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Andere nennen es Heimat

Leben im Koffer: Nicole (li.) und Catherina haben Husseins Flucht dargestellt. © Steiger / Bistum Limburg

Wir kennen die Bilder von Flüchtlingen, die in seeuntüchtigen Booten hilflos auf dem Mittelmeer treiben. Die Flüchtlinge in unserer Nachbarschaft kennen wir kaum. Jugendlichen im hessischen Braunfels ging das nicht anders. Obwohl Flüchtlinge zu ihren Mitschülern gehören, gab es eine unsichtbare Trennlinie zu den Fremden. Seit ihrem Firmkurs und dem Besuch des missio-Trucks ist das anders.

„Heimat ist ein Zufluchtsort, an dem man sich zu Hause fühlt“, hat jemand geschrieben. „Der Ort, an dem Freunde und Familie auf mich warten“, ein anderer. Die Sätze flattern auf gelben Zetteln im Wind. Sie erfassen ziemlich genau, worum es geht: um den Wunsch nach Geborgenheit, nach einem Platz, an dem wir ohne Vorbehalt angenommen, will kommen sind. Es ist eine Ur-Sehnsucht des Menschen.

Schüler der Carl-Kellner-Gesamtschule im hessischen Braunfels waren aufgefordert zu schildern, was Heimat und Gastfreundschaft für sie bedeuten. Auch Nicole und Catherina heften ihre Gedanken an die Paketschnur. Sie gehen in die neunte Klasse und dieses Jahr zur Firmung. In den vergangenen Wochen haben sie sich im Religionsunterricht mit dem Thema Flucht beschäftigt. Jetzt haben sie Projektwoche, und der missio-Flucht-Truck steht auf ihrem Schulhof. Der 18-Tonner mit der bunten Bemalung erregt Aufmerksamkeit. Ständig kommen neue Schüler, die wissen wollen, was es damit auf sich hat. Eine Ausstellung in einem Lkw? Das haben sie noch nie gesehen. Nicole und Catherina haben sich in die Schlange vor dem Truck eingereiht. Zwei Mädchen mit der Unbefangenheit von Teenagern, denen das Leben offensteht.

Die beiden Freundinnen schauen sich neugierig um, schnuppern an Seife, begutachten Gewürze und tauchen ein in eine andere, fremde Welt.

Doch die Idylle endet jäh. Truck-Begleiterin Ann-Christin Verholen reißt die Mädchen aus ihren Gedanken und versetzt sie unvermittelt in eine neue Situation: Sie erzählt ihnen, dass sie sich im Osten des Kongo befinden, einer Gegend mit wertvollen Bodenschätzen. Seit Jahrzehnten kämpfen hier verfeindete Milizen um Coltan-Minen, mit denen sie ihren blutigen Bürgerkrieg finanzieren. Sie überfallen die Dörfer, morden, brandschatzen und zwingen Männer, Frauen und Kinder, das seltene Erz zu schürfen, von dem die Mobilfunkindustrie immer mehr billigen Nachschub für Smartphones und Handys benötigt.

Andere Welt: Im missio-Truck erleben die Besucher Afrika und den Bürgerkrieg im Kongo hautnah.
Andere Welt: Im missio-Truck erleben die Besucher Afrika und den Bürgerkrieg im Kongo hautnah. © Steiger / Bistum Limburg

Vom Beobachter zu Flüchtling

Auf einmal sind Nicole und Catherina nicht mehr die unbefangenen deutschen Teenager. Im missio-Truck schlüpfen sie in die Rolle von zwei kongolesischen Frauen: Nicole ist jetzt Irene, eine 22-Jährige, die sich als Aushilfe durchschlägt; Catherina ist Christelle, eine Medizinstudentin kurz vor dem Examen. Als sie vom Markt zurückkommen, überfallen die Rebellen gerade ihr Dorf. Schüsse durchpeitschen die Luft. Die ersten Hütten brennen. In letzter Minute können sich die jungen Frauen in die Kirche retten. Es ist der Beginn einer langen, gefährlichen Flucht, die die Besucher des missio-Trucks mit Hilfe moderner Medien hautnah erleben.

„Das kann man sich nicht vorstellen“, sagt Catherina, als sie aus dem Lkw kommt. „So eine Flucht zerstört ein ganzes Leben.“ Die Mädchen sind schockiert. Natürlich kennen sie die Bilder von hilflosen Bootsflüchtlingen. Aber jetzt waren sie plötzlich nicht mehr Beobachter, sondern selbst betroffen. Da fällt es schwer, auf Distanz zu bleiben.

Bisher gab es eine unsichtbare Trennlinie – obwohl es an ihrer Schule eine ganze Klasse mit Flüchtlingen gibt. Kontakt zu den deutschen Schülern haben sie kaum – das verhindern meist schon die Sprachbarrieren. Nicole und Catherina haben einen von ihnen näher kennengelernt: Hussein, 16, mit Eltern und sieben Geschwistern aus Syrien geflohen. Die Mädchen kannten ihn nur vom Sehen, bis sie anfingen, ihm Fragen zu stellen. Nicht ganz freiwillig. Aber was sie gehört haben, hat sie verändert: Wie die Familie über die Grenze geflüchtet ist und im Libanon in einem Container hauste. Dass sie nichts hatten als ihre Kleider am Leib und Hussein glücklich war, als er irgendwo einen alten Ball entdeckte. Beim Kicken verging die Zeit, verschwanden die Bilder von Krieg und Toten, von Freunden und Verwandten, die er hatte sterben sehen.

