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Inhalt

Erste Schritte in Freiheit

Seit dem 9. Juli 2011 gibt es einen Staat mehr auf der Welt. Nach 22 Jahren Bürgerkrieg spaltete sich der Südsudan vom nördlichen Bruder ab. Doch Armut, Analphabetismus und bewaffnete Konflikte stellen das junge Land vor große Herausforderungen.

Vorerst sind nur Wolken am Himmel zu sehen. Nachher wird es einen leichten Schauer geben, wie fast jeden Abend während der Regenzeit. Der 89-jährige Valentino Fabris sitzt gemütlich auf einem grünen alten Plastikstuhl. Der stattliche Mangobaum schützt ihn mit seinem Schatten vor der brennenden Tropensonne. „Ich bin so glücklich, dass jetzt alle frei sind“, sagt Valentino. Die Melodie in seiner Aussprache verrät immer noch seine italienische Herkunft. „Ich bin mit 27 Jahren in den Sudan gekommen. Das war 1949“, erzählt er. 62 Jahre später sitzt Valentino im Anwesen der italienischen Comboni-Missionare in der jungen Hauptstadt Juba und blickt auf ein Leben zurück, das die gesamte jüngere Geschichte des Sudan umfasst.

Und diese Geschichte ist blutig. Valentino erzählt vom ersten großen Bürgerkrieg, der von 1955 bis 1972 dauerte. „Ich war damals im Süden, als die Truppen kam. Sie haben die Schwarzen fürchterlich behandelt“, erinnert sich Valentino.

Glaube: Die Menschen haben im Krieg fast alles verloren. Katechisten wie Claude vermitteln neue Hoffnung.
Glaube: Die Menschen haben im Krieg fast alles verloren. Katechisten wie Claude vermitteln neue Hoffnung.

Zwei Millionen Tote

Der zweite Unabhängigkeitskrieg brach 1984 aus. Damals kämpfte die Sudan People’s Liberation Army (SPLA) gegen das herrschen de Regime der National Congress Party (NCP) in Khartoum. Zwei Millionen Menschen starben während der blutigen Kämpfe zwischen dem arabisch-muslimischen Nordsudan, der die Regierungsgeschäfte in Khartoum dominierte, und dem christlich-animistischen Südsudan. Geschätzte vier Millionen Menschen flüchteten oder wurden vertrieben.

„Wir mussten vor den Truppen in die Zentralafrikanische Republik fliehen. Ich war der letzte im Flüchtlingstreck, und dann hatte mein Auto einen Motor schaden“, erzählt Valentino aufgeregt. Es scheint, als ob die Bilder von damals wieder vor seinem inneren Auge ablaufen. „Ich dachte, ich sei verloren.“ Valentinos sudanesische Begleiter kehrten jedoch unter Lebensgefahr zurück und retteten ihn. „Sie sagten, sie könnten mich nicht zurücklassen. Wir waren wie Brüder“, erinnert sich Valentino. Beim Erzählen kann er seine Tränen nicht zurückhalten. Der Bürgerkrieg dauert 22 Jahre. Erst das Comprehensive Peace Agreement (CPA) vom 6. Januar 2005 bereitete dem Blutvergießen ein Ende. Darin wurde für 2011 ein Referendum über die Zukunft des Südsudan vereinbart. Im Januar dieses Jahres war es dann endlich so weit: 99,83% der Referendums-Teilnehmer stimmten für die Unabhängigkeit ihres Landes vom Norden.

Votum für die Freiheit

„Als ich das Ergebnis des Referendums hörte, habe ich geweint. 99 Prozent!“ Valentino richtet sich auf und nickt immer wieder mit dem Kopf. „99 Prozent!“ Dass dieses Land einmal unabhängig würde, konnte lange niemand glauben. Ein halbes Jahr später, am 9. Juli 2011, erklärte der Südsudan schließlich seine Unabhängigkeit vom Norden und wurde das 193. Mitglied der Vereinten Nationen.

An den zentralen Feiern am John Garang Memorial in der Hauptstadt Juba hat Valentino nicht teilgenommen. Der Jubel der Massen kannte kaum Grenzen. Tausende südsudanesische Flaggen wurden gen Himmel gehoben und begeistert geschwenkt.

Wie lange diese Freude halten wird, ist eine andere Frage. Denn der Südsudan steht vor gewaltigen Problemen. „Wir haben noch einen sehr langen Weg vor uns. 98 Prozent der Frauen im Südsudan sind Analphabeten. Bildung hat deshalb höchste Priorität. Wir müssen unsere Infrastruktur ausbauen. Die Wasserversorgung, die Landwirtschaft“, skizziert John Dabi, der frühere Finanzminister für die Region Western Equitorial die Herausforderungen für den neuen Staat. Ohne Hilfe von außen werden sie kaum zu meistern sein.

