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Bischof Nubuasah: „Die Kirche hat AIDS“

Bischof Franklyn Nubuasah
Bischof Franklyn Nubuasah © Thomas Klinger / missio

18. November 2010

Bischof Franklyn Nubuasah wurde 1949 in Ghana geboren und 1980 zum Priester geweiht. Eine Jahr später wurde der Steyler Missionar nach Botswana entsandt. Nach Einsätzen in seiner Heimat folgte 1998 die Ernennung zum Apostolischen Vikar von Francistown in Botswana. Bis Anfang 2010 war Bischof Nubuasah Koordinator für die AIDS-Programme der südafrikanischen Bischofskonferenzen.

Botswana hat eine der höchsten AIDS-Raten der Welt. Verzweifeln Sie nicht manchmal?

Wenn man täglich mit Leid und Elend konfrontiert ist, braucht man zwei Dinge: Humor: die Fähigkeit, mit anderen über sich selbst lachen zu können, und einen unerschütterlichen Optimismus.

Bitte beschreiben Sie die Situation im Land.

In Botswana trägt jeder Vierte das Virus in sich. Ungefähr alle drei Stunden stirbt ein Mensch an AIDS. Im Land herrscht Leere. In den Kirchen bleiben Bänke leer. Als Priester frage ich, wo die fehlenden Leute sind. Meist findet man sie zu Hause, bettlägerig – an der Endstation ihres Lebens angekommen. Diese Menschen bitten ihren Priester um Beistand auf ihrer letzten Reise. Am Ende kommen sie ins Krankenhaus, dann dauert es meist eine Woche oder zehn Tage bis sie sterben. Meine Haushälterin, eine Mutter von drei Kindern, hatte Aids. Am Ende wog sie noch 20 Kilo. Die Särge der AIDS-Opfer sind so leicht, dass man denkt, niemand läge drin.

Welchen Einfluss hat die AIDS-Pandemie auf die Familien?

Die Pandemie reißt Lücken ins Herz der Familien, in die Mitte der Gesellschaft. Nach dem Tod der Eltern übernimmt das älteste Kind die Verantwortung. Doch wenn die Kinder zu klein sind, um zum Beispiel kochen zu können, beginnen sie zu weinen. Die Mütter wissen, dass sie sterben müssen. Zu ihren körperlichen Schmerzen kommt die Sorge um ihre Kinder hinzu. Sie begleitet die Frauen bis in den Tod, sodass sie nicht in Frieden sterben können. Jeder Mensch sollte in Frieden gehen können.

Was bedeutet das für die Kirche?

Nichts hat in den letzten Jahren die Kirche vor so große Herausforderungen gestellt, wie die AIDS-Pandemie. Sie hat uns gezeigt, wie oft wir das Gebot christlicher Nächstenliebe missachten. Die Kirche hat AIDS! Der Leib Christi hat AIDS. Ich meine damit: Wir leiden gemeinsam, wir freuen uns gemeinsam, wir gehören zusammen. Wenn eine einzige Person leidet, leidet die ganze Kirche – dies ist durch die Pandemie sehr klar geworden.

Was können Sie für die Betroffenen tun?

Ich identifiziere mich mit den Menschen. Ich besuche Kranke, ich beerdige sie, trauere mit ihren Angehörigen. Keine Familie ist von AIDS verschont, nicht einmal die des Präsidenten. Da gibt es keinen Platz für Diskriminierung. Wir Christen stehen vor der Herausforderung, laut und deutlich zu sagen, dass AIDS keine

Strafe Gottes und keine Sünde ist. Aber wir müssen auch deutlich machen, dass bestimmte Verhaltensweisen zu AIDS führen können. Wir müssen in AIDS eine Krankheit wie jede andere sehen und dürfen die Opfer nicht stigmatisieren.

Was tut der Staat in Botswana?

Jetzt sind Antiretrovirale Medikamente (ARVs) im Land verfügbar. Seit zwei Jahren stellt sie der Staat zur Verfügung. Früher konnten sich nur die Reichen ARV-Medikamente leisten. Die Armen mussten warten, bis die Virenlast im Körper so hoch war, dass AIDS voll ausgebrochen war. Die Weltgesundheitsorganisation hatte Angst, Resistenzen zu züchten, wenn die Leute zu schnell ARV-Medikamente bekamen. Heute gibt eine Tendenz, schneller mit der Medikation zu beginnen, wodurch die Überlebenschancen steigen.

Gibt es Lücken in der staatlichen Versorgung?

Die staatliche medizinische Versorgung in Botswana reicht bei Weitem nicht aus. Zudem fehlt die Versorgung mit Nahrungsmitteln. Was ist, wenn ein Kranker sich nicht ernähren kann, und der, der ihn versorgt, selbst krank ist? Staatliche Programme erlauben zwar sogenannte „Snacks“ für AIDS-Waisen. Doch Geld, um Nahrung zu kaufen, ist nicht vorgesehen. Das Problem wird dadurch verschärft, dass ARV-Medikamente vor allem bei mangelhafter Ernährung sehr belastend auf den Körper wirken und nicht vertragen werden. Was also fehlt, ist nicht Wissen im naturwissenschaftlichen Sinn, sondern das soziale Bewusstsein, was AIDS für das Gemeinwesen bedeutet. Das müssen wir erst entwickeln.

Was tut die Kirche für die betroffenen Menschen?

Kirchliche Programme zielen darauf ab, die Solidarität, das soziale Netz zu stärken. Es geht auch darum, die tiefen psychischen Wunden, die die Pandemie gerissen hat, zu heilen. Unsere Trauer ist tiefer Erschöpfung gewichen. Die Menschen sind physisch, emotional und spirituell erschöpft – sie sind leer. Ich biete sogenannte ‚Retreats’ an, um zu innerer Stille, zur Ruhe zu kommen und aufzutanken.

Außerdem kämpft die Kirche für die Überlebenden. Wir kümmern uns um AIDS-Waisen, um überlastete Großeltern und fragen: Wie kommt ihr mit der Situation zurecht? Die Kirche im südlichen Afrika unterstützt breit angelegte AIDS-Aufklärungsprogramme für alle Gruppen der Gesellschaft.

Gibt es Hoffnung?

Früher wurden die kranken Menschen stigmatisiert; mittlerweile ist das Wissen, wie man sich vor möglicher Ansteckung schützt, weit verbreitet, und das Stigma ist zumindest teilweise aufgebrochen. Und noch eine positive Entwicklung beobachte ich: Die Pandemie hat die christlichen Kirchen im südlichen Afrika ein Stück zueinander gebracht. Wir arbeiten in der Prävention, in der Sorge um die Menschen, wir helfen individuell und arbeiten nach Kräften zusammen. Das ist ein Zeichen, der Hoffnung für die Menschen und für uns selbst.

Interview: Marieluise Ruf

Informationen zum Thema HIV/Aids in Botswana

Nach Angaben der Vereinten Nationen leben in Botswana rund 300.000 der zwei Millionen Einwohner mit HIV/AIDS. Die Prävalenz-Rate bei Erwachsenen liegt bei 23.9%; (Quelle: UNAIDS Epidemic Update 2009)

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