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„Die Flüchtlingssituation wird wahrscheinlich noch über viele Jahre anhalten.“

Länderreferent H.-P. Hecking zur Lage in den Flüchtlingslagern Ostafrikas. © privat

2. November 2011

Der Ostafrika-Experte von missio, Hans-Peter Hecking, war im Oktober 2011 am Horn von Afrika, um die fünf Flüchtlingslager bei der äthiopischen Stadt Dollo Ado, an der Grenze zu Somalia, zu besuchen. missio unterstützt dort die Arbeit des „Jesuit Refugee Service“ (JRS), der Flüchtlingshilfe des Jesuitenordens.

Welches Projekt unterstützt in den Flüchtlingslagern?

Hecking: missio finanziert dort ein psychosoziales Betreuungsprogramm des JRS für somalische Flüchtlinge mit mehr als 250.000 Euro für die kommenden zwölf Monate. Ich war dort gerade für einige Tage mit einem JRS-Team, um das Projekt zu starten. Wir haben wie die Flüchtlinge in Zelten übernachtet. In der entlegenen Wüstenregion gibt es keine Gebäude, die man für die Arbeit mieten könnte. Deshalb geht es zunächst auch um den Aufbau eines kleinen Büros mit Wohneinheit für die JRS-Mitarbeiter, damit sie sinnvoll ihre Arbeit unter den Flüchtlingen leisten können. Ein Fahrzeug, um die Leute in den Lagern betreuen zu können, muss bereitgestellt werden. Auch das ist Bestandteil des von missio geförderten Projektes.

Warum ist der Aufbau dieses Programms wichtig für die Flüchtlinge?

Hecking: Für Nahrung, Wasser und medizinische Versorgung sorgen andere Organisationen vor Ort. Doch daneben brauchen die Flüchtlinge aus Somalia eine angemessene sozialpädagogische und psychosoziale Betreuung nach all den traumatischen Erlebnissen in ihrem Heimatland und auf der Flucht. Dafür steht JRS. Darüber hinaus kümmert man sich um ein schulisches Angebot für die Kinder und Jugendlichen.

© Hans-Peter Hecking / missio

Welche Ereignisse haben die Traumata der Flüchtlinge ausgelöst?

Hecking: Somalia ist ein absolut anarchisches Land mit islamistischen Miliz-Strukturen und Warlords. Die Flüchtlinge, in der Mehrheit Mütter mit ihren Kindern, haben erlebt, wie ihre Männer und Väter in dem Bürgerkrieg umgebracht wurden, wie ihre Kinder auf der oft wochenlangen Flucht vor Hunger und Entkräftung starben, Frauen und Mädchen mussten Vergewaltigungen über sich ergehen lassen oder die Tortur der Beschneidung. Somalia ist das Land mit der höchsten Beschneidungsrate am Horn von Afrika. Außerdem gibt es die seit mehr als vier Jahren anhaltende Dürre. Es muss schlimm sein für die Menschen, die als Nomaden oder Halbnomaden von ihrer mobilen Viehwirtschaft leben, zu erleben, wie ihre Ziegen oder Schafe durch die Dürre verenden und damit die gesamte Existenzgrundlage zugrunde geht.

Wie werden die Flüchtlinge aufgenommen?

Hecking: Täglich überqueren bis zu tausend Flüchtlinge die Grenze und suchen Zuflucht und Rettung in den Lagern. Wenn sie in einem der fünf Lager bei Dollo Ado ankommen, haben die Leute zwei bis drei Wochen Fußmarsch durch die Wüste hinter sich. Sie sind unterernährt, vor allem die Kinder. Zunächst werden alle fotografiert, durch einen Fingerabdruck registriert und geimpft. Zu Anfang bekommen sie außerdem sehr kalorienreiche Spezialnahrung, damit sie wieder zu Kräften kommen.

Wie leben die Menschen im Flüchtlingslager?

Hecking: Inzwischen leben mehr als 130.000 Flüchtlinge in den fünf Lagern. Die Lager bestehen aus riesigen Ansammlungen weiß-grauer und länglicher Rundzelte, die UNHCR zur Verfügung stellt. Es gibt kein Grün, dafür aber Dorngestrüpp. Das Gestrüpp wird meistens abgehackt und um die Zelte aufgetürmt, um sich vor dem Wind zu schützen. Wüste bedeutet dort aber nicht nur Sand, sondern felsiger Untergrund. Man hat Schwierigkeiten, Zelte im Boden zu verankern und auch, die Toten zu begraben. Die Menschen, die es in die Lager geschafft haben, erhalten zwar Wasser, Nahrung und medizinische Betreuung. Doch schlimm ist die Beschäftigungslosigkeit in dieser trotzlosen Umgebung – und die Frage, wie es weitergehen soll.

Es fehlt nicht nur an Nahrungsmitteln

Die Lage in Ostafrika ist dramatisch. Die schlimmste Dürre seit 60 Jahren hat in Somalia, Äthiopien und Kenia zu einer Hungersnot unvorstellbaren Ausmaßes geführt. Zwölf Millionen Menschen hungern, eine Million ist akut vom Hungertod bedroht.

Wie kann die Zukunft der Flüchtlinge aussehen?

Hecking: Die Konflikte in Somalia werden vermutlich nicht von heute auf morgen beseitigt sein. Zwar hat es in den vergangenen Tagen in der Region geregnet, doch werden sich die klimatischen Verhältnisse so schnell nicht ändern. Die Flüchtlingssituation wird also wahrscheinlich noch über viele Jahre anhalten. Deshalb ist das von missio unterstützte Programm auch so notwendig und sinnvoll. Es geht um die Aufarbeitung der traumatischen Erlebnisse. Und es geht darum, den Kindern und Jugendlichen eine Schulausbildung zu ermöglichen als wichtige Grundlage für ein selbstverantwortliches Leben ohne Abhängigkeit von fremder Hilfe. Es muss alles dafür getan werden, Langzeitbiografien in den Lagern zu vermeiden.

Was muss passieren, damit die Menschen wieder in ihr Heimatland zurückkehren können?

Hecking: Die Herausforderungen durch die weltweiten Veränderungen des Klimas, die sich in der Region in der anhaltenden Dürre bemerkbar machen, sind uns allen gestellt. Doch muss darüber hinaus auch alles dafür getan werden, dass in Somalia sowie in allen Ländern am Horn von Afrika, die von der Dürre betroffen sind, stabile politische Verhältnisse einkehren. Die Länder müssen in die Lage versetzt werden, ihre Bevölkerung selbst zu ernähren. Auf allen Ebenen muss weiter daran gearbeitet werden, solche Katastrophen in Zukunft zu vermeiden.

Das Interview führte Verena Vierhaus (missio).

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