Nur 100 Meter von einer der zentralen Hauptstraßen Jubas entfernt sind die Mängel unübersehbar. Die as phaltierte Straße vor dem Gelände der Comboni-Missionare verliert sich nach wenigen Metern in einer vom Regen zerfurchten Staubpiste. Eine Kreuzung weiter steht James, 1,85 Meter groß, hellbraunes Sakko, auf der Nase eine schwarze Sonnenbrille. An einem der Straßen-Läden, wie man sie in vielen afrikanischen Ländern findet, wartet er geduldig, bis er an der Reihe ist. Er bestellt einen kleinen Eimer Naomi-Wasch-Seife. Ein Alltagsgegenstand im Südsudan, wie ihn jede Familie braucht. Er nimmt die Ware entgegen und gibt dem Verkäufer fünf Sudanesische Pfund. Als der anfängt, seine Waren weiter zu ordnen, schaltet sich James noch einmal ein: „Ich hab’ dir fünf gegeben“, sagt er ungläubig. Er wartet auf das Wechselgeld. „Naomi Super Foam kostet jetzt immer fünf! Das ist schon die zweite Fuhre hier, die ich für diesen Preis verkaufe“, sagt der Verkäufer. Fünf Sudanesische Pfund sind etwa 1,50 US-Dollar. Das ist viel Geld in einem Land, in dem mehr als die Hälfte der Bevölkerung mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen muss.

Der Verkäufer hat nur ein entschuldigendes Lächeln übrig. Ihm ist die Preiserhöhung unangenehm. James ist Stammkunde. „Schon wieder eine Preiserhöhung. Die ganze Zeit. Alles wird immer teurer“, murmelt James, als er sich langsam von der Holztheke wegdreht.

Freudentanz: Am Tag der Unabhängigkeit kennt der Jubel der Massen keine Grenzen.
Freudentanz: Am Tag der Unabhängigkeit kennt der Jubel der Massen keine Grenzen.
Rot eingezeichnet: der geplante Grenzverlauf zwischen Sudan und Südsudan.

Streit um das Öl

Der Südsudan ist endlich frei von der Bevormundung des muslimischen Nordens. Entwickelt ist er deshalb noch lange nicht. Zwar lagert ein Großteil der Ölreserven des ehemaligen Gesamtstaates auf seinem Gebiet, aber Transport wege, Pipelines und den strategisch wichtigen Hafen Port Sudan kontrolliert der Norden. Die Erlöse aus dem Ölgeschäft in Höhe von knapp 6 Milliarden US-Dollar im Jahr werden immer noch halbiert. Der Süden wird das vermutlich nicht mehr lange akzeptieren.

Ohnehin brodelt es immer wieder im Grenzgebiet. Die Regionen Abyei, Blue Nile und Southern Kordofan, wo die ergiebigen Ölfelder liegen, sind zwischen bei den sudanesischen Staaten umstritten. Nach dem Friedensabkommen von 2005 soll die Bevölkerung in den drei Provinzen über Zugehörigkeit zum Norden oder Süden entscheiden. Das Regime in Khartoum fühlt sich an diese Vereinbarung jedoch nicht mehr gebunden und hat Volksabstimmungen zum Teil mit Waffengewalt verhindert.

Bisher hat die Regierung im Süden Besonnenheit bewiesen. Das Ziel der Unabhängigkeit sollte nicht gefährdet werden. Instabil bleiben die äußeren Bedingungen für das junge Land allemal.

Es wird langsam dunkel. Die Messe in der nahe gelegenen Kapelle der Combonis beginnt. Valentino erhebt sich mühsam von seinem Stuhl. 62 Jahre seines Lebens hat er für die Menschen in diesem Land gearbeitet. Im Busch Schulen errichtet, Kranke getragen und gepflegt, sein eigenes Leben mehr als einmal aufs Spiel gesetzt. Er kennt die Menschen in diesem Land, ihre Nöte und Sorgen und er wird auch noch die letzten Jahre seines Lebens für sie da sein. Diese Jahre werden auf keinen Fall einfach. Trotz aller Begeisterung für die Unabhängigkeit. Aber die Freiheit lassen sich die Südsudanesen nicht mehr nehmen.

Björn Zimprich

„Der Süden braucht Hilfe“

Nach 22 Jahren Krieg wirft die Vergangenheit lange Schatten. Der Südsudan liegt am Boden, aber Kirche bleibt an der Seite der Menschen. Hans-Peter Hecking hat sich vor Ort informiert.

Herr Hecking, Sie waren zur Unabhängigkeitserklärung im Südsudan und sind gerade wieder von einer Reise dorthin zurückgekehrt.Was hat Sie vor Ort erwartet?

Auf Einladung der südsudanesischen Bischöfe habe ich in der Hauptstadt Juba an einem Symposion mit Vertretern aus allen Diözesen des Landes teilgenommen. Bei der Tagung ging es zunächst um eine Reflektion der Vergangenheit, also darum, sich zu vergegenwärtigen, was während des Bürgerkriegs geschehen ist und die Menschen bis heute belastet. Vor diesem Hintergrund haben wir Perspektiven entwickelt, wie Kirche den Herausforderungen des sozialen und politischen Wandels in Zukunft begegnen kann, und diskutiert, was ihre prophetische Rolle im Südsudan bedeutet. Für missio ging es nicht zuletzt um die Frage: Was ist nötig, damit die Kirche langfristig wieder auf eigenen Füßen stehen kann und wie setzen wir unsere Hilfe am wirksamsten ein?

