjobs über Wasser, bevor er über Marokko endlich sein Traumziel Europa erreichte. In Spanien schloss er sich einer senegalesischen Band an, trommelte gegen Rassismus und tat, was er schon immer hatte tun wollen: Er fing an zu malen. Schon bald bescherte ihm der Verkauf seiner Bilder ein bescheidenes Einkommen. Die Touristen in Granada schlenderten gerne ber den Plaza Nueva, wo Ndiaye mit an deren Afrikanern seine Ware ausbreitete. Hier begegnete er auch seiner künftigen Frau, die gerade ihre Ferien dort verbrachte. Heute haben sie einen gemeinsamen Sohn und leben seit sechs Jahren in Hannover.

Nie eine Kunstakademie besucht

Während er erzählt, blitzen Ndiayes dunkle Augen. Mitten im Satz wechselt er von Deutsch ins Englische oder Französische, weil ihm eine Formulierung in der anderen Sprache leichter fällt. Unvermittelt springt er auf, um ein Foto von seinem Jungen hervorzukramen oder mit federnden Schritten durch das Atelier zu eilen und etwas zu zeigen. Ndiaye teilt sich die lichten Räume im Dachgeschoss einer ehemaligen Bettfedernfabrik mit 13 anderen Künstlern. Er kommt fast jeden Tag hierher, um zu arbeiten. „Das ist mein Leben“, sagt er. „Ich habe nie eine Akademie besucht, aber ich weiß, dass ich ein Künstler bin.“

Er hat diese Leidenschaft für eine Sache wie andere, die von klein auf Arzt oder Krankenschwester werden wollen. Ndiaye wollte immer nur malen. Zuerst pinselte er für Freunde und Verwandte; später, als die Stadtverwaltung von Dakar die Bürger aufrief, ihr Viertel zu verschönern, hübschte er die Häuser von Nachbarn mit seinen Gemälden auf.

Mit Mitte Dreißig brach der junge Muslim auf und verließ seine Heimat. Die Arbeit als Verkäufer hatte ihn zu weit von seinem Traum entfernt. „Ich bin durch Afrika gereist, um meine Wurzeln kennenzulernen“, erklärt er. Sein Weg führte ihn durch Mauretanien, Mali, Burkina Faso, den Sudan, Algerien, Libyen und Marokko. Und überall begleitete ihn eins: Sand. In Westafrika prägt er ganze Landstriche, seine feinen Körner setzen sich in Kleidung und Hautritzen fest, wehen über die staubigen Straßen, in Hütten und Häuser.

Der Künstler Lune Ndiaye informiert auf seiner eigenen Website über sich und seinme Arbeit.

Sand ist sein Markenzeichen

„Ich habe meine Mutter nie in Sandalen durchs Haus gehen sehen“, erzählt Ndiaye. „Sie lief immer barfuß, weil ständig irgendwo Sand auf dem Boden lag.“ Solche Erfahrungen haben seine Bilder im wahrsten Wortsinn spürbar geprägt: In Anlehnung an die traditionelle senegalesische Kunst gestaltet Ndiaye seine Arbeiten mit Sand, hat aber im Zusammenspiel mit Acrylfarbe und Textil längst seinen eigenen Stil entwickelt. Motive und Inspiration sind für ihn nichts mythisch Verklärtes. Er findet sie „überall“: in der Natur, im alltäglichen Leben, in den Erinnerungen an seine Kindheit, als er die Ferien bei seiner Großmutter auf dem Land verbrachte. Mit ihrem Dorf Sine Saloum, aus dem auch der erste senegalesische Präsident Léopold Senghor stammt, verbindet Ndiaye jene Bilder von archaischer Schönheit, die sich in seinen eigenen Werken widerspiegeln. Sie sind wie eine Schatztruhe aus alten Zeiten, die er sorgfältig hütet. Viele seiner Arbeiten aus dem missio-Kunstkalender beeindrucken durch ihre spirituelle Tiefe, legen Psalmen oder biblische Szenen nahe. „Kunst ist eine Botschaft, die du transportieren musst“, sagt Ndiaye. „Meine Bilder sind eine Botschaft für Frieden, Respekt und das friedliche Zusammenleben der Kulturen.“ Deshalb auch nennt er sich Lune, das französische Wort für Mond. Der kleine Bruder der Erde steht in seinen Augen für Licht, Liebe und Frieden.

Ndiaye ist ein zufriedener Mensch. „Mir fehlt nichts“, sagt er. „Ich habe meine Familie, meine Kunst. Ich habe mich an das Leben in Deutschland gewöhnt.“ Daran aber, dass er als Afrikaner immer wieder angepöbelt wird, wird er sich nie gewöhnen. „Bei uns zu Hause meinen sie, Europa sei das Paradies. Aber wenn du hier bist, merkst du: Die Realität sieht anders aus.“ Ndiaye versucht den Spagat zwischen beiden Welten. Er fühlt sich zu Hause in Hannover. Doch wenn im Kopf seine Bilder entstehen, sagt er: „Dann ist es, als ob ich in Afrika wäre.“

Beatrix Gramlich

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