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Inhalt

Interview

„Europa wird lernen müssen zuzuhören“

Herzlich: Kardinal Tagle empfängt missio-Präsident Klaus Krämer.

Beim Konklave war er einer der jüngsten, erst seit drei Monaten Kardinal und galt schon als „papabile“. Eigentlich wollte Kardinal Luis Antonio Tagle, den missio-Präsident Klaus Krämer bei seiner Philippinen-Reise im Sommer traf, Arzt werden. Im Interview schildert er, wie er dann Priester und Stipendiat des Missionswissenschaftlichen Instituts wurde, spricht über theologischen Narzissmus und den Dialog mit den Armen.

Herr Kardinal, Papst Fanziskus wünscht sich eine Kirche der Armen, die zu den Armen geht. Haben Sie als Erzbischof der Metropole Manila überhaupt Zeit dazu?

Als Erzbischof besuche ich die Pfarreien zu ganz unterschiedlichen Gelegenheiten. Und überall dort treffe ich auf die Armen! In jeder Pfarrei gibt es Arme, besonders in den Randgebieten der Stadt. Ich denke an die ganz normalen Besuche, die Teil meines Dienstes sind. Die Kontakte und kurzen Gespräche vor einer Messe, die Besuche zu Hause bei den Menschen, aber auch an die Begegnungen in den Slums, die Gespräche mit den Kindern, bei der Caritas, im Krankenhaus. Das alles gehört zu meinem bischöflichen Dienst. Und es gibt die informellen Kontakte mit den Armen: Dann, wenn ich am Abend in Manila ab und an zu Fuß unterwegs bin; wenn die Leute nicht wissen, dass der Erzbischof da vorbei geht: Da sehe ich Familien, die sich eine Ecke suchen, um zu schlafen, oder Kinder, die nichts zu essen haben und Drogen schnüffeln, um ihr Hungergefühl zu stillen. Das ist das alltägliche Leben ohne große Propaganda, ohne Presse, ohne Fotografen.

Was sind die Herausforderungen für die Kirche in den Philippinen?

Mehr und mehr merke ich, dass eine gute missionarische und pastorale Praxis mit einer soliden Theologie einhergeht – und eine gute Theologie missionarische und pastorale Auswirkung hat. Ich bin glücklich, dass ich die Lebensoption, Priester zu sein, in der Zeit der Diktatur getroffen habe. Unter den schwierigen Bedingungen, unter denen die Kirche lebte, habe ich meine Inspiration von Ordensleuten und Priestern bekommen, die Menschen in kritischen Momenten ihres Lebens Antworten geben konnten. Das war ein Lebenszeugnis, die Antworten dürfen kein „Wischiwaschi“, nichts Erfundenes, klug Ausgedachtes sein.

Sie meinen, dass die Theologie Antworten auf die Lebenswirklichkeit der Menschen geben muss?

Die Herausforderung für die Theologen der Philippinen gilt für ganz Asien: Wie führen wir einen Dialog mit den Armen? Wie gestalten wir einen Dialog mit der Kultur, wobei ich unter Kultur hier die gesamte, existenzielle Bedeutung von menschlichen Werten verstehe, die Frage danach, was dem Leben Sinn gibt. Die Herausforderung ist: Wie entdecken wir die christliche Botschaft so, dass sie unserer Kultur mehr Leben schenken kann?

Haben sich diese Herausforderungen in den vergangenen Jahren verändert?

Die Philippinen sind heute geprägt von Migration, von Diversität und Pluralismus. Wir führen den Dialog mit anderen Religionen. Bisher waren die Philippinen sehr katholisch geprägt, jetzt aber setzen wir uns – auch durch die Migration – mit anderen Weltanschauungen auseinander.

Der neue Papst spricht von „theologischem Narzissmus”. Was halten Sie davon?