„Wir fanden total schlimm was der erlebt hat“, sagt Nicole. „Da merkt man, wie gut wir es hier haben.“ Das Interview mit einem Flüchtling gehörte zu ihrem Firmkurs bei Stefan Hofer. Der Pastoralreferent der Pfarrei St. Anna in Braunfels hat auch den Truck an ihre Schule geholt. „Ich wollte den jungen Menschen das Thema nahebringen, weil unmittelbar vor unserer Haustür so viele Flüchtlinge leben“, erklärt der 54-Jährige. Jeden Tag werden dem Lahn-Dill-Kreis neue Flüchtlinge zugeteilt. Im nahe gelegenen Wetzlar ist gerade eine Zeltstadt für 400 Menschen entstanden.

Hussein hatte Glück. Irgendwann gelang es seinem Vater, für die Familie einen Flug nach Hannover zu organisieren. Nach vier Wochen in einem Flüchtlingsheim brachte sie ein Bus nach Bonbaden, ein 900-Seelen-Dorf, unweit von Braunfels. Das ehemalige Pfarrhaus dort wurde ihr neues Zuhause.

Zwei Welten: Schüler haben aufgeschrieben, was Heimat für sie bedeutet. Im Truck schlüpfen sie in die Rolle von Flüchtlingen und verlieren alles Vertraute.
Zwei Welten: Schüler haben aufgeschrieben, was Heimat für sie bedeutet. Im Truck schlüpfen sie in die Rolle von Flüchtlingen und verlieren alles Vertraute. © Steiger / Bistum Limburg

Gastfreundschaft schafft Nähe

„Bonbaden hat mich mit seiner Gastfreundschaft völlig überrascht“, erzählt Pfarrer Christof May. „Wir dachten, als Kirche stünde es uns gut zu Gesicht, das Haus für Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen. Dann haben wir in der Gemeinde um Inventar geworben. Innerhalb einer Woche kam alles zusammen. Von Jung bis Alt haben alle gesagt: ‚Wir helfen mit!‘“ Heute gibt eine pensionierte Lehrerin Husseins Familie Deutschunterricht, ein älterer Herr begleitet sie zu Ämtern, in den Supermarkt, erklärt ihnen deutsches Essen und kocht es auch gleich mit ihnen. „Es ist nicht damit getan, dass man die Menschen aufnimmt“, sagt der Pfarrer. „Man muss gemeinsam etwas tun.“ So kann Integration gelingen – selbst in einer strukturschwachen Gegend wie Mittelhessen.

Nicole und Catherina haben Husseins Erzählungen in einen Koffer gepackt. Die Firmlinge aus Hofers Kurs sollten nicht nur Flüchtlinge befragen, sondern deren Erlebnisse mit Hilfe der Kunsttherapeutin und Caritas-Mitarbeiterin Marion Stroh auch bildlich darstellen. Einige haben Sudetendeutsche interviewt, die nach dem Zweiten Weltkrieg in die Gegend von Braunfels kamen, andere Flüchtlingskinder aus ihrer Schule. Die Geschichten ähneln sich – wie die Koffer, die nun aufgeklappt in der Pfarrkirche stehen. Im Bodenteil: zerbombte Häuser, Wohncontainer und Laster im Kleinformat, Pässe, ein Päckchen Instantsuppe. Nicole und Catherina haben auch Husseins Ball dazugelegt. Ein junges Leben aus dem Koffer.

Mittlerweile ist der missio-Truck vor die Kirche gefahren. Firmlinge, Gemeindemitglieder und Passanten wollen die Ausstellung sehen. Einer ist Mohamad aus Syrien. Der 25-Jährige erzählt, was man sonst nur aus den Medien kennt: Zusammengepfercht mit Hunderten anderen trieb er tagelang auf dem Mittelmeer. In seiner Verzweiflung schickte Mohamad einen Notruf an Freunde in Italien, die die Küstenwache verständigten. Die konnte sein Handy orten und die Flüchtlinge retten. „Was ich erlebt habe, ist schlimmer“, sagt er, als er aus dem missio-Truck steigt.

Mohamad landete im hessischen Erstaufnahmelager Gießen, danach in einer Wohnung mit anderen Flüchtlingen. Seit einem halben Jahr lebt er in einer Familie in der Nähe von Braunfels. Mohamad spricht ziemlich gut deutsch. Gerade hat er die Zusage für einen Studienplatz erhalten. Es scheint, als sei er angekommen. Als habe er einen Ort gefunden, an dem er sich zu Hause fühlt. Andere nennen es Heimat.

Beatrix Gramlich

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