Wie sieht die Hilfe aus, die missio leistet?

Über unsere Unterstützung für einzelne Diözesen hinaus lassen sich drei Paradebeispiele nennen: Das erste ist das Wiedereingliederungsprogramm der Jesuiten für Heimkehrerflüchtlinge. Diese Menschen haben oft jahrelang in Lagern gelebt und fangen zu Hause buchstäblich mit leeren Händen an. missio beteiligt sich an der Ausbildung kirchlicher Laien und unterstützt die pastorale Arbeit. Das zweite ist das katholische Radionetzwerk, das wir fördern. In einem Land mit 80 Prozent Analphabeten ist das Radio nicht nur eine Informationsquelle. Es vermittelt auch Kenntnisse über Menschen- und Bürgerrechte und trägt dazu bei, die christliche Botschaft zu verbreiten. Das Dritte ist für mich das Faszinierendste: Nach einem Hilferuf der Bischöfe haben sich mehr als 100 katholische Kongregationen zum Netzwerk „Solidarität mit dem Südsudan“ (SSS) zusammengeschlossen und sich der Ausbildung von Lehrern, Krankenpflegern und pastoralem Personal verschrieben. Auch hier beteiligt sich missio an der Ausbildung des kirchlichen Personals.

Was fasziniert Sie so an diesem Netzwerk?

Dass Schwestern, Brüder und Priester unterschiedlichster Orden und Nationen in Konventen zusammenleben und gemeinsam an einem Projekt arbeiten, gibt es so vermutlich zum ersten Mal in der Kirchengeschichte! Das ist ein neues Projekt für das Ordensleben und gibt kleineren Gemeinschaften die Chance, an etwas mitzuwirken, was sie alleine nie leisten könnten. Nicht zuletzt ist es ein Vorbild für die plurale Situation im Sudan und zeigt, dass Kirche die Zeichen der Zeit erkennt, Grenzen und Schubladendenken überwindet.

Wie viele Katholiken gibt es überhaupt im Südsudan und welche Rolle spielt Kirche?

Zum Christentum bekennen sich etwa 60 Prozent, zwei Drittel von ihnen sind Katholiken. 30 Prozent folgen ihren traditionellen afrikanischen Glaubenspraktiken. Aber die katholische Kirche ist die moralische Instanz, die auch in den schwierigen Kriegszeiten immer an der Seite der Menschen gestanden hat.

Staatspräsident Kiir hat die christlichen Religionsvertreter zu mehr Engagement im Versöhnungsprozess aufgefordert. Halten Sie diese Forderung für gerechtfertigt?

Die Kirche gehört zu den Akteuren, die sich in der Vergangenheit immer wieder deutlich für eine friedliche Koexistenz der beiden Staaten stark gemacht haben. Ich erinnere nur an die „101 Gebete für ein friedliches Referendum“ oder an die Novene vor der Erklärung der Unabhängigkeit – beides übrigens vom Ordensnetzwerk SSS initiierte Projekte, die unter hoher Beteiligung der Bevölkerung stattfanden. Anfang 2011 haben die Bischöfe die Politiker von Nord- und Südsudan noch einmal explizit aufgefordert, den Dialog fort zusetzen. Die Trennung, erklärten sie, „ist keine Aufteilung von Land – keine Trennung der beiden Völker“. Nicht zuletzt setzen die Oberhirten ein Zeichen, in dem sie klargemacht haben, dass sie in einer gemeinsamen Bischofskonferenz weiterarbeiten wollen.

Wie sieht es in den Grenzregionen aus, deren Staatszugehörigkeit weiter offen ist?

Die Nachrichtenlage wechselt täglich. Die Kämpfe zwischen Nord- und Südarmee sind dank der Vermittlungen Äthiopiens eingestellt. Aber es gibt weiterhin Scharmützel. Im Vorfeld der Unabhängigkeit hat Khartoum die Volksbefragungen in den drei Grenzregionen Abyei, South Kordofan und Blue Nile immer wieder mit Bombardements torpediert. So steht dort das Votum, das der Friedensvertrag von 2005 vorsieht, immer noch aus.

Teilen Sie die Sorge, Hilfsorganisationen könnten sich nach Jahren des Engagements bald aus dem Südsudan zurückziehen?

Das muss man sehen. Sicher ist: Der Süden wird noch lange Hilfe brauchen. Außerdem ist missio mehr als ein Hilfswerk. Wir sind Teil des weltweiten Netzwerks Kirche und werden die Ortskirche im Sudan unterstützen, wo immer Hilfe nötig ist.

Beatrix Gramlich

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