Narzissmus ist immer eine Versuchung. Das betrifft nicht nur die Theologie. Das findet man auch in anderen Gebieten, zum Beispiel in der Politik. Es gibt Narzissmus in der Kunst, in der Wirtschaft. So sehe ich das auch in der Theologie. Es kann alles unterhaltsam sein, wenn man unter sich bleibt. Es ist sogar eine Versuchung. Aber Theologie ist kein Selbstzweck. Die Theologen müssen im Dialog mit den Menschen vor Ort sein. Auch hier gilt: Das theologische Denken sollte von den Praktikern ernst genommen werden. Da darfes nicht nur um Kleinigkeiten gehen, sondern um eine profunde Grundlage des christlichen Glaubens. Die Theologie steht im Dienst der Verkündigung der Kirche, ihrer Pastoral. Es ist eine Herausforderung, den Selbstbezug der Kirche, von der der Heilige Vater spricht, zu überwinden.

Mittendrin: Vor und nach dem Gottesdienst sucht Kardinal Tagle Kontakt zur Gemeinde. „Theologen“, sagt er, „müssen im Dialog mit den Menschen sein.“
Mittendrin: Vor und nach dem Gottesdienst sucht Kardinal Tagle Kontakt zur Gemeinde. „Theologen“, sagt er, „müssen im Dialog mit den Menschen sein.“

Sie haben zum ersten Mal an einem Konklave teilgenommen. Wie haben Sie diese Tage in Rom erlebt?

Zuerst konnte ich es kaum glauben, dass ich bei einem Konklave dabei sein sollte. So viele Kardinäle vor mir haben niemals an einem Konklave teilgenommen. Andere sind bereits über 80 Jahre alt. Und da bin ich nun dabei als einer, der gerade drei Monate Kardinal ist. Ich lernte doch gerade erst damit umzugehen, „Kardinal“ zu sein. Just in diesem Moment kommt die wichtigste Funktion – oder besser gesagt: der wichtigste Dienst – eines Kardinals auf mich zu: das Konklave. Es ist kein Gefühl des Stolzes, ich kann eher sagen, dass mich diese neue Erfahrung demütig stimmt. Da merke ich auf einmal, dass ich der einzige Filipino bin und bin fast erschrocken, dass meine Stimme für 90 Millionen Menschen auf den Philippinen steht. Die Entscheidung im Konklave ist wirklich im Gewissen vor Gott zu prüfen, da es eine Entscheidung für die ganze Kirche ist. Es war eine spirituelle Erfahrung. Über die innersten Abläufe kann ich nicht reden, das ist bekanntlich Teil des „Mysteriums“ (lacht).

Was hat Sie veranlasst , Priester zu werden?

Mein Plan war eigentlich, Arzt zu werden. Meine Eltern und Verwandten fanden die Idee ebenfalls gut. So war ich als junger Mensch darauf festgelegt und habe nur daran gedacht. Mit 13 oder 14 Jahren habe ich mich dann in der Pfarrei engagiert. Ich erinnere mich an ein Programm für Straßenkinder oder an unsere Aktivitäten nach einem Taifun. Wir haben Lebensmittel und Kleidung für die Menschen bereitgestellt, die ihre Häuser verloren hatten. In dieser Zeit hatte ich Kontakt zu den jungen Priestern und Missionaren. Es waren Menschen mit einer Vision, die an eine Veränderung der Gesellschaft glaubten! Und das mitten in der Zeit der politischen Krise der 1960er-Jahre. In diesem Umfeld bin ich groß geworden – in der Pfarrei beheimatet und vom Gedanken der Mission begeistert: So viele Priester und Ordensleute, die sich mit ihrem gesamten Leben einsetzen, sich engagieren für das Leben der Kirche, der Gemeinde, der anderen.

Hat diese Erfahrung Ihre ursprüngliche Entscheidung beeinflusst?

Nein, ich wollte weiter Medizin studieren. Da hat mich ein Priester eingeladen und mir für das Studium eine Förderung versprochen. Aber es ging nicht ums Medizinstudium, es war ein Examen für das Priesterseminar. Das merkte ich erst danach. „Warum hast Du mir das angetan?“, fragte ich ihn nach dem Test. Er antwortete: „Weil Du bisher nur eine Idee im Kopf hast. Die Idee, Arzt zu werden. Aber es gibt noch andere Dimensionen.“ Ich war verwirrt, habe weiter überlegt und mich dann für die Theologie entschieden.

Warum dieser plötzliche Sinneswandel?

Für mich offenbart sich hier der tiefe Sinn der Berufung. Wirklich, es ist ein Ruf: Nicht ich bin es, sondern Gott selbst ruft. Mein Wunsch war es, Arzt zu werden. Doch da entdeckte ich das Geheimnis der Berufung: Da ist etwas, das mich erfüllt, jemand, der mich anspricht. Und: Ich werde auf einen ganz anderen Weg geschickt, als ich gedacht hatte; auf einen Weg, der mir die Augen öffnet: Wer bin ich wirklich? Am Ende konnte ich nur sagen: „Here I am! – Hier bin ich!“

Und Ihre Eltern?

Meine Eltern stammen aus einfachen Verhältnissen. Mein Vater ist Filipino, er arbeitete für eine Bank, über 40 Jahre lang. Meine Mutter ist Filipina mit chinesischen Wurzeln – mein Großvater stammt aus China. Ich hatte eine jüngere Schwester, die nach ihrer Geburt gestorben ist. Und ich habe einen Bruder, der in den USA arbeitet. Ich komme also aus einer ganz normalen Familie, die das Arbeitsleben kennt und auch die Migration. Meine Eltern haben uns das vielleicht schönste Geschenk mit auf den Lebensweg gegeben: Sie haben auf eine gute Erziehung geachtet und uns Werte vermittelt, die wir in die Gesellschaft einbringen können.

Der neue Papst kommt aus Lateinamerika. Wie wird oder wie sollte die Rolle der „jungen Kirchen“ Asiens, Afrikas und Lateinamerikas künftig aussehen?

Bisher haben wir klassisch von einer europäischen Kirche gesprochen, die Missionare aussendet zu den sogenannten „jungen Kirchen“. Heute wissen wir, dass die gesamte Kirche missionarisch gesandt ist. Afrika, Asien und Lateinamerika sind stärker als bisher in der Weltkirche aktiv. Wir sollten diese Verantwortung gewissenhaft wahrnehmen. Die Weltkirche braucht die Beteiligung Lateinamerikas, Asiens und Afrikas, wenn sie wahrhaftig „katholisch” werden will. Die „Catholica“ wird katholisch, wenn wir uns in unserer Identität als Asiaten, als Afrikaner oder als Amerika ner mit einbringen: ein Glaube, eine Kirche.

Ist die Sicht der Kirche noch sehr eurozentrisch? Was sollte sich ändern?

Die lange Geschichte der Kirche ist eng mit Europa verbunden. Es geht nicht darum, Europa zurückzuweisen, sondern darum, die anderen Kontinente zu hören. Wir stehen zueinander! Europa wird nicht verschwinden. Europa wird aber lernen müssen, zuzuhören. Das heißt auch: Die Kirchen der anderen Kontinente müssen den Willen haben, sich einzubringen, sich mitzuteilen. Diesem Wandel müssen wir uns stellen. Das ist ja „missio inter gentes“: Menschen und Völker, die in gegenseitigem Austausch stehen, Dialog leben, einander zuhören. In diesem Prozess werden wir uns als Kirche weiterentwickeln und zu dem werden, was wir sind.

Das Missionswissenschaftliche Institut Mis sio hat Ihr Doktorat in Washington gefördert. Wie wichtig war das für Ihre Arbeit?

Zunächst möchte ich sagen, dass ich sehr dankbar für das Stipendium war – und noch immer bin. Das Aufbaustudium war ein Wendepunkt in meinem Leben. Ich dachte, dass ich nach dem Studium als theologischer Lehrer ins Seminar zurückgehen würde. So kam es aber nicht. Ich wurde nach Abschluss des Doktorats eingeladen, in der Theologischen Kommission der Asiatischen Bischofskonferenz mitzuarbeiten. Mein Horizont hat sich geweitet: Von meiner Diözese und meinem Seminar hin zu dieser weiten, faszinierenden Welt des asiatischen Kontinentes, wo die missionarische Dimension der Kirche als Dialog gelebt wird.

Interview: Michael Meyer

Das Missionswissenschaftliche Institut Missio (MWI) vergibt Stipendien an junge, begabte Laien, Ordensleute und Priester aus Afrika und Asien, um sie für Führungsaufgaben in der Kirche auszubilden und so Eigenständigkeit und Zukunft der Ortskirchen zu fördern. Möchten auch Sie mit einem Stipendium helfen? Dann erfahren Sie mehr unter Telefon 0241 / 7507-327 oder www.mwi-aachen.org